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Frühe Neuzeit

M. Espenhorst (Hrsg.): Frieden durch Sprache?

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Niels Grüne <niels.grueneuibk.ac.at>
Titel:Frieden durch Sprache?Studien zum kommunikativen Umgang mit Konflikten und Konfliktlösungen
Reihe:Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Beiheft 91
Herausgeber:Espenhorst, Martin
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-10194-0
Umfang/Preis:202 S.; € 49,95

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Matthias Köhler, Köln
E-Mail: <koehler_matweb.de>

´Der Band „Frieden durch Sprache?“ geht auf eine Tagung des BMBF-geförderten Verbundprojekts „Übersetzungsleistungen von Diplomatie und Medien“ zurück, das bereits durch eine ganze Reihe weiterer einschlägiger Veranstaltungen hervorgetreten ist. Er widmet sich einem lohnenden Thema: Denn Frieden wird immer sprachlich gestaltet. Verhandlungen, Verträge, selbst Kriegserklärungen sind sprachlich verfasst. Sprache ist dabei nicht nur ein neutrales Medium, das die Akteure zur eindeutigen Kommunikation über ihre politischen Interessen nutzen. Wenn sich die Kriegsparteien sprachlich verständigen, gestalten sie damit unvermeidlich ihre Beziehungen, artikulieren und verfestigen Normen, nutzen die Vieldeutigkeit von Sprache oder verstricken sich in Missverständnisse. Die Beiträge des insgesamt sehr gelungenen Bandes untersuchen die ambivalenten Beziehungen zwischen Sprache und Frieden in ihrer ganzen Breite. Das etwas plakative Motto „Frieden durch Sprache“ wird allerdings gleich zu Beginn von Martin Espenhorst relativiert: Eindeutige Befriedungsleistungen durch Sprache wird man gerade in der „bellizistischen“ Frühen Neuzeit nur begrenzt erwarten können (S. 1). Das ist aber kein Verlust: Das Buch zeigt die Vielfältigkeit der Beziehungen zwischen Sprache und Frieden und wirft neues Licht auf ganz verschiedene Aspekte der frühneuzeitlichen Diplomatie.

Johannes Burkhardt betont in seiner anregenden Einleitung zum Thema „Sprache und Frieden“ sehr deutlich den positiven Einfluss des Mediums Sprache auf die frühneuzeitliche Friedenspolitik. Er zeigt einerseits zahlreiche Beispiele für die produktive Nutzung der Vielsprachigkeit Europas, etwa bei der Wahl der Vertragssprachen. Andererseits erklärt er: Die Herausbildung einer „die Einzelsprachen übergreifenden Friedenssprache mit den Friedensverträgen als Kerntexten ist eine gemeineuropäische Kulturleistung, die gar nicht hoch genug geschätzt werden kann“ (S. 16). Bedenkenswert ist die Unterscheidung zwischen einer „Konfliktsprache“, die den anderen als Verletzer der Friedensnorm darstellt, und einer „Friedenssprache“, die ebenfalls die Friedensnorm affirmiert, allerdings die Konfliktpunkte gerade ausblendet, um die Beziehungen zwischen den Konfliktparteien zu stabilisieren. Burkhardts Aufruf zu einer diachronen Untersuchung des „Friedenswissens“ kann ich nur unterschreiben, gerade aus der Erfahrung meiner eigenen synchronen Untersuchungen zur Friedenssprache auf einem Kongress.[1] Ob es dafür allerdings gleich einen „temporial turn“ (S. 17) braucht?

Die interessantesten Beiträge schließen an Burkhardts Ausführungen zur Konflikt- und Friedenssprache an und untersuchen, wie durch sprachliches Handeln die Beziehungen zwischen den Konfliktparteien gestaltet und ihre Interessen moduliert wurden. Ralf-Peter Fuchs untersucht in einem sehr lesenswerten Aufsatz, wie das sprachliche Handeln der Akteure mit ihrer sozialen Identität und den geltenden Normen in Zusammenhang stand. Ausgehend von einigen theoretischen Überlegungen zeigt er erstens, dass Interessen und Normen in den Verhandlungen über ein Ende des Dreißigjährigen Krieges immer miteinander verbunden waren – nicht zuletzt deshalb, weil die Wahrung von Ehre und Reputation ein Kernanliegen der Akteure war. Zweitens demonstriert er, wie sprachliches Verhandeln unvermeidlich Ehre und Reputation der Akteure bedrohte oder mehrte, was wiederum den Ablauf der Verhandlungen wesentlich beeinflusste.

Annuschka Tischer beschäftigt sich in ihrem ebenfalls sehr aufschlussreichen Aufsatz mit der Frage, wie mit Kriegserklärungen die Beziehungen zwischen den Parteien gestaltet wurden. Detailliert arbeitet sie die verblüffend deutliche Friedensorientierung frühneuzeitlicher Kriegserklärungen heraus: Die Kriegserklärungen gerade des Barock nutzen verschiedenste rhetorische Techniken, um trotz Vorwürfen die Verbindungen zur Gegenseite zu bekräftigen. Tischer erklärt das mit den stabilen, vielfältigen Beziehungsnetzen zwischen den europäischen Höfen, der Entwicklung der Völkerrechtslehre und der Orientierung an der Öffentlichkeit als neutralem Schiedsrichter. Man hätte sich gewünscht, dass noch die höfischen Kommunikationsformen und -lehren als Erklärungsfaktor berücksichtigt worden wären – die Sprache der Kriegserklärungen weist vielfache Parallelen zu diesem gut untersuchten Phänomen auf.

Dennis Dierks beleuchtet beachtenswert die Wechselwirkungen zwischen Sprache, Interessen und Beziehungen bei europäisch-osmanischen Friedensschlüssen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Er behandelt dabei die narrativ-symbolische und die sachlich-instrumentelle Funktion der Verträge als Variablen. Beide Konfliktparteien hatten unterschiedliche Vorstellungen über die Geltung der sachlichen Bestimmungen der Dokumente bzw. das Verhältnis von Vertrag und Ratifikation, aber auch über die Darstellung eigener Hoheitsansprüche. Dierks stellt fest, dass bei bestimmten Sachfragen zunehmend eine verbindliche „Übersetzung“ erreicht wurde, während Abweichungen in der Narration nützlich blieben, um unterschiedliche symbolische Ansprüche der Parteien im Vertragswerk unterzubringen.

Die übrigen Aufsätze untersuchen verschiedene weitere Aspekte des Verhältnisses von Frieden und Sprache. Matthias Schnettger gibt einen soliden Überblick zur Rolle der italienischen Staaten und der italienischen Sprache in der frühneuzeitlichen Diplomatie und ergänzt damit die Publikationen von Guido Braun zum Französischen.[2] Daniel Hildebrands eher feuilletonistische Ehrenrettung der Staatsräson als Friedensmotiv krankt am Kontrast zwischen sehr weitgehenden Thesen und sachlichen Ungenauigkeiten.[3] Martin Espenhorst analysiert Carl Friedrich Mosers „Versuch einer Staats-Grammatic“, der aufklärerisch-rationalistische Vorschläge zur Vereindeutigung von Sprache macht und dabei natürlich einige strukturelle Probleme von Kommunikation übersieht. Abgeschlossen wird der Band von der Analyse eines Friedensgedichts von 1649 durch den Literaturwissenschaftler Thomas Haye. Haye veranschaulicht noch einmal prägnant das ambivalente Verhältnis von Sprache und Frieden. Er zeigt, wie mittels spezifischer literarischer Strategien der Frieden als gemeinsamer Triumph aller Herrscher dargestellt wird und – im Sinne von Burkhardts „Friedenssprache“ – Konflikte ausgeblendet werden. Die sprachlichen Mittel erlauben einen solchen Einsatz, sind aber nicht per se friedlich: Dieselben Strategien können, wie Haye zeigt, an anderer Stelle genauso gut eingesetzt werden, um die Türken als gemeinsamen Feind darzustellen.

Insgesamt handelt es sich um einen ausgesprochen erhellenden Band, der mit sachlich und methodisch weiterführenden Beiträgen das Verhältnis von Sprache und Frieden als Forschungsfeld neu erschließt. Kritisch ließe sich allenfalls nachfragen, ob „Sprache“ und „Übersetzung“ die glücklichsten Termini für alle untersuchten Phänomene sind: Die etwas unscharfen Begriffe des Buchs sind zwar inspirierend und erlauben es, sehr verschiedene Gegenstände miteinander in Beziehung zu setzen. Sollte man aber von unterschiedlichen „Übersetzungen“ eines Vertrags sprechen, wenn die Konfliktparteien unterschiedliche Praktiken nutzen, um einen Vertrag in Geltung zu setzen, wie bei Dierks? Spätestens wenn Gegenstände wie Völkerrecht und Öffentlichkeit unter das Oberthema „Sprache“ subsumiert werden, um dann auf kausale Zusammenhänge zu schließen, wie etwa bei Burkhardt, würde man sich für die Zukunft mehr Präzision wünschen. Für den gegenwärtigen Zeitpunkt haben sich die offenen Begriffe aber als sehr geeignet zur Sondierung eines vielfältigen Themas erwiesen. Wer sich in Zukunft mit dem Zusammenhang von Sprache und Frieden befasst, wird an diesem Band nicht vorbeikommen.

Anmerkungen:
[1] Matthias Köhler, Strategie und Symbolik. Verhandeln auf dem Kongress von Nimwegen, Köln 2011.
[2] Vgl. zuletzt Guido Braun, La doctrine classique de la diplomatie française? Zur rechtlichen Legitimation der Verhandlungssprachen durch die französischen Delegationen in Münster, Nimwegen, Frankfurt und Rijswijk (1644–1697), in: ders. u.a. (Hrsg.), L’art de la paix. Kongresswesen und Friedensstiftung im Zeitalter des Westfälischen Friedens, Münster 2011, S. 197–259; ders., Verhandlungs- und Vertragssprachen in der „niederländischen Epoche“ des europäischen Kongresswesens (1678/79–1713/14), in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 12 (2011), S. 104–130.
[3] Etwa die Vereinigten Niederlande unter de Witt als „Oraniermonarchie“ (S. 83); das „aufstrebende Preußen“ als „entscheidende Determinante“ der Mächtekonstellation für die Niederlande in den 1650/60er-Jahren (S. 84).

ZitierweiseMatthias Köhler: Rezension zu: Espenhorst, Martin (Hrsg.): Frieden durch Sprache? Studien zum kommunikativen Umgang mit Konflikten und Konfliktlösungen. Göttingen 2012, in: H-Soz-u-Kult, 09.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-019>.

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