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Nationalsozialismus

G. Brands u.a. (Hrsg.): Lebensbilder

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Marc Buggeln <mbuggelngmx.de>
Titel:Lebensbilder. Klassische Archäologen und der Nationalsozialismus, Bd. 1
Reihe:Menschen - Kulturen - Traditionen, Bd. 2,1
Herausgeber:Brands, Gunnar; Maischberger, Martin
Ort:Rehden
Verlag:Verlag Marie Leidorf
Jahr:
ISBN:978-3-86757-382-5
Umfang/Preis:XII, 256 S.; € 59,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Matthias Willing, Marburg
E-Mail: <matthias.willingt-online.de>

Die Klassische Archäologie galt lange Zeit als unpolitisches Nischenfach. Dementsprechend hat man ihrer Geschichte im Nationalsozialismus keine oder nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt, sodass sie gegenüber den Schwesterdisziplinen Alter Geschichte und Klassischer Philologie eine Art Terra Incognita bildete. Dieses Forschungsdesiderat will das vorliegende Werk schließen, das den ersten von zwei vorgesehenen Teilbänden darstellt. Es enthält eine Skizze der allgemeinen Entwicklung und 15 Archäologenviten. Wie die Herausgeber in ihrem Vorwort betonen, möchten sie mit dem gewählten biografischen Genre lediglich Prolegomena zu einer längst überfälligen Geschichte der Klassischen Archäologie in der NS-Zeit vorlegen und sich von der wenig kritischen Porträtsammlung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) abgrenzen.[1] Die Auswahl des Personenkreises orientierte sich an der Intention, „einen repräsentativen, gewissermaßen paritätischen Querschnitt durch Verhaltensweisen und -muster in totalitären Regimen (sic) zu erzielen sowie die Vielfalt von Lebenswegen […] zu rekonstruieren“ (S. X).

Zum Auftakt referiert Gunnar Brands über „Archäologen und die deutsche Vergangenheit“. Kenntnisreich legt er die bereitwillige Unterordnung der Klassischen Archäologie unter die politischen Direktiven des Nationalsozialismus dar, die sich innerhalb kürzester Zeit in „eine chauvinistische, antidemokratische und antisemitische Disziplin“ verwandelte (S. 21). Sehr zu begrüßen ist darüber hinaus, dass Brands auch auf die unbewältigte Vergangenheit zahlreicher Gelehrter nach 1945 kritisch eingeht und „bereinigte Bibliographien“ sowie „perfide autobiographische Maskeraden“ thematisiert (S. 31). Kann man Brands Essay nahezu uneingeschränkt beipflichten[2], so sind Zweifel gegenüber der pauschalen Gleichsetzung angebracht, dass sowohl in der Bundesrepublik wie in der DDR „die Verantwortlichen von einst in hohe(n) und höchste(n) Positionen von Politik, Justiz, Industrie und Wissenschaft“ gelangt wären (S. 29). Gegen eine ungebrochene personelle Kontinuität in der DDR ließe sich beispielsweise die Althistorie anführen, die aus diversen Gründen 1955 keinen einzigen Lehrstuhlinhaber mehr besaß.[3]

Die Reihe der Archäologen-Porträts, die chronologisch nach den Geburtsdaten geordnet sind, beginnt mit Rachele Dubbinis Studie über den römischen Ordinarius Giulio Emanuele Rizzo (1865–1950). Nach einer Auseinandersetzung mit den Verstrickungen Rizzos in das faschistische System bescheinigt die Autorin ihm „das Ethos eines rebellischen, allzeit unbequemen und unbeugsamen Mannes, der sich und seinen fachlichen Einsichten treu geblieben“ sei (S. 48). Dieses positive Urteil überrascht, da Rizzo Mitglied des Partito Nazionale Fascista (PNF) war, den Treueid auf den „Duce“ abgelegt hatte und nachgelassene Dokumente postum systematisch vernichtet wurden.

Marcello Barbanera setzt sich in einem etwas langatmigen Beitrag mit der zwiespältigen Rolle des jüdischen Archäologen Alessandro Della Seta (1879–1944) in Italien auseinander, der, obwohl „überzeugter Faschist“ (S. 52), 1938 als Folge der Rassengesetze entlassen wurde.

Frederick Jagust erhellt die Vita von Paul Jacobsthal (1880–1957), dem Marburger Direktor des Archäologischen Seminars. 1933 konnte sich der staatstreue Beamte jüdischer Herkunft wegen seiner „politisch ‚neutralen’ Haltung“ (S. 70) noch im Amt halten, das er jedoch zwei Jahre später als Opfer der „Nürnberger Gesetze“ verlor. 1937 emigrierte Jacobsthal nach England.

Gudrun Wlach skizziert das Leben des Wiener Archäologen Camillo Praschniker (1884-1949), bei dem die Metopen des Parthenon im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses standen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs versuchte Praschniker zu lavieren und nahm eine affirmative, abwartende Position ein.

Die Biographie Armin von Gerkans (1884–1969), die Thomas Fröhlich untersucht, führt ins Zentrum der NS-Archäologie. Politisch rechts stehend, trat von Gerkan 1933 der NSDAP bei, leitete die Abteilung Rom des Archäologischen Instituts des Deutschen Reiches (AIDR), dem Vorläufer des heutigen DAI, und war als Funktionsträger in die NS-Machenschaften verstrickt. Seine „Entbräunung“, wie er die Entnazifizierung ironisch nannte, endete wie bei vielen anderen 1948 mit der Einstufung als „Entlasteter“. Fröhlichs differenziertes Porträt bleibt nur in einem Punkt vage. Wie konnte ein schon 36-jähriger militanter Antidemokrat russischer Abstammung ohne archäologische Ausbildung in drei Jahren (1921–1924) zwei Promotionen, eine Habilitation und eine Anstellung als II. Sekretär der Abteilung Rom des AIDR verwirklichen (S. 92)?

Mit der Beschreibung des kunsthistorisch orientierten Alexander Willem Byvanck (1884–1970) wendet sich Martijn Eickhoff Problemen der niederländischen Archäologie zwischen italienischem Faschismus und deutschem Nationalsozialismus zu, ohne dabei prononciert Position zu beziehen.

Den Präsidenten des AIDR in der Weimarer Republik, den Berliner Archäologen Gerhart Rodenwaldt (1886–1945), rückt Esther Sophia Sünderhauf in den Fokus ihrer Betrachtung. Sie charakterisiert sein Verhalten als „Polaritätsverhältnis zwischen öffentlichem Handeln und privatem Denken“ (S. 119). Dementsprechend finden sich in der ambivalenten Biographie nicht nur Opportunismus, ängstliche Obrigkeitshörigkeit und Anpassung an das NS-Regime, sondern auch Züge einer integren Persönlichkeit. Nicht ganz plausibel erscheinen Rodenwaldts „Sympathien für die Zentrumspartei“ (S. 121), kam er doch aus einer „typisch preußischen Beamtenfamilie“ und setzte rückhaltloses „Vertrauen auf Hindenburg und Ludendorff“ (S. 119).

Den ersten Direktor des AIDR Athen in der Weimarer Republik und späteren Münchener Ordinarius Ernst Buschor (1886–1961) porträtiert Mathias René Hofter. Aus der NS-Zeit bekannt ist vor allen Dingen seine Verklärung des antiken Kriegerbildes. Obwohl sich Buschor nach 1945 selbst als „Nazi“ bezeichnete, blieb er von der Entnazifizierung weitgehend unbehelligt.

Ein „echt Meenzer Bub“ war der Archäologe Wolfgang Fritz Volbach (1892–1988), dessen Leben von Wolfram Kinzig nachgezeichnet wird. Als Opfer des „Arierparagraphen“ 1933 entlassen, konnte sich der bekennende Katholik durch seine Kontakte zum Vatikan in Italien eine neue Existenz sichern und betätigte sich dort im antifaschistischen Sinne. Nach dem Ende der braunen Schreckensherrschaft ging er in seine Heimatstadt Mainz zurück und firmierte als Direktor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums.

Michael Krumme richtet den Blick auf Walther Wrede (1893–1990), einen NS-konformen Archäologen. Der Schüler von Ernst Buschor trat am 1. Januar 1934 der NSDAP bei, wurde der höchste Repräsentant der Hitler-Partei in Griechenland und hatte auch die Ernennung zum Direktor der Abteilung Athen des AIDR politischen Gründen zu verdanken. 1944 geriet Wrede in jugoslawische Kriegsgefangenschaft, musste bis 1950 eine Gefängnisstrafe absitzen und konnte in der Scientific Community nicht mehr Fuß fassen.

Mit dem Innsbrucker Althistoriker und Archäologen Franz Miltner (1901–1959) setzt sich Martina Pesditschek auseinander. Sie bescheinigt ihrem Protagonisten, dessen Faible die Grabungen in Ephesos bildeten, „vor und nach 1945 überzeugter Rassist gewesen“ zu sein (S. 191).

Wie Katharina Lorenz in ihrem Beitrag ausführt, wurde die Karriere von Otto Brendel (1901–1973), die in der Abteilung Rom des AIDR hoffnungsvoll begonnen hatte, wegen der „Nürnberger Gesetze“ jäh unterbrochen, und er musste in die USA emigrieren.

Die direkte Beteiligung von Hans Schleif (1902–1945) an schweren NS-Verbrechen arbeitet Stephan Lehmann heraus. In kritischer Auseinandersetzung mit den Resultaten der älteren Forschung kann er nachweisen, dass Schleif in die Führungselite der SS integriert war und geheime Rüstungsprojekte in die Tat umsetzte. Nicht nur die Ermordung seiner eigenen Kinder, die er bei seinem Suizid kurz vor Kriegsende mit in den Tod riss, verdeutlicht seine singuläre Rolle innerhalb der Disziplin.

Siegfried Fuchs (1903–1978) gilt seiner Biographin Marie Vigener als „Prototyp des nationalsozialistischen Archäologen“ (S. 223), weil er seinen Aufstieg in der AIDR-Abteilung Rom dem Nationalsozialismus verdankte und Kontakte bis in höchste Parteikreise besaß. Nach 1945 konnte sich Fuchs einer möglichen Bestrafung durch Flucht entziehen, eine Rückkehr in die Klassische Archäologie gelang ihm jedoch nicht.[4]

Mit Otto Wilhelm von Vacano (1910–1997), dessen Leben von Martin Miller untersucht wird, klingt der Band aus. Von Vacano betätigte sich als Erzieher für die Adolf-Hitler-Schulen und vertrat in seinen Publikationen konsequent die NS-Ideologie. Am bekanntesten wurde die apologetische Schrift „Sparta. Der Lebenskampf einer nordischen Herrenschicht“.

Eine vorläufige Bilanz des ersten Teilbandes muss konstatieren, dass ein personeller und institutioneller Überblick über die Klassische Archäologie im Nationalsozialismus fehlt.[5] Für einige prominente Gelehrte konnten keine Biographen gefunden, andere nicht näher bezeichnete Fachvertreter sollen im zweiten Teilband bearbeitet werden.[6] Komplettiert wird die Unübersichtlichkeit durch den scheinbar wahllosen Rückgriff auf einzelne ausländische Archäologen, sodass der Eindruck einer „Buchbindersynthese“ entsteht. Insgesamt überwiegen jedoch bei Weitem die positiven Aspekte, da alle Autorinnen und Autoren umfangreiche Archivmaterialien herangezogen und mit eindrucksvollen Bilddokumenten untermauert haben. Trotz erheblicher Unterschiede im Aufbau, zeitlichen Rahmen und in der Reflexionstiefe weisen die Beiträge ein ansprechendes bis ausgezeichnetes Niveau auf. Sie sind als Erweiterung des schmalen Forschungsstandes hoch willkommen. Insbesondere die Einbeziehung der Nachkriegszeit weist einer kritischen zeithistorischen Auseinandersetzung den Weg. Ein endgültiges Fazit der „Lebensbilder“ wird jedoch erst möglich sein, wenn der zweite Teilband vorliegt.

Anmerkungen:
[1] Reinhard Lullies/Wolfgang Schiering (Hrsg.), Archäologenbildnisse. Porträts und Kurzbiographien Klassischer Archäologen deutscher Sprache, Mainz 1988.
[2] Korrekturbedürftig ist die Datierung der „Nürnberger Gesetze“: 15.9.1935 statt „November 1935“ (S. 7).
[3] Rigobert Günther, Der Beschluß des ZK der SED „Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der DDR“ und das Studium der alten Geschichte, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 3 (1955), S. 904–907, hier S. 905.
[4] Störend wirkt, dass Vigener durchgängig vom DAI spricht, wenn das AIDR gemeint ist.
[5] Vgl. Stefan Altekamp, Klassische Archäologie, in: Jürgen Elvert/Jürgen Nielsen-Sikora (Hrsg.), Kulturwissenschaften und Nationalsozialismus, Stuttgart 2008, S. 167–209.
[6] Ein Inhaltsverzeichnis für den zweiten Teilband fehlt; er soll die Personen- und Sachindizes enthalten (vgl. S. XI).

ZitierweiseMatthias Willing: Rezension zu: Brands, Gunnar; Maischberger, Martin (Hrsg.): Lebensbilder. Klassische Archäologen und der Nationalsozialismus, Bd. 1. Rehden 2012, in: H-Soz-Kult, 24.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-072>.

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