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Frühe Neuzeit

S. Möbius: Das Gedächtnis der Reichsstadt

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan Brademann <jan.brademannuni-bielefeld.de>
Autor(en):
Titel:Das Gedächtnis der Reichsstadt. Unruhen und Kriege in der lübeckischen Chronistik und Erinnerungskultur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit
Reihe:Formen der Erinnerung 47
Ort:Göttingen
Verlag:V&R unipress
Jahr:
ISBN:978-3-89971-898-0
Umfang/Preis:390 S.; € 56,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Heiko Droste, Institutionen för genus, kultur och historia, Södertörns Högskola, Stockholm
E-Mail: <heikodroste-enkesen.de>

Sascha Möbius untersucht das Gedächtnis der Reichsstadt Lübeck. Dieses Gedächtnis findet sich seit Jahrhunderten in die Chroniken der Stadt eingeschrieben. Das wussten bereits die Zeitgenossen, die unter Bezug auf Cicero und andere Historiographen vor dem Vergessen warnten und der Geschichte wichtige Funktionen für das Überleben von Gemeinwesen zuwiesen. Es hat zwar zu allen Zeiten auch andere Formen des historischen Erinnerns gegeben. Sie waren aber wesentlich flüchtiger als die Historiographie, die allen Kriegen und Zerstörungen zum Trotz oftmals detailliert überliefert ist. Sie ist damit eben auch Zeuge anderer, von den Zeitgenossen „nur“ gelebter, aber nicht verschriftlichter Formen der Erinnerung.

Die Stadt Lübeck weist eine große Fülle solcher historiographischer Werke auf. Das erklärt sich einerseits aus der großen Bedeutung der Stadt für die norddeutsche Geschichte bzw. die Geschichte der Hanse. Andererseits nimmt die Hanse, trotz Lübecks zentraler Stellung in ihr, nur eine Nebenrolle in der städtischen Geschichtsschreibung ein. Diese war eben – vergleichbar mit der Historiographie anderer Städte Norddeutschlands – im Wesentlichen doch eher an städtischen Belangen interessiert. Das gilt gerade für die in der Frühen Neuzeit entstandenen Werke, die sich mehr und mehr auf innerstädtische Ereignisse konzentrierten.

Möbius analysiert die wichtigsten, das heißt meist rezipierten wie eigenständigen Werke Lübecks mit Blick auf ihre Bedeutung für die städtische Erinnerungskultur. Maßstab ihrer Bedeutung wie ihres Verständnisses der städtischen Geschichte sind für Möbius zwei zentrale Ereignisse der Lübecker Geschichte. Es geht zum einen um die Schlacht bei Bornhöved 1227, in der die Stadt mitsamt einigen Verbündeten den dänischen König Waldemar II. besiegte. In der Folge erhielt Lübeck die Reichsfreiheit und konnte sich als Haupt der Hanse etablieren. Die Schlacht stand damit am Beginn Lübecker Selbständigkeit und Größe. Sie nahm für Jahrhunderte einen zentralen Platz in der städtischen Historiographie und Erinnerungskultur ein. Zum anderen geht es um mehrere innerstädtische Unruhen in der Zeit von 1376 bis 1385, die die Ratsherrschaft bedrohten. Unruhen dieser Art waren im ausgehenden 14. und beginnenden 15. Jahrhundert gewissermaßen der Normalfall städtischer Entwicklung. Sie galten in aller Regel Spannungen zwischen rivalisierenden sozialen Gruppen, Konflikten um das Verständnis von Obrigkeit sowie nicht zuletzt städtischen Schulden.

Der Krieg wie die genannten Unruhen nehmen breiten Raum in der städtischen Historiographie ein. Ihre Beschreibung wie Deutung durch einzelne Chronisten gibt Auskunft über ihr jeweiliges Geschichtsbild. Die Analyse zielt somit auf städtische Identitäten, kollektive wie individuelle. Zuschreibungen sozialer Zugehörigkeiten beziehen sich dabei auf die Gesamtstadt oder einzelne, in aller Regel dem regierenden Rat nahestehende Gruppen. Eine individuelle Identität gelte es in Bezug auf einzelne Chronisten zu verfolgen, die nach Möbius Einfluss auf die konkrete Gestaltung von Erinnerung nehmen konnten.

Auf diese prinzipiellen Ausführungen folgen drei umfangreiche empirische Kapitel. Das erste beschreibt die einzelnen Chroniken wie Chronisten, die in der Folge Gegenstand der Untersuchung sind. Dabei geht es um klassische Fragen der Quellenkritik, nicht zuletzt die Frage der Tendenz wie der Verortung der Chronik innerhalb der städtischen Gesellschaft. Die mittelalterlichen Chroniken sind dabei sämtlich von Ratsnähe gekennzeichnet, das heißt, dass sie im Interesse, im Auftrag bzw. auf Kosten des Rats entstanden. Erst nach der Reformation weitete sich der Kreis der Chronisten aus, wobei auch Handwerker zur Feder griffen. Diese späteren Werke waren freilich inhaltlich alle stark von der mittelalterlichen Historiographie abhängig, so dass die Möglichkeiten einer eigenen Lesart der städtischen Geschichte auch für ratsferne Gruppen eher gering waren. Die Entstehung der Chroniken des 14. bis 16. Jahrhunderts ist regelhaft im Zusammenhang mit krisenhaften Entwicklungen in der städtischen Geschichte zu sehen – das ist durchaus typisch für die städtische Historiographie. Die Autoren können daher in aller Regel auf historische Beispiele verweisen, um eigene, aktuelle und teilweise ganz konkrete Positionen zu beziehen.

Es folgen zwei Kapitel, in denen der Verfasser die Schlacht bei Bornhöved und die städtischen Unruhen vom ausgehenden 14. Jahrhundert in der jeweiligen Darstellung der Chronisten aufarbeitet, um Gemeinsamkeiten, Abhängigkeiten, Neubewertungen und Tendenzen zu ermitteln. Es zeigen sich klare Entwicklungen. Sie gingen einerseits auf den Einfluss der Reformation zurück, die etwa Berufungen auf das Eingreifen der Stadtheiligen Maria Magdalena in der Schlacht bei Bornhöved allmählich unmöglich machten. Sie galten andererseits veränderten Auffassungen von der Stellung des Rats gegenüber der Gemeinde. Im 15. Jahrhundert setzten sich allmählich Konzepte von Obrigkeit durch, die Einfluss auf die Darstellung der Politik des Rats hatten. Im Ergebnis neigten die Chroniken immer stärker dazu, ihn gegen jede Form von Kritik zu verteidigen. Obwohl es weitere vergleichbare Entwicklungen gab, betont Möbius die Kontinuität der Historiographie über die Reformationszeit hinaus.

Ein weiteres Ergebnis ist, dass die Erinnerungskultur in der Stadt wesentlich stärker durch die Schlacht bei Bornhöved geprägt war (es gab eine Klostergründung, eine Armenspeisung, Dankgottesdienste und Bilder im Rathaus, die mit dieser Erinnerung verbunden waren) als durch die Krisen am Ausgang des 14. Jahrhunderts. Letztere hatten in den folgenden Jahrhunderten wenig Einfluss auf das historische Erinnern in der Stadt, während sie aber zentral für das Verständnis der städtischen Historiographie sind. Offenbar konnten negative Ereignisse vor allem in historiographischer Form erinnert und damit verarbeitet werden, da sich Historiographie an ein anderes Publikum wandte und verschriftlichte Erinnerung somit eine andere Qualität besaß.

Das sind interessante Ergebnisse, die sich – und das betont Möbius mehrfach – mit Untersuchungen zur Historiographie anderer Städte weitgehend decken. Das gilt insbesondere für die Beobachtung, dass Historiographie beinahe immer in ratsnahen Kreisen entstand, obwohl spätestens mit der Reformation die notwendigen Bildungsvoraussetzungen über den engen Kreis der Ratsfamilien hinaus gegeben waren. Die einzelnen Texte entstanden zudem fast immer in zeitlicher Nähe zu krisenhaften Entwicklungen innerhalb der Stadt. Sie waren regelmäßig Anstoß zu historiographischer Tätigkeit, wobei Möbius sich nicht weiter auf die damit verbundene Frage des Gebrauchs dieser Texte konzentriert. Das wäre interessant gewesen, ist angesichts der Fülle der von Möbius untersuchten Texte freilich kaum im Rahmen einer Dissertation zu leisten.

Kritisch anzumerken scheint vor allem, dass die in der Einleitung angestoßene Diskussion zu kollektiven und individuellen Identitäten im Ergebnisteil nicht wieder aufgegriffen wird. Dabei ist fraglich, auf welche Weise die Identität des Chronisten hätte gefasst werden können – die Möglichkeit einer vom Kollektiv unabhängigen Identität, die Einfluss auf das historiographische Werk genommen hätte, ist eher in Frage zu stellen. Möbius ist gelegentlich zu nahe dran an den Werken wie ihren Autoren, um das Gesamtbild der Lübecker Historiographie und ihrer sozialen Verortung in der Stadt in den Blick zu nehmen. Sein Interesse gilt dem Detail, der Überlieferungsfrage, der Rezeption von Erzählsträngen. Das ist die Stärke wie auch die Schwäche seiner Studie, die ein weiteres Mal bestätigt, dass die städtische Historiographie der Vormoderne ein lohnendes und bei weitem nicht ausgeschöpftes Thema ist.

ZitierweiseHeiko Droste: Rezension zu: Möbius, Sascha: Das Gedächtnis der Reichsstadt. Unruhen und Kriege in der lübeckischen Chronistik und Erinnerungskultur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Göttingen 2011, in: H-Soz-Kult, 25.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-076>.

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