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Außereuropäische Geschichte

P. Dorestal: Style Politics

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Claudia Prinz <prinzcgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Style Politics. Mode, Geschlecht und Schwarzsein in den USA, 1943–1975
Reihe:American Studies 4
Ort:Bielefeld
Verlag:Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis
Jahr:
ISBN:978-3-8376-2125-9
Umfang/Preis:369 S.; € 32,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Martin Lüthe, Amerika-Institut, Ludwig-Maximillians-Universität München
E-Mail: <Martin.Luethelrz.uni-muenchen.de>

Dass Kleider Leute machen, ist wahrlich keine neue Einsicht. Wie mit und durch Style Politik gemacht worden ist, stellt hingegen durchaus eine innovative Frage in der gegenwärtigen historischen Forschung dar. Mit der vorliegenden Monographie, „Style Politics: Mode, Geschlecht und Schwarzsein in den USA, 1943–1975“, schließt Philipp Dorestal nicht nur eine Forschungslücke in der von ihm in den Blick genommenen Kulturgeschichte des Politischen, sondern bringt vielmehr auf der theoretischen Ebene gleich mehrere pulsierende Forschungsbereiche der jüngeren kulturwissenschaftlichen Forschung äußerst überzeugend miteinander ins Gespräch: die Performativitäts- und Geschlechtertheorie mit den Cultural Studies der Birmingham School (und der an diese anschließenden Forschungsarbeiten), mit der nicht explizit erwähnten Kleidersemiotik oder den „Style-Studies“, die Mode als Teil gesellschaftlicher und kultureller Sinnstiftungsprozesse begreifen, aber natürlich auch mit den theoretischen Ansätzen aus der postkolonialen Theorie sowie den African American Studies, die zur Analyse von ethnischem oder racial Othering schlichtweg notwendig geworden sind. Innerhalb dieses durchaus ambitioniert anmutenden theoretischen Netzes bewegt sich Dorestal sehr sicher, so dass „Style Politics“ keine dieser Untersuchungen geworden ist, die an den Ansprüchen ihres eigenen theoretischen Rahmens scheitern.

Im Fokus des Erkenntnisinteresses des Textes bleibt nämlich immer sein spezifischer Beitrag zum Verständnis der Frage nach der Bedeutung von Style Politics in den circa 30 Jahren der von Dorestal im Rekurs auf Jacqueline Dowd-Hall so genannten langen Bürgerrechtsbewegung (S. 14), beziehungsweise – in meinen Worten – der Frage danach, wie bestimmte politische afrikanisch amerikanische Gruppen und Akteure mit Modestil und Performanz in den Jahren zwischen 1943 und 1975 bewusst oder unbewusst Politik machten. Im Anschluss an die theoretisch versierte Einführung ins Thema der Arbeit, nimmt Dorestal die so genannten Zoot Suit Riots der 1940er-Jahre in den Blick, bei denen schon die Bezeichnung auf den zentralen Nexus aus Style und sozial-politischer Aktanz hindeutet. Dorestal skizziert hier überzeugend, wie die Intersektion von „Race, Class, Gender, Nation und jugendlicher Delinquenz sowie Styling“ (S. 81) in der Zoot Suit Kultur sichtbar werden und die Verwerfungen sich in Folge dieser intersektionalen Komplexität in den Riots entladen. Dies muss nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Wichtigkeit der Nation als Referenzrahmen in den 1940er-Jahren gesehen werden, argumentiert Dorestal im Anschluss an die bestehende Forschung. Hier offenbart das Kapitel eine kleinere Schwäche der Arbeit, nämlich den nicht immer deutlich markierten Umgang mit Primär- und Sekundärquellen. Der/die Leser/in fragt sich hier zum einen, wie Dorestal zu seiner Quellenauswahl kommt und zum anderen, inwiefern Dorestal hier nicht einfach eine inzwischen etablierte historische Meistererzählung der Zoot Suit Kultur reproduziert, allenfalls mit einem leicht verschobenen Fokus in Richtung Style. Für ein inhaltliches Auftaktkapitel ist dies aber nicht ungewöhnlich und so funktioniert es als Folie für die folgenden, zentralen Kapitel der Monographie durchaus.

Die folgenden vier Kapitel bilden das inhaltlich-argumentative Herzstück des Textes und Dorestal analysiert in deren Verlauf die Style Politics der Hochphase der Bürgerrechtsbewegung, der Black Panther Party, sowie die Style Politics im Kontext eines allgemeinen Cultural Nationalism in afrikanisch-amerikanischen Kulturen und schließlich für jene der Nation of Islam. Im Zuge des ersten Kapitels arbeitet Dorestal heraus, inwiefern und in welchem Ausmaß die Bürgerrechtsbewegung performativ politisch intervenierte, zum Beispiel in den style-politischen Inszenierungen von sit-ins und Boykotten. Bei der Black Panther Party verkompliziert Dorestal deren vermeintliche Homogenität im Bezug auf Style, wobei auch er zurecht darauf hinweist, dass die Panthers gewissermaßen vor allem an einem Prozess des „Styling [of] the Revolution“ (S. 159ff.) beteiligt waren. Auch für das allgemeine Feld von kulturellen Nationalismen und der Nation of Islam (NOI) verdeutlicht Dorestal entsprechend die zentrale Bedeutung spezifischer style politics wichtiger Akteure und Institutionen: für die Identitätsentwürfe der NOI ist Style schon in seinem komplexen Verhältnis zu hegemonialen Schönheitsidealen sowie als Ausdruck eines kontrolliert-disziplinierten Lifestyles unabdingbar, wie Dorestal zurecht feststellt. Die Arbeit überzeugt hier größtenteils sehr, wobei nicht immer bis ins Letzte markiert ist, wie die einzelnen Kapitel argumentativ aufgebaut sind und was sie entsprechend zusammenhält. So setzt sich Dorestal zum Beispiel im Kapitel zur Black Panther Party zunächst einmal nur zum Ziel „anhand verschiedener Episoden in der Geschichte der Panthers“ zu demonstrieren, „dass Style Politics integrales Moment ihrer politischen Praxis waren“ (S. 159) – dies erwartet der/die Leser/in zu diesem Zeitpunkt der Lektüre automatisch, nicht zuletzt aufgrund der theoretischen Grundlage des Textes, und eine präzisere Darlegung einer Argumentationslinie der einzelnen Kapitel wäre wünschenswert, ebenso wie die klare Offenlegung der Selektionskriterien erwähnter Episoden und Quellen. Die Überschriften der Teilkapitel sind entsprechend heterogen und weitgehend deskriptiv.

Insgesamt überzeugt der Text in seinen zentralen Kapiteln aber und es wird dem/der Leser/in immer wieder verdeutlicht, dass und inwiefern der Text in der Tat einen gleichsam innovativen wie notwendigen Beitrag zur Kulturgeschichte des Politischen und zur Geschichte der Bürgerrechtsbewegung(en) in Nordamerika liefert. Besonders hervorzuheben ist hierbei Dorestals Umgang mit einem weit gefächerten Quellenkorpus aus verschiedenen Textgattungen, Fotos, Karikaturen und bewegten Bildern, wobei insbesondere die Analyse der Bilder positiv heraus sticht, wahrscheinlich auch, weil die Rezeption von Style und Performance in der Regel auf visuellem Wege von statten geht und so in einem gegebenen und sich ständig wieder produzierenden Style Regime (S. 347) im Foucaultschen Sinne sichtbar wird.

Das Abschlusskapitel von „Style Politics“ widmet sich einer Analyse des Blaxploitation Filmgenres für die Bedeutung von Style Politics in den Vereinigten Staaten der 1970er-Jahre. Zwar sind die einzelnen Readings der Filme und Charaktere spannend und auch in sich erkenntnisgeleitet, im Kontext des übrigen Buches wirkt die Entscheidung für das Verfassen dieses Kapitels jedoch wenig konsequent und einleuchtend. Zwar rechtfertigt Dorestal seine Entscheidung offensiv, er erkennt also den Erklärungsbedarf, aber er kann dem/der Leser/in nicht wirklich plausibel machen, warum er sich im letzten Kapitel einer medien- und genrespezifischen Analyse fiktionaler Texte widmet, wenn er sich vorher nahezu ausschließlich den Style Politics spezifischer politischer Organisationen konzentrierte. Hier fragt sich der/die Leser/in dann, wie genau Dorestal seinen Gegenstand konturiert und warum andere popkulturelle Phänomene, insbesondere zum Beispiel die Style Politics in der Popmusikkultur, in seinem Text nicht systematisch eine Rolle spielen. Den Gegenstand hätte Dorestal deutlicher konturiert, indem er seine Analyse auf die politischen Akteure, Institutionen und losen Verbände des Hauptteils beschränkt hätte; nur dann entfaltet meines Erachtens auch Dorestals (Style-)Politikbegriff seine vollständige analytische Wirksamkeit, die Dorestals unbewusst und unnötig mit seinem letzten Kapitel selbst und von innen hinterfragt. Alles in allem verdeutlicht die Arbeit aber ganz deutlich, dass Style als Analysekategorie und -gegenstand ein neues Prisma auf die politische Geschichte eröffnet und dass kulturtheoretisch informierte Zugriffe dieser Art – das krude Bild sei verziehen – die Garderobe der Historiographie auf gleichermaßen notwendige wie stilvolle Weise zu erweitern vermögen.

ZitierweiseMartin Lüthe: Rezension zu: Dorestal, Philipp: Style Politics. Mode, Geschlecht und Schwarzsein in den USA, 1943–1975. Bielefeld 2012, in: H-Soz-u-Kult, 05.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-143>.

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