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Frühe Neuzeit

Y. Hoffmann u.a.: Entstehung und Blüte der Stadt Freiberg

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan Brademann <jan.brademannuni-bielefeld.de>
Autor(en):;
Titel:Entstehung und Blüte der Stadt Freiberg. Die bauliche Entwicklung der Bergstadt vom 12. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts
Ort:Halle (Saale)
Verlag:Mitteldeutscher Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-89812-930-5
Umfang/Preis:707 S.; € 49,95

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Angelika Lampen, Institut für Vergleichende Städtegeschichte, Münster
E-Mail: <lampenuni-muenster.de>

Pünktlich zur 850-Jahr-Feier dieser Stadt erschien der vorliegende, für eine Dissertation eher ungewöhnlich konzipierte Band zur Geschichte und Genese der Stadt Freiberg, der in seiner außerordentlichen Materialfülle für viele Bereiche der Stadtgeschichte neue Grundlagen legen wird.

Die sächsische Stadt Freiberg, zwischen Dresden und Chemnitz gelegen, ist vor allem als frühe Bergstadt und Universitätsstadt bekannt. Nachdem dort 1168/70 Silber gefunden worden war, entwickelte sich die Siedlung rasch zu einer der wichtigsten und größten Städte der Markgrafschaft Meißen. Nach einer Blütephase im 16. Jahrhundert – kurz nach 1600 besaß Freiberg gut 12.000 Einwohner – wurde die Stadt im 17. Jahrhundert von Leipzig und Dresden überholt und verlor ihre führende Stellung. Das heute noch erhaltene Stadtbild spiegelt diese Entwicklung wider: Nach Bränden am Ende des 15. Jahrhunderts in großen Teilen neu aufgebaut, ist die Innenstadt bis heute durch einen großflächig erhaltenen, überwiegend frühneuzeitlichen Hausbestand gekennzeichnet, der dazu Veranlassung gab, den gesamten historischen Stadtkern unter Denkmalschutz zu stellen.

Die Bedeutung der Stadt für das Territorium und für die Geschichte des Bergbaus, wie auch die hervorragende Quellenlage vor Ort, haben dazu geführt, dass Freiberg immer wieder Gegenstand historischer Untersuchungen wurde. Nun liegt mit der voluminösen Chemnitzer Dissertation ein weiteres Werk vor, das irgendwo zwischen Stadtgeschichte und Großinventar eingeordnet werden kann. Es ergänzt die von den gleichen Autoren zwischen 2002 und 2004 herausgegebene dreibändige Denkmaltopographie, die bereits sehr umfassend nicht nur archäologische und bauhistorische, sondern auch historische und vor allem technikgeschichtliche Beiträge versammelt.[1]

Kern der nun von Yves Hoffmann und Uwe Richter vorgelegten Untersuchung ist ein ausführlicher Katalog der erhaltenen beziehungsweise belegten und datierbaren Häuser bis 1700 (S. 443–700). Die beiden ausgewiesenen Archäologen und Bauforscher haben zudem die 392 beschriebenen Gebäude in einem Baualtersplan kartiert und die Ergebnisse bauhistorisch ausgewertet (Kap. 9, S. 247–358). Zugleich ist der Band aber auch eine neue kleine Stadtgeschichte: Dem eigentlichen Thema der Arbeit geschuldet, konzentrieren sich die Autoren auf die Entstehung und (räumliche) Entwicklung Freibergs in Mittelalter und früher Neuzeit, waren diese Epochen doch für die Topographie und die Stadtgestalt grundlegend. Darüber hinaus leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Bevölkerungsstruktur und Sozialtopographie der Stadt. Anhand der ausgewerteten Gerichtsbücher und Steuerlisten rekonstruieren sie für die Zeit zwischen 1471 und 1701/55 die Einwohner- und Gebäudezahlen, die Vermögensstruktur sowie die Haus- und Grundstückspreise.

Aus städtegeschichtlicher Perspektive sind vor allem die Aussagen zur Genese Freibergs im 12. Jahrhundert von großem Interesse. Hier können die Autoren auf verschiedene archäologische Grabungsbefunde zurückgreifen, die erst seit den 1990er-Jahren in größerem Umfang vorliegen. Vor allem die dendrochronologischen Daten liefern erstmals absolute Zahlen, mit deren Hilfe die Entwicklung der Freiberger Stadtteile – St. Jakobi, St. Marien, St. Nikolai und die planmäßig angelegte Oberstadt (St. Petri) – sehr viel genauer datiert werden kann als bisher. Hoffmann und Richter wenden sich gegen die ältere Forschung, die im Gefolge Rudolf Kötzschkes annahm, dass die ab 1170 entstandenen Siedlungsteile St. Jacobi, St. Marien und dann St. Nikolai in chronologischer Abfolge entstanden und über einen längeren Zeitraum voneinander getrennt existiert haben, bevor dann im 13. Jahrhundert die planmäßige Neuanlage der Oberstadt in Angriff genommen worden sei.[2] Es gelingt den Autoren, vor allem auf Grund der dendrochronologischen Datierung mehrerer Holzstraßen in der Oberstadt (S. 119), die zeitliche Abfolge neu zu ordnen. Die Daten belegen, dass die Oberstadt nicht erst ab 1210, sondern bereits in den 1180er-Jahren als geplante Neuanlage entstanden sein muss. Dies bedeutet, dass die Siedlungszentren um St. Jakobi, St. Marien und St. Nikolai zwar in gewisser chronologischer Abfolge, aber doch fast gleichzeitig kurz nach 1170 entstanden sein müssen und eine längere eigenständige, separate Entwicklung der Siedlungsteile wohl nicht gegeben war. Neben der Bergleutesiedlung südlich der alten Jakobikirche, die wegen der dort angesiedelten Harzer Bergleute auch als „Sächsstadt“ bezeichnet wird, entstand zeitgleich im Norden zum Schutz der landesherrlichen Bergwerke die Burgsiedlung der markgräflichen Ministerialen. Wohl nur im Abstand weniger Jahre bildete sich dann die Siedlung um die Nikolaikirche, die bereits eine gewisse Planmäßigkeit erkennen lässt. Der rasche Bevölkerungszuwachs im Gefolge des „Berggeschreys“ führte daraufhin bereits ab den 1180er-Jahren zur herrschaftlich motivierten Plananlage im Westen, die mit der Petrikirche und dem großen Oberen Markt neues Zentrum der Stadt wurde. Insgesamt verdeutlichen die Ausführungen Hoffmanns und Richters sehr überzeugend, welche Dynamik diesen frühen Stadtentstehungsprozessen innewohnte.[3]

Dem Thema entsprechend nutzen die Autoren zur Visualisierung ihrer Forschungsergebnisse erfreulicherweise immer wieder Karten. Neben dem Baualtersplan (S. 449–455) und den Karten zur Sozial- und Bevölkerungsstruktur (Abb. 147–150; S. 226, 232, 233, 235) sind dies auch verschiedene Karten zur Genese der Stadt. Hoffmann und Richter verzichten jedoch leider darauf, ihre vielfältigen neuen Ergebnisse zur Stadtgenese in einer übersichtlichen Entwicklungskarte zusammenzuführen. Dies wurde – allerdings noch ohne Kenntnis der archäologischen Befunde – auf der Grundlage des Freiberger Urkatasters von 1833/35 von Karlheinz Blaschke 1979 im Deutschen Städteatlas Freiberg versucht.[4] Aufgrund der Forschungen der letzten 35 Jahre und vor allem der dendrochronologischen Daten ist Blaschkes späte Datierungen der Oberstadt (1210–1218) nicht mehr zu halten. Auch andere Elemente, wie die eingezeichnete Mauer um „Sächsstadt“ und Nikolaiviertel, entspringen der Vorstellung einer längerfristigen getrennten Entwicklung der vier Stadtteile. Das Urkataster als Grundlage bietet als erste exakte und parzellengenaue Vermessung jedoch den Vorteil, den Entwicklungsstand Freibergs vor den massiven Eingriffen des 19. und 20. Jahrhunderts zu zeigen. Interessant ist dies beispielsweise bezüglich der Situation um die ehemalige Jakobikirche oder der im Kataster noch geschlossenen Ummauerung. Die Autoren kartieren hingegen die darzustellenden historischen Inhalte – wo nachvollziehbar – auf „modernen Vermessungsplänen“. Ist dies inhaltlich aus den genannten Gründen zumindest diskutierbar, so hätte man sich auf jeden Fall eine genauere Angabe der Kartenbasis und vor allem des dargestellten Jahres gewünscht.[5]

Probleme bei der Identifizierung von Kartengrundlagen, Herkunft (und Bildrechten) und zum Teil auch Inhalten ergeben sich auch bei vielen anderen Karten. So können die Karten zur Sozial- und Bevölkerungsstruktur (Abb. 147–150) anhand des nur schwer benutzbaren Abbildungsnachweises auf Yves Hoffmann zurückgeführt werden, Kartengrundlage und Zeitstellung sowie die in den Karten eingetragenen Nummern werden jedoch nicht aufgelöst. Nur zwei Karten seien als Beispiele noch angeführt: Abb. 108, S. 171, zeigt eine „hypothetische Rekonstruktion des ursprünglichen Umfangs des Petrikirchhofs“. Unklar ist aber, welcher Zeitstand der Bebauung hier gezeigt wird, was alles rekonstruiert ist und was genau der Petrikirchhof umfasst. Auch die nur sehr klein als Vergleichsabbildung wiedergegebene Abb. 36, S. 89, zeigt nicht, wie es in der Bildunterschrift heißt, einen Baualtersplan aus dem Jahr 2006, sondern wie in der Karte unmittelbar angegeben, das Baualter lediglich der Fachwerkhäuser mit Stand 2005.[6]

Die Untersuchung von Yves Hoffmann und Uwe Richter ist unbenommen eine ausgesprochen materialreiche und weiterführende Arbeit, die nicht nur für Freiberg, sondern auch für andere Städte Maßstäbe setzen wird. Besonders verdienstvoll ist dabei das Bestreben der Autoren, fächerübergreifend die verfügbaren Informationen aus Geschichte, Archäologie, Denkmalpflege und Architektur- und Kunstgeschichte zusammenzuführen, um so ein neues, kompletteres Bild der Stadtentwicklung aufzuzeigen. Dem Werk ist somit eine weite Verbreitung und Rezeption zu wünschen. Doch gerade deswegen wäre auch der Bezeichnung und Identifizierbarkeit der Karten, Tabellen und Literaturhinweise eine größere Aufmerksamkeit zu wünschen gewesen.

Anmerkungen:
[1] Yves Hoffmann / Uwe Richter (Hrsg.), Denkmale in Sachsen. Stadt Freiberg. Beiträge, Band I–III, Freiberg 2002–2004.
[2] Rudolf Kötzschke, Markgraf Dietrich von Meißen als Förderer des Städtebaus, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte und Altertumskunde 45 (1924), S. 7–46.
[3] Vgl. zur Thematik früher Stadtgründungen aus archäologischer und historischer Sicht den wichtigen Band des Österreichischen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung: Ferdinand Opll (Hrsg.), Stadtgründung und Stadtwerdung. Beiträge von Archäologie und Stadtgeschichtsforschung, Linz 2011. Darin besonders die Beiträge von Armand Baeriswyl und Matthias Untermann.
[4] Im Band auf S. 47 abgedruckt. Vgl. Karlheinz Blaschke, Freiberg, Dortmund 1979.
[5] Die Kartengrundlage wird in Abb. 52 und 53 genannt.
[6] Die Karte wurde im Institut für vergleichende Städtegeschichte (nicht Städteforschung) u. a. durch Daniel (nicht Alexander) Stracke bearbeitet.

ZitierweiseAngelika Lampen: Rezension zu: Hoffmann, Yves; Richter, Uwe: Entstehung und Blüte der Stadt Freiberg. Die bauliche Entwicklung der Bergstadt vom 12. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Halle (Saale) 2012, in: H-Soz-u-Kult, 11.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-144>.

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