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Europäische Geschichte

K. Maier (Hrsg.): Nation und Sprache in Nordosteuropa

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Thomas Etzemüller <thomas.etzemuelleruni-oldenburg.de>
Titel:Nation und Sprache in Nordosteuropa im 19. Jahrhundert
Reihe:Veröffentlichungen des Nordost-Instituts 9
Herausgeber:Maier, Konrad
Ort:Wiesbaden
Verlag:Harrassowitz Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-447-05837-7
Umfang/Preis:386 S.; € 38,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Christian Berrenberg, Institut für Skandinavistik/Fennistik, Universität zu Köln
E-Mail: <c.berrenberguni-koeln.de>

Der 386 Seiten starke Sammelband „Nation und Sprache in Nordosteuropa im 19. Jahrhundert“ umfasst deutsch- und englischsprachige Beiträge der 2005 am Nordost-Institut in Lüneburg stattgefundenen Tagung mit gleichem Titel. Präsentiert werden Fallstudien zu verschiedenen Teilregionen Nordosteuropas, die vor allem in kultur-, literatur-, geschichts- und sprachwissenschaftlicher Perspektive die Konstruktion von Gruppenidentitäten anhand des Kriteriums Sprache beleuchten. Sprachstandardisierungsprozesse, Wechselbeziehungen zwischen Sprachen und Sprachverdrängungsprozesse werden in 21 Aufsätzen analysiert, die unter den Themenbereichen „Sprache und Anthropologie bzw. Ethnologie“, „Sprachen im Vergleich: Das Eigene und das Fremde“, „Sprachreformer: Erneuerer – Bewahrer“, „Sprachpolitik: Erfolg und Scheitern“ und „Sprache zwischen Volk und Nation“ angeordnet sind.

Christian Giordano leitet den Band mit Überlegungen zu Sprache und Nation aus sozialanthropologischer Sicht ein und umreißt die Konzepte Ethnie, Kultur, Nation und kollektive Identität, bevor er auf die Rolle der Sprache als homogenisierenden Faktor im Nationalismus des 18. und 19. Jahrhunderts eingeht. Er schließt seinen Beitrag mit einer Präsentation der multilingualen Sprachsituation Malaysias, die er als potenzielles Korrektiv für eine eurozentristische Auseinandersetzung mit den Themen Nation und Sprache sieht. Ralph Tuchtenhagen schildert in seinem konzisen Beitrag die „Entdeckung“ der nordosteuropäischen Völker, in erster Linie der Finnen. Seine Analyse des wissenschaftlichen Diskurses, die die Inklusion bzw. Exklusion dieser Völker in die europäische Ethnologie aufzeigt, zeichnet sich durch eine fundierte Argumentation mit ausführlichen Literaturangaben aus, die zu weiterer Forschung animiert.

Der Themenbereich „Sprachen im Vergleich: Das Eigene und das Fremde“ wird eingeleitet von Karsten Brüggemann, der in seinem Aufsatz Stereotype gegenüber nordosteuropäischen Völkern sowie der Deutschen aufzeigt, die im russischen Zarenreich herrschten. Trotz der Ausführlichkeit des Beitrags spielt allerdings das Thema Sprache eine nur untergeordnete Rolle. Einen literaturwissenschaftlichen Zugang zum Thema des Sammelbandes liefert Armin v. Ungern-Sternberg, indem er aufzeigt wie baltische Identitäten vor allem „ex post und ex distantiae“ (S. 78) konstruiert wurden. Spezielles Augenmerk richtet Ungern-Sternberg auf Nation building auf deutscher sowie estnisch/lettischer Seite, das „umgekehrt parallel“ (S. 84) abläuft. Kaspars Kļaviņš beleuchtet Interferenzen zwischen deutsch-schreibenden Intellektuellen und lettischer Historiographie, Literatur, Ethnographie und Sprachwissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert. Ulrike Plath liefert ein kritisches Bild der plurilingualen Sprachsituation in den baltischen Provinzen Russlands 1770–1850 am Beispiel der Sprachbeziehung Estnisch-Deutsch. Sie differenziert das Bild des Deutschen als hegemoniale Sprache der Region, indem sie soziale Identitätskonstruktionen anhand verschiedener Sprachgebräuche aufzeigt. Jürgen Joachimsthaler und Regina Hartmann widmen ihre Beiträge deutschen/deutschsprachigen Litauern. Hartmann untersucht Identitäts- und Alteritätskonstruktionen anhand der beiden deutschen Autoren Ernst Wichert und Ludwig Passarge und deren Reiseberichten. Joachimsthaler zeigt auf differenzierte Weise die Heterokonstruktion der deutschen Litauer aus preußischer Perspektive, die mittels der Binarität Naturvolk (Litauen) versus Kulturvolk (Deutschland) lange wirkungsmächtig blieb.

Der Themenbereich „Sprachreformer: Erneuerer – Bewahrer“ enthält zwei Aufsätze. Tiina Kala untersucht die Stellung des Estnischen im 17. und 18. Jahrhundert anhand von Texten des deutschen Pastors Christopher Wrede und arbeitet die Rolle der Reformation für die Entwicklung des Estnischen als an Hegemonie gewinnende Sprache heraus. Anna Gajdis widmet ihren Aufsatz dem masurischen Volksdichter Michał Kajka (1858–1940), der von polnischer Seite bis heute gefeiert, von deutscher Seite nahezu völlig ignoriert werde. Sie ordnet sein Schaffen in die masurische Lebenswelt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein und konzentriert sich dabei auf die Themenkomplexe Sprache und Glauben.

Fünf Aufsätze werden dem Themenbereich „Sprachpolitik: Erfolg und Scheitern“ zugeordnet. Pēteris Vanags schreibt über die Entwicklung einer lettischen Standardschriftsprache und die durch Institutionen und das literarische System vorangetriebene Marginalisierung des Deutschen im 19. Jahrhundert. Stephan H.I. Kessler ergänzt die Geschichte der Standardisierung des Lettischen und des Litauischen um die aus nationalistischer Perspektive nicht erfolgreichen Dialekte des Lettgalischen und Schemaitischen. Er zeigt auf, wie es aufgrund extralinguistischer Faktoren nicht zu einer Konstruktion einer emanzipierten lettgalischen bzw. schemaitischen kollektiven Identität kommen konnte. Giedrius Subačius schildert die von litauischer Seite widerwillige Zwangseinführung des kyrillischen Alphabets durch das russische Reich. Subačius belegt in seiner sprachwissenschaftlichen Studie „the presence of the linguistic influence of clandestine […] Standard Lithuanian in the Latin script on the books printed in Cyrillic letters during the years of prohibition (1864–1904)“ (S. 231). Gabrielle Hogan-Brun, Dag Trygve Truslew Haug und Stephan H.I. Kessler beschreiben in ihrem gemeinsam verfassten Aufsatz kontrastiv Sprachstandardisierungsprozesse in Norwegen und Litauen vor dem Hintergrund des Nation buildings im 19. Jahrhundert, wobei sie gerade auf die sich aus der Standardisierung ergebenden Gegenentwicklungen fokussieren, namentlich auf die Sprachforscher Ivar Aasen und Jonas Jablonski. Der Aufsatz von Ricarda Vulpius fällt geografisch aus dem Rahmen des Sammelbandes und untersucht das Verhältnis zwischen schulischem Sprachgebrauch in der Dnjepr-Ukraine und russisch-imperialistischem versus ukrainischem Nation building. Sie zeigt, wie Russland gerade in der Dnjepr-Ukraine, anders als in den übrigen periphären Gebieten des russischen Reichs, als nationalisierendes Imperium auftrat.

Der letzte Teil des Sammelbandes unter dem Titel: „Sprache zwischen Volk und Nation“ umfasst sechs Aufsätze. Erkki Kouri fasst die Entwicklung der finnischen Sprache und Nation nach 1809 zusammen und zeigt auf, wie sich das Finnische aufgrund der Trennung Finnlands von Schweden und Eingliederung ins russische Reich als autonomes Großfürstentum zunehmend gegenüber dem Schwedischen als bis dato hegemoniale Sprache emanzipieren konnte. Mathias Niendorf beleuchtet die Rolle der Sprache und Nation im und für den litauischen Nationalismus vor dem Hintergrund Miroslav Hrochs Stufenmodell, wobei er die Besonderheiten der litauischen nationalen Bewegung im Vergleich zu benachbarten Regionen herausarbeitet. Abermals um Preußen geht es in Hans-Jürgen Bömelburgs Aufsatz, der den Blick auf die multilinguale Situation der Region wirft. Bömelburg analysiert die Entwicklung des Deutschen, das sich neben den beiden anderen Umgangssprachen, Polnisch und Litauisch, als Nationalsprache entwickelte. Vor allem die Top-down-Perspektive der Sprachintegration steht dabei im Vordergrund. Hans-Christian Trepte ergänzt den Sammelband um eine Sprache ohne nationalstaatliche Verankerungen und beschreibt in einem Überblick Herkunft, Sprache und Literatur der Roma unter besonderer Berücksichtigung des polnischen Kontextes. Wolfgang Kessler analysiert die aufgrund religiöser Unterschiede oft weniger beachtete ideologisierende Sprachpolitik des Serbischen und Kroatischen und erweitert den Sammelband um eine weitere Region Europas. Der letzte Beitrag des Sammelbands ist Cornelius Hasselblatts eher intuitiver, da auf historische, soziologische und linguistische Sekundärliteraturverweise fast völlig verzichtende, Kurzbeitrag, in dem Hasselblatt konstatiert: „Die Sprache kann ohne die Nation auskommen. Bei einer historischen Betrachtung sprachlich ausgerichteter Kulturphänomene kann man auf den Begriff der Nation oder der Nationalität damit verzichten.“ (S. 365) Der Beitrag, der vom Herausgeber als „provokant“ bezeichnet wird (S. 12), zeichnet sich nicht durch eine differenzierte Argumentation aus und verdeutlicht einen Mangel des Sammelbandes. Bereits der einführende Beitrag von Christian Giordano bleibt theoretisch oberflächlich und terminologisch sehr ungenau, obwohl er als Einleitung eine umfassendere Fundierung des Sammelbandes gerade in kultur- und geschichtswissenschaftlicher, soziologischer und sprachwissenschaftlicher Perspektive erwarten lässt. Fast schon unbeholfen wirken abwechselnde Formulierungen wie: „der gesellschaftlichen Produktion von Nationen, Kulturen und Ethnien“, „sozial fabrizierte Eigenschaften“, „sozial produzierter Charakteristika“, „konstruierten Charakters als vorgestellte Gemeinschaft“, „Gemeinschaftsglaubens“, „unabänderlicher und unantastbarer Bestandteil kollektiver Identitäten“ oder „Sprache […] als ethnisches, kulturelles bzw. nationales Kriterium bzw. als Identitätskategorie“ (S. 17). Auch in folgenden Aufsätzen zeigt sich eine mangelnde Fundierung der verwendeten theoretischen Konzepte. So schreibt zum Beispiel Mathias Niendorf vorsichtig von „Wir-Gruppen“ (S. 300) und umgeht somit die Auseinandersetzung mit Theorien kollektiver Identitätskonstruktionen und Stephan H.I. Kessler postuliert, dass Nation, Volk und Ethnie Synonyme seien (S. 228) und erspart sich damit eine theoretische Auseinandersetzung mit diesen Konzepten. Wünschenswert wäre eine Zusammenfassung der schon in der Einleitung angedeuteten, auf der Tagung stattgefundenen kontroversen Diskussionen über Ethnie, Volk und Nation (und vermutlich auch Identität) gewesen, die diese (in einem solchen Sammelband natürlich nicht vermeidbare) terminologische Uneinigkeit aufgefangen hätte.

Insgesamt betrachtet endet die theoretische Auseinandersetzung der (meisten) Beiträge des Sammelbandes beim Postulieren der Tatsache, dass weder Nation noch Sprache primordialer Natur seien, was angesichts des Gegenstandes des Sammelbandes – eine Region Europas die, zumindest unter dieser Fragestellung, bisher wenig untersucht wurde – zu beklagen ist. Gerade aufgrund des Umfangs des Sammelbandes, der Ausführlichkeit der Einzelbeiträge, die regional sehr breit gefächert sind, erfüllt er jedoch ein Desiderat der Forschung und wird eine Basis für eine Vielzahl zukünftiger Forschungsprojekte darstellen.

ZitierweiseChristian Berrenberg: Rezension zu: Maier, Konrad (Hrsg.): Nation und Sprache in Nordosteuropa im 19. Jahrhundert. Wiesbaden 2012, in: H-Soz-Kult, 19.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-149>.

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