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Außereuropäische Geschichte

R. Jonas: The Battle of Adwa

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Alexander Korb <alexander.korbvwi.ac.at>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedensforschung. (Redaktionelle Betreuung: Alexander Korb und Christoph Laucht) www.akhf.de/

Autor(en):
Titel:The Battle of Adwa. African Victory in the Age of Empire
Ort:Cambridge
Verlag:Harvard University Press
Jahr:
ISBN:978-0-67405274-1
Umfang/Preis:413 S.; € 27,00

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von:

Marcel vom Lehn, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail: <marcelvomlehnhotmail.de>

Die Schlacht von Adua war ein außergewöhnliches Ereignis in der Geschichte des Kolonialismus. Der Sieg äthiopischer Streitkräfte gegen eine italienische Interventionsarmee am 1. März 1896 markierte den bis dahin nachhaltigsten Erfolg von Afrikanern gegen europäische Kolonialbestrebungen. Zuvor waren vereinzelte militärische Niederlagen europäischer Truppen allenfalls Episoden in Kolonialkriegen gewesen, die letztlich mit der Unterwerfung der afrikanischen Bevölkerung geendet hatten. Adua dagegen sicherte für Jahrzehnte Äthiopiens Ausnahmeposition als unabhängiger Staat in Afrika.

In „The Battle of Adwa“ hat sich der US-amerikanische Historiker Raymond Jonas ausführlich mit dieser Begebenheit auseinander gesetzt. Dabei konzentriert er sich keineswegs nur auf die militärischen Ereignisse, sondern zeichnet Ursachen, Entwicklung und Folgen des äthiopisch-italienischen Konflikts nach und stellt darüber hinaus dessen Wahrnehmung durch Zeitgenossen in Europa und den USA dar. Da Jonas neben Archivmaterialien auch zahlreiche Ego-Dokumente von Beteiligten und Beobachtern der Ereignisse auswertet (wobei jedoch Selbstzeugnisse in afrikanischen Sprachen unberücksichtigt bleiben), gelingt ihm zudem eine facettenreiche Beschreibung Ostafrikas zum Zeitpunkt des Krieges. Ungeachtet dieser kulturgeschichtlichen Gesichtspunkte ist Jonas’ Studie indes stark an der Person des äthiopischen Kaisers Menelik II. als zentralem Akteur ausgerichtet. Menelik, ursprünglich ein Provinzfürst aus dem Süden des Landes, wurde zunächst von Italien in seinen Ambitionen auf den Kaiserthron unterstützt, da es Strategie der kolonialen Politik Roms war, interne äthiopische Konflikte auszunutzen und so den eigenen Einfluss in Ostafrika zu steigern. Stärker als in der früheren Forschung[1] akzentuiert Jonas allerdings eine aktive Rolle Meneliks in dem heraufziehenden Kolonialkonflikt: Menelik instrumentalisierte demnach die italienischen Einmischungen für seinen erfolgreichen Versuch, Kaiser zu werden, und stellte sich den italienischen Gebietsansprüchen entgegen, nachdem er seine Macht konsolidiert hatte und sich stark genug für eine militärische Auseinandersetzung fühlte.

Ein sehr interessanter Aspekt, den Jonas in seinem Buch beleuchtet, sind dabei die erstaunlich modernen Methoden, derer sich die äthiopische Führung im schwelenden Konflikt mit Italien bediente: Mit Hilfe ausländischer Berater lancierte der Kaiser etwa eine PR-Kampagne, um Einfluss auf die öffentliche Meinung Europas zu gewinnen. Ebenso bemühte sich Menelik, die Rückständigkeit seines Landes auf dem Gebiet der Militärtechnik gegenüber den Europäern so weit wie möglich auszugleichen. Äthiopien hatte am Ende des 19. Jahrhunderts keine stehende Armee, die sich im Ausbildungsgrad mit europäischen Streitkräften hätte vergleichen lassen. Allerdings verfügte das afrikanische Land, auch dank italienischer Waffenlieferungen, über eine zeitgemäße Ausrüstung, nämlich Artillerie und eine weitgehende Ausstattung der Soldaten mit modernen Gewehren. Vor allem gelang es Äthiopien 1896, eine Streitmacht von über 100.000 Mann aufzustellen – eine Mobilisierungsleistung, die von italienischer Seite bis zuletzt für unmöglich gehalten worden war. Eine solche Unterschätzung des Gegners trug auch erheblich zur Niederlage Italiens bei: Im Gegensatz zur vorherrschenden Deutung, dass die italienischen Truppen sich bei ihrem Vormarsch aufgrund mangelhafter Kenntnis des Terrains falsch positioniert hätten, kommt Jonas in seiner detaillierten Untersuchung des Schlachtverlaufs zu dem Ergebnis, dass mehrere italienische Generäle entgegen den Befehlen ihres vorsichtig agierenden Oberbefehlshabers Oreste Baratieri versucht hätten, die militärische Entscheidung auf eigene Faust zu erzwingen. Durch dieses eigenmächtige Vorgehen sei die Koordination der italienischen Truppen verloren gegangen, was es der äthiopischen Armee erlaubt habe, ihre Feinde in verschiedene Teile zu spalten und einzeln zu besiegen.

Obwohl unter den Getöteten die Zahl der Äthiopier bedeutend größer war als die der Italiener, bestand über den Ausgang der Schlacht keinerlei Zweifel. Die geschlagene Kolonialarmee floh regelrecht zurück in die Kolonie Eritrea, insgesamt 1.900 italienische Soldaten wurden durch Meneliks Truppen gefangen genommen und konnten durch den Kaiser als Faustpfand bei den anschließenden Friedensverhandlungen eingesetzt werden. Die unmittelbaren Folgen der Schlacht für die italienische Politik sind bekannt: Die Regierung Francesco Crispis musste nach der Niederlage zurücktreten und das in Italien ohnehin unpopuläre Projekt eines großen Kolonialreichs wurde zunächst ad acta gelegt. Indes wirkte sich Adua auch auf nicht unmittelbar betroffene Länder aus: US-amerikanische Medien versuchten beispielsweise die ins Wanken geratene Vorstellung weißer Überlegenheit dadurch zu bekräftigen, dass sie erörterten, inwieweit es sich bei den siegreichen Äthiopiern selbst um Weiße handele. Die schwarzen Diasporen, etwa in den USA und Haiti (oder später die Rastafaris in Jamaika) interpretierten Äthiopien dagegen als ihr gelobtes Land (eine Verherrlichung, die Menelik II. selbst übrigens ablehnte, da er sich auch als Weißer definierte).

„The Battle of Adwa“ ist ein durchweg gut lesbares Buch, das offensichtlich auch solche Leser ansprechen möchte, die sich nicht wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigen. Diese auf ein breites Publikum zielende Darstellung macht das Werk für den Historiker jedoch leider nicht sonderlich benutzerfreundlich. Die Einleitung ist weitgehend kursorisch, Vorgehensweise und Methodik werden dort nicht erläutert. Stattdessen gleitet Jonas’ farbige Darstellung teilweise in das Romanhafte ab: „Menelik combed his beard with his fingers as he sat alone under a royal canopy…“ (S. 9). Exkurse werden nicht näher erläutert und daher ist es nicht immer ersichtlich, in welcher Weise bestimmte Informationen für die Schlacht von Adua als Thema der Studie relevant sind. Als grundsätzliches Problem des Buches muss allerdings benannt werden, dass Jonas nicht deutlich macht, welches zentrale Erkenntnisinteresse er mit seiner Arbeit verfolgt. Geht es um die Ursachen und den Verlauf des Kolonialkonflikts und die Gründe des äthiopischen Sieges? Oder geht es darüber hinaus um den Ort Aduas in der Geschichte der Kolonisierung und Dekolonisierung? Jonas stellt im Zusammenhang mit der letzteren Frage die These auf, Adua sei der Wendepunkt des Kolonialismus gewesen und habe als erster nachhaltiger Sieg eines Kolonialvolkes über die Europäer die Dekolonisierung eingeläutet. Dies scheint allerdings eine aus der Rückschau des Wissens um die weitere Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg gewonnene Erkenntnis zu sein, denn wenngleich Adua Äthiopiens Unabhängigkeit sicherte, hatte dieses Ereignis keine Fernwirkungen auf die Kolonialisierung anderer Völker. Vielmehr dehnten Großbritannien und Frankreich ihre Kolonialgebiete nach 1918 noch weiter auf Territorien des untergegangenen Osmanischen Reiches aus und Äthiopien selbst wurde 1936, wenn auch nur für kurze Zeit, der Kolonialherrschaft des faschistischen Italien unterworfen. Erst nach 1945 entstand eine politische Weltordnung, in der die europäischen Mächte auf ihre Kolonien verzichten mussten. Sollte der Begriff Wendepunkt hingegen so verstanden werden, dass es Jonas um Adua als Erinnerungsort afrikanischer Emanzipationsbewegungen geht, hätte die Untersuchung auch die Rezeptionsgeschichte der Schlacht im 20. Jahrhundert mit berücksichtigen und prüfen müssen, welchen Stellenwert diese gegenüber anderen ideologischen Grundlagen des Antikolonialismus (zum Beispiel des Sozialismus) eingenommen hat.

Wenn die Einordnungen in den übergeordneten historischen Kontext also letztlich nicht überzeugen, soll dies Jonas’ Verdienst dennoch nicht überdecken: Er verbindet Politik-, Militär- und Kulturgeschichte zu einem beeindruckenden Sittengemälde Ostafrikas am Ende des 19. Jahrhunderts. Seine Arbeit stellt darüber hinaus die erste umfassende historische Darstellung zu einem bedeutenden, wenngleich hierzulande bislang wenig beachteten Kapitel der Kolonialgeschichte dar.

Anmerkung:
[1] Vgl. etwa Angelo Del Boca (Hrsg.), Adua. Le ragioni di una sconfitta, Roma 1997.

ZitierweiseMarcel vom Lehn: Rezension zu: Jonas, Raymond: The Battle of Adwa. African Victory in the Age of Empire. Cambridge 2011, in: H-Soz-u-Kult, 27.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-193>.

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