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Arbeitskreis Historische Friedensforschung

C. Freytag: Deutschlands „Drang nach Südosten“

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Dietmar Müller <muellerduni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Deutschlands „Drang nach Südosten“. Der Mitteleuropäische Wirtschaftstag und der „Ergänzungsraum Südosteuropa“ 1931–1945
Reihe:Zeitgeschichte im Kontext 7
Ort:Göttingen
Verlag:V&R unipress
Jahr:
ISBN:978-3-89971-992-5
Umfang/Preis:467 S.; € 61,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Uwe Müller, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas Leipzig (GWZO) an der Universität Leipzig
E-Mail: <uwe.muelleruni-leipzig.de>

Die Frage, auf welche Weise die deutschen Wirtschaftseliten versucht haben, ihre (außen-)wirtschaftlichen Interessen zu bestimmen, untereinander auszugleichen und gegenüber den Regierungen der Weimarer Republik sowie vor allem im Rahmen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems zur Geltung zu bringen, ist schon häufig diskutiert, aber nur selten unter Nutzung einer so breiten Quellengrundlage behandelt worden, wie dies Carl Freytag in seinem Buch über den Mitteleuropäischen Wirtschaftstag tut. Der 1925 in Wien gegründete Mitteleuropäische Wirtschaftstag (MWT) war zunächst eine von mehreren privaten Organisationen, die sich um eine engere ökonomische Integration im – durchaus unterschiedlich definierten – Mitteleuropa bemühten. Seit 1931 bestimmte dessen Deutsche Gruppe, die wiederum stark durch Vertreter des Langnam-Vereins, also der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie, den Kurs des MWT. Dieser beschäftigte sich nun vor allem mit der wirtschaftlichen Durchdringung Südosteuropas, sammelte Informationen über die Länder der Region, entwickelte entsprechende Konzeptionen, aber auch konkrete Projekte, und versuchte natürlich, die deutsche Außenwirtschafts- bzw. ab 1941 im jugoslawischen Fall auch die wirtschaftliche Besatzungspolitik in seinem Sinne zu beeinflussen.

Das Verhältnis des Vereins zu den einzelnen Teilen des polykratischen NS-Systems spielt im Buch eine zentrale Rolle und wird sehr differenziert dargestellt. Der Zusammenhang zu den Debatten der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichtsschreibung etwa über die Rolle der Unternehmen und die Charakterisierung der Wirtschaftsordnung im NS-Staat hätte deutlicher gemacht werden können. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Südosteuropa werden vor allem hinsichtlich der deutschen Konzeptionen und teilweise auch der praktizierten Politik behandelt, während die ökonomischen Effekte weniger im Fokus stehen und auch die südosteuropäische Perspektive weitgehend ausgeblendet bleiben musste.

Nach einer sehr knappen, die Fragestellung nur grob skizzierenden Einleitung (S. 17–19) behandelt Freytag die Geschichte des MWT chronologisch. Im ersten Kapitel über die Periode bis 1931 (S. 21–81) werden zunächst die zeitgenössischen Mitteleuropa-Konzeptionen sowie die mit ihnen verbundenen Organisationen vorgestellt, wobei näher auf die Frühgeschichte des MWT eingegangen wird. Im Abschnitt über die „Krisen in der Zeit der Weimarer Republik“ (S. 39–54) hält sich der Autor nicht mit den allgemeinen politik- und wirtschaftshistorischen Hintergründen des Untergangs von Weimar oder der strukturellen Agrarkrise und der Weltwirtschaftskrise auf, sondern verbindet kurze Darstellungen der „Exportkrise der deutschen Schwerindustrie“ bzw. der „deutschen Agrarkrise“ direkt mit der Einführung seiner wichtigsten Akteure: dem späteren MWT-Geschäftsführer Max Hahn sowie dessen späteren Vorsitzenden Tilo von Wilmowsky. Diese Vorgehensweise ist letztlich konsequent, da Freytag auch im Folgenden die Geschichte des MWT weitgehend über die Stellung, das Denken und das Handeln der Protagonisten des Vereins beschreibt, erklärt und schließlich auch gliedert. Aufgrund dieser Perspektive wird die Darstellung aber auch teilweise über die Angelegenheiten des MWT hinausgeführt. So behandelt Freytag beispielsweise, wie Wilmowskys agrarpolitische Auffassungen von der direkt nach der Machtergreifung praktizierten NS-Politik abwichen, wodurch er sein Amt als Präsident des von ihm gegründeten Reichskuratoriums für Technik in der Landwirtschaft verlor. Andererseits korrespondiert der akteurszentrierte Ansatz mit einer zentralen These des Buches: Danach haben gerade Wilmowsky und Hahn schon vor 1933 die Chance gesehen, Südosteuropa zum wirtschaftlichen Ergänzungsraum für die deutsche Volkswirtschaft zu entwickeln, und den MWT als Institution zur Entwicklung entsprechender Konzepte und Initiierung konkreter Projekte, die speziell auf die Interessen der hinter dem Verein stehenden Unternehmen zugeschnitten waren, aufgebaut und geleitet.

Im zweiten Kapitel über den „MWT in der Ära Hahn, 1931–1939“ (S. 83–243) werden zunächst die wichtigsten Personen, Vereinsstrukturen sowie die zentralen Ziele und Aktivitäten des Vereins in ihrer Verschränkung zwischen innerer und äußerer Wirtschaftspolitik dargestellt. Im Gegensatz zu Wilmowskys agrarpolitischen Auffassungen stimmten Hahns außenhandelspolitische Vorstellungen mit den Strategien der NS-Regierung überein, wie sie sich unter anderem 1934 in den mit Ungarn und Jugoslawien geschlossenen Handelsverträgen niederschlugen. Ein direkter Einfluss des MWT auf Hjalmar Schachts „Neuen Plan“ ist zwar nicht direkt nachweisbar, aber durchaus wahrscheinlich. Im weiteren Verlauf des Kapitels geht Freytag ausführlich auf die Durchführung konkreter Projekte durch den MWT, wie den Sojaanbau in Bulgarien und Rumänien, die wenig erfolgreiche Erschließung von Bodenschätzen (vor allem von Nichteisenerzen in Jugoslawien) sowie die verschiedenen Ausbildungs- bzw. Stipendienprogramme, ein. Die im diametralen Gegensatz zur sonstigen NS-Politik stehenden Bemühungen um eine Industrieförderung werden leider nur sehr kurz abgehandelt (S. 222f.). Das Kapitel endet mit der Darstellung der Vereinskrise von 1938/39, die auf Personalwechsel im Auswärtigen Amt und im Wirtschaftsministerium sowie den Tod des – allerdings kurz zuvor ohnehin entlassenen – Geschäftsführers Hahn zurückgeführt wird.

Das dritte Kapitel (S. 245–348) befasst sich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges, dessen Ausbruch jedoch nicht als Zäsur für die Geschichte des MWT gesehen wird. Tatsächlich zeigen die sich in den Gutachten des MWT widerspiegelnden Konzepte eine bemerkenswerte Kontinuität, da man nach wie vor für eine Technisierung der südosteuropäischen Landwirtschaft und eine – freilich mit den Interessen der deutschen Wirtschaft abzustimmende – Industrialisierung Südosteuropas eintrat und die bestehenden staatlichen Strukturen beibehalten wollte. Militärische Besetzung, Deindustrialisierung, Umsiedlungen wurden als kontraproduktive Maßnahmen abgelehnt. Wichtigste Projekte dieser Zeit waren denn auch die Gründung von Landesgruppen bzw. bilateralen Ausschüssen in den Ländern sowie die Einrichtung von Landmaschinenschulen und Musterdörfern. Freytag zeigt in diesem Kapitel sehr anschaulich, wie konkurrierende Institutionen gegen den „liberalistischen“ MWT intrigierten, seine Stellung jedoch nicht grundsätzlich gefährden konnten. Er leitet auch daraus die These ab, dass „von einem generellen Verlust an Einfluss (des MWT) nach 1938/39 keine Rede sein kann“ (S. 381). Allerdings schildert Freytag an anderer Stelle selbst, dass der MWT – mit Ausnahme der eigenen Projekte – keinen direkten Einfluss auf die Außenwirtschaftspolitik mehr ausüben konnte sowie zunehmend für die Entwicklung „unzeitgemäßer“ Friedenskonzepte kritisiert und in seiner Reisetätigkeit behindert wurde. Eine deutlichere Gegenüberstellung der Vorstellungen des MWT mit der praktizierten deutschen Wirtschafts- und Besatzungspolitik im Südosten hätte vielleicht eine andere Einschätzung über dessen Wirksamkeit während des Krieges ergeben. Diese ist aber offensichtlich in den Selbstzeugnissen der MWT-Führung, auf deren Auswertung sich Freytag in diesem Kapitel konzentriert hat, aus naheliegenden Gründen kaum erfolgt. Wie sich der MWT zur Ausbeutung der südosteuropäischen Ressourcen, insbesondere zur Rekrutierung von Zwangsarbeitern, oder auch zur Judenverfolgung verhalten hat, wird daher an dieser Stelle nicht behandelt.

Erst im vierten und letzten Kapitel über „Macht, Einfluss und Stellung des MWT“ (S. 349–386) wird dessen Verhältnis zu NS-Ideologie und Politik systematischer betrachtet. Hier löst sich Freytag stärker von seinen Quellen und liefert dadurch einiges an Kontextualisierung nach. So betont er im Abschnitt über den MWT und die NS-Ideologie, dass „Rassenfragen“ im Allgemeinen und auch Antisemitismus im Speziellen für die Haltung der MWT-Funktionäre gegenüber den südosteuropäischen Völkern keine Rolle spielten. Man betrachtete Südosteuropa eher als „informal empire“, in dem man mit „Kollaborationseliten“ zusammenarbeiten konnte und dessen im Wesen „gutartige“, „fleißige“ und von der mitteleuropäischen Kultur nicht allzu weit entfernte Bevölkerung nach entsprechender Ausbildung durchaus leistungsfähig war. Inwieweit dieser Ansatz auch außerhalb des MWT verfolgt wurde, wäre allerdings ebenso noch zu untersuchen wie die Reaktion der „Kolonisierten“ auf den Kulturtransfers.

Insgesamt kann Freytags sich auf eine außerordentlich breite Quellenbasis stützende Untersuchung zahlreiche allzu pauschale Wertungen früherer Historiker über die Nähe des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages zur NS-Politik sowie über dessen Einfluss innerhalb des Systems revidieren. Sehr anregend ist auch die Diskussion, inwieweit Personen, wie Wilmowsky und Hahn Mitläufer oder Mittäter, verborgene Nazigegner oder eben überzeugte Interessenvertreter der deutschen Wirtschaft waren. Positiv hervorzuheben ist schließlich, dass das Buch ein ausgesprochen hilfreiches kommentiertes Personenregister enthält und insgesamt vorzüglich redigiert wurde.

ZitierweiseUwe Müller: Rezension zu: Freytag, Carl: Deutschlands „Drang nach Südosten“. Der Mitteleuropäische Wirtschaftstag und der „Ergänzungsraum Südosteuropa“ 1931–1945. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 12.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-149>.

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