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Mittelalterliche Geschichte

R. Schneider: Vom Dolmetschen im Mittelalter

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Lioba Geis <lioba.geisuni-koeln.de>
Autor(en):
Titel:Vom Dolmetschen im Mittelalter. Sprachliche Vermittlung in weltlichen und kirchlichen Zusammenhängen
Reihe:Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 72
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:978-3-412-20967-4
Umfang/Preis:194 S.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Achim Hack, Historisches Institut, Universität Jena
E-Mail: <achim.hackuni-jena.de>

Das Problem des Dolmetschens im mittelalterlichen Europa wurde bislang nur in Aufsätzen und in Lexikonbeiträgen behandelt. Jetzt hat ihm der Saarbrücker Emeritus Reinhard Schneider eine eigene Monografie gewidmet – ein Buch, das allerdings eine ganze Reihe von Fragen aufwirft.

Auf die Hilfe von Dolmetschern hat man in der Vormoderne genauso wenig verzichtet wie heute und auch die Situationen scheinen annähernd die gleichen gewesen zu sein. Die weit verstreuten Belege dafür gesammelt und grob geordnet präsentiert zu haben, ist das bleibende Verdienst der hier anzuzeigenden Arbeit.

Lange Passagen des in neun Kapitel untergliederten Buches haben allerdings mit Dolmetschern und Dolmetschen sehr wenig zu tun, so etwa die Gliederungspunkte I, III.2, IV.1-5, V.4-6 und VI. Thema sind hier die sprachliche Situation im Mittelalter ganz allgemein sowie die Sprachkompetenzen der Herrschenden. Die interessantesten Fragen werden im siebten Kapitel gestellt, wo es um die genaue Art des Dolmetschens, die Verlässlichkeit, das „Anforderungsprofil“, die Ausbildung, die Belohnung, die Tätigkeitsbereiche sowie um die Herkunft und soziale Stellung der Dolmetscher geht (S. 119–145). Allerdings sind diese Fragen nicht annähernd befriedigend zu beantworten, wie der Verfasser selbst immer wieder betont. Daher kommt er auf äußerst dünner Quellenbasis fast nur zu Spekulationen, Hypothesen und vagen Vermutungen.

Das erste einschlägige Kapitel – das zweite insgesamt (S. 29–40) – beginnt mit einem knappen Forschungsüberblick, in dem unter anderem auf das Fehlen einer entsprechenden Studie hingewiesen wird. Im Folgenden werden die wichtigsten Termini für den mündlichen Übersetzer genannt; es sind dies interpres, tolmetsch, tolk und dragoman. Daran schließen sich „methodische Überlegungen“ an, die merkwürdig diffus, redundant und bisweilen geradezu banal sind. So heißt es zum Beispiel: „Notwendig ist ein näheres Eingehen auf Fremdsprachenkenntnisse und das Vorlegen eines Teils des Belegmaterials. Dies ist breit gestreut, in aller Regel zufälliger Natur und daher auch nicht systematisch zu ermitteln“ (S. 38). Nur acht Zeilen später schreibt Schneider: „Sodann ist ein näheres Eingehen auf Sprachkenntnisse und das Vorführen eines Teils des Belegmaterials erforderlich, das allerdings sehr weit gestreut ist“. Wurde dieser Text jemals vom Verlagslektor gelesen? Hat ihn sich auch nur einer der neun Herausgeber der Reihe genauer angesehen?

Noch immer auf derselben Seite formuliert der Verfasser die folgende Behauptung: „Denn nicht ganz abwegig ist die These, daß zwei- oder mehrsprachige Herrscher, Feldherren, Händler usw. im Normalfall nicht auf Dolmetscher zwingend angewiesen waren.“ Wer wollte dieser Aussage widersprechen? Auch Schneider nicht, hatte er doch nur einige Seiten zuvor schlicht konstatiert: „Es soll noch versucht werden, anhand von insgesamt doch dürftigen Nachrichten zu ermitteln, ob und welche Herrscher über Kenntnisse in mehreren Sprachen verfügten und gegebenenfalls in der Lage waren, auf sonst notwendige Dolmetscherdienste zu verzichten“ (S. 25). Ein langes Zitat auf S. 44 von Erich Zöllner wird zwei Seiten später noch einmal wörtlich wiederholt. Dies sind leider keine Einzelfälle, vielmehr handelt es sich um Beispiele, die den Charakter des Buches recht gut illustrieren.

In Abschnitt III.2 werden „Fremdsprachenkenntnisse bei fränkischen Königen“ angekündigt, erstaunlicherweise aber genauso Herrscher der Hunnen, Ost- und Westgoten, langobardische Krieger und sogar Päpste angeführt – um die „Beleglücke“ zu „füllen“ (S. 47), wie sich der Verfasser ausdrückt. Unter dem gleichen Gesichtspunkt geht Schneider im Anschluss daran die Könige des Hoch- und Spätmittelalters durch; die meisten von ihnen sind ihm ein bis zwei Sätze wert. Anders als eingangs angekündigt (S. 40) greift er dabei nicht durchweg auf Primärquellen zurück, sondern exzerpiert oft genug nur die einschlägigen Aussagen aus Beumanns „Kaisergestalten“[1]; bei den „Fürsten und Herren“ bildet der von Holtz und Huschner herausgegebene Sammelband die entsprechende Grundlage.[2] Dazwischen geht ein Exkurs auf „Das Kriterium der eigenhändigen Unterschrift“ ein (S. 57–60); was dieser Abschnitt mit Sprachenkenntnissen oder gar mit Dolmetschern zu tun hat, ist nicht zu erkennen. In der Sache geht er im Übrigen auch nicht über die Ergebnisse hinaus, die Wendehorst schon im Jahre 1986 vorgetragen hat.[3]

Oder was ist davon zu halten, wenn der Verfasser darüber nachdenkt, ob die Predigten mittelalterlicher Papstlegaten simultan gedolmetscht wurden (S. 143), nachdem er zuvor festgestellt hatte, dass Simultandolmetschen eine Erfindung der 1920er-Jahre und somit für das Mittelalter auszuschließen sei (S. 119)? Und wie soll man mit der Aussage umgehen, die Frage nach Fremdsprachenkenntnissen sei „abhängig von der grundsätzlicheren Fragestellung, wer denn im Mittelalter lesen und schreiben konnte“ (S. 46), da doch überall und zu jeder Zeit auch Analphabeten Zweit-, Dritt- und Viertsprachen erlernen?

Die Quellenzeugnisse selbst werden von Schneider paraphrasiert oder in deutscher Übersetzung dargeboten und sind insofern leserfreundlich aufgearbeitet. In welchem historischen Kontext sie stehen und wie sie quellenkritisch zu bewerten sind, erfährt man dagegen nicht – oder wesentlich positiver formuliert: Die Forschungsarbeit wird dem Leser überlassen.

Zusammenfassend sei noch einmal betont, dass die von Schneider gebotene Stellensammlung zu den Dolmetschern des Mittelalters und ihrer Tätigkeit einmalig ist. Allem, was in dem schmalen Buch darüber hinaus geboten wird, kann man nur mit der allergrößten Skepsis begegnen.

Anmerkungen:
[1] Helmut Beumann (Hrsg.), Kaisergestalten des Mittelalters, München ²1985.
[2] Eberhard Holtz / Wolfgang Huschner (Hrsg.), Deutsche Fürsten des Mittelalters, Leipzig 1995.
[3] Alfred Wendehorst, Wer konnte im Mittelalter lesen und schreiben?, in: Johannes Fried (Hrsg.), Schulen und Studium im sozialen Wandel des hohen und späten Mittelalters, Sigmaringen 1986, S. 9–33.

ZitierweiseAchim Hack: Rezension zu: Schneider, Reinhard: Vom Dolmetschen im Mittelalter. Sprachliche Vermittlung in weltlichen und kirchlichen Zusammenhängen. Köln 2012, in: H-Soz-u-Kult, 05.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-198>.

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