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Mittelalterliche Geschichte

C. Moddelmog: Königliche Stiftungen im historischen Wandel

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Wolfgang Eric Wagner <wolfgang-eric.wagneruni-muenster.de>
Autor(en):
Titel:Königliche Stiftungen des Mittelalters im historischen Wandel. Quedlinburg und Speyer, Königsfelden, Wiener Neustadt und Andernach
Reihe:StiftungsGeschichten 8
Ort:Berlin
Verlag:Akademie Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-05-005782-8
Umfang/Preis:geb.; 311 S.; € 79,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Thomas Wozniak, Institut für Mittelalterliche Geschichte, Philipps-Universität Marburg
E-Mail: <thomaswozniakyahoo.com>

Fünf Fallstudien königlicher Stiftungen vergleicht Claudia Moddelmog in ihrer 2009 abgeschlossenen Dissertation, die nun als achter Band in der Reihe „StiftungsGeschichten“ erschienen ist. Betrachtet werden dabei, nach dem „Leitprinzip größtmöglicher Varianz“ (S. 14), ausschließlich königliche Stiftungen. Begründet wird dies mit der früheren Einbindung der Autorin in die DFG-Projekte „Quellencorpus zum mittelalterlichen Stiftungswesen“ (1997/1998) und „Stiftungen der fränkischen und deutschen Könige und ihre Wirklichkeiten“ (1999/2000) unter der Leitung von Michael Borgolte (Humboldt-Universität zu Berlin).

Nach einer kurzen Einleitung in das Thema „Stiftungsgeschichte zwischen Wandel und Verstetigung“ (S. 11–18) folgen chronologisch die fünf Fallstudien, die jeweils über ein eigenes Resümee verfügen. Im siebenten Kapitel „Die Fallstudien in der Zusammenschau“ (S. 271–275) werden für die Ergebnisse der Einzelbetrachtungen „die Möglichkeiten einer vergleichenden und systematisierenden Zugriffsweise exemplarisch verdeutlicht“ (S. 275). Der Anhang (S. 275–311) enthält „Nachweise“ (S. 275–286) aus Andernacher Rechnungen und Ratsprotokollen – damit sind findbuchartige Quellenauszüge gemeint –, und Verzeichnisse der verwendeten Siglen, Quellen und Literatur sowie ein ausführliches Register der vorkommenden Orts- und Personennamen.

Die Fallstudien werden mit der ältesten der betrachteten Stiftungen begonnen, dem 936 gegründeten Kanonissenstift in Quedlinburg (S. 19–64). Ausgehend von dem verlorenen ersten Diplom Ottos I. wird für die Anfangszeit die bisherige Forschungsliteratur solide zusammengefasst. Die Darstellung bietet eine gut lesbare Übersicht zur Stiftsentwicklung auf dem aktuellen Forschungsstand. Spannend wird das Kapitel (und die Arbeit überhaupt) an den Stellen, wo über die wenigen hochmittelalterlichen Quellen hinaus späteres Quellenmaterial herangezogen wird. So werden die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Einträge in verschiedenen Handschriften und Drucken, aber auch bisher unbekannte Eintragungen zur Memorialpraxis des 16. Jahrhunderts aus den überlieferten Rechnungen des Stiftes vorgestellt. Die Autorin betont in Bezug auf das Stift zu Recht, dass „jegliche Vorarbeiten für eine Analyse des Quedlinburger Rechnungswesens fehlen“ (S. 58). Die stichprobenartigen Untersuchungen machen klar, dass dort die Ansatzpunkte künftiger Forschung liegen, um weitergehende Nachrichten zur Entwicklung der praktischen Memoria und zu wichtigen Teilaspekten wie dem verlorengegangenen Grab Heinrichs I. zu finden. Ihre Deutung schlägt vor, dass es sich bei den in den Rechnungen genannten Beträgen für das Gedenken an Einzelpersonen, wie Mathilde oder Heinrich I., um "vermeintliche Stiftungen" (S. 271) handelt.

Als zweite wird die 1111 in Speyer eingerichtete „Jahrtagsstiftung für Heinrich IV.“ (S. 65–110) betrachtet. Ausgangspunkt der Analyse ist die vieldiskutierte Urkundeninschrift von Heinrich V. am Speyerer Dom. Obwohl in situ verloren, ist die Überlieferung doch so gut, dass sich der Inhalt der Inschrift rekonstruieren lässt. Diese hat in jüngster Zeit an anderer Stelle Würdigungen erfahren[1], die aber wohl hier nicht mehr berücksichtigt werden konnten, da die vorliegende Fassung gegenüber 2009 „für den Druck nur geringfügig überarbeitet“ (S. 9) wurde.

In der dritten betrachteten Stiftung geht es wieder um das Familiengedenken, diesmal im 1309 gestifteten Klarissen- und Franziskanerkloster Königsfelden (S. 111–204); es ist das kürzeste der behandelten Fallbeispiele. Ausgangspunkt ist eine in Brugg ausgefertigte Urkunde, mit der Königin Elisabeth das Bemühen um das Seelenheil von Albrecht I., um ihr eigenes und das zweier Vorfahren sichern wollte (S. 114). Die vorletzte Stiftung, in der Wiener Neustadt von 1444, wird als „ein Kollegiatkapitel für den repräsentativen Gottesdienst“ (S. 205–222) betitelt. Am Palmsonntag 1444 ließ Friedrich III. die Stiftungsurkunde dafür ausfertigen (S. 206).

Die abschließend betrachtete Stiftung in Andernach erfährt die ausführlichste Darstellung: „Priesterpfründe und Gefallenenjahrtag“ (S. 223–270). Sie geht ebenfalls auf ein Diplom Friedrichs III., diesmal vom 2. März 1475, zurück, mit dem der kurkölnische Rheinzoll von Linz nach Andernach verlegt und mit dessen Einnahmen eine Priesterpfründe finanziert wurde. Der Pfründeninhaber hatte am Julianentag (16. Februar) ein aufwändiges Anniversar für die in der Schlacht von 1475 tragisch ums Leben gekommenen 60 bis 150 Andernacher Bürger abzuhalten.

Die Fragestellung der Arbeit richtet den Fokus auf die Auslöser der Stiftungen, die Dauer ihres Bestehens und die Entwicklung der Gedenkpraxis, wofür im Folgenden ein paar Beispiele gegeben werden: Die Auslöser für die Errichtung der Stiftungen waren für Quedlinburg der Tod Heinrichs I., für Speyer der Tod Heinrichs IV., für Königsfelden die Ermordung Albrechts I. und im Fall von Andernach der unglückliche Tod einer größeren Zahl von Andernacher Kaisertreuen. Das Kollegiatkapitel in Wiener Neustadt fällt etwas heraus, da für dessen Stiftung der Erwerb der Königswürde für die Habsburger durch Friedrich III. der Auslöser gewesen ist.

Die Dauer und Entwicklung der Memorialpraxis oder der liturgischen Verpflichtungen ist bei allen fünf Stiftungen sehr verschieden: Am längsten bestand die früheste der betrachteten Stiftungen, das Quedlinburger Stift, nämlich von 936 bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1803. Das Anniversar in Speyer lässt sich von 1111 bis in die Reformationszeit nachweisen (S. 108f.). Die Gedenktradition in Königsfelden seit 1309 erlosch mit der Reformation (S. 198f. und 202f.). Friedrich III. selbst löste seine Stiftung in Wiener Neustadt von 1444 wieder auf, als er sich „gänzlich von seiner Stiftung abwandte und das Kapitel bis etwa 1480 aussterben ließ“ (S. 221), wogegen seine andere Stiftung von 1475 in Andernach 1794 zum Erliegen kam, „als Andernach französisch wurde“ (S. 269). Den Veränderungsdruck späterer Zeiten konnten die Institutionen unterschiedlich gut verkraften, eine wurde sehr schnell, zwei weitere mit der Reformation eingestellt, während Andernach und Quedlinburg erst den Folgen der französischen Revolutionskriege zum Opfer fielen.

Drei der Stiftungen waren bei dynastischen Königsgrablegen eingerichtet: Speyer, Königsfelden und Quedlinburg, wobei die letztere in der dynastischen Funktion bereits nach einer Generation scheiterte. Aus diesem Rahmen fällt die Andernacher Stiftung etwas heraus, da sie eine Reaktion auf ein vom Kaiser verschuldetes Unglück mit vielen Gefallenen darstellte. Noch weiter weicht das Kollegiatstift in Wiener Neustadt von dieser Form ab, weil in seiner Gründungsurkunde überhaupt keine Verpflichtungen zum Gedenken an den Stifter auferlegt wurden (S. 208f.), gleichwohl aber eine intensive liturgische Praxis. Auch die Art der Institutionalisierung war verschieden. War die Jahrtagsstiftung in Speyer an das Bistum angelehnt, so wurde in Quedlinburg eigens ein Kollegiatstift errichtet und im Falle der Wiener Neustadt ein Kollegiatstift mit dem Ziel einer Bistumsgründung (S. 220). In Königsfelden wurde ein Doppelkloster mit Klarissen und Franziskanern eingerichtet, in Andernach eine einzelne Pfründe.

Fazit: Der Versuch, die Fallstudien einheitlich zu strukturieren, hätte noch konsequenter erfolgen können. Bei dem hohen Grad an Varianz wäre dann die vierseitige Zusammenschau der Fallstudien, die etwas zu kurz ausgefallen ist, sicher leichter zu bewerkstelligen gewesen. Diese Schwäche wird aber durch die Zusammenfassungen am Ende jeder einzelnen Fallstudie etwas aufgefangen. Die Bedeutung der Arbeit für die einzelnen Orte liegt in dem vergleichenden Ansatz, mit dem die Autorin gearbeitet hat. So kann – trotz der vielen Unterschiede – ein Abstraktionsgrad erreicht werden, der es ermöglicht, den Einzelbefund auf einer übergeordneten Stufe zu verorten. Das Buch wird dem Wunsch der Autorin entsprechend wohl für jede der fünf besprochenen Stiftungen, aber auch darüber hinaus helfen, „die weitere Erforschung von Stiftungswirklichkeiten anzuregen“ (S. 274).

Anmerkung:
[1] Sebastian Scholz, Die Urkundeninschriften in Speyer (1111), Mainz (1135) und Worms (1184). Funktion und Bedeutung, in: Laura Heeg (Hrsg.), Die Salier. Macht im Wandel, Begleitband zur Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer, Bd. 1, München 2011, S. 162–165; Sebastian Scholz, Die Urkundeninschriften Kaiser Heinrichs V. für Speyer aus dem Jahr 1111, in: Heeg (Hrsg.), Die Salier, S. 166–173; Sebastian Scholz, Die Urkunden Kaiser Heinrichs V. für die Bürger der Stadt Speyer, 7. und 14. August 1111 (Quellenedition), in: Heeg (Hrsg.), Die Salier, S. 174f.; Kurt Andermann, Die Speyerer Privilegien von 1111, in: Heeg (Hrsg.), Die Salier, S. 176–179.

ZitierweiseThomas Wozniak: Rezension zu: Moddelmog, Claudia: Königliche Stiftungen des Mittelalters im historischen Wandel. Quedlinburg und Speyer, Königsfelden, Wiener Neustadt und Andernach. Berlin 2012, in: H-Soz-u-Kult, 13.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-095>.

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