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Zeitgeschichte (nach 1945)

K. Kempter: Joseph Wulf

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Joseph Wulf. Ein Historikerschicksal in Deutschland
Reihe:Schriften des Simon-Dubnow-Instituts 18
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-36956-2
Umfang/Preis:422 S., 11 Abb.; € 64,99

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Hendrik Niether, Hannover
E-Mail: <hniethergmx.de>

Den Holocaust zu beschreiben, indem man die Perspektive der Opfer integriert bzw. ins Zentrum rückt, ist spätestens seit Saul Friedländers Opus magnum „Das Dritte Reich und die Juden“ für heutige Forschergenerationen selbstverständlich.[1] Eine bereits 1955 unter dem gleichen Titel erschienene Dokumentation über die NS-Judenvernichtung war von der etablierten Geschichtswissenschaft indes jahrzehntelang kaum beachtet worden. Der Autor dieses Werks war Joseph Wulf, der als Auschwitz-Überlebender und historiografischer Autodidakt in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft gemeinhin als Außenseiter galt. Von namhaften Wissenschaftlern wurde er wegen seines methodischen Vorgehens und der vermeintlich fehlenden Distanz zur Geschichte des NS-Staats scharf angegriffen. Sein Suizid im Herbst 1974 machte ihn in der Rückschau vieler Zeitgenossen umso mehr zu einer tragischen Figur. Kurze Beachtung fand Wulfs Schaffen, als der Journalist Henryk M. Broder ihm 1981 einen Fernsehfilm widmete. In die historiografische Diskussion holte ihn erst 2003 Nicolas Berg, der Wulf als einen Pionier der Holocaustforschung in der Bundesrepublik bezeichnete.[2]

Pünktlich zu Joseph Wulfs 100. Geburtstag hat der Germanist Klaus Kempter nun eine Biografie vorgelegt. Überwiegend auf Grundlage des Nachlasses, ergänzt durch weitere Archive in Deutschland, Polen und Israel, analysiert er detailreich das bewegte Leben des Holocaustforschers und sein umfangreiches publizistisches Werk im geschichtspolitischen und -kulturellen Kontext der Bundesrepublik. Bergs These vom historiografischen Pionier folgend, zeigt Kempter, wie Wulf trotz massiven gesellschaftlichen Gegenwinds Themen zur Sprache brachte, „die die historische Wissenschaft oder die populär-kulturelle Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus erst mit großer Verzögerung für sich entdeckten“ (S. 158). Dabei erscheint es ihm zu Recht besonders wichtig, der Erzählung von Wulf als einer tragischen Figur dessen Lebensleistungen entgegenzustellen.

Entsprechend engagiert beschreibt Kempter seinen Protagonisten schon im ersten Teil des Buchs, der sich Wulfs Jugend in Krakau, der Haft in Auschwitz sowie den ersten Nachkriegsjahren widmet. Dass es dem Autor gelingt, den Leser trotz des begrenzten Materials eingehend über diese frühen Lebensabschnitte zu informieren, ist ein großes Verdienst – zumal Wulf selbst sich dazu wenig oder widersprüchlich geäußert hat. Wulfs kämpferisches Wesen offenbarte sich vor allem während der deutschen Besatzung in Polen. Seit 1939 gehörte er einer zionistischen Jugendorganisation an, die den Widerstand im Krakauer Ghetto organisierte. Im März 1943 verhaftete ihn die Gestapo und deportierte ihn nach Auschwitz, zwei Jahre später gelang ihm auf einem Todesmarsch die Flucht. Die ersten Nachkriegsjahre, die Wulf in Polen, Schweden und Frankreich verbrachte, waren für den Holocaust-Überlebenden eine unstete Zeit. Den roten Faden, so Kempter, stellte Wulfs Arbeit für die Jüdischen Historischen Kommissionen dar, aus der ein internationales Beziehungsnetz entstand, das Wulf später in West-Berlin „die fehlende institutionelle Einbindung“ ersetzen half (S. 23). Zu diesem Netzwerk gehörten sowohl namhafte jüdische Persönlichkeiten als auch Organisationen wie der World Jewish Congress. Doch während Kempter die internationalen Kontakte Wulfs im ersten Teil umfangreich vorstellt, findet diese Akribie in den folgenden Abschnitten keine Fortsetzung. Dabei hätte die weitere Analyse der Korrespondenzen die Chance geboten, die internationale Wahrnehmung der bundesdeutschen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit genauer zu beschreiben.

Den Lebensaufgaben Wulfs, der Auseinandersetzung mit der Tätergesellschaft und der Aufklärung über ihre Verbrechen, widmet sich der zweite Teil des Buchs durch eine intensive und detaillierte Werkanalyse. Dabei richtet Kempter den Blick ebenso auf die Erfolge und Leistungen Wulfs wie auf dessen Schwierigkeiten, seinen Standpunkt in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft zu vertreten. Kempter sieht Wulf als einen Gegenpol zu den allgemeinen Diskursen über das „Dritte Reich“ in der frühen Bundesrepublik, in denen die Thematisierung des Judenmords zugunsten einer halbherzigen „Vergangenheitsbewältigung“ und einer konsequenten Schuldabwehr vermieden wurde. Als Wulf in den 1950er-Jahren die ersten Dokumentationen veröffentlichte, kritisierten nicht zuletzt etablierte Fachwissenschaftler sein Vorgehen scharf. Auch in Kempters Werk – wie zuvor schon bei Nicolas Berg – spielt daher Wulfs Kontroverse mit Martin Broszat vom Münchener Institut für Zeitgeschichte eine zentrale Rolle. In der Darstellung der Rezeption von Wulfs Arbeiten zeigt sich allerdings, dass das Buch seinem Untertitel „Ein Historikerschicksal in Deutschland“ nicht gerecht wird, blendet Kempter die DDR doch fast vollständig aus und verharrt in der Beschreibung einer Historikerbiografie in Westdeutschland. Interessant wäre es jedoch gewesen, Wulfs Wirken im Ost-West-Konflikt zu verorten. So war die namentliche Benennung ehemaliger NS-Funktionäre im westdeutschen Staatsdienst – ein zentraler Kritikpunkt an Wulfs Dokumentationen – auch ein wesentlicher Aspekt der deutsch-deutschen Streitgeschichte.

Die Person Wulf, die im zweiten Teil überwiegend durch sein Werk beschrieben wird, tritt im folgenden Abschnitt wieder stärker hervor, wenn es um Wulfs wirtschaftliche Existenzkämpfe, die Frage seines jüdischen Selbstverständnisses und die vergeblichen Bemühungen geht, von der intellektuellen Elite der Bundesrepublik akzeptiert zu werden. Diese Fragen sind für Wulfs Lebensgeschichte zentral, und Kempter gibt ihnen den gebührenden Raum. Allerdings kommen Wulfs vergebliche Bemühungen um die Gründung eines NS-Dokumentationszentrums im Haus der Wannsee-Konferenz vergleichsweise zu kurz. Die mit diesem Projekt verbundenen Hoffnungen und Enttäuschungen bestimmten sein Leben fast ein Jahrzehnt lang. Aber im Buch erscheinen die 20 Seiten, die dem Thema gewidmet sind, eher als Anekdote. Dies ist wohl räumlichem Pragmatismus geschuldet, zumal zu dem Komplex bereits Untersuchungen vorliegen.[3] Doch gerade deswegen hätte Kempter nicht erneut die Debatten mit Broszat in den Mittelpunkt stellen sollen. In Anknüpfung an die bereits geäußerten Kritikpunkte wäre eine genaue Analyse der mit dem Dokumentationszentrum angestrebten Institutionalisierung von Wulfs internationalem Beziehungsnetz wünschenswert gewesen. Zudem wirft die Beteiligung prominenter Bürger aus diversen Ostblockstaaten an Wulfs Initiative die Frage auf, wie ausgeprägt sein „Antikommunismus“ – den Kempter stets betont – tatsächlich war. So finden die Konstellationen des Kalten Kriegs in diesem Buch insgesamt zu wenig Beachtung, obwohl sie in West-Berlin, wo Wulf über 20 Jahre lang lebte, stets gegenwärtig waren.

Ungeachtet dessen überzeugt Kempters Argumentation, es genüge nicht, das Scheitern des Wannsee-Projekts allein als weitere gesellschaftliche Ausgrenzung und Missachtung Wulfs zu interpretieren. Die Aversionen richteten sich weniger gegen seine Person als gegen den Ort, an dem das Projekt verwirklicht werden sollte. Die Dokumentation von NS-Verbrechen an historischen Orten ihres Geschehens war erst Jahrzehnte später möglich. Wulf blieb auf diesem Feld mithin ebenfalls ein gescheiterter Pionier, und es fiele leicht, seinen Suizid im Herbst 1974 damit zu begründen. Doch auch hier erweitert Kempter die Diskussion, indem er betont, dass der Tod von Wulfs Ehefrau die persönlichen Probleme und gesellschaftlichen Themen überschattete, die Wulf zu Beginn der 1970er-Jahre belasteten. So bricht Kempter konsequent mit dem einseitigen „Narrativ vom allzeit unverstandenen und ausgegrenzten Auschwitz-Opfer“ (S. 388). Und darin liegt die Stärke dieser lesenswerten Biografie über Joseph Wulf, die für die Erforschung des bundesdeutschen Umgangs mit dem „Dritten Reich“ ebenso eine Bereicherung darstellt wie für die Geschichte der Juden im (westlichen) Nachkriegsdeutschland.

Anmerkungen:
[1] Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden, 2 Bde., München 1998/2006.
[2] Nicolas Berg, Die westdeutschen Historiker und der Holocaust. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003.
[3] Gerd Kühling, Streit um das „Haus der Endlösung“. Joseph Wulf und die Initiative für ein Dokumentationszentrum im Haus der Wannsee-Konferenz, in: Norbert Kampe / Peter Klein (Hrsg.), Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942. Dokumente, Forschungsstand, Kontroversen, Köln 2013, S. 415–436; Gerhard Schoenberner, Joseph Wulf. Aufklärer über den NS-Staat. Initiator der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin 2006.

ZitierweiseHendrik Niether: Rezension zu: Kempter, Klaus: Joseph Wulf. Ein Historikerschicksal in Deutschland. Göttingen 2013, in: H-Soz-Kult, 12.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-034>.

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