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Zeitgeschichte (nach 1945)

Th. Großbölting: Der verlorene Himmel

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-30040-4
Umfang/Preis:320 S., 6 Abb.; € 29,99

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Frank Bösch, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
E-Mail: <boeschzzf-pdm.de>

Die Zeitgeschichtsforschung hat die Bedeutung von Glaube und Religion lange Zeit unterschätzt. Allenfalls der jeweiligen politischen Rolle der Kirchen oder christlichen Moralvorstellungen schenkte sie mehr Beachtung, überließ das Feld insgesamt aber eher der Theologie und der Religionswissenschaft. Dies hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Unter dem Eindruck der religiösen Dynamik außerhalb Europas entstanden Exzellenzcluster, Kollegs und Forschergruppen zur gesellschaftlichen Bedeutung der Religion, die zahlreiche weitere Studien erwarten lassen.[1] Thomas Großbölting, aktiv beteiligt am Münsteraner Cluster „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“, nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein, indem er schon jetzt eine erste zeithistorische Überblicksstudie vorlegt, die beide christliche Konfessionen in den Mittelpunkt stellt.

Der Titel „Der verlorene Himmel“ verweist auf seinen Befund, die Religion sei zwar in den letzten Jahrzehnten zunehmend an den Rand gerückt, habe ihre Bedeutung aber nicht ganz verloren. Gescheitert sei vor allem die Anstaltskirche. Diesen Prozess, den Großbölting als eine der zentralen Veränderungen seit der Reformation hervorhebt, umkreist sein Buch differenziert. In der Einleitung formuliert er als Ziel, eine Geschichte des geglaubten Gottes, des Verhältnisses zwischen Kirche und Gesellschaft sowie des innerkirchlichen Wandels zu bieten. Dabei schreitet Großbölting chronologisch durch die Jahrzehnte, verliert sich aber nie in deskriptiven Details. Im Unterschied zu einigen religionswissenschaftlichen oder ausländischen Darstellungen, etwa von Hubert Knoblauch oder Callum Brown[2], verzichtet er auf eine knackige Kernthese, diskutiert die bisherigen Ansätze jedoch abgewogen.

Dennoch können verschiedene Kapitel mit pointierten Interpretationen aufwarten, die gängige Urteile zurückweisen. So hinterfragt Großbölting im ersten Kapitel die Annahme eines Booms der Religion während der 1950er-Jahre: Die westdeutschen Kirchen hätten die Austritte der NS-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ausgleichen können, und auch die Austrittswelle in den 1960er-Jahren sei nur mit der inneren Abkehr zuvor erklärbar, da sich hier bereits stillschweigend über religiöse Normen hinweggesetzt wurde. Zugleich betont Großbölting bereits für die 1950er-Jahre den Wandel der vom Staat sehr privilegierten Kirchen, etwa die Verengung des gesellschaftlichen Anspruchs auf Themen wie die Familienpolitik. Andererseits hebt er zu Recht hervor, wie stark die Politik damals noch von der Religion durchdrungen war, und unterstreicht die fortbestehenden konfessionellen Spannungen. Etwas widersprüchlich bleiben dagegen seine Einschätzungen zur Erosion des katholischen Milieus (S. 33, S. 183).

Die 1960er- und 1970er-Jahre sieht Großbölting dennoch, im Einklang mit der bisherigen Forschung, als Zeit eines fundamentalen Bruchs in der Kirchen- und Religionsgeschichte. Ausführlich zeigt er im zweiten Kapitel die Reform und Öffnung der Kirchen gegenüber der Gesellschaft und verdeutlicht, vor allem im Anschluss an Nicolai Hannigs Studie[3], das komplexe Zusammenspiel zwischen Individualisierung und Pluralisierung des Glaubens bei zugleich wachsender öffentlicher Präsenz der Religion. Griffig macht er einen Übergang von der strafenden zur helfenden Religion aus, vom folgenden zum suchenden Gläubigen. Die neue Spiritualität dieser Jahrzehnte verbindet Großbölting mit der generellen Aufwertung der subjektiven Erfahrung. Wie dabei die Kirchen ihre Deutungshoheit verloren, unterstreicht er besonders anhand der Reformen im Ehe- und Familienrecht – was freilich in einigen Punkten zu relativieren wäre, gerade im internationalen Vergleich (etwa beim §218 oder der Kinderbetreuung).

Das dritte Hauptkapitel umschließt die Zeit von den 1980er-Jahren bis heute, dient zugleich jedoch als Ort der systematischen Reflexion und für Blicke über die christlichen Großkirchen hinaus. Hier finden sich, wenn auch knapp, Abschnitte zum Judentum und Islam in Deutschland sowie zur massiven Säkularisierung in der DDR, die in einem kurzen, aber sehr informativen Unterkapitel abgehandelt wird. Der Osten Deutschlands, so argumentiert Großbölting, habe als eines der säkularsten Gebiete weltweit die künftige Entwicklung im Westen bereits vorweggenommen. Den Bedeutungsverlust der ostdeutschen Kirchen nach 1989 erklärt er damit, dass sie durch die Annäherung an die Westkirchen ihren früheren Nimbus als Widerstandskraft verloren hätten.

In seinen Abschnitten zum vereinigten Deutschland rückt Großbölting stärker essayistisch, aber klug positioniert an die Gegenwart heran. So spricht er von einer derzeit „meist unreflektierten Herkunftsreligiosität“ (S. 264), bei der Heimatgefühle und soziale Bindungen zentral seien, die aber die künftige Auflösung der volkskirchlichen Strukturen nicht verhindere. Zugleich betont er, dass es im Westen weiterhin zahlreiche Nachteile beschere, kein Kirchenmitglied zu sein, zumal die bundesdeutschen Kirchen die größten Arbeitgeber in Europa seien (Caritas, Diakonie, Krankenhäuser, Schulen u.a.). Gerade über diesen Aspekt und die damit einhergehende Stützung der Religion wüsste man gern mehr. Die Politik, so Großböltings Ausblick, sei derzeit nicht auf die religiöse Pluralisierung vorbereitet, sondern privilegiere weiterhin die christlichen Kirchen.

Die Stärken des Buches liegen auf der Hand: Der Autor bietet einen breiten, abgewogenen Überblick zu kirchlichen und religiösen Transformationsprozessen bis hin zur Gegenwart. Das Buch bewegt sich auf der Höhe des internationalen Forschungsstandes. Es beschreibt anschaulich den Wandel der Kirchen, ihre Öffnung im Zuge des Verlustes der Mitglieder und ihr Verhältnis zur Politik. Zugleich beschränkt sich Großbölting aber nicht auf die institutionelle Kirchengeschichte, sondern bezieht die Gläubigen und ihr Verhältnis zur Kirche ein. Ebenso hervorzuheben ist der interkonfessionelle Ansatz, der andere Religionen und Spiritismus mit berücksichtigt.

Andererseits kann das Buch nicht alles einlösen, was Titel und Einleitung versprechen. „Deutschland“ bezieht sich, trotz Großböltings eigener Expertise für die DDR, fast ausschließlich auf die Bundesrepublik. Viele Argumente, mit denen er im Anschluss an gängige Deutungen den Niedergang des Glaubens erklärt (Mobilität, Medialisierung u.a.), wären durch verstärkte Seitenblicke auf die Religion außerhalb Europas zu hinterfragen. Nur teilweise eingelöst wird die angekündigte Geschichte der Glaubenspraktiken. Wenig erfahren wir etwa zur Rolle des Betens und der jeweiligen Vorstellung von Transzendenz, zur Praxis des Gottesdienstes, zur Bedeutung religiöser Lieder und Texte oder auch zum Stellenwert von weitverbreiteten Phänomenen wie dem Glauben an Horoskope und die Macht der Sterne. Dies hängt freilich auch mit dem Forschungsstand zusammen, da bisher noch kaum zeithistorische Studien zur Sozial- und Kulturgeschichte des Glaubens vorliegen. Umso mutiger und wegweisender erscheint somit Thomas Großböltings Überblicksdarstellung. Für jeden, der sich für den Wandel der Religion, der Kirchen und des Glaubens in der Bundesrepublik interessiert, ist dieses Buch zweifelsohne eine erste Adresse.

Anmerkungen:
[1] Vgl. aus derartigen Schwerpunkten in Münster, Bochum oder München etwa: Klaus Fitschen u.a. (Hrsg.), Die Politisierung des Protestantismus. Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland während der 1960er und 70er Jahre, Göttingen 2011 (rezensiert von Uta Andrea Balbier, in: H-Soz-u-Kult, 20.05.2011, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-141> [08.06.2013]); Wilhelm Damberg (Hrsg.), Soziale Strukturen und Semantiken des Religiösen im Wandel. Transformationen in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1989, Essen 2011 (rezensiert von Daniel Gerster, in: H-Soz-u-Kult, 21.11.2011, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-4-130> [08.06.2013]).
[2] Hubert Knoblauch, Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft, Frankfurt am Main 2009; Callum G. Brown, The Death of Christian Britain. Understanding Secularisation 1800–2000, London 2009.
[3] Nicolai Hannig, Die Religion der Öffentlichkeit. Kirche, Religion und Medien in der Bundesrepublik 1945–1980, Göttingen 2010 (rezensiert von Daniel Gerster, in: H-Soz-u-Kult, 22.12.2010, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-4-209> [08.06.2013]).

ZitierweiseFrank Bösch: Rezension zu: Großbölting, Thomas: Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945. Göttingen 2013, in: H-Soz-Kult, 27.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-229>.

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