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Zeitgeschichte (nach 1945)

H. Balz u.a. (Hrsg.): „All We Ever Wanted…“

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Titel:„All We Ever Wanted…“. Eine Kulturgeschichte europäischer Protestbewegungen der 1980er Jahre
Reihe:Manuskripte der Rosa-Luxemburg-Stiftung 98
Herausgeber:Balz, Hanno; Friedrichs, Jan-Henrik
Ort:Berlin
Verlag:Karl Dietz Verlag Berlin
Jahr:
ISBN:978-3-320-02284-6
Umfang/Preis:266 S.; € 14,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Ute Hasenöhrl, Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner
E-Mail: <hasenoehrlirs-net.de>

Die 1980er-Jahre wurden bislang in den Geschichtswissenschaften überwiegend als Endphase der Systemkonfrontation zwischen Ost und West behandelt. Speziell in Deutschland stand dabei die „Wende“ des Jahres 1989 mit ihren Ursachen und Folgen im Vordergrund – ein Fixstern, der den Blick auf das Jahrzehnt von seinem Ende steuerte und mitunter zu überstrahlen drohte. Nachdem in den letzten Jahren ein Schwerpunkt der zeitgeschichtlichen Forschung auf den 1970er-Jahren als einer gesellschaftlichen Umbruchphase lag[1], rücken die 1980er-Jahre nun aber vermehrt in den Fokus[2] – und dies auch über den deutsch-deutschen Kontext hinaus.

Der Sammelband „‚All we ever wanted…‘ Eine Kulturgeschichte europäischer Protestbewegungen der 1980er Jahre“ thematisiert die sozialen Proteste dieses Jahrzehnts und fragt nach Kontinuitäten (und Brüchen) zu 1968 und zu den 1970er-Jahren. Die zwölf Beiträge des Buches sind vier analytischen Blöcken zugeordnet: „(Urbane) Räume des Protestes“, „Mediale (Selbst)Repräsentationen“, „Militanz und Identität“ sowie „Inter-/Transnationale Dimensionen“. Diese Kategorien werden anhand der autonomen Bewegung, der Friedens-, Jugend- und Frauenbewegung sowie der Anti-Apartheid-Bewegung untersucht. Die meisten Artikel behandeln den deutschsprachigen Raum und Großbritannien; hinzu kommen Einzelbeiträge zu Spanien, Italien und Belgien.

Die Publikation basiert auf einer Tagung zum 30. Jahrestag der gewalttätigen Eskalation einer Großdemonstration gegen das feierliche Gelöbnis von Bundeswehrrekruten im Bremer Weserstadion am 6. Mai 1980 – gewissermaßen das Gründungsdatum der militanten autonomen Bewegung in der Bundesrepublik. Auf den sozialen Merkmalen, transnationalen Strukturen sowie der Diskurs- und Handlungspraxis autonomer Gruppen liegt entsprechend ein Schwerpunkt des Bandes – mehr als die Hälfte der Beiträge beschäftigt sich mit diesen Akteursgruppen.

Im Unterschied zu den „Neuen Sozialen Bewegungen“ der 1970er-Jahre, die auf eine Transformation von Gesellschaft und politischem System zielten und die gewalttätige Handlungen meist ablehnten, suchten die Autonomen nach subkulturellen Freiräumen jenseits von Staat und Massengesellschaft. Ihre radikale Handlungsphilosophie („Propaganda der Tat“, „Militanz“) konnte dabei auch gewaltsame Aktionen umfassen. Die Autonomen verfolgten eine „Politik der ersten Person“, in deren Zentrum Individualität und Selbstbestimmung standen – eine Priorisierung eigener Freiheiten, die ihre Entsprechung auf der anderen Seite des politischen Spektrums im Neoliberalismus fand. Beispielsweise forderten beide Richtungen einen Rückzug des Staates aus der wohnungspolitischen Regulierung (S. 51f.). Die innovative Frage nach den ideologischen Ähnlichkeiten und Verbindungen zwischen diesen auf den ersten Blick so unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen wird von den Autoren des Sammelbandes wiederholt aufgegriffen, ohne dass es schon abschließende Antworten geben könnte.

Ein Kennzeichen der sozialen Proteste der 1980er-Jahre war ihr Umgang mit urbanen Räumen: Die Stadt bildete nicht mehr nur die Bühne, sondern auch das Objekt des Protestes (S. 22). Im Zentrum standen Erhalt und Erneuerung von Stadtstrukturen, vor allem die Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums. Zwei Aufsätze befassen sich mit der Hausbesetzerszene. Armin Kuhn kontrastiert die Konflikte in Berlin und Barcelona hinsichtlich ihrer Erfolgsaussichten für die Durchsetzung eines neuen stadtpolitischen Modells. Für beide Städte konstatiert er einen Umbruch zwischen der krisenhaften fordistischen Gesellschaftsordnung und dem aufkommenden Neoliberalismus. Während die Berliner Hausbesetzerszene 1980/81 an dieser zeitlichen Bruchstelle intervenierte und gegenüber dem neuen CDU-Senat zentrale Forderungen durchsetzen konnte, waren die Weichen in Barcelona bereits in Richtung Neoliberalisierung gestellt, als das „Movimiento Okupa“ Mitte des Jahrzehnts aktiv wurde. Letztlich legte die „behutsame Stadterneuerung“ der 1980er-Jahre aber auch in Berlin den Grundstein für die spätere Neoliberalisierung der Stadtpolitik.

Methodisch besonders interessant ist der Beitrag von Sebastian Haumann und Susanne Schregel, die sich mit „alternativen Raumpraktiken“ am Beispiel von Hausbesetzungen und Atomwaffenfreien Zonen beschäftigen. Sie streichen den Doppelcharakter dieser Orte als Freiräume von und Schnittstellen zur Gesellschaft heraus. Die Selbstabschließung durch Schaffung bzw. Aneignung autonomer (Nah-)Räume stand dabei in Spannung zum Ziel übergreifender politischer Veränderungen. Haumann und Schregel interpretieren dies als Teil eines generellen Trends zur Spatialisierung des Politischen, der mit (Re-)Territorialisierungsprozessen, raumgebundenen Identitätskonstruktionen sowie einer Aufwertung räumlicher Ebenen ober- wie unterhalb von Staatlichkeit verbunden war. Der Bedeutung sozialer Räume als Orten der Subjektivierung und Selbstermächtigung geht auch Beppe De Sario in seiner Untersuchung der italienischen „Centri Sociali“ nach. Die jugendliche Alternativkultur der 1980er-Jahre sieht er nach Gramsci als gegenhegemoniales Projekt zur Mehrheitsgesellschaft und zum Neoliberalismus gleichermaßen.

Die urbanen Ausschreitungen zwischen marginalisierten Bevölkerungsgruppen und Polizei im Großbritannien Margret Thatchers (so genannte „race riots“) werden in zwei Artikeln diskutiert. Molly O’Brien Castro geht den Gründen dieser Konflikte nach (sozial und ethnisch bedingte Ungleichheiten); sie analysiert Wirksamkeit und Folgen der getroffenen Gegenmaßnahmen. Die Kombination aus Kriminalisierung, Repressionen und neoliberaler Gentrifizierung, welche die Ausgrenzung armer (schwarzer) Bevölkerungsgruppen im Sinne einer „internen Kolonisierung“ (S. 103) intensivierte, führte zu einer Verstärkung des Gewaltpotentials. Dagmar Brunow greift das Thema der Fremdzuschreibung durch die Medien auf und analysiert den Fernsehfilm „Handsworth Songs“ des „Black Audio Film Collective“ (1986) als Beispiel einer Dekonstruktion kolonialer Geschichtsschreibung.

Die Konstruktion von Identität über historische Bezugnahmen, Medienpräsenz und die Abgrenzung von einem gemeinsamen „Anderen“ diskutieren auch Dominique Rudin und Reinhild Kreis. Im Falle der Zürcher 1980er-Bewegung zeigt Rudin, dass die Akteure sich zwar in einer langen Tradition unerfüllter Forderungen für ein Alternatives Jugendzentrum sahen und staatliche Organe durch Analogien zum Nationalsozialismus zu delegitimieren suchten. Insgesamt spielten Geschichtsbilder für ihre Selbstvergewisserung aber eine geringe Rolle. Kreis streicht dagegen die Bedeutung der USA heraus, als omnipräsenter Referenzpunkt der bundesdeutschen Protestszene der 1980er-Jahre. Die Amerikakritik wirkte als einigende Chiffre. Jedoch unterschieden sich die Akteure in ihren Zielen, Kritikpunkten und der Wahl ihrer Mittel (besonders in der Gewaltfrage) erheblich.

Die Rolle militanter Strategie für die Identität autonomer Gruppen analysieren Patricia Melzer und Mieke Roscher. Melzer zeigt anhand der Hamburger „Frauen gegen imperialistischen Krieg“, dass die militanten Feministinnen einen gewaltfreien Widerstand gegen den verhassten Staat nicht nur aus handlungspraktischen Gründen als wirkungslos ablehnten. Sie distanzierten sich damit auch vom Weiblichkeitsverständnis der Frauenfriedensbewegung, die Frauen eine natürliche Friedfertigkeit unterstellte. Während Melzer autonome Geschlechtervorstellungen beleuchtet, untersucht Roscher die (militante) Politisierung von Konsumpraktiken am Beispiel der britischen Tierbefreiungsbewegung, die in den 1980er-Jahren zehntausende Versuchs- und Schlachttiere befreite sowie Anschläge auf Laboratorien und Kaufhäuser verübte. Roscher verdeutlicht auch transnationale Transferprozesse: Während sich die britischen Gruppen an der Ästhetik bundesdeutscher Autonomer orientierten, inspirierten sie ihrerseits auf dem Kontinent Tierbefreiungsaktionen und neue Konsumformen.

Im letzten Abschnitt werden die internationalen Vernetzungen, Transferbeziehungen und Auswirkungen der Protestbewegungen der 1980er-Jahre weiter exemplifiziert. Kathrin Stern zeigt die Bedeutung blockübergreifender Themen und Kontakte für das Engagement der „Frauen für den Frieden/Ostberlin“. Wouter Goedertier verdeutlicht anhand der belgischen Anti-Apartheid-Bewegung, wie Kontakte zum African National Congress (ANC) sowie die Einbindung in internationale, auf die Vereinten Nationen ausgerichtete Netzwerke die Handlungsstrategie der vormals antikapitalistisch geprägten belgischen Solidaritätsgruppen veränderten. Jan Hansen schließlich befasst sich mit den Reaktionen der bundesdeutschen Parteien auf die hiesige Friedensbewegung, die US-amerikanische „Nuclear Weapons Freeze Campaign“ sowie die polnische Solidarność-Bewegung. Die Beschäftigung mit diesen Protesten habe im politischen Establishment zu einer Neukonstruktion (oder Verfestigung) bestehender politischer Vorstellungen, Selbstbilder und Fremdwahrnehmungen geführt.

Der Sammelband leistet einen anregenden Diskussionsbeitrag zu Merkmalen und Strukturen sozialer Protestbewegungen in den 1980er-Jahren, wobei Qualität und Reichweite der Aufsätze allerdings differieren und diese mitunter von einer gewissen Sympathie zu ihrem Gegenstand bestimmt sind. Der räumliche und inhaltliche Zuschnitt der Publikation bleibt trotz des weitreichenden Anspruchs einer Kulturgeschichte europäischer Protestbewegungen begrenzt. Die meisten Aufsätze beschäftigen sich mit dem deutschsprachigen Raum, Osteuropa ist – mit Ausnahme der „Frauen für den Frieden/Ostberlin“ – nicht vertreten. Dasselbe gilt für die Arbeiterbewegung, die Anti-AKW- und Umweltbewegung sowie die Neue Rechte. Angesichts der starken Schwerpunktsetzung auf den Autonomen wäre vielleicht zu überlegen gewesen, den Sammelband auf eine Diskussion dieser Gruppen im internationalen Kontext zuzuspitzen und zu beschränken. Dennoch liest man das Buch mit Gewinn – es beleuchtet einen noch wenig erforschten Gegenstand[3], zeichnet neue Verbindungslinien (etwa zwischen Autonomen und Neoliberalen) und bietet innovative Methoden (zum Beispiel für die Untersuchung räumlicher Praxen).

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Archiv für Sozialgeschichte 44 (2004): Die Siebzigerjahre. Gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland; Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 3 (2006) H. 3: Die 1970er-Jahre – Inventur einer Umbruchzeit (<www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Inhalt-3-2006>, 05.12.2012); Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte, Göttingen 2008.
[2] Siehe jetzt Archiv für Sozialgeschichte 52 (2012): Wandel des Politischen: Die Bundesrepublik Deutschland während der 1980er Jahre (im Erscheinen).
[3] Vgl. Sebastian Haunss, Antiimperialismus und Autonomie. Linksradikalismus seit der Studentenbewegung, in: Roland Roth / Dieter Rucht (Hrsg.), Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch, Frankfurt am Main 2008, S. 447–473.

ZitierweiseUte Hasenöhrl: Rezension zu: Balz, Hanno; Friedrichs, Jan-Henrik (Hrsg.): „All We Ever Wanted…“. Eine Kulturgeschichte europäischer Protestbewegungen der 1980er Jahre. Berlin 2012, in: H-Soz-Kult, 07.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-009>.

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