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Zeitgeschichte (nach 1945)

S. Harper u.a. (Hrsg.): British Film Culture in the 1970s

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Titel:British Film Culture in the 1970s. The Boundaries of Pleasure
Herausgeber:Harper, Sue; Smith, Justin
Ort:Edinburgh
Verlag:Edinburgh University Press
Jahr:
ISBN:978-0-7486-4078-2
Umfang/Preis:326 S.; 87,99 €

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jörg Helbig, Institut für Anglistik & Amerikanistik, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
E-Mail: <Joerg.Helbigaau.at>

Der Umschlag des hier zu besprechenden Bands zeigt ein Szenenfoto aus John Boormans Film Zardoz (1973). Auf dem Foto ist Sean Connery abgebildet, eine der prägenden Stilikonen des britischen Films der 1960er-Jahre. Doch derselbe Schauspieler, der in den 1960er-Jahren als Synonym für Eleganz und Souveränität galt, verkörpert hier Dekadenz und Lächerlichkeit. Connery wird mit kahler Stirn und Schnauzbart präsentiert, anstelle eines Smokings ist er lediglich mit einem knallroten Mawashi-Gürtel und einem Patronengurt bekleidet, und mit seinem Revolver zielt er nicht – wie einst als James Bond – auf einen ebenbürtigen Gegner, sondern auf einen Schachtelkasper.

Mit diesem Foto ist bereits vieles über das britische Kino der 1970er-Jahre gesagt. Wie keine andere filmische Dekade gilt diese gemeinhin als cineastisch minderwertig, stillos oder zumindest unpopulär. Ich selbst bezeichnete die 1970er-Jahre 1999 als eine der profillosesten Phasen der britischen Filmgeschichte.[1] – Und die Tatsache, dass diese Dekade von Filmhistorikern bis ins 21. Jahrhundert hinein weitgehend ignoriert wurde, wirkte wie eine eindrucksvolle Bestätigung dieses Urteils. Jüngst sind indes gleich drei beachtenswerte Bücher zum britischen Kino der 1970er-Jahre erschienen. Nach den Sammelbänden Seventies British Cinema (2008) von Robert Shail und Don't Look Now. British Cinema in the 1970s (2010) von Paul Newland folgt nun British Film Culture in the 1970s.[2] Dies mag zu einem guten Teil den nostalgischen Gefühlen der beteiligten Beiträger und Beiträgerinnen geschuldet sein, ist aber doch einen näheren Blick wert.

Der von Sue Harper und Justin Smith herausgegebene Band will im Wesentlichen der Frage nachgehen, welche kulturellen Aufgaben das Kino in den 1970er-Jahren wahrnahm, und zwar insbesondere vor dem Hintergrund, dass dieses Jahrzehnt im vorliegenden Band als eine Phase des gesellschaftlichen, ökonomischen, technischen und künstlerischen Umbruchs beschrieben wird. Konkurrenzmedien, vor allem das Fernsehen, führten die Filmindustrie in eine ernst zu nehmende Existenzkrise. Die Dekade war, wie die Herausgeber betonen, die erste, in der die Kinos nicht mehr über ein festes Stammpublikum verfügten, und zugleich die letzte, in der das Kino dennoch der wichtigste Ort der Filmrezeption war. Angesichts der zunehmenden Marginalisierung des Kinos will der Band British Film Culture in the 1970s untersuchen, wie Filmindustrie und Filmschaffende einerseits, sowie Politik und Publikum andererseits auf diese vielfältigen Umbrüche reagierten.

Das Buch erweist sich als ungewöhnliche Kombination aus Sammelband (Part I) und Monografie (Part II). Die erste Hälfte der Studie besteht aus acht Aufsätzen, die aus einem Forschungsprojekt an der Universität Portsmouth zur britischen Gesellschaft und Unterhaltungskultur in den 1970er-Jahren hervorgegangen sind. Die Aufsätze behandeln zum Teil recht spezifische Fragestellungen. So legt beispielsweise Vincent Porter dar, wie sich der Film zu einem akademischen Unterrichts- und Ausbildungsgegenstand entwickelte und welche Rückkoppelungseffekte dies für die Filmproduktion und die Filmkritik mit sich brachte (Kapitel fünf). Sian Barber untersucht in zwei Beiträgen die gesetzlichen Zwänge und Zensurmaßnahmen, denen sich die britische Filmindustrie in den 1970er-Jahren ausgesetzt sah (Kapitel eins und zwei). Der Aufsatz von Sally Shaw zeigt auf, wie die zuvor weitgehend marginalisierte black community Teil des britischen Filmschaffens wurde und dadurch auch die Frage nationaler Identität neu verhandelt worden ist (Kapitel sechs). Die restlichen Beiträge beleuchten die Querverbindungen zwischen Film und anderen Unterhaltungsmedien wie Bildende Künste (Dave Allen, Kapitel drei), Fernsehen (Laurel Forster, Kapitel sieben) und Popmusik (Dave Allen, Kapitel acht). Diese intermedialen Analysen sind als besonderes Verdienst des vorliegenden Bands hervorzuheben, denn sie bringen zumindest partiell einen wichtigen, in vergleichbaren Studien bislang aber noch kaum genutzten Forschungsansatz in die Diskussion ein.

Die zweite Hälfte des Bands wurde von den Herausgebern Sue Harper und Justin Smith verfasst. Anders als Teil eins, der spezifische Einzelaspekte tiefergehend analysiert, ist Teil zwei eher in die Breite angelegt und bietet einen Überblick über grundlegende Phänomene und Entwicklungen im britischen Kino der 1970er-Jahre. Diskutiert werden hier beispielsweise die Entwicklung der Filmtechnik und die Veränderungen des visuellen und schauspielerischen Stils, das Verhältnis zwischen kommerziellem und Avantgarde-Kino, die Neuorientierung des Kinopublikums oder die Frage, wie die Filmproduktion auf die zunehmende sexuelle Freizügigkeit während des Jahrzehnts reagiert hat. Problematisch ist dabei, dass dieser Überblick nur rund 100 Seiten umfasst, sodass viele Themen nur oberflächlich behandelt werden. Ein typisches Beispiel hierfür stellt Kapitel neun dar, das den Schlüsselfiguren der britischen Filmindustrie in den 1970er-Jahren gewidmet ist. Zwar erwähnt das Kapitel tatsächlich alle maßgeblichen Produzenten und Regisseure dieser Epoche, doch werden die meisten von ihnen in wenigen Zeilen abgehandelt. Für die Vorstellung so hochkarätiger Filmschaffender wie Ken Russell, John Boorman, Michael Winner, Nicolas Roeg, Stanley Kubrick und Lindsay Anderson benötigen die Verfasser insgesamt gerade einmal zwei Seiten.

Wer also nach einer einführenden Überblicksdarstellung über das britische Kino der 1970er-Jahre sucht, ist mit Sue Harpers und Justin Smiths Band eher schlecht beraten. Für ein filmwissenschaftliches, insbesondere historisch, soziologisch und ökonomisch interessiertes Publikum nimmt British Film Culture in the 1970s indes den Rang eines wichtigen Standardwerks ein. Dank der Entscheidung der Herausgeber, ihre Studie, wo immer möglich, auf authentische Quellen wie Archivmaterial, Originaldrehbücher, Korrespondenzen, Pressematerial, offizielle Dokumente und Interviews zu stützen, erweist sich das Buch zugleich als solide recherchierte Informationsquelle. (Dieser Anspruch wird zudem durch einen umfangreichen statistischen Anhang untermauert.) Man kann deshalb davon ausgehen, dass British Film Culture in the 1970s in den Bibliotheken zur britischen Filmgeschichte einen festen Platz zwischen Robert Murphys Sixties British Cinema (1992) und John Hills British Cinema in the 1980s (1999) einnehmen wird.[3]

Anmerkungen:
[1] Jörg Helbig, Geschichte des britischen Films, Stuttgart 1999, S. 265.
[2] Robert Shail (Hrsg.), Seventies British Cinema, London 2008; Paul Newland (Hrsg.), Don't Look Now. British Cinema in the 1970s, Bristol 2010.
[3] Robert Murphy, Sixties British Cinema, London 1992; John Hill, British Cinema in the 1980s. Issues and Themes, Oxford 1999.

ZitierweiseJörg Helbig: Rezension zu: Harper, Sue; Smith, Justin (Hrsg.): British Film Culture in the 1970s. The Boundaries of Pleasure. Edinburgh 2011, in: H-Soz-u-Kult, 14.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-111>.

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