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Historische Bildungsforschung Online

M. Baader u.a. (Hrsg.): Erziehung, Bildung und Geschlecht

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Wolfgang Gippert <wgippertuni-koeln.de>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Joachim Scholz). www.fachportal-paedagogik.de/hbo/

Titel:Erziehung, Bildung und Geschlecht. Männlichkeiten im Fokus der Gender-Studies
Herausgeber:Baader, Meike Sophia; Bilstein, Johannes; Tholen, Toni
Ort:Wiesbaden
Verlag:VS Verlag für Sozialwissenschaften
Jahr:
ISBN:978-3-531-18552-1
Umfang/Preis:477 S.; € 44,95

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:

Sylvia Eder, Erziehungswissenschaft, Universität Salzburg
E-Mail: <sylvia.edersbg.ac.at>

Der Sammelband ist aus der Jahrestagung 2009 der Kommission „Pädagogische Anthropologie“ der DGfE hervorgegangen, welche an der Universität Hildesheim zum Thema „Erziehung, Bildung und Geschlecht – Männlichkeiten im Fokus der Gender-Studies“ stattgefunden hat. Die Herausgebenden präsentieren in ihrem Werk Geschlechterverhältnisse unter dem Aspekt von Männlichkeiten. Es werden unterschiedliche Fragestellungen der Männlichkeitsforschung unter anderem unter historischen Gesichtspunkten und in Anlehnung an die Konzepte Bourdieus und Connells beleuchtet.

Im ersten Abschnitt zu den historischen und diskursiven Perspektiven legen Michael Meuser und Sylka Scholz (S. 23ff.) den Schwerpunkt auf Erwerbsarbeit und Familie. Sie stellen sich die Frage, ob mit dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Connell aktuelle Veränderungen im Geschlechterverhältnis noch angemessen erfasst werden können. Des Weiteren werden die Intersektionalität und die Dynamisierung von Herrschaftsverhältnissen thematisiert und es wird auf die Kritik von Böhnisch (2003) am hegemonialen Konzept Bezug genommen.[1] Der historische Rückblick zeigt, dass hegemoniale Männlichkeiten bis heute als Leitbild von Männlichkeitskonstruktionen fungieren. Johannes Bilstein beleuchtet nationale Männlichkeitskonstruktionen um 1900 (S. 41ff.). Er verweist unter anderem auf Mosse (1985), der beschreibt, wie stark die Entwicklung vom Männlichkeitstypus mit dem Nationalismus in Europa verbunden ist.[2] Maria A. Wolf richtet ihr Augenmerk auf eugenisch-medizinische Konzepte von Väterlichkeit in der NS-Zeit (S. 75ff.). Sie verweist zudem auf die Doppelbelastung von Frauen durch Arbeitseinsatz und Familie zur Gewährleistung der Aufrechterhaltung der Gesellschaft während der Kriegsjahre. Nicht zuletzt könnte man auch darin den Anstoß zur zweiten Frauenbewegung sehen, welche Meike Sophia Baader aufgreift (S. 103ff.). Sie behandelt die Frauenbewegung im Kontext von 1968 mit einem Fokus auf die Beziehung zwischen Männern und Frauen.

Toni Tholen bezieht seinen Beitrag zum zweiten Themenbereich „Gewalt – Körper – Imaginationen“ auf Meike Sophia Baader und beschreibt die literarische Darstellung der männlichen Position der 1970er-Jahre (S. 120ff.). Beide verdeutlichen vor allem die Differenzierung der Sprechweisen in den Sphären des Öffentlichen und Privaten. Weiterhin untersucht Julia Schröder die Bedeutung von Alltagsmetaphern in der Beratung von Männern und stellt fest, dass Metaphern es ermöglichen, das Unsagbare in Worte zu fassen (S. 165ff.). Martin Dinges hingegen beschäftigt sich mit gesundheitsgefährdendem Verhalten von Männern und der Frage nach dem ‚typisch Männlichen‘ (S. 129ff.). Gabriele Sorgo bearbeitet die Theorie der Maskulinisierung von Genevieve Vaughan in Bezug auf die Konstruktion von Männlichkeit und hinsichtlich der Mechanismen des Machtgefälles zwischen den Geschlechtern (S. 147ff.). Mie Buhl ist der Ansicht, dass sich durch virtuelle Medien Genderkonstruktionen in ihrer Vielfältigkeit gut verdeutlichen lassen und merkt an, dass durch Gosplays neue pädagogische Settings für Lehr- und Lernprozesse entwickelt werden können (S. 177ff.). Anna Stach arbeitet heraus, dass die TV-Sendung „Germanys Next Topmodel“ mit den attraktiven Frauen und deren mediale Vorführung ein verunsicherndes Angebot in Bezug auf die Selbstinszenierung der männlichen Betrachter mache, welches die hegemonialen Ansprüche der Betrachtenden durchkreuze (S. 191ff.).

Im dritten Teil „Männlichkeit und Bildungsinstitutionen“ beschäftigen sich Birgit Althans, Manuel Freis und Juliane Lamprecht zunächst mit dem Elementar- und Grundschulbereich (S. 207ff.). Ihr Augenmerk richtet sich auf die Inszenierung männlicher Geschlechtsidentität professioneller Akteure, in Übergangskooperationen von Elementar- und Primarbereich. Es hat sich gezeigt, dass bei beiden Berufsfeldern gerade vor Außenstehenden die betonte Inszenierung professionell männlicher Geschlechtsidentität zum Tragen kommt. Männlichkeitskonstruktionen von Grundschullehrern und deren Auswirkungen auf ihre berufliche Handlungspraxis sind Thema bei Robert Baar (S. 235ff.). Generell diagnostiziert der Autor eine positive Diskriminierung und Bevorzugung von Schülern aufgrund des männlichen Geschlechts. Renate Kosuch und Michaela Kuhnhenne geht es um Positionierungen und Männlichkeitsinzenierungen von Akteuren beim Boys’ Day. Sie kritisieren die Betonung des Ungleichen unter Gleichen (S. 287ff.). Der Zusammenhang von Schulerfolg und Geschlechtszugehörigkeit ist Thema von Ruth Michalek, Gudrun Schönknecht und Anna Laros (S. 255ff.). Die Autorinnen haben den Freiburger Jugendinventar (FJI) entwickelt, um künftig die eher allgemein dargestellte Problemlage von Jungen im schulischen Kontext differenzierter erklären zu können. Am Beispiel von Stadtuniversitäten wie Berlin und München zeichnet Juliane Jacobi einen Abriss universitärer Entstehungsgeschichten (S. 271ff.) und beendet ihren Beitrag mit der Frage: „Wird die Zukunft der Universität etwa weiblicher sein?“ (S. 286). Offensichtlich liegen noch immer Mechanismen von Exklusion und Inklusion vor, die männliche Bewerber vor allem in höheren Positionen begünstigen.

„Reflexionen geschlechterbewusster Bildung“ ist Thema des vierten Schwerpunkts. Axel Bohmeyer richtet seinen kritischen Blick aus sozialwissenschaftlicher und philosophischer Sicht auf erste Befunde zu schulischen Leistungen von Jungen und Mädchen in Deutschland (S. 305ff.). Er streicht heraus, dass die Benachteiligung von Jungen aufgrund der Feminisierung der Bildung und Erziehung erfolge und sich die Abwesenheit männlichen Fachpersonals negativ auswirke. Dabei bezieht er sich auf Faulstich-Wieland, die die Forderung nach männlichen Lehrkräften in der Grundschule als legitim erachtet, allerdings nicht als Vorbildfunktion für hegemoniale Männlichkeit.[3] Hans-Joachim Lenz bearbeitet die kulturelle Verleugnung der männlichen Verletzbarkeit, ausgehend von Veröffentlichungen zu sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt (S. 317ff.). Er thematisiert die Gewalt an Männern, deren öffentliche Wahrnehmung sowie die damit einhergehende Verletzlichkeit, die zumeist unausgesprochen bleibt.

Den Kern des fünften Abschnitts bilden „biographische Ansätze in der Männlichkeitsforschung“. Dominik Krinninger geht es um Intimität als spielerische Praxis männlicher Freundespaare (S. 331ff.). Männer und Jungenfreundschaften sind danach homosoziale Räume, in denen Geschlechtlichkeit konstruiert werde. Michael Herschelmann beschäftigt sich mit der Distanzierung von traditioneller Männlichkeit und der Bedeutung von Ausgrenzung, Distanzierung und Überwindung (S. 354ff.). In einem Ausblick kritisiert Herschelmann die Nichtbeachtung der ausgegrenzten Jungen im Schulalltag. Dorle Klika bezieht in Folge Stellung zur Zweigeschlechtlichkeit und merkt an, dass durch die gesellschaftlich anerkannte Bipolarität des Geschlechts kein drittes Geschlecht vorgesehen sei (S. 365ff.). Elisabeth Tuider richtet den Blick auf „fremde Männlichkeiten“ (S. 383ff.). Einerseits erfolge eine Abgrenzung eingewanderter Männer zu anderen Männern und anderseits eine Positionierung im sozialen Raum, wie auch im Beitrag von Dorle Klika beschrieben. Den Band abschließend wird das Thema „Väterlichkeit“ behandelt. Micha Brumlik wirft einen Blick auf die Väterliteratur, die unter anderem Abwesenheit, Verlust und Trauer aus der Sicht der deutschen Kinder der Nachkriegszeit beinhaltete (S. 412ff.). Christoph Wulfs Interesse gilt dem Transformationsprozess vom Mann zum Vater (S. 415ff.). Er beschreibt die ambivalenten Gefühle werdender Väter durch die Möglichkeit, Einblicke in die vorgeburtliche Phase zu erhalten. Den Zwiespalt zwischen traditionellen Rollenbildern und neuen Rollenerwartungen der „neuen“ Väter im frühkindlichen Prozess zeigt Vaness-Isabelle Reinwand auf (S. 427ff.).

Das besprochene Herausgeberwerk liefert einen facetten- und aufschlussreichen Beitrag zur kritischen Männlichkeitsforschung, indem er historische, erziehungssoziologische wie auch kulturtheoretische Perspektiven einnimmt. Die Kapitel unterstreichen die Komplexität der unterschiedlichen Einflussfaktoren in Bezug auf Geschlechterkonstruktionen. Besonders hervorzuheben ist die systematische Berücksichtigung von Ergebnissen der Männlichkeitsforschung, die nicht isoliert, sondern in mehreren Themenblöcken auf unterschiedlichen Ebenen abgehandelt werden. Des Weiteren regen die Autorinnen und Autoren die Lesenden immer wieder zu weiterführenden Betrachtungsweisen an und fordern auf, eigene Positionen zu überdenken. Zudem wird auf mögliche Fehlschlüsse in der Geschlechterforschung hingewiesen. Insgesamt dokumentiert der Sammelband historisches Wissen und unterschiedliche theoretische Positionen, sowie vereinzelte Einblicke in diverse Forschungsprojekte. Die Auswahl der Kapitel in den sechs Bereichen ist gut getroffen und nur vereinzelt nicht nachvollziehbar. Eine abschließende Zusammenfassung durch die Herausgebenden hätte die Zusammenhänge zwischen den Themen verdeutlichen können. Besonders lesenswert ist der Sammelband für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit Themenfeldern der Geschlechterforschung befassen. Das Werk ist durch den teilweise großen historischen Rahmen auch Historikerinnen und Historikern zu empfehlen und ist zudem eine anregende Lektüre für Praktikerinnen und Praktiker.

Anmerkungen:
[1] Böhnisch Lothar, Die Entgrenzung der Männlichkeit. Verstörungen und Formulierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang, Opladen 2003.
[2] Mosse George L., Nationalismus und Sexualität, München 1985.
[3] Hannelore Faulstich-Wieland, Werden tatsächlich Männer gebraucht, um Bildungsungleichheiten (von Jungen) abzubauen?, in Andreas Hadjar (Hrsg.), Geschlechtsspezifische Bildungsungleichheiten, Wiesbaden 2011, S. 393–415, bes. 412.

ZitierweiseSylvia Eder: Rezension zu: Baader, Meike Sophia; Bilstein, Johannes; Tholen, Toni (Hrsg.): Erziehung, Bildung und Geschlecht. Männlichkeiten im Fokus der Gender-Studies. Wiesbaden 2012, in: H-Soz-Kult, 26.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-173>.

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