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Europäische Ethnologie und Hist. Anthropologie

A. Jannelli: Wilde Museen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Beate Binder <h2466g6yrz.hu-berlin.de>

Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/

Autor(en):
Titel:Wilde Museen. Zur Museologie des Amateurmuseums
Reihe:Kultur- und Museumsmanagement
Ort:Bielefeld
Verlag:Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis
Jahr:
ISBN:978-3-8376-1985-0
Umfang/Preis:387 S.; € 33,80

Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Natalie Bayer, München
E-Mail: <nnataliebayer.com>

In jüngerer Zeit rückt die Kulturinstitution Museum im deutsch-sprachigen Wissenschaftsfeld verstärkt unter die analytische Linse mit vor allem geschichts-, politik- und literaturwissenschaftlichen, soziologischen, kunst- und kulturtheoretischen sowie anwendungsorientierten Zugängen. Angela Jannelli liefert dabei mit ihrer Untersuchung einen dezidiert ethnografischen Beitrag zur Museumsanalyse; sie untersucht Museen, die von privaten Vereinen gegründet und ehrenamtlich betrieben werden. Gemeinhin werden diese als „Amateur“-, „Laien“- oder „Hobbymuseen“ betrachtet, von denen sich das institutionalisierte Museums- und Wissenschaftsfeld in aller Regel abgrenzt.

Zunächst stellt Jannelli die Zugänge und Forschungsmethoden ihrer Untersuchung vor. Besonders intensiv widmet sie sich dabei den Begriffen „Das wilde Denken“ und „Bricolage“[1], die Claude Lévi-Strauss in die wissenschaftlichen Debatten eingeführt hat, um die Rationalisierungsformen des „wilden Denkens“ und des „wissenschaftlichen“ Denkens sowie ihre Verhältnissetzung zueinander aufzuzeigen. Mit einer Kombination an ding-, raum- und erzähltheoretischen Zugängen erarbeitet Jannelli ihr ethnografisches Vorgehen für eine Ausstellungsanalyse, um die Funktionen, Ordnungsprinzipien und Raumnutzungen im „wilden“ Museum zu untersuchen.

In den beiden darauffolgenden Abschnitten befasst sich Jannelli mit ihrem eigentlichen Untersuchungsgegenstand. Ihre Untersuchung legt dabei nahe, das „wilde“ Museum nicht als defizitären Imitationsversuch vom professionalisierten „wissenschaftlichen“ Museum, sondern als ebenbürtige, eigenständige kulturelle Praxis zu betrachten. Dieses kennzeichnet sich durch den Vorrang an Mikro- statt Metadiskursen sowie kommunikativen Vermittlungsformen von Erfahrungswissen. Damit fordern „wilde“ Museen das als objektiv geltende Wissen heraus, pluralisieren es und machen es verhandelbar. Jannelli zeigt etwa, dass im McNair-Museum ehemalige Zivilbeschäftigte der Westalliierten in Berlin „ihre“ Perspektiven zu einer aufgelösten Gemeinschaft als historisierungswürdige Geschichte zentrieren. In ihrem zweiten Beispiel, dem Museum Elbinsel Wilhelmsburg, wird ein eigenwilliges Bild zur Lokalgeschichte in den Fokus gerückt, bei dem eine idealisierte vorindustrielle Lebenswelt mit stabiler, homogener Gesellschaft um 1900 inszeniert und die jüngere Lokalgeschichte etwa zur migrantisch geprägten Gesellschaft vollständig ausgeblendet wird. In dem dritten Untersuchungsbeispiel, dem Bienenmuseum Moorrege, wird die Bedeutung von Bienen beinahe sakral gewürdigt und die Imkerei als bedeutungsvolle Mission dargestellt. Die Autorin zeigt, dass Objekte für die „wilden“ Museumsmacher/innen ein zentraler Dreh- und Angelpunkt zum Erzählen sind und damit bedeutungsvolle „Texte“ konstituieren. Mit Rückgriff auf Bruno Latours Netzwerk-Begriff[2] arbeitet sie heraus, dass Objekte hierbei nicht als faktische Belege sondern als „Dinge von Belang“ fungieren, da sie in einem sozialen Zusammenhang stehen und mit ihren Inszenierungen offen für individuelle Bedeutungsproduktionen sind. So agieren Objekte etwa eher als nostalgische Souvenirs einer „verlorenen“ oder auch idyllisch interpretierten Vergangenheit. Sie erweisen sich aber auch als nutzvolle Gebrauchsgegenstände, um bei Ausstellungsführungen handlungsorientiertes Wissen zu vermitteln; ganz im Gegensatz zur gängigen Museumspraxis können und sollen im Bienenmuseum die Exponate auch angefasst werden. Bei allen Beispielen zeigt Jannelli sehr anschaulich, wie Objekte zur Konstituierung eines sozialen, bedeutsamen Raums wirken; sie machen die untersuchten Museen zu lebendigen Orten, an denen Menschen und Dinge versammelt werden. Im „wilden“ Museummachen sieht Jannelli eine Fähigkeit von „kleinen Leuten“, mit post- bzw. spätmodernen Fragmentierungserfahrungen umzugehen und die Welt in greifbare Zusammenhänge zu ordnen. Die untersuchten Museen erweisen sich hierbei als identitäts- und gemeinschaftsstiftende Orte, um mit Verlust umzugehen, heimatliche Gegenerzählungen zur Gegenwart und Zukunft zu entwerfen oder die Expertisen einer „wilden“ Wissensgemeinschaft zu versammeln.

In ihrem abschließenden Kapitel stellt Jannelli schließlich Überlegungen an, wie ihre Ergebnisse ganz allgemein für die Museumspraxis nutzbar sein und umgesetzt werden können. Hier zeigt sich ihre Intention, das Museum ganz konkret vom Wissenscontainer zu einem Erfahrungs- und Handlungsraum für individuelle Bedeutungen und zu einem „Agent of Social Inclusion“ zu transformieren. Denn vor dem Hintergrund von ständigen Gesellschaftsveränderungen werden Museen in den letzten Jahrzehnten immer stärker hinsichtlich ihrer Relevanz und Bedeutung hinterfragt; dabei kritisieren unterschiedliche Akteure das Kulturfeld und fordern Veränderungen der musealen Praxis für eine Öffnung der Inhalte, Strukturen und des Akteurseinbezugs ein. Jannelli betrachtet „wilde“ Museen als Orte, die Impulse und konkrete Vorschläge für eine gesellschaftlich relevante Museumsarbeit liefern können. Insbesondere im Umgang mit Objekten sieht sie einen zentralen Ansatzpunkt: In der gängigen Museumspraxis werden Objekte zu zeichenhaften Repräsentanten vermeintlicher Fakten reduziert. Demgegenüber schlägt sie einen Objektumgang vor, der eine „Emergenz von Bedeutung“ (S. 325) für aktive Rezeptionsprozesse etwa durch ungewöhnliche Klassifizierungen und Arrangements zulässt. Im Rekurs auf Latour plädiert Jannelli für ein Museum im Sinne eines „Parlaments der Dinge“, an dem menschliche und nicht-menschliche Akteure versammelt und ihre Beziehungen verhandelbar werden. Damit einhergehend wird ein anderes kuratorisches Selbstverständnis notwendig, die die Besucher/innen als Bedeutungsproduzent/innen mit Expertenschaft anerkennen, einbeziehen und Grenzziehungen im Wissenszugang aufheben. Aus dem Museumsfeld selbst wird insbesondere in der jüngsten Vergangenheit versucht, mehr gesellschaftliche Relevanz mittels einer partizipativen Museumsarbeit zu erreichen. Jedoch verweist Jannelli zu Recht darauf, diese Ansätze kritisch daraufhin zu befragen, ob die gängige autoritäre Haltung in den Museen einen wirklichen Einbezug und Zugang ermöglicht und wie dieser gestaltet wird.

Jannelli führt die Rezipierenden sehr anschaulich an ihre Untersuchung heran, indem sie einen genauen und detailreichen Blick auf ihren Gegenstand wirft. Dabei versteht sie es, ihre Thesen mit vielen Einblicken in ihre Beobachtungen und Interviews dicht und plausibel zu argumentieren. Ihre Studie bietet nicht nur einer wissenschaftlichen sondern auch breiteren Leser/innenschaften einen Einstieg zu einem Thema, das durch Jannelli in der Riege aktueller Museumsanalysen einen eigenen Platz einnimmt. Gleichzeitig liefert sie gerade mit ihrem Forschungsdesign und ihrer Herangehensweise einen wichtigen methodologischen Beitrag für die Museumsanalyse sowie für das Vielnamensfach Volkskunde, Europäische Ethnologie, Kulturanthropologie, Empirische Kulturwissenschaft. Eine zusätzlich diskursanalytische Vertiefung wäre sicherlich interessant, um die Verhältnissetzung und Verweisungen des Museumsfeldes in der Praxis genauer zu untersuchen. Zwar zeigt Jannelli beim „wilden“ Museum Elbinsel Wilhelmsburg, dass aufgrund von Verwissenschaftlichungs- und Institutionalisierungsprozessen Konfliktlinien auftreten; ein genealogischer Zugang nach Michel Foucault wäre jedoch noch etwas aufschlussreicher für eine Analyse, wie Wissensarten miteinander konkurrieren und welche Diskurse dabei wie unterdrückt oder zugelassen werden. Schließlich werden die Untersuchungsbeispiele vom jeweiligen sozialräumlichen Kontext ein wenig isoliert stehen gelassen, auch ihre Bedeutung im lokalen und überregionalen kulturpolitischen Gefüge bleibt ungeklärt. Diese Anmerkungen sollen aber nicht die Qualität von einer außerordentlich lesenswerten und dichten Untersuchung schmälern, die auch dem Museumsfeld wichtige Ansätze liefert, um das Museum für alle Gesellschaftsteile zu einem interessanten und relevanten Ort der Gegenwart zu machen.

Anmerkungen:
[1] Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Frankfurt am Main 1968 (frz. Original: La pensée sauvage, Paris 1962).
[2] Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt am Main 2007.

ZitierweiseNatalie Bayer: Rezension zu: Jannelli, Angela: Wilde Museen. Zur Museologie des Amateurmuseums. Bielefeld 2012, in: H-Soz-Kult, 13.02.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-1-110>.

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