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Historische Bildungsforschung Online

P. Elgg: Das Duale System der Berufsausbildung im Dritten Reich

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Geiss <mgeissife.uzh.ch>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Wolfgang Gippert). www.fachportal-paedagogik.de/hbo/

Autor(en):
Titel:Berufspädagogische Rationalisierung unter dem Primat des Politischen?Zur Vollendung des Dualen Systems der Berufsausbildung im „Dritten Reich“
Reihe:Schriftenreihe Studien zur Berufspädagogik 44
Ort:Hamburg
Verlag:Verlag Dr. Kovac
Jahr:
ISBN:978-3-8300-6453-4
Umfang/Preis:XIII, 332 S.; € 88,00

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-u-Kult von:

Mathias Götzl, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail: <m.goetzluni-jena.de>

Die Untersuchung des Entstehungsprozesses, insbesondere der Institutionalisierung, Formalisierung und Modernisierung der als „dual“ bezeichneten Berufsausbildung zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur zählt seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Forschungsfeldern der Historischen Berufsbildungsforschung. Patrick Elgg will mit seiner von der Universität Mannheim angenommenen Dissertation hierzu einen Beitrag leisten, indem er die „Veränderungen der Berufserziehung und ihrer ordnungsrechtlichen Rahmenbedingungen“ (S. 2f.) von der Einführung der preußischen Gewerbefreiheit im frühen 19. Jahrhundert bis in das „Dritte Reich“ im „komplexen Spannungsfeld […] staatlicher und gesellschaftlicher Interessenpolitik“ (S. 2) als Modernisierungs- bzw. in erster Linie als Rationalisierungsprozess untersucht. Dazu zieht er das „Handlungsschema der Modernisierung“ von Hans van der Loo und Willem van Reijen (1990)[1] als Referenz heran, verkürzt es jedoch insofern, als er sich im Wesentlichen mit den Auswirkungen der Rationalisierung auf die Handlungen der an der Berufserziehung beteiligten Jugendlichen, Arbeitgeber, Verbände, Pädagogen und Gesetzgeber im „Dritten Reich“ auseinandersetzt. Diese zweckrationale Perspektive will er um „pädagogische Kriterien“ für „wertrationales“ Handeln ergänzen; dazu bezieht er sich auf die drei psychologischen Grundbedürfnisse (Bedürfnis nach Kompetenz und Wirksamkeit, Selbstbestimmung und soziale Eingebundenheit) im Sinne von Edward L. Deci und Richard M. Ryan (1993).[2]

Aufgeworfen wird damit die Frage nach dem Verhältnis zwischen antimodernistischer Zielsetzung, Ideologie und Politik des Nationalsozialismus und Rationalisierungsbemühungen auf wirtschaftlicher Ebene. Dieses Problem wird disziplinübergreifend kontrovers diskutiert. In der Historischen Berufsbildungsforschung wird vornehmlich das von Martin Kipp in mehreren Arbeiten entwickelte Deutungsmuster akzeptiert. Danach könne zwar von einer der industriellen Entwicklungslogik folgenden „Perfektionierung“ (Vereinheitlichung, Systematisierung sowie Ausbreitung und Intensivierung[3]) der industriellen Berufsausbildung gesprochen werden, aber die berufserzieherischen Praxen während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft würden „ungeachtet ihrer ausbildungsdidaktischen Innovationen und ihres transformativen Charakters ein zutiefst anti-aufklärerisches und antiemanzipatorisches pädagogisches Projekt“[4] repräsentieren. Patrick Elgg grenzt sich von dieser Sichtweise ab und stellt auf die Rationalisierungs-These ab. Dies wirft die Frage auf, ob mittels der eingeschränkten Betrachtungsweise die Mehrdeutigkeit des Modernisierungsprozesses, dessen Inkonsistenz (Paradoxie) und Dialektik erfasst werden können.

Patrick Elgg gliedert seine Studie in ein vorangestelltes „überwiegend theoretisch“ (S. 18) gehaltenes Kapitel (II: „Das Duale System, seine Idee sowie die mit ihm verbundenen Interessen und Ziele“) und zwei folgende chronologische Kapitel (III und IV: „Die Entwicklung der Berufserziehung und ihre ordnungsrechtlichen Rahmenbedingungen von der Einführung der Gewerbefreiheit bis zum Ende der Weimarer Republik“ und „[…] während der nationalsozialistischen Herrschaft“), in denen er jeweils systematisch die Entwicklung und die Interessenkonstellationen der betrieblichen von der schulischen Ausbildung scheidet und die Interessenlagen des Handwerks und der Industrie betrachtet. Dabei verzichtet er in diesen Kapiteln auf modernisierungstheoretische Bezüge, was in Anbetracht des theoretischen Zugriffs zumindest überrascht.

Im II. Kapitel nimmt sich Patrick Elgg vor, die aktuellen Interessenlagen der an der Berufserziehung beteiligten Akteure vorzustellen, wobei er aufzeigen möchte, „welche Erwartungen die Beteiligten an das ordnungsrechtliche Gefüge der Berufserziehung in Deutschland richten [und, M. G.] […] ob jene als ‚rational‘ bezeichnet werden“ (S. 18) können. Dazu betrachtet er nach einer überblicksmäßigen Darstellung der gegenwärtigen Grundlagen und Interessenkonstellation des „Dualen Systems“ „Die Idee des Dualen Systems aus bildungsökonomischer Perspektive“, wobei er vertiefend auf die Interessenlagen der Ausbildungsplatzanbieter und -nachfrager eingeht. Die Untersuchung der gegenwärtigen Konstellationen soll dabei offensichtlich als Analyseschablone dienen, „um so etwaige Parallelitäten zwischen der damaligen und der heutigen Situation offen zu legen“ (S. 1). Allerdings kommt Patrick Elgg darauf nicht zurück und es bleibt die Frage, ob bei einem derartigen Vorgehen einerseits nicht auch die sich verändernden Konstellationen nach 1945 aufschlussreich sind und anderseits ob dazu nicht eine umfassendere Berücksichtigung der soziökonomischen und politisch-kulturellen Kontextbedingungen, die in der vorliegenden Arbeit nur teilweise Erwähnung finden, über den gesamten (erweiterten) Untersuchungszeitraum notwendig wären.

Das III. Kapitel bietet einen deskriptiven Abriss zur Entwicklung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Dazu werden die vorliegenden Befunde der Historischen Berufsbildung als Vorvergangenheit der zu betrachtenden historischen Ereignisfolgen weitgehend schlüssig aggregiert. Im IV. Kapitel, das schwerpunktmäßig die wissenschaftliche Eigenleistung von Patrick Elgg repräsentiert, werden die vorhandenen Befunde der berufspädagogisch-historischen Forschung zur Entwicklung der industriellen und handwerklichen Berufserziehung um Ergebnisse einer eigenen Archivrecherche im Bundesarchiv und insbesondere im deutschen Handwerksarchiv ergänzt. Dabei wird der Wandel der Berufserziehung und dessen rechtliche Grundlage, der zum einen von den ökonomischen Interessen der Wirtschaft („Rationalisierung“) und zum anderen von den politischen Zielen des NS-Regimes („Primat des Politischen“) beeinflusst wurde, umfassend dargestellt.

In den Kapiteln III und IV wird eine lesenswerte umfassende deskriptive Übersicht zur diskrepanten Entwicklung der handwerklichen und industriellen Berufserziehung und insbesondere zu deren ordnungsrechtlichen Rahmenbedingungen im Spannungsverhältnis divergierender Interessenkonstellationen geliefert. Mithin werden die bisher vorliegenden Befunde sowohl zusammengefasst als auch um weitere qualitative und quantitative Perspektiven ergänzt (zum Beispiel zu den Berufslenkungsmaßnahmen der Arbeitsämter oder zur statistischen Entwicklung des Ausbildungsstellenangebots im Nationalsozialismus). Kritisch anzumerken ist jedoch, dass Deskription und theoretische Rahmung weitgehend unverbunden nebeneinander stehen, der Rationalisierungsbegriff in der Arbeit nur unzureichend operationalisiert wird und die Begriffe „rational oder modern“ (S. 13) synonym verwendet werden. Auf dieser Folie erscheint dann praktisch jedwede Modifikation als rational begründbar. Zudem fehlt es an Kategorien, um Brüche und Fälle von De-Rationalisierung kritisch hinterfragen zu können.

Ob man überhaupt von einer „Vollendung des Dualen Systems der Berufsausbildung im Dritten Reich“, wie der Titel der Arbeit suggeriert, oder von dessen paradoxer Deformation sprechen kann, bleibt ebenso fraglich, wie die These einer weitgehenden Modernisierung bzw. Rationalisierung der Berufserziehung zwischen 1933 und 1945. Es ist sicherlich richtig, dass die ordnungsrechtlichen Arbeiten (unter anderem rechtlich bindende Ordnungsmittel und Berufsschulpflicht 1938), die auf der Grundlage der Entwicklungen während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik fortgeführt wurden, im „Dritten Reich“ einen gewissen Abschluss fanden. Allerdings wurden dabei vornehmlich die Belange der für die nationalsozialistischen Ziele systemrelevanten Industrie berücksichtigt. Der von Patrick Elgg betrachtete kulturelle Teilbereich der Berufserziehung wurde indes ebenso, wie andere kulturelle Teilbereiche, instrumentalisiert. Er fand erst in der Bundesrepublik durch den Wegfall traditioneller Strukturen infolge sozioökonomischer Modernisierungsprozesse im Berufsbildungsgesetz aus dem Jahr 1969 seine einstweilige Vollendung.[5] Insofern ist Patrick Elggs Befund zuzustimmen, dass in Anbetracht „der in der nationalsozialistischen Ideologie angelegten Konflikte […] die damalige Berufserziehung nicht als ‚vollendet‘ oder ‚perfektioniert‘ bezeichnet werden“ (S. 289) kann und dass diese Terminologie daher zu meiden sei. Obgleich Patrick Elggs modernisierungs- bzw. rationalisierungstheoretischer Zugriff und sein darauf aufbauender Ansatz, der neben der Zweckrationalität auch „pädagogischen Kriterien“ zur Operationalisierung „wertrationalen“ Handelns berücksichtigt, stringent ist, steht seine Konzeptualisierung jedoch weitgehend unverbunden neben dem durchaus aufschlussreichen und lesbaren deskriptiven Beitrag.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Hans van den Loo / Willem van Reijen, Modernisierung. Projekt und Paradox, 2., aktualisierte Auflage, München 1997 (1. niederländische Ausgabe 1990).
[2] Vgl. Edward L. Deci / Richard M. Ryan, Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik, in: Zeitschrift für Pädagogik, 39 (1993), S. 223–238, hier S. 229f.
[3] Vgl. Martin Kipp / Gisela Miller-Kipp, Erkundung im Halbdunkel. Einundzwanzig Studien zur Berufserziehung und Pädagogik im Nationalsozialismus, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1995, S. 269ff.
[4] Martin Kipp, Gestaltungsorientierte Berufserziehung im Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Modernisierungsgeschichte der technisch-industriellen Berufserziehung, in: Friedhelm Schütte / Ernst Uhe (Hrsg.), Die Modernität des Unmodernen. Das „deutsche System“ der Berufsausbildung zwischen Krise und Akzeptanz, Berlin 1998, S. 449–464, hier S. 459.
[5] Vgl. u.a. Wolf-Dietrich Greinert, Geschichte der Berufsausbildung in Deutschland, in: Rolf Arnold / Antonius Lipsmeier (Hrsg.), Handbuch der Berufsbildung, 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Wiesbaden 2006 (1. Auflage 1995), S. 499–508, bes. 504.

ZitierweiseMathias Götzl: Rezension zu: Elgg, Patrick: Berufspädagogische Rationalisierung unter dem Primat des Politischen? Zur Vollendung des Dualen Systems der Berufsausbildung im „Dritten Reich“. Hamburg 2012, in: H-Soz-u-Kult, 14.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-027>.

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