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Geschichte allgemein

A. Janku u.a. (Hrsg.): Historical Disasters in Context

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Titel:Historical Disasters in Context. Science, Religion, and Politics
Reihe:Routledge Studies in Cultural History 15
Herausgeber:Janku, Andrea; Schenk, Gerrit Jasper; Mauelshagen, Franz
Ort:New York
Verlag:Routledge
Jahr:
ISBN:978-0-415-88509-6
Umfang/Preis:XII, 296 S.; £ 80,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Philipp Deeg, Historisches Institut, Universität Stuttgart
E-Mail: <PhilippDeeggmx.de>

Der vorliegende, seit längerem vorbereitete[1] Sammelband ist die letzte einer Reihe von Publikationen, die aus mehreren, im Rahmen eines wissenschaftlichen Nachwuchsnetzwerks zur historischen Katastrophenforschung durchgeführten Workshops hervorgegangen sind (S. XI mit Anm. 1). Der kultur- und epochenübergreifend konzipierte Band umfasst einschließlich der Einleitung der Herausgeber 13 Kapitel, die grob chronologisch geordnet sind.

In ihrer „Introduction“ (S. 1–14) legen die Herausgeber Andrea Janku, Gerrit Jasper Schenk und Franz Mauelshagen zunächst die Zielsetzung des Bandes dar: Den Untersuchungsgegenstand bilden Katastrophen, da sie „major forces shaping historical processes“ darstellen (S. 2). Dabei werden technologische Desaster zugunsten von Naturkatastrophen ausgeklammert, wiewohl auch die Schwierigkeit einer trennscharfen Abgrenzung gesehen wird. Außerdem sind sich die Herausgeber über die Problematik des Begriffs ‚Naturkatastrophe‘ im Klaren: Erst soziale Bedingungen machen ein Naturereignis zur Katastrophe – und ein vermeintlich ‚natürliches‘ Desaster kann anthropogene Ursachen besitzen. Folgerichtig ist fast durchgängig im ganzen Band von „‚natural‘ disasters“ die Rede (S. 2 und passim).[2] Ohne weiteren Hinweis unterlassen es die Herausgeber allerdings, den Begriff der (Natur-)Katastrophe zu definieren. Angesichts der Schwierigkeit des Unterfangens – Schenk selbst hält es für kaum möglich – ist dies verständlich[3]; leider macht es die (durchaus vielfältige) Auswahl an untersuchten Phänomenen etwas willkürlich.

Anknüpfend an aktuelle methodisch-theoretische Ansätze der Geschichtswissenschaft und im Rückgriff auf Greg Bankoff[4] soll der Anstoß für eine Kulturgeschichte der Katastrophe geliefert werden[5], genauer für eine „truly global history of disasters“ (S. 5). Ein solcher Zugang zur Erforschung von Katastrophen ist nicht völlig neu.[6] Überraschen mag zudem, dass eine sehr westzentrierte Sicht vorherrscht; nur die Beiträge von Stefan Knost (zu Aleppo) und Andrea Janku (zu China) fallen aus dem Rahmen. Die Begründung, die Geschichte des Westens repräsentiere „an integral part of global history“ (S. 4), ist ohne weiteres zustimmungsfähig. Die Darlegung jedoch, Katastrophen seien „transcultural phenomena“ und westliche Erfahrungen damit „not intrinsically different from others“ (S. 4), scheint in dieser Kürze vergleichende Forschung, wie sie von den Herausgebern explizit gefordert wird (S. 5), hinfällig zu machen. Gemeint sein dürfte mit diesem Argument daher, dass Desaster „als dauernde Erfahrung der Gesellschaft und der Geschichte anzunehmen“ sind[7], und zu allen Zeiten in allen Kulturen Reaktionen in ähnlichen sozialen Feldern auslösen, „[a]mong these are science, religion, and politics“ (S. 4).[8]

Dieser Fokus auf die Wahrnehmung und Interpretation von Katastrophen im religiösen, wissenschaftlichen und politischen Kontext bildet den Mehrwert dieses Bandes gegenüber früheren Arbeiten. Schon seit einiger Zeit wird der Zusammenhang von „Natur und Macht“ bzw. „Umwelt und Herrschaft“[9] untersucht, bezüglich Naturkatastrophen blieb dieses Feld aber bislang unterbelichtet. Die Herausgeber gehen dabei von einleuchtenden Überlegungen aus: Personen oder Gruppen in gesellschaftlich einflussreichen Positionen prägen die Wahrnehmung und Deutung von Katastrophen, und dies häufig bewusst und absichtsvoll. Zwei Möglichkeiten eines solchen ‚elitären‘ Umgangs mit Katastrophen bestehen: „making them actually less disastrous, or even turning them into a constructive force, in so far as they could be instrumentalized and used by those in positions of power“ (S. 5). Zu ergänzen wäre allenfalls, was die Herausgeber andeuten, sich aus der Logik der Sache aber ohnedies erschließt: Bemühen Eliten sich nicht um die Deutungshoheit im Katastrophenfall, könnte die Interpretation zu ihren Ungunsten ausfallen. Die Leitfragen des Bandes lauten dementsprechend (S. 5): „How did disaster experiences interact with the development of scientific thought in the early modern era? Why did religion play such an important role in disaster response, as it still does, despite the strong trend towards secularization in the modern world? What was and is the political role of disasters?“ Der Formulierung dieser Fragen folgt die Vorstellung der Beiträge in Form einer Synthese, die nach den Schlagworten des Untertitels geordnet ist. Diese Vorgehensweise ist eine angenehme Abwechslung zu den aufzählend gestalteten Einleitungen vieler anderer Sammelpublikationen und entschädigt vollkommen für das Fehlen eines zusammenfassenden Kapitels am Ende des Buches.

Die erste, von Mischa Meier verfasste Fallstudie „Roman Emperors and ‚Natural Disasters‘ in the First Century AD“ (S. 15–30) ist in zweierlei Hinsicht positiv hervorzuheben: Einerseits wird die Antike in vielen Publikationen zur historischen Katastrophenforschung ausgelassen.[10] Andererseits sind Untersuchungen zur politischen Bedeutung von Naturkatastrophen in der römischen Kaiserzeit noch Mangelware. Wie üblich glänzt Meier mit souveräner Quellenarbeit und exzellenter Literaturkenntnis; einzig einen einschlägigen Aufsatz von Gerhard Waldherr vermisst man.[11] Auch inhaltlich ist Meiers Aufsatz gelungen. Dass die iulisch-claudischen Kaiser Katastrophen als Gelegenheit sahen, sich als gute Herrscher zu profilieren, ist ebenso plausibel wie die Argumentation, die Katastrophenbewältigung des Augustus habe seinen Nachfolgern wesentlich als Vorbild gedient. Leider konzentriert die Studie sich auf Erdbeben und Brände, bleibt daher exemplarisch; die Beispiele sind indes gut gewählt. Angesichts des Titels hätte der Leser zudem eine Einbeziehung des Vier-Kaiser-Jahres und der Flavier erwartet. Schließlich wäre eine explizite Auseinandersetzung mit Positionen, die eine politische Bedeutung von Katastrophen in der Antike bezweifeln[12], wünschenswert gewesen. Diese ‚Defizite‘ haben ihren Grund sicher im begrenzten Umfang, der Meier zur Verfügung stand. Jedenfalls stellt seine Arbeit einen wichtigen Fortschritt dar.

Der darauffolgende Beitrag von Gerrit Jasper Schenk (S. 31–53) ist besonders methodisch instruktiv. Schenk geht von der wechselseitigen Beeinflussung von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ aus und wählt einen vergleichenden Ansatz mit zwei ähnlich gelagerten Fällen: Straßburg und Florenz. Dabei nimmt er eine langfristige Perspektive ein. Es gelingt ihm, nachzuweisen, dass gerade Desaster von geringerem Ausmaß, die dafür aber in recht häufiger Folge auftreten, sicher nicht den einzigen, wohl aber einen beachtenswerten Faktor repräsentieren, der die Entwicklung der jeweiligen städtischen Verwaltungsstrukturen zu erklären hilft. Diese Strukturen wiederum prägen die soziale Naturwahrnehmung.

In seinem Beitrag über „Forgotten Risks“ (S. 140–152) greift Andreas Dix ein von ihm bereits früher bearbeitetes Thema auf.[13] Die öffentliche Wahrnehmung und Erinnerung wird von großen Katastrophenereignissen geprägt, Desaster von geringfügigerem Ausmaß, aber hoher Frequenz geraten bisweilen in Vergessenheit. Diese Katastrophen mittels archivalischer Quellen zu rekonstruieren – was Dix an den Beispielen Schwäbische Alb und Südtirol vorexerziert –, trägt dazu bei, die oft gestellte Frage, ob Zahl und Intensität von Katastrophen in der heutigen Zeit zunehmen oder lediglich die Anfälligkeit der Menschheit aufgrund demographischer Umstände wächst, differenziert zu beantworten.

Stefan Knost behandelt die Folgen des Erdbebens von 1822 für die Stadtentwicklung des syrischen Aleppo (S. 153–173). Dies ist aufschlussreich, weil die historische Katastrophenforschung im Nahen Osten noch am Anfang steht, aber auch weil die Quellenprobleme, vor denen der Forscher steht, dargelegt werden. Anschaulich zeigt Knost, dass reiche Kaufleute nur aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Schwäche des Stadtregiments infolge des Bebens die Gelegenheit erhielten, das Stadtbild architektonisch zu prägen. Bedauerlicherweise hat der Aufsatz eine zum Abfassungszeitpunkt kaum vorhersehbare tragische Aktualität: Der Leser mag sich kaum vorstellen, ob die besagte architektonische Prägung angesichts der jüngsten Bürgerkriegszerstörungen wirklich „still visible today“ ist (S. 170).[14]

Von Andrea Janku hätte man, passend zu Meiers Studie, eine Arbeit zur chinesischen Kaiserzeit erwartet.[15] Stattdessen macht sie sich um die Untersuchung der bislang wenig erforschten Hungersnot in Nordchina 1928–1930 verdient (S. 227–260). Jankus Annahme, nicht nur äußere Einflüsse, sondern auch innere Entwicklungen wie diese Katastrophe hätten einen entscheidenden Beitrag zur stärkeren politischen Zentralisierung der schwachen Republik geleistet, da die Regierung durch öffentlichen Druck gezwungen war, die ‚traditionelle‘ Aufgabe des Katastrophenmanagements zu übernehmen, erscheint plausibel. Da die entscheidenden Quellen der Studie aber die Zeitungen Shenbao und Dagongbao sind, wäre eine Berücksichtigung von Konzepten und Erkenntnissen der Medienwirkungsforschung zur Untermauerung der Argumentation wünschenswert gewesen. Der abschließende Beitrag von Franz Mauelshagen über „Climate Catastrophism“ (S. 261–282) ist die erweiterte Fassung eines bereits erschienenen, unter wissenschaftlichen wie gegenwartspolitischen Vorzeichen lesenswerten Aufsatzes des Autors.[16]

Die Beiträge sind größtenteils flüssig und gut lesbar geschrieben und qualitativ hochwertig. Dass außer dem Lissabon-Erdbeben 1755 (Beitrag Quénet) und dem San-Francisco-Erdbeben 1906 (Beitrag Rohland) keine ‚Klassiker‘ der Katastrophenforschung behandelt werden, gereicht dem Buch zum Vorteil. Bis auf weiteres wird, wer sich mit der historischen Katastrophenforschung beschäftigt, an diesem Band nicht vorbeikommen – und ihn mit Gewinn lesen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Verweis bei Mischa Meier, Eine fast verschlafene Katastrophe oder der Untergang eines ‚Sodom und Gomorrha‘? Der Ausbruch des Vesuv im Jahre 79, in: Gerrit Jasper Schenk (Hrsg.), Katastrophen, Ostfildern 2009, S. 20–36, Anm. 26.
[2] Carsten Felgentreff / Thomas Glade, Naturrisiken – Sozialkatastrophen: zum Geleit, in: Carsten Felgentreff / Thomas Glade (Hrsg.), Naturrisiken und Sozialkatastrophen, Berlin 2008, S. 1–10; Dieter Groh / Michael Kempe / Franz Mauelshagen, Einleitung. Naturkatastrophen – wahrgenommen, gedeutet, dargestellt, in: Dieter Groh / Michael Kempe / Franz Mauelshagen (Hrsg.), Naturkatastrophen, Tübingen 2003, S. 11–33.
[3] Gerrit Jasper Schenk, Katastrophen in Geschichte und Gegenwart, in: Gerrit Jasper Schenk (Hrsg.), Katastrophen, Ostfildern 2009, S. 9–19, hier S. 10; tatsächlich unergiebig ist Egon Flaig, Eine Katastrophe definieren. Versuch einer Skizze, in: Historical Science Research/Historische Sozialforschung 121/32.3 (2007), S. 35–43; fruchtbar dagegen Mischa Meier, Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr., Göttingen 2003, S. 31–33.
[4] Zum Beispiel Greg Bankoff, Cultures of Disaster, Cultures of Coping: Hazard as a Frequent Life Experience in the Philippines, in: Christof Mauch / Christian Pfister (Hrsg.), Natural Disasters, Cultural Responses, Lanham 2009, S. 265–284.
[5] So schon Gerhard Fouquet, Für eine Kulturgeschichte der Naturkatastrophen. Erdbeben in Basel 1356 und Großfeuer in Frankenberg 1476, in: Andreas Ranft / Stephan Selzer (Hrsg.), Städte aus Trümmern, Göttingen 2004, S. 101–131.
[6] Vgl. etwa Christof Mauch / Christian Pfister (Hrsg.), Natural Disasters, Cultural Responses, Lanham 2009.
[7] Arno Borst, Das Erdbeben von 1348. Ein historischer Beitrag zur Katastrophenforschung, in: Historische Zeitschrift 233 (1981), S. 529–569, hier S. 532.
[8] Zu den mindestens potentiell vielfältigen Effekten von Katastrophen schon Borst, Erdbeben, S. 541.
[9] Joachim Radkau, Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt, München 2002; François Duceppe-Lamarre / Jens Ivo Engels (Hrsg.), Umwelt und Herrschaft in der Geschichte. Environnement et pouvoir: une approche historique, München 2008.
[10] Beispielsweise Mauch/Pfister, Natural Disasters; Patrick Masius/Jana Sprenger/Eva Mackowiak (Hrsg.), Katastrophen machen Geschichte, Göttingen 2010; Christian Pfister (Hrsg.), Am Tag danach. Zur Bewältigung von Naturkatastrophen in der Schweiz 1500–2000, Bern u.a. 2002.
[11] Gerhard Waldherr, ‚Der Kaiser wird’s schon richten‘ – Kaiserliche Fürsorge und Schadensregulierung nach Erdbeben in der römischen Kaiserzeit, in: Martin Frey / Norbert Hanel (Hrsg.), Archäologie – Naturwissenschaften – Umwelt, Oxford 2001, S. 1–7.
[12] Günther Stangl, Katastrophale Antike? Lösen Katastrophentheorien historische Probleme? Historische Auswirkungen von Naturkatastrophen und Epidemien, in: Karl Strobel (Hrsg.), Die Geschichte der Antike aktuell. Methoden, Ergebnisse und Rezeption, Klagenfurt u.a. 2005, S. 353–368.
[13] Andreas Dix, Historische Ansätze in der Hazard- und Risikoanalyse, in: Carsten Felgentreff / Thomas Glade (Hrsg.), Naturrisiken und Sozialkatastrophen, Berlin 2008, S. 201–211.
[14] Vgl. Martin Gehlen, Aleppos historischer Altstadt droht die Zerstörung, in: ZEIT Online, 30.09.2012 <www.zeit.de/politik/ausland/2012-09/aleppo-altstadt-flammen> (01.10.2012).
[15] Rom-China-Vergleichsstudien besitzen hohe Aktualität, vgl. Fritz-Heiner Mutschler / Achim Mittag (Hrsg.), Conceiving the Empire. Rome and China compared, Oxford 2008; Walter Scheidel (Hrsg.), Rome and China. Comparative Perspectives on Ancient World Empires, Oxford 2010. Zu Jankus Forschungen über Katastrophen im kaiserzeitlichen China siehe Andrea Janku, „Drei lebenslange Freunde / In einer Nacht dem Sand anheimgegeben“ – Das Erdbeben von 1556 in Shaanxi (China), in: Gerrit Jasper Schenk (Hrsg.), Katastrophen, Ostfildern 2009, S. 81–92; Andrea Janku, „Heaven-Sent Disasters“ in Late Imperial China: The Scope of the State and Beyond, in: Christof Mauch / Christian Pfister (Hrsg.), Natural Disasters, Cultural Responses, Lanham 2009, S. 233–264.
[16] Franz Mauelshagen, Die Klimakatastrophe. Szenen und Szenarien, in: Gerrit Jasper Schenk (Hrsg.), Katastrophen, Ostfildern 2009, S. 205–223; vgl. dazu die Rezension von Patrick Masius in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 2, 15.02.2010 <www.sehepunkte.de/2010/02/17209.html> (19.10.2012).

ZitierweisePhilipp Deeg: Rezension zu: Janku, Andrea; Schenk, Gerrit Jasper; Mauelshagen, Franz (Hrsg.): Historical Disasters in Context. Science, Religion, and Politics. New York 2012, in: H-Soz-Kult, 05.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-108>.

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