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Zeitgeschichte (nach 1945)

A. Künsberg: Vom "Heiligen Geist der Elektrizitätswirtschaft"

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ralf Ahrens <ahrenszzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Vom "Heiligen Geist der Elektrizitätswirtschaft". Der Kampf um die Regulierung der Stromwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland (1950-1980)
Ort:Berlin
Verlag:BWV Berliner Wissenschaftsverlag
Jahr:
ISBN:978-3-8305-3056-5
Umfang/Preis:226 S.; € 34,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Hendrik Ehrhardt, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail: <h.ehrhardtuni-jena.de>

Energiegeschichte boomt, so könnte man angesichts der zahlreichen Veröffentlichungen jüngeren Datums zu dieser Thematik annehmen. Zumindest belegt die gestiegene Anzahl an Publikationen, dass sich das Thema Energie in der historischen Forschung insbesondere zum 20. Jahrhundert jüngst größerer Beliebtheit erfreut.[1] Alexandra von Künsberg wendet sich mit dem Thema Regulierung einer der wichtigsten Fragen der neueren Energiegeschichte zu. Seit ihrer Entstehung im ausgehenden 19. Jahrhundert ist die Diskussion um Regulierung untrennbar mit der Geschichte der Elektrizitätswirtschaft verbunden. Im Zentrum des Regulierungsprozesses stand die Frage, ob ihre Entwicklung dem freien Spiel ökonomischer Kräfte überlassen werden könne oder staatlicher Kontrolle unterworfen werden solle. Diese Debatte wurde in der Geschichte der Energieversorgung unter Berücksichtigung verschiedener Technologien der Energieerzeugung wiederholt geführt. Neben grundsätzlichen wirtschafts- und ordnungspolitischen Vorstellungen spielte dabei auch die Überlegung eine Rolle, ob Energieversorgung am besten zentral oder dezentral organisiert werden solle. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts setzte sich dabei bekanntlich die Großkrafterzeugung als vorherrschendes Prinzip durch.

Die im Jahr 2011 an der Universität Mannheim angenommene Dissertation konzentriert sich vor allem auf die drei Jahrzehnte zwischen 1950 und 1980. Begünstigt durch die seit geraumer Zeit liberalisierte Archivpolitik vor allem der großen Energieversorgungsunternehmen, basiert die Arbeit auf zum Teil erstmals gesichteten Quellenbeständen der Unternehmen und Verbände der Stromwirtschaft. Darüber hinaus bildeten das Bundesarchiv sowie die Aktenbestände verschiedener regionaler Wirtschaftsarchive wichtige Fundgruben für die Materialgrundlage.

Die Studie fokussiert auf die intensiv geführte Auseinandersetzung um Regulierungsfragen, welche von Künsberg als "Heiligen Geist der Elektrizitätswirtschaft" versteht. Sie geht im Wesentlichen drei zentralen Fragen nach. Problematisiert wird, weshalb sich Liberalisierungstendenzen im Bereich der leitungsgebundenen Versorgungswirtschaft nur sehr langsam durchsetzen konnten und welche Beharrungskräfte dafür verantwortlich waren, den Status Quo weitestgehend zu erhalten. Der Autorin geht es drittens darum, die Motive und Einflussmöglichkeiten der Hauptprotagonisten auf die Regulierungsdebatte genauer auszuloten. Das Handeln von Unternehmen und Verbänden wird dabei vor allem im Hinblick auf die Diskussion um die Neustrukturierung der Energiewirtschaft und des Energierechts seit den frühen 1950er-Jahren untersucht. Anhand dieses Problemfeldes wird danach gefragt, welche Folgen die Regulierung für die Stromwirtschaft hatte und welche Konsequenzen der eingeschränkte Wettbewerb für die Branche, die Verbraucher und die Volkswirtschaft insgesamt mit sich brachte.

Das Hauptaugenmerk liegt auf einer Wirtschaftsgeschichte der Regulierung der Stromwirtschaft. Eine der Stärken der Studie besteht darin, verschiedene Bereiche der Regulierung sowie deren Verflechtung zu untersuchen. Mit der Frage, "[w]em der deutsche Strom gehört" (S. 25), wird sowohl die Problematik der Kapitalverflechtungen als auch der Besitzverhältnisse in der deutschen Stromwirtschaft analysiert. Ferner wird die Konzessionsabgabenordnung und damit das Problem thematisiert, welcher Regulierungsgrad für die Stromwirtschaft angemessen sei. Anhand dieser Debatte wird im Beziehungsdreieck zwischen Bundeswirtschaftsministerium, Gemeinden und Stromversorgern der Frage nachgegangen, welchen Preis Energieversorger an die Gemeinden für das Recht entrichten mussten, auf deren Territorium Leitungen für elektrische Energie zu verlegen und diese zu betreiben. Demarkationsverträge und Konzessionsabgabe bildeten damit das Fundament für die Monopolstellung der Energieversorger und begründeten letztlich die Ausnahmestellung der Unternehmen im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Neben den Gemeinden analysiert von Künsberg kenntnisreich die wichtigsten Akteure und deren Positionen in der Regulierungsdebatte. Die großen Stromversorger und deren Verbände werden ebenso in die Betrachtung einbezogen wie die Industrielle Kraftwirtschaft. Als wichtige Größen in der Regulierungsdebatte werden auch der Bundesverband der Deutschen Industrie, der Verband kommunaler Unternehmen sowie das Bundeskartellamt untersucht. Äußerst leserfreundlich und übersichtlich gestaltet sind darüber hinaus zahlreiche Tabellen, in denen klar zwischen Regulierungs- und Liberalisierungsbefürwortern unterschieden wird, sowie einige Zwischenfazits am Ende von Kapiteln.

Als wesentlichen Grund für das Scheitern der Liberalisierungsbefürworter macht von Künsberg den Umstand aus, dass diese keinen oder nur eingeschränkten "Zugang zu den bereits existierenden institutionalisierten Kommunikationskanälen [hatten], die auf Ämterverflechtung oder persönlichen Beziehungen beruhten und relevant für den Zugang zum Entscheidungsprozess waren" (S. 139). Gleichwohl gelang es vor allem der Industriellen Kraftwirtschaft als einem der entscheidenden Liberalisierungsbefürworter, Bündnispartner für sich zu gewinnen und damit zumindest zeitweise einen Kräfteausgleich herzustellen. Letztlich verhinderte aber die erfolgreiche Interessenorganisation und Durchsetzungskraft der Stromwirtschaft weitreichende Reformen. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, dass in Regulierungsfragen lange Zeit Kontinuität statt Wandel vorherrschte. Letztlich war auch die Mehrheit der Parlamentarier und Wissenschaftler vor allem in den 1960er-Jahren der Auffassung, dass eine gewisse Ausnahmestellung für die Stromwirtschaft durchaus gerechtfertigt sei. Selbst Ludwig Erhard, sonst resoluter Verfechter des markwirtschaftlichen Dogmas, gestand der Elektrizitätswirtschaft diese Position zu. Erst seit den späten 1970er-Jahren, und damit am Ende des Untersuchungszeitraums, konnten die Befürworter der Liberalisierung kleine Erfolge wie zum Beispiel die Präzisierung der Missbrauchstatbestände, also eine schärfere Kontrolle hinsichtlich der Ausnutzung der Marktmacht der Stromversorger, für sich verbuchen. Ebenso wurden die Gebietsschutzverträge, eines der Standbeine des Monopols der Energieversorger, zeitlich auf 20 Jahre befristet.

Der Rezensent hat an der Arbeit nichts Grundsätzliches auszusetzen. Vielmehr empfindet er es als wohltuend, dass hier keine dickleibige und gähnend langweilige Studie zur Regulierungsgeschichte der Stromwirtschaft zu besprechen war. Einzig mag nicht recht einleuchten, weshalb von Künsberg erst nach 54 Seiten den theoretischen Rahmen ihrer Untersuchung absteckt, obwohl dieser bereits, zumindest zwischen den Zeilen, schon nach den ersten Seiten erkennbar ist. Die Studie ist ein wichtiger und überaus lesenswerter Baustein zur Erschließung energiehistorischer Fragestellungen. Darüber hinaus liefert sie wichtige Anregungen zur Wirtschaftsgeschichte der Energiefrage und zur Regulierungsproblematik von Wirtschaftsbranchen insgesamt. Sie dürfte auch für den nicht einschlägig historisch vorgebildeten Leser von Interesse sein, da der Zusammenhang zwischen Regulierung, Markt und Strompreis in den gegenwärtigen Diskussionen seine Aktualität nicht verloren, sondern vielmehr unter anderen Rahmenbedingungen erneut unter Beweis gestellt hat. Nicht nur vor diesem Hintergrund sei der Band Historikern, Energiewirtschaftlern und Laien gleichermaßen zur Lektüre empfohlen.

Anmerkung:
[1] Hendrik Ehrhardt/Thomas Kroll (Hrsg.), Energie in der modernen Gesellschaft. Zeithistorische Perspektiven, Göttingen 2012; Peter Döring, Ruhrbergbau und Elektrizitätswirtschaft. Die Auseinandersetzung zwischen dem Ruhrbergbau und der öffentlichen Elektrizitätswirtschaft um die Steinkohleverstromung von 1925 bis 1951, Essen 2012; Cornelia Altenburg, Kernenergie und Politikberatung. Die Vermessung einer Kontroverse, Wiesbaden 2010; Sandra Tauer, Störfall für die gute Nachbarschaft? Deutsche und Franzosen auf der Suche nach einer gemeinsamen Energiepolitik (1973-1980), Göttingen 2012; Nina Moellers/Karin Zachmann (Hrsg.), Past and Present Energy Societies. How Energy Connects Politics, Technologies and Cultures, Bielefeld 2012.

ZitierweiseHendrik Ehrhardt: Rezension zu: von Künsberg, Alexandra: Vom "Heiligen Geist der Elektrizitätswirtschaft". Der Kampf um die Regulierung der Stromwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland (1950-1980). Berlin 2012, in: H-Soz-Kult, 04.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-194>.

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