1 / 1 Rezension

Geschichte allgemein

P. Reichel: Glanz und Elend deutscher Selbstdarstellung

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Glanz und Elend deutscher Selbstdarstellung. Nationalsymbole in Reich und Republik
Ort:Göttingen
Verlag:Wallstein Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8353-1163-3
Umfang/Preis:381 S., 56 Abb.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Bernd Buchner, Mainz
E-Mail: <bucberweb.de>

Symbole sind nicht alles, aber ohne Symbole ist alles nichts. Als abstraktes politisches Gebilde benötigt jeder Staat, jede Nation ein gewisses Maß an Zeichenhaftigkeit, um sich den zugehörigen Menschen auch sinnlich mitzuteilen – in Form von Farben, Wappen, Hymnen, Feiertagen, Denkmälern, Straßennamen, Briefmarken. Diese spiegeln zugleich Entwicklung und Charakter der betreffenden politischen Gemeinschaft. In Deutschland hat sich angesichts der föderalen Tradition des Landes und der wechselvollen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert eine besonders reiche Palette an Symbolen herausgebildet, und die Auseinandersetzungen um sie waren mitunter heftiger als andernorts. Der Streit um das Selbstverständnis von Staat und Nation, der darin zum Ausdruck kommt, muss kein schlechtes Zeichen sein – ebenso wenig wie die „Symbolmüdigkeit“ (Arnold Rabbow), die sich in der Bundesrepublik nach dem Propagandaüberfluss aus der Zeit des Nationalsozialismus einstellte. Eine gesunde Skepsis gegenüber emotionalen und irrationalen Faktoren gehört zum Wesen eines aufgeklärten und verantwortungsbewussten Staatsbürgertums.

Im 21. Jahrhundert allerdings, so der Eindruck, sind die deutschen Vorbehalte gegen symbolische Darstellungsformen weitgehend gewichen. „Erst in der Gegenwart scheint die Befreiung von Vorbelastung und Verunsicherung zu gelingen“, schreibt Peter Reichel in seinem neuen Buch über die Nationalsymbole (S. 9). Dem Band mit dem Titel „Glanz und Elend deutscher Selbstdarstellung“ ist eine ganze Reihe weiterer einschlägiger Publikationen aus der Feder des Historikers und Politikwissenschaftlers vorausgegangen.[1] So sind manche Doppelungen und zum Teil wortgleiche Wiederholungen von Passagen aus früheren Büchern wohl nicht ganz vermeidlich. Seine aktuelle Monographie beginnt Reichel mit den „Geburtshäusern der Nation“, der Frankfurter Paulskirche und dem Berliner Reichstag. In der klassizistischen Paulskirche, 1789 bis 1833 errichtet und bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als evangelisches Gotteshaus genutzt, tagte 1848/49 die erste deutsche Nationalversammlung. Der Symbolcharakter der Kirche bleibt in der Beschreibung allerdings etwas blass. Auch der 1894 eröffnete Reichstag, nach Plänen von Paul Wallot im Renaissancestil errichtet, war als „Gegenbau zum preußischen Hohenzollernschloss“ (S. 54) ein Zeichen der Demokratie. Von hier rief Philipp Scheidemann 1918 die erste deutsche Republik aus, und der Reichstagsbrand 1933 markierte den Beginn der NS-Terrorherrschaft. Die grundlegenden Umbauten nach dem Zweiten Weltkrieg verantworteten Paul Baumgarten und zuletzt der britische Stararchitekt Norman Foster.

Im Anschluss widmet sich Reichel den klassischen Nationalsymbolen wie Hymne und Flagge sowie dem Adler als dem prägenden staatlichen Hoheitszeichen. Erst spät populär wurde das Deutschlandlied, das Hoffmann von Fallersleben 1841 auf eine Haydn-Melodie schrieb. Im Kaiserreich völkisches Signal gegen die „Reichsfeinde“, wurde der Gesang in der Weimarer Republik zur Nationalhymne erhoben – durch den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Die Nationalsozialisten verbanden „Deutschland, Deutschland über alles“ mit dem Horst-Wessel-Lied. Die junge Bundesrepublik betonte wie schon Ebert die dritte Strophe, die seit 1991 alleinige Nationalhymne ist: „Einigkeit und Recht und Freiheit“ – es ist deshalb falsch, von der „dritten Strophe unserer Nationalhymne“ zu sprechen (S. 7). Wie das Lied, so stammt auch die schwarz-rot-goldene Trikolore aus dem Kontext von 1848. Ihr stand die von Bismarck erfundene schwarz-weiß-rote Fahne des Kaiserreichs gegenüber – der „Flaggenstreit“ eskalierte nach dem Ende der Monarchie und stand im Zentrum der heftigen Weimarer Symbolkämpfe. Die Nationalsozialisten mit dem Hakenkreuzbanner waren die lachenden Dritten. Ab 1949 wiederum konkurrierten Bundesrepublik und DDR um die schwarz-rot-goldenen Farben und damit um das national-freiheitliche Erbe des 19. Jahrhunderts.

„Ohne geschichtlichen Glanz“ lautet der Titel des Kapitels zu den Nationalfeiertagen – ein unumstrittener Gedenktag wie in Frankreich oder den USA hat sich auf deutschem Boden aus historischen Gründen nicht entwickeln können. Die Festkultur der Nationalbewegung blieb bildungsbürgerlich geprägt, Kaisergeburtstag und Sedantag im Reich von 1871 wirkten durch ihren chauvinistischen Anstrich eher desintegrativ. Die Arbeiterbewegung setzte auf Gegenfeste wie den Maifeiertag. Im Weimarer Staat gelangte der Verfassungstag zu einer gewissen Popularität, doch einigende Kraft konnte er nicht entfalten. „Wie die anderen Staatssymbole spiegelt auch der Verfassungstag eine tief gespaltene Republik.“ (S. 168) In der Zeit des Nationalsozialismus dominierten Heldengedenktag oder Führergeburtstag. Nach dem Ende des Reiches setzten Ost- und Westdeutschland auf denkbar konträre Feiertage: Die DDR erinnerte am 15. Januar an die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg, am 7. Oktober an die Gründung der Republik. Die Bundesrepublik vereinnahmte den 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“, der nach der Vereinigung durch den 3. Oktober abgelöst wurde. Eine Erinnerungskultur entwickelte sich ferner um den 20. Juli, den Jahrestag des Stauffenberg-Attentats, sowie um den mehrfach denkwürdigen 9. November.

Ausführlich thematisiert Reichel das deutsche Totengedächtnis vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Die Berliner Siegessäule wurde bereits 1873 eingeweiht, wenige Jahre nach dem deutsch-französischen Krieg. 1913 folgte das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Um das Reichsehrenmal für die zwei Millionen deutschen Toten des Ersten Weltkriegs gab es zwar auch Diskussionen und Kontroversen, doch waren diese weniger heftig als andere symbolische Debatten in den Weimarer Jahren. Die Arbeiterbewegung hielt die Erinnerung an die Märzgefallenen von 1848 hoch, die Nationalsozialisten glorifizierten die Toten des gescheiterten Hitlerputsches von 1923. Die DDR war in ihrem Totengedenken auf die Nationalen Mahn- und Gedenkstätten Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück fixiert – Reichel behandelt davon nur Buchenwald – sowie auf den Sozialistenfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde. Im vereinigten Deutschland wurde die Berliner Neue Wache zur zentralen Erinnerungsstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. An den millionenfachen Judenmord erinnert das Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Zentrum der Hauptstadt. Der Autor lässt die Denkmäler für die verfolgten Homosexuellen sowie für die ermordeten Sinti und Roma außen vor und behandelt stattdessen Willy Brandts Warschauer Kniefall als „ephemeres“ Erinnerungszeichen sowie die Berliner Dauerausstellung „Topographie des Terrors“ als Ort der Täter. Vor allem in diesem Kapitel macht sich die Stoffanordnung negativ bemerkbar: Durch die Gliederung nach Symbolen und nicht nach Epochen entsteht der Eindruck der Sprunghaftigkeit, zumal auch Sachfremdes wie die Arbeitersymbolik eingeflochten ist. Die Symbolpolitik der beiden deutschen Diktaturen stellt der Autor überdies stets nur nebeneinander, statt eine vergleichende oder beziehungsgeschichtliche Analyse zu wagen.

Abschließend skizziert Reichel die Geschichte eines der wichtigsten nationalen Bauwerke in Deutschland. Das Brandenburger Tor, 1788 bis 1791 nach Plänen von Carl Gotthard Langhans errichtet, hat im Laufe der Zeit einen erheblichen Bedeutungswandel erfahren: „Aus dem friderizianischen und stadtbürgerlichen Friedenstor wird ein Siegestor, ein Symbol preußisch-deutscher Macht und militärischer Stärke.“ (S. 313) Hier deutet sich an, dass die Geschichte von Symbolen meistens die Geschichte von Transformationen ist. Während sich die Tradition von 1848 auf das Alte Reich bezog, war Weimar auf 1848 ausgerichtet, die Bundesrepublik wiederum auf Weimar. Einzelne Symbole werden dabei stets neu erfunden.

Dies führt zu einem weiteren Manko in dem ansonsten farbig und fundiert geschriebenen Buch, das indes wenig analytisch ausfällt[2]: Reichel scheint die Wandlungsfähigkeit von Symbolen zu unterschätzen, im Guten wie im Schlechten. Wenn er der ersten Strophe des Deutschlandliedes attestiert, „keinen aggressiven Machtanspruch“ zu erheben (S. 73), blendet er einen wichtigen Teil der Rezeptionsgeschichte aus. Wenn er wiederum den 3. Oktober als blass und unangemessen tituliert (S. 211), das Berliner Holocaust-Mahnmal als entbehrlich und maßlos kritisiert (S. 283, 332), so verrät er damit nicht nur eine generelle Abneigung gegen neuere Symbolsetzungen (diese kommt auch in scharfen Worten gegen die umgestaltete Neue Wache und die Reichstagsverhüllung von 1995 zum Ausdruck). Er stellt auch die Entfaltungskraft von Symbolen nicht ausreichend in Rechnung, etwa des neuen Nationalfeiertags oder des Stelenfelds in der Nähe des Reichstags und des Brandenburger Tors. Denn ob diese Symbole im Sinne einer aufgeklärten Erinnerungspolitik als „geglückt“ einzustufen sind, wird letztlich erst die Zukunft zeigen. Insofern wären – bei aller Berechtigung klarer Positionen und Thesen – mitunter vorsichtigere und vorläufigere Urteile angebracht als diejenigen, die Peter Reichel formuliert.

Anmerkungen:
[1] U.a. Peter Reichel, Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München 1995 (rezensiert von Stefan Gunther, in: H-Soz-u-Kult, 09.10.1998: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=332> [23.01.2013]); ders., Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001 (rezensiert von Matthias Haß, in: H-Soz-u-Kult, 04.09.2003: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-143> [23.01.2013]); ders., Schwarz, Rot, Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole nach 1945, München 2005 (siehe meine Rezension, in: H-Soz-u-Kult, 09.02.2006: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-1-091> [23.01.2013]).
[2] So dezidiert auch Helmut König in seiner Rezension für die Neue Zürcher Zeitung, 08.01.2013: <www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/peter-reichels-studien-ueber-deutsche-nationalsymbole-1.17926219> (23.01.2013).

ZitierweiseBernd Buchner: Rezension zu: Reichel, Peter: Glanz und Elend deutscher Selbstdarstellung. Nationalsymbole in Reich und Republik. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 08.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-087>.

Copyright (c) 2013 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension