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Zeitgeschichte (nach 1945)

M. J. Eumann: Der Deutsche Presse-Dienst

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Der Deutsche Presse-Dienst. Nachrichtenagentur in der britischen Zone 1945–1949. Die Geschichte einer Medieninstitution im Nachkriegsdeutschland
Reihe:Öffentlichkeit und Geschichte 5
Ort:Köln
Verlag:Herbert von Halem Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-86962-055-8
Umfang/Preis:252 S.; € 26,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Karl Christian Führer, Histotrisches Seminar, Universität Hamburg
E-Mail: <kcfHHweb.de>

Marc Jan Eumann untersucht in seiner an der Technischen Universität Dortmund angenommenen Dissertation die Geschichte der Presseagentur, die nach 1945 in der britischen Zone des besetzten Deutschlands neu aufgebaut wurde. Wie vergleichbare Einrichtungen in den anderen Zonen besaß der Deutsche Presse-Dienst (dpd) zunächst eine regionale Monopolstellung und stand unter strikter Kontrolle, wurde dann aber zunehmend ‚in deutsche Hände‘ übergeben. Im alliierten Programm der „re-education“ spielten die Nachrichtenagenturen eine wichtige Rolle: Sie sollten den journalistischen Grundsatz, Nachricht und Meinung zu trennen und das Publikum zunächst einmal vor allem objektiv über das Weltgeschehen zu unterrichten, strikt beachten und damit als allgemein akzeptierte Norm der neuen Medienlandschaft durchsetzen. In der Geschichte der deutschen Presse bedeutete dieser Grundsatz ein Novum, denn auch Nachrichtenagenturen hatten in Deutschland schon seit dem Kaiserreich eine parteiliche bis manipulative Berichterstattung betrieben.

Eumann beginnt seine Darstellung mit einem knappen Rückblick auf diese problematische Tradition, die nach 1933 im nationalsozialistischen System der Presselenkung gipfelte. Es folgt ein ebenfalls kurz gehaltener Abriss der „re-education“-Politik. Im Zentrum der Arbeit steht eine weitgehend chronologisch vorgehende Darstellung der Geschichte des dpd von seinen Anfängen im August 1945 bis zu seiner Verschmelzung mit den Nachrichtenagenturen der US-amerikanischen und der französischen Zone zur Deutschen Presse-Agentur (dpa) im August 1949. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Vorbereitung der Lizenzierung des dpd als deutsche Einrichtung im Juli 1947, denn hierbei verwirklichte die Besatzungsmacht in Kooperation mit den Zeitungsverlegern der britischen Zone eine genossenschaftliche Organisation der Agentur, die ihre Unabhängigkeit auf Dauer sichern sollte: Als Besitz aller Zeitungsverlage, die unabhängig von ihrer Größe jeweils gleiches Stimmrecht besaßen, sollte die Agentur vor einzelnen privatwirtschaftlichen und politischen Einflüssen geschützt sein. Im Rahmen dieser Darstellung liefert Eumann auch biografische Informationen zu den britischen wie deutschen Journalisten (bis auf eine Ausnahme handelte es sich durchweg um Männer), die für die Entwicklung des dpd wichtig waren. Herausgestellt werden etwa Denis Sefton Delmer, der eigentliche Gründer der Nachrichtenagentur, Hans Berman, ein als britischer Offizier zurückgekehrter deutscher Exilant und Jude, der den Umbau des dpd zu einer deutschen Medieninstitution überwachte, sowie Fritz Sänger, der erste Chefredakteur der Agentur, der die gleiche Führungsrolle bis 1959 dann auch noch bei der dpa einnahm. Sängers Nachlass bildet eine der wichtigsten Quellen der Darstellung. Daneben wurden auch Akten der britischen Besatzungsmacht und Auskünfte ehemaliger dpd-Mitarbeiter (die Eumann bereits 1990 eingeholt hat) herangezogen.

Das aus einer Fülle von geschichtswissenschaftlichen Darstellungen bekannte Bild des medienpolitischen Neuanfangs nach dem Mai 1945 wird in Eumanns Studie einmal mehr prägnant sichtbar: Eine „Stunde Null“ gab es nicht, viele Mitarbeiter der neu lizenzierten Medien hatten dem nationalsozialistischen Regime gedient. Die britischen Besatzer behandelten dieses Problem weitaus pragmatischer oder auch laxer als die US-amerikanische Militärregierung. Das Konzept der „re-education“ durch gelenkte und genau überwachte Medien war als Teil einer Demokratisierungsstrategie nicht frei von immanenten Widersprüchen, zumal die Besatzer damit auch die Hoffnung verbanden, sich einen dauerhaften Einfluss in Deutschland zu sichern. Konflikte zwischen der Militärregierung und den zunehmend freier agierenden neuen Medien blieben nicht aus (insbesondere wenn es um die Frage der Nahrungsmittelknappheit ging). Insgesamt aber hielten sich die Briten sehr zurück. Sogenannte „Auflagemeldungen“ als zwangsweise verbreitete Statements der Besatzungsmacht blieben selten. Deutsche Politiker unternahmen – trotz aller Beschwörungen neuer demokratischer Tugenden – durchaus Versuche, die Berichterstattung des dpd zu beeinflussen. Eumann zeigt das sowohl für die SPD als auch für die CDU, belegt in beiden Fällen aber, wie Fritz Sänger (der selbst Sozialdemokrat war) diese Interventionen erfolgreich abwehrte. Abschließend kommt Eumann daher zu einem positiven Urteil: Die Intention der britischen Besatzungsmacht, mit einer neuen Nachrichtenagentur ein „Fundament“ für einen sachlichen Nachrichtenjournalismus zu legen, sei trotz einiger Probleme und Widrigkeiten insgesamt erfolgreich verwirklicht worden.

Dieses Fazit ist überzeugend, aber auch nicht wirklich neu. Die solide und detaillierte Darstellung Eumanns leidet an einem unlösbaren Problem: Die Meldungen und auch die zahlreichen vollständigen Artikel für fast alle Zeitungsressorts von der Politik bis zum Feuilleton, die der dpd in rasch wachsender Zahl an die Zeitungen der britischen Zone lieferte, sind nicht dokumentiert. Die journalistische Praxis der Redaktion lässt sich daher kaum untersuchen. Eumann weist zwar einleitend klar auf dieses Problem hin. Zwangsläufig aber beschreibt er eine Institution, ohne konkret und anschaulich auf die Arbeit eingehen zu können, die diese Einrichtung wichtig machte. Auch der umfangreiche Briefwechsel von Fritz Sänger oder die Auskünfte der befragten dpd-Mitarbeiter können diese Lücke nicht schließen. So bleibt die Darstellung der „Medieninstitution“ gerade in journalistischer Hinsicht blass und vage. Zudem macht die breite Präsentation der verfügbaren Quellen, die mehrfach allzu referierend ausfällt, das Buch nicht lebendiger.

Auch sind Eumann einige Punkte in seiner Darstellung entgangen, die zu Nachfragen anregen könnten. Wie bereits andere Autoren vor ihm, übernimmt er ganz unkritisch die Sicht der britischen Besatzungsoffiziere, die den sachlichen Nachrichtenjournalismus sowohl für sich selbst als auch für die Deutschen zum „britischen“ Prinzip erklärten (S. 212). Dabei gibt es in Großbritannien bekanntlich eine lange Geschichte der „yellow press“, die mit Unparteilichkeit nun wirklich gar nichts zu tun hat. So betrachtet, folgte das Projekt der „re-education“ im besetzten Deutschland vielleicht doch eher einem idealisierten britischen Selbstbild als einer eindeutigen nationalen Tradition, die in Deutschland im Sinne einer erfolgreichen ‚Verwestlichung‘ verspätet doch noch übernommen wurde. Mit einem Zitat von Erich Lüth, dem langjährigen Leiter der Staatlichen Pressestelle Hamburg, zeigt Eumann auch, dass es zumindest einige deutsche Fachleute gab, die meinten, in Meldungen über Katastrophen und Verbrechen folge der dpd leider dieser ganz anderen Tradition der britischen Presse. In Deutschland sei darüber bislang weitaus nüchterner berichtet worden (S. 101). Diesem interessanten Aspekt wird aber nicht nachgegangen.

An anderer Stelle erwähnt Eumann nebenbei, dass die Nachrichtenagentur in der sowjetischen Besatzungszone, die bereits im Oktober 1946 lizenziert wurde, genauso genossenschaftlich als Besitz aller Zeitungsverlage organisiert war wie der dpd oder auch die Nachrichtenagentur in der US-amerikanischen Zone. Die Organisationsstruktur allein – so lässt sich schließen – kann für die Unabhängigkeit einer Nachrichtenagentur daher nicht die überragende Bedeutung haben, die ihr in Eumanns Darstellung zugewiesen wird. Auch dieser Punkt wird jedoch nicht weiter thematisiert. Im Gesamturteil handelt es sich also um eine solide gearbeitete Dissertation, die argumentativ in wohlbekannten Bahnen bleibt.

ZitierweiseKarl Christian Führer: Rezension zu: Eumann, Marc Jan: Der Deutsche Presse-Dienst. Nachrichtenagentur in der britischen Zone 1945–1949. Die Geschichte einer Medieninstitution im Nachkriegsdeutschland. Köln 2011, in: H-Soz-Kult, 26.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-172>.

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