1 / 1 Rezension

Europäische Geschichte

M. Wolf: Die vielsprachige Seele Kakaniens

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Stachel <peter.stacheloeaw.ac.at>
Autor(en):
Titel:Die vielsprachige Seele Kakaniens. Übersetzen und Dolmetschen in der Habsburgermonarchie 1848 bis 1918
Ort:Wien
Verlag:Böhlau Verlag Wien
Jahr:
ISBN:978-3-205-78829-4
Umfang/Preis:439 S.; € 39,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Jan Surman, Herder-Institut Marburg
E-Mail: <jan.surmanunivie.ac.at>

Mit der Untersuchung der sozialen Praktik des Übersetzens und Dolmetschens in der späten Habsburgermonarchie visiert die Grazer Translationswissenchaftlerin Michaela Wolf einen Raum von paradigmatischer Plurikulturalität und Mehrsprachigkeit an, für den nur wenige Spezialstudien existieren, die sich den Fragen der Translation aus nicht literaturwissenschaftlicher Sicht widmen würden. In Vergleich zu den vorherrschenden Studien zu bi-kulturellen Kontakten, bietet sie eine multiperspektivische Analyse der Monarchie, in der die fortschreitende Nationalisierung und der Bedeutungsverlust der deutschen Sprache als (imperialer) lingua franca Translation zu einer Frage des gesellschaftlichen Lebens bis hin zum Alltag wurde. Anhand mannigfacher Beispiele erforscht sie in diesem Kontext interkulturelle Kommunikationsvorgänge, die durch den Staat organisiert und reguliert wurden („institutionalisiertes Übersetzen“) und sich aus dem Alltag der Monarchie ergaben („habitualisiertes Übersetzen“) bzw. dessen Literaturleben entsprangen, wobei im letzten Fall die Übersetzungen zwischen Italienisch und Deutsch das Hauptaugenmerk bilden.

In den ersten Kapiteln verortet Wolf die Studie innerhalb der Translationsstudien und neueren Ansätzen zur Erforschung der Habsburgermonarchie. Im Zuge der Einflussnahme soziologischer Fragestellungen, bildet auch für Wolf die Frage nach der „Erfassung der gesellschaftlichen Bedingtheiten, die auf die Entstehungs-, Distributions- und Rezeptionsprozesse einwirken“ (S. 23) das Hauptanliegen der Erforschung des von ihr mit Rückgriff auf Pierre Bourdieu bezeichneten Übersetzungsfeldes. Die Übersetzungspraxis bildet aber nicht nur einen Beitrag zur Vermittlung zwischen den Kulturen und führt, vor allem in einem dichten Kommunikationsraum wie der Monarchie, zu deren Hybridisierung, sondern verbildlicht und verfestigt auch kulturelle Differenzen. Mit dem Blick auf die Kontaktdichte unterscheidet Wolf in Anlehnung an die von Moritz Csáky geprägte Differenzierung endogene vs. exogene Pluralität zwischen polykultureller Kommunikation, polykultureller Translation und transkultureller Translation. Die ersten zwei Termini bezeichnen Prozesse, die zur Verständigung innerhalb der Monarchie führten, wobei die Kommunikation in der Regel keine Vermittlungsinstanzen bedurfte; die transkulturelle Translation hingegen reicht über die Grenzen der Habsburgermonarchie hinaus.

Den endogenen Translationsprozessen sind die ersten empirischen Kapiteln gewidmet. Zunächst zeichnet Wolf die Umrisse der Habsburgischen Plurikulturalität nach, mit dem Verweis auf die wachsende Bedeutung der ungarischen Sprache in Transleithanien und der slawischen Sprachen (sowohl bei den Gesetzestexten und im juridischen Alltag wie auch im Publikationswesen) in Cisleithanien. Als Beispiele polykultureller Kommunikation führt Wolf Handwerker, DienstbotInnen und Tauschkinder an (habituelles Übersetzen) sowie die für institutionalisiertes Übersetzen relevanten Bereiche Schule, Heer und Verwaltungsapparat, deren vielsprachige Verfasstheit das Erlernen und Verwenden mehrerer Sprachen förderte. In letzterem Fall vermerkt sie die bestehende „funktionelle Asymmetrie“ (S. 89) zugunsten der „Staatssprache“ Deutsch, deren Gebrauch die Beteiligung an Herrschaft und Macht erlaubte. Am Beispiel der Tauschkinder – des „befristeten Austauschs von Kindern zwischen unterschiedlich sprechenden Familien“ (S. 98) – wird die Bedeutung der polykulturellen Kommunikation deutlich: Eltern schickten ihre Kinder zum Nachbarn bzw. in Nachbardörfer, damit sie Kenntnisse erwarben, die im künftigen Erwerbsalltag nützlich sein würden, trugen aber damit zur Ausbildung von kultureller Reflexivität bei, die die offizielle Nationalitätenpolitik unterlief; schließlich richteten sich sogar politische Sanktionen gegen diese Praxis. Die polykulturelle Translation zeigt Wolf anhand von Kontakten mit Behörden und Gerichten und spricht zudem das immer stärker werdende Konfliktpotential der Sprachanwendung in plurikulturellen Räumen an. Anhand der Institutionen des Innen-, Außen- und Kriegsministeriums beschreibt Wolf ausführlich die zentralen Übersetzungsorgane (vor allem das Redaktionsbureau des Reichsgesetzblattes und das Departement für chiffre- und translatorische Arbeiten). Obwohl Wolf anhand der Orientalischen Akademie auch die Ausbildung der Übersetzer exemplifiziert – konkret für den Kontakt mit dem Osmanischen Reich – stellt sie jedoch fest, dass die Monarchie einen niedrigen Institutionalisierungsgrad der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung aufweist. Zudem galt die Translation vorrangig als mechanische Tätigkeit, die keiner Kultur- und Vermittlungskompetenzen der Ausführenden bedurfte, obwohl durch die Konflikte in der Praxis das Problembewusstsein der Notwendigkeit an translatorischen Fähigkeiten wuchs. Die institutionelle Problematik wird auch in dem Abschnitt zum Übersetzungsraum sichtbar. Wolf konstatiert darin anhand einer statistischen sowie qualitativen Analyse einen geringen Institutionalisierungsgrad des Übersetzungssektors, in dem zwar Professionalisierungstendenzen festzustellen sind (Übersetzungsbüros, Anmerkung über Ausbildung und Zertifikate etc.), jedoch keine Autonomisierung des Feldes. Die verstärkte Einsetzung von Dolmetschern und Übersetzern – die aufgrund der Gesetzgebung, aber auch der Forderungen von nationalistischer Seite vor allem nach 1867 rapide zunahm – hatte allerdings, so Wolf, nicht nur kulturverdichtende Konsequenzen, sondern führte auch zur Verringerung des Multilingualismus (S. 190).

Den Buch- und Artikelübersetzungen ist der letzte Teil des Buches gewidmet. Zunächst stellt Wolf das Fehlen einer staatlichen Übersetzungspolitik fest und verortet Anzeichen dazu nur bei den jeweiligen kulturpolitischen Vorkehrungen. Politische Projekte – wie etwa eine periodische Publikation „über den Stand der zeitgenössischen Dichtung in den verschiedenen Sprachgebieten Österreichs“, die 1893 vorgeschlagen wurde (S. 225) – wurden nicht realisiert. Das stand in einem Spannungsverhältnis mit der im achten Kapitel analysierten Statistik der Übersetzungen ins Deutsche, die einen kontinuierlichen Anstieg der vermittelnden Tätigkeit auswies. Die nach Zahlen, Jahren, Sprachen, Genre und Publikationsorten aufgegliederte statistische Übersicht lässt zwar keine allgemeinen Aussagen zu, bringt jedoch interessante Ergebnisse, wie dass – nach Wien – Zagreb als der zweitgrößte Verlagsort fungiert (vor allem für Übersetzungen in Periodika) – was allerdings mit der Datengrundlage zusammenhängen dürfte, die für Polnisch oder Tschechisch spärlich vorhanden ist.

Das Italienisch-Deutsche Übersetzungsfeld, das Wolf detailliert untersucht, zeichnete sich politisch wie symbolisch durch eine starke Verflechtung aus, die allerdings durch das Bestehen traditioneller Bilder verfestigt wurde. So bildet etwa Goethes „Italienische Reise“ ein präsentes Motiv, das in den Paratexten oft erwähnt, aber zunehmend von einem durch politische Spannungen gekennzeichnetem Bild überlagert wird. Wolf untersucht hier 1.716 Übersetzungen, deren Mehrheit (80 Prozent) in Deutschland produziert wurde. Die Vermittlungstätigkeit verortet sie vor allem bei Privatpersonen (Redakteure, Übersetzer, Wissenschaftler), Verlagen und Literaturagenturen, aber auch in dem „Zwischen-Raum“ Salon (S. 344–345). Die zunehmend in den Paratexten sichtbaren Legitimationsbemühungen sieht Wolf als Zeichen des sich veränderten Habitus und der zunehmenden translatorischen „Emanzipierung“ (S. 332).

In der Schlussbetrachtung kommt Wolf nochmals auf die Konstitution des Habsburgischen Kommunikationsraums zurück und betont die Rolle des andauernden Zustands der Plurilingualität, der eine konstante Translation erforderte. Im dynamischen Kulturbegriff kommt ihr nach der endo- wie exogenen Übersetzung die entscheidende Rolle zu, indem die kulturellen Verflechtungen sich verdichten. Somit sind kulturelle Produkte der Habsburger Monarchie wie auch Akteure selber hybrid und „produzieren gleichzeitig die konstruktive Instabilität kulturellen Wandels“ (S. 376).

Mit dem letzten Zitat wird auch der Gewinn der Studie am besten verbildlicht, denn Wolf gelingt es hervorragend, einen dynamischen Kulturbegriff darzustellen und somit den nationalen Narrativen entgegenzustellen. Hier müsste man allerdings anmerken, dass diese explorative Studie durch die Konzentration auf Übersetzungen ins Deutsche in gewisser Weise das sprachliche Hegemonieverhältnis reproduziert – die Übersetzungen aus dem Deutschen und zwischen den anderen Sprachen der Monarchie werden in dem Text kaum berücksichtig. Wenn das auch dem Buch nicht wirklich zum Vorwurf gemacht werden kann – eine Topographie der Translationsprozesse, die der Titel verspricht, würde die Leistung einzelner Forscher selbst sprachlich übersteigen – so fehlt dieser Aspekt zum Beispiel im Kontext des Deutsch-Italienischen Übersetzungsfeldes, etwa bei der Frage, ob die Vermittler italienischer Literatur ins Deutsche auch Übersetzungen deutscher Literatur förderten.

Zwei Anmerkungen betreffen eher technische Aspekte. Das Buch stellt eine überarbeitete Version einer Habilitationsschrift aus dem Jahr 2005 dar, einige Aussagen sind inzwischen nicht mehr haltbar – so etwa die Feststellung, dass es keine Daten zu Übersetzungen aus dem Slowenischen gibt (S. 239), da im Jahr 2006 eine Bibliographie zu dieser Thematik erschienen ist.[1] Irritierend wirkt auch die Schreibweise der Namen nach den Akten – da dies im Fall der Sprachen mit Lateinschrift meistens nur mir Vornamenübersetzungen verbunden ist, bei Ruthenisch sind die Namen in der Polnischen Schreibweise enthalten und daher nicht einfach identifizierbar – etwa im Fall des Redakteurs des Ruthenischen Reichsgesetzesblattes Johann Głowacki (S. 160–161) handelt sich um Ivan Holovac’kyj, dem Bruder des auch oft als Johann Głowacki angeführten Jakiv Holovac’kyj; der auf den gleichen Seiten genannte Stanislaus Nowínski schreibt sich korrekt Nowiński.

Ungeachtet dieser Einwände steht aber außer Zweifel, dass Wolfs Studie gut argumentiert und methodisch höchst innovativ ist. Wolf gelingt es, die Frage der kulturellen Hybridität durch das Prisma der Translation neu zu stellen, was nicht nur für die Imperienforschung neue Impulse setzt, sondern für die kulturwissenschaftliche Analyse polisprachlicher Gebilde im Generellen. In dem Sinne öffnet die Autorin auch ein Untersuchungsfeld, aus dem in den kommenden Jahren eine Vielzahl an neuartigen Erkenntnissen zu erwarten ist.

Anmerkung:
[1] Stojan Vavti, Bibliographie der Buchübersetzungen slowenischer Literatur ins Deutsche = Bibliografija knjižnih prevodov slovenske litearture v nemščino, Ljubljana 2006.

ZitierweiseJan Surman: Rezension zu: Wolf, Michaela: Die vielsprachige Seele Kakaniens. Übersetzen und Dolmetschen in der Habsburgermonarchie 1848 bis 1918. Wien 2012, in: H-Soz-Kult, 18.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-055>.

Copyright (c) 2012 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension