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Alte Geschichte

G. Cicekdagi: Publius Quinctilius Varus

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Publius Quinctilius Varus. Leben und Nachleben
Reihe:Europäische Hochschulschriften, Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 1092
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:Peter Lang/Frankfurt am Main
Jahr:
ISBN:978-3-631-62326-8
Umfang/Preis:136 S.; € 24,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Klaus-Peter Johne, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <petra.machonhu-berlin.de>

Die mit großem Aufwand im Jahre 2009 begangene Zweitausendjahrfeier der Schlacht im Teutoburger Wald hat auch dem Verlierer dieser Auseinandersetzung wieder einen Platz im Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit verschafft. Der Name des P. Quinctilius Varus ist untrennbar mit einer der großen militärischen Niederlagen Roms verbunden und erlangte dadurch traurige Berühmtheit. Um sein Leben und Nachleben geht es in dieser aus einer Dissertation an der Technischen Universität Berlin hervorgegangenen Arbeit.

Die Darstellung der Lebensstationen erfolgt nach den bisher bekannten Quellen (S. 13–40). Leider wird dem einzigen neueren Zeugnis zur Ämterlaufbahn des Varus nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit zuteil (S. 22f.). Seit 1989 sind zwei Bleimarken aus dem nur zwischen 16/15 und 9/8 v.Chr. existierenden Truppenlager Dangstetten am Hochrhein bekannt. Deren schwer lesbare Inschriften scheinen sich auf einen Varus als Legaten der XIX. Legion zu beziehen. So verlockend die Annahme auch ist, dass der Verlierer im Teutoburger Wald als junger Mann schon einmal am Rhein gewesen sei und eine der drei Legionen kommandiert habe, die dann mit ihm unterging, diese These ist schon von der Lesung und Ergänzung der Inschrift her keineswegs so gesichert, wie der Autor dies ohne jede Diskussion darstellt.[1] Zuzustimmen ist der besonnenen Beurteilung der Statthalterschaft in Germanien in den Jahren 7 bis 9 n.Chr. (S. 30–32 u. 36). Bei der Örtlichkeit der Schlacht des Jahres 9 werden die Positionen für und gegen die Kalkriese-Niewedder Senke referiert (S. 40).

Das Bild des Varus in den antiken Quellen ist unterschiedlich (S. 42–64). Die frühesten Zeugnisse über die Niederlage bei Ovid, Manilius und Strabon nur wenige Jahre nach dem Ereignis sind noch frei von Kritik an dem Feldherrn. Diese setzte erst nach dem Jahre 26 ein, als die Familie der Quinctilier aus innenpolitischen Gründen beim Kaiser in Ungnade gefallen war. Velleius Paterculus präsentierte im Jahre 30 erstmals den Statthalter als den Alleinschuldigen an der Katastrophe. Diese Bewertung ist dann in verschiedener Intensität von den meisten antiken Autoren übernommen worden.

Die zweite Hälfte der Dissertationsschrift widmet sich der Varus-Rezeption seit dem 16. Jahrhundert (S. 65–124). Sie begann mit der Wiederentdeckung der antiken Schriften, der „Germania“ des Tacitus 1455, seiner „Annales“ 1507 und der „Historia Romana“ des Velleius Paterculus 1515. Seitdem wurden die Protagonisten der Schlacht im Teutoburger Wald aus ihrem zeitlichen Rahmen immer mehr herausgelöst und auf die jeweils aktuellen politischen Probleme projiziert. Arminius avancierte zum Helden in dem gerechten Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit, Varus repräsentierte Unterdrückung und Fremdherrschaft. Am Anfang des Arminius-Mythos in Deutschland stand 1520 Ulrich von Hutten, der das negative Bild der Antike über Varus noch zuspitzte und ihn zu einer Symbolfigur in der Auseinandersetzung mit der römischen Papstkirche machte. Seit dem 17. Jahrhundert fand die Varusschlacht dann Eingang in die Dichtung und auf die Bühne, wobei vielfach der antike römisch-germanische Gegensatz als Allegorie für den deutsch-französischen Konflikt der eigenen Gegenwart verwendet wurde. Das war in Daniel Casper von Lohensteins Arminius-Roman von 1689 ebenso der Fall wie in Heinrich von Kleists „Hermannsschlacht“ von 1808. Die bei Kleist beginnende moralische Aufwertung des Varus erfuhr bei Christian Dietrich Grabbe in der letzten großen dramatischen Inszenierung des Stoffes 1835/1836 noch eine Steigerung. Bei Grabbe ist Varus eher ein Opfer der Historiographie. Das Problem bei der Durchmusterung des Nachlebens ist, dass eben dieses, allerdings mit dem Schwerpunkt auf Arminius, in Werken zur Varusschlacht von 1995 und 2009 bereits ausführlich behandelt worden ist.[2] In Cicekdagis Erörterung wird nicht deutlich, wo er neue Akzente setzt, abgesehen davon, dass er den Römer in den Mittelpunkt stellt.

Unbefriedigend bleibt schließlich das vierte Kapitel mit der Überschrift „Das Varus-Bild der Historiker des 19./20. Jahrhunderts“ (S. 110–113). Hier werden mit Theodor Mommsen und Victor Gardthausen lediglich zwei Gelehrte kurz vorgestellt, die dem jahrhundertelang dominanten Negativbild des Varus verhaftet geblieben sind. Da bereits in der „Einleitung“ Hermann Dessau und Ernst Hohl mit Zitaten von 1924 und 1943 in die gleiche Rubrik eingereiht werden, entsteht der Eindruck, in der Wissenschaft sei seit 70 Jahren nichts mehr zu seiner Person gesagt worden. Dieser Eindruck ist schlichtweg falsch. Er überrascht insofern, als der Autor bei der dramatischen Dichtung den differenzierenden Darstellungen bei Kleist und Grabbe relativ viel Aufmerksamkeit widmet und beider Nachwirkung sogar bis 2010 bzw. 1995 verfolgt (S. 100f.). Nichts davon findet sich im Bereich der Geschichtswissenschaft. Die gesamte Forschung der letzten Jahrzehnte mit recht unterschiedlichen Bewertungen des Statthalters bleibt ausgeblendet, obwohl der Verfasser sie für seine Darstellung ja verwendet hat. Dafür schließt die Arbeit mit durchaus entbehrlichen Beiträgen: fünf Gedichten zur Hermannsschlacht, unter anderem von Ernst Moritz Arndt und Heinrich Heine, sowie populären Skizzen zum Hermannsdenkmal bei Detmold und zur Walhalla bei Regensburg, wobei es stets vorrangig um Arminius und nicht um die Römer geht (S. 114–124). So bietet die Schrift zwar einen informativen Überblick zum Leben, aber nur zu ausgewählten Bereichen des Nachlebens von P. Quinctilius Varus.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Rainer Wiegels, Zwei Bleimarken aus dem frührömischen Truppenlager Dangstetten, in: Fundberichte aus Baden-Württemberg 14 (1989), S. 427–456, bes. 438 mit Anm. 37; Reinhard Wolters, Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien, München 2008, S. 84f.
[2] Vgl. eine Reihe von Beiträgen in: Rainer Wiegels / Winfried Woesler (Hrsg.), Arminius und die Varusschlacht. Geschichte – Mythos – Literatur, Paderborn u.a. 1995 und Landesverband Lippe (Hrsg.), 2000 Jahre Varusschlacht. Mythos, Stuttgart 2009.

ZitierweiseKlaus-Peter Johne: Rezension zu: Cicekdagi, Gülden: Publius Quinctilius Varus. Leben und Nachleben. Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-u-Kult, 15.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-043>.

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