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Arbeitskreis Historische Friedensforschung

M. Thomas: Violence and Colonial Order

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Alexander Korb <ak368le.ac.uk>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedensforschung. (Redaktionelle Betreuung: Alexander Korb und Christoph Laucht) www.akhf.de/

Autor(en):
Titel:Violence and Colonial Order. Police, Workers and Protest in the European Colonial Empires, 1918–1940
Reihe:Critical Perspectives on Empire
Ort:Cambridge
Verlag:Cambridge University Press
Jahr:
ISBN:978-0-521-76841-2
Umfang/Preis:536 S.; € 89,83

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von:

Moritz Feichtinger, Universität Bern
E-Mail: <moritz.feichtingerhist.unibe.ch>

„It’s the economy, stupid“, so hätte der Untertitel von Martin Thomas’ neuer Studie ebenfalls lauten können. Weitaus höflicher im Tonfall, mit überzeugenden Argumenten und auf sehr breiter empirischer Basis stellt Thomas darin nämlich die Interpretation kolonialer Herrschaft zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg vom Kopf auf die Füße. Ohne die Errungenschaften kulturwissenschaftlicher und postkolonialer Zugänge in Zweifel zu ziehen, weist er dennoch auf die Wichtigkeit des Unterbaus, der politischen Ökonomie hin: Kolonialherrschaft zielte in erster Linie auf die Organisation wirtschaftlicher Ausbeutung ab; anti-kolonialer Widerstand und seine Repression lassen sich auf die Ordnung des Ausbeutungssystems zurückführen.

An vorderster Front dieses Systems steht für Thomas die koloniale Polizei, deren Zusammensetzung, Einsatzformen und Selbstverständnis er in verschiedenen imperialen Formationen untersucht. Für das französische Kolonialreich analysiert er den Maghreb und Vietnam, für das britische Empire Malaya, Jamaica, Trinidad, Sierra Leone und Nigeria und schließlich noch den belgisch beherrschten Kongo.

Trotz der sehr unterschiedlichen Kontexte kann Thomas ein überall mehr oder weniger ausgeprägtes Muster erkennen: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs führten eine erdrückende Marktpräsenz von Unternehmen in europäischem Besitz im Zusammenspiel mit der Einführung neuer Formen von Lohnarbeit und zusätzlicher Besteuerung zu spontanen Protesten, Streiks und Arbeitsniederlegungen. Die jeweiligen kolonialen Polizeiapparate waren unterbesetzt und wegen ihrer meist multi-ethnischen Zusammensetzung mit stetem Misstrauen der Autoritäten konfrontiert. Als Resultat lassen sich in allen untersuchten Fällen Polizeireformen feststellen, die zu einer stärker paramilitärischen Ausrichtung der Polizeikräfte führte, deren Hautaufgabe in der Sicherung von Produktionsabläufen und der Einhegung von Demonstrationen gesehen wurde (S. 300).

Damit sind die wichtigsten Innovationen in Thomas’ Studie bereits angedeutet. Erstens führt er eine Akteurs- und Interessengruppe ein, die in der Forschung zum Kolonialismus der Zwischenkriegszeit allgemein und der kolonialen Polizei im Speziellen unterrepräsentiert war: Firmenkonsortien, Trusts und Unternehmen, den „Big Business“. Da sämtliche koloniale Staatshaushalte von der Exportproduktion abhängig waren, konnten Unternehmen die jeweiligen Regierungen dazu bewegen, den Polizeiapparat auf ihre Bedürfnisse, also vor allem der Verfügbarkeit und Kontrolle billiger Arbeitskraft, zuzuschneiden. Neben den „üblichen Verdächtigen“ einer kritischen Imperialgeschichte, wie korrupten Gouverneuren, gewalttätigen Kolonialsoldaten und rassistischen Siedlern, treten somit Unternehmen wie etwa die französische Reifenfirma Michelin als historische Akteure auf, die zum Beispiel die Arbeitsbedingungen auf den vietnamesischen Gummiplantagen, und somit indirekt auch die politische Geschichte der Formierung von Unabhängigkeitsbewegungen, massiv mitbestimmte.

Zweitens datiert Thomas die Krise kolonialer Herrschaft vor. Nicht der Zweite Weltkrieg mit seiner Veränderung des globalen Machtgefüges und den geschürten Erwartungen an Menschenrechte, Partizipation und Selbstbestimmung ist für ihn der entscheidende Katalysator für die Entstehung antikolonialer Aufstände und Unabhängigkeitsbewegungen, sondern die Verwerfungen der globalen Weltwirtschaftskrise seit 1929. Der Zusammenbruch der Absatzmärkte für Rohstoffe und Produkte führte dazu, dass in den Kolonien, aus denen sie kamen, massive Einsparungen vorgenommen werden mussten. Diese trafen gleichzeitig mit gestiegenen Lebensmittelpreisen vor allem die Arbeiter in den kolonialen Plantagen, Minen und Ölfeldern. Die Gewalt, die reformierte und militarisierte Polizeiverbände einsetzten, um die Exportproduktion dennoch aufrecht zu erhalten – und darin liegt die dritte Innovation – interpretiert Thomas nicht als Zeichen von kolonialer Stärke, sondern im Gegenteil, als Symptom der Schwäche und letztlich Bankrotterklärung der europäischen Herrschaft. Die Proteste gegen Hungerlöhne, lange Arbeitszeiten und überhöhte Steuerlast seit 1918 waren zunächst ökonomisch motiviert. Die Verschärfung der Situation durch die Weltwirtschaftskrise und die einhergehende verstärkte Repression durch koloniale Polizeiapparate ließen den rassistischen und ausbeuterischen Charakter der Kolonialherrschaft nur umso deutlicher hervortreten und führten somit zu einer immer stärkeren Politisierung des Widerstands, während die Kolonialmächte ihrerseits jegliche Form von lokalem, ökonomischen Protest kriminalisierten.

Als vierter, innovativer Zugang ist der Fokus auf alltägliche, niederschwellige und nicht-tödliche Gewaltformen zu nennen. So zählt Thomas zwar diverse Fälle auf, in denen die Polizei Demonstrationen auflöste, indem sie in die Menge schoss. Neben solch gewalttätigen Eskalationen mit bis zu fünfzig Toten liegt seine Aufmerksamkeit jedoch auch auf den alltäglichen Gewaltpraktiken wie vor allem Schlägen und Auspeitschen, die das Leben der Arbeiter in kolonialen Minen und auf Plantagen bestimmten.

Für ein vertieftes Verständnis der Erfahrungsgeschichte kolonialer Gewalt erscheint eine solche Perspektive eine wichtige Ergänzung zur Erforschung von Massengewalt und Massakern. Wohltuend ist dabei die Ablehnung von kulturalistischen und ethnischen Erklärungsversuchen für gewaltsame Konflikte in der kolonialen Situation. Gegen Begriffe wie etwa „inter-ethnic riots“ (Donald Horowitz) setzt Thomas seine Erklärung von Gewalt aus der politischen Ökonomie, „a straightforward violence-as-power equitation“ (S. 233).

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. Die ersten drei Kapitel fächern Einsatzbedingungen und Zusammensetzung kolonialer Polizeieinheiten in der Zwischenkriegszeit auf und illustrieren die Wirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die kolonialen Ökonomien.

Im zweiten Teil präsentiert Thomas in acht Kapiteln seine Fallstudien, wobei das erste davon (Kapitel 4) die Gendarmerie im gesamten Französisch-Nordafrika untersucht. Freilich kann eine so weit gespannte wie selektive Auswahl von Vergleichsfällen kritisiert werden, zudem sie von Thomas an keiner Stelle explizit begründet wird. Die Integration von weiteren Kolonien und Protektoraten, wie sie von einigen Rezensenten angeregt wurde, hätte allerdings das Gefühl des „imperial over-stretch“ bei der Lektüre eher noch weiter verstärkt. Der Aufwand an Quellen- und Literaturstudium, den Thomas ausweislich des Anmerkungsapparates für diese Studie bewältigt hat, mutet zudem ohnehin schon herkulisch an. Jedoch ist die Frage berechtigt, ob die Auswahl der Vergleichsfälle analytischen Kriterien folgte. Die wichtigsten Formen kolonialer Exportproduktion sind durchaus durch mehrere Beispiele abgedeckt: Die Plantagenwirtschaft anhand des Gummianbaus in Vietnam und Malaya, sowie der Zuckerrohrproduktion in Jamaika, die Minenarbeit am Beispiel Tunesiens, des Kongos und Sierra Leones, Mineralienabbau über Tage und vor allem Ölgewinnung am Beispiel Trinidads und Nigerias. Weitere wichtige Formen von Arbeit im Kontext der kolonialen Exportproduktion wie Eisenbahn- und Dockarbeiter werden zwar nicht in einem gesonderten Kapitel betrachtet, finden aber durchaus in sämtlichen Vergleichsfällen Beachtung. Eher unterbelichtet – dies mag allerdings mit dem Gegenstand selbst zusammenhängen – bleiben dagegen ländliche Gebiete und Gesellschaften. Zwar finden sich einige Beispiele, wie nicht zuletzt durch Polizeigewalt versucht wurde, rurale Gesellschaften durch Steuerpflicht, Zwangsrekrutierung und Anbauverpflichtungen in die koloniale Wirtschaft zu integrieren, doch bleiben diese Darstellungen im Vergleich zu den sehr dichten und anschaulichen Beschreibungen eskalierender Auseinandersetzungen um die Arbeitsbedingen bei Großunternehmungen eher blass. Schwerwiegender ist der Hinweis, dass das Problemfeld ökonomisch motivierter Migration von Thomas ebenfalls mehrfach angesprochen, jedoch nirgends eingehender analysiert wird. Dabei waren Migrationsbewegungen nicht nur erwünscht – im Sinne eines stetigen Nachschubs an billiger Arbeitskraft – sondern stellten für eine sich stetig weiter politisierende Polizei auch ein gewaltiges Sicherheitsrisiko dar. Die administrative Erfassung der gesamten Bevölkerung und die Kontrolle ihrer Bewegungen durch Ausgabe und Überprüfung von Identitätspapieren nahmen im Jahrzehnt vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs immer mehr zu und bedeuteten für die Polizei demnach einen stetig wachsenden bürokratischen und operativen Aufwand.

Auch diese Bemerkungen deuten aber letztlich mehr darauf hin, wie anregend die Lektüre des neuen Buches von Thomas ist, als dass sie gravierende Schwachstellen markieren würden.

ZitierweiseMoritz Feichtinger: Rezension zu: Thomas, Martin: Violence and Colonial Order. Police, Workers and Protest in the European Colonial Empires, 1918–1940. Cambridge 2012, in: H-Soz-u-Kult, 07.01.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-1-005>.

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