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C. Davis: Colonialism, Antisemitism, and Germans of Jewish Descent

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Miriam Rürup <miriam.ruerupgmx.de>
Autor(en):
Titel:Colonialism, Antisemitism, and Germans of Jewish Descent in Imperial Germany
Reihe:Social History, Popular Culture, & Politics in Germany
Ort:Michigan
Verlag:University of Michigan Press
Jahr:
ISBN:978-0-472-11797-0
Umfang/Preis:vii+281 S.; € 56,48 / $ 70,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Stefan Vogt, Martin-Buber-Lehrstuhl für Jüdische Religionsphilosophie, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Email: <s.vogtem.uni-frankfurt.de>

In seiner bahnbrechenden Studie „Colonialism, Antisemitism, and Germans of Jewish Decent in Imperial Germany“ untersucht Christian S. Davis erstmals systematisch das Verhältnis von Antisemitismus und Kolonialdiskurs im wilhelminischen Deutschland. Erstaunlicherweise war dies bisher nie eigenständiger Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie. Zwar wurde in der Forschung immer wieder vermerkt, dass in politischen Organisationen wie dem Alldeutschen Verband sowohl koloniale wie antisemitische Vorstellungen gepflegt wurden.[1] Dennoch blieben diese beiden Phänomene in der Historiographie des Deutschen Kaiserreichs bislang merkwürdig getrennt.

Davis gelingt es, nicht nur eine Fülle von personellen und institutionellen Verbindungen zwischen antisemitischer und kolonialer Bewegung herauszuarbeiten, sondern auch sehr umfangreiche ideologische und argumentative Parallelen. Das von ihm präsentierte Material belegt eindeutig, dass es sich hier nicht um einen zufälligen, sondern um einen systematischen Zusammenhang handelt, der jedoch keineswegs eindeutig ist. Vielmehr, so Davis zentrale These, hat der Kolonialismus den Antisemitismus zugleich verstärkt und unterminiert. Einerseits bot der Kolonialismus den Antisemiten ein Feld, in dem ihre rassistischen Vorstellungen einer breiten Öffentlichkeit nahe gebracht und zugleich praktisch erprobt werden konnten. Andererseits brachte die prominente Rolle einzelner deutscher Juden im Kolonialismus die antisemitische Grundüberzeugung ins Wanken, dass Juden keine deutschen Patrioten sein konnten.

Die Einbeziehung jüdischer Kolonialprotagonisten in die Analyse ist die zweite wesentliche Neuerung, welche die Studie bietet. Für Davis folgt daraus allerdings nicht, dass die Bedeutung des Antisemitismus im Kaiserreich überschätzt worden wäre. Weder die Tatsache, dass einzelne jüdische Kolonialprotagonisten von der deutschen Öffentlichkeit enthusiastisch gefeiert wurden, noch deren Unterstützung durch antisemitische Politiker änderte etwas am negativen Judenbild in weiten Teilen der Gesellschaft. Insgesamt, so urteilt Davis überzeugend, hat der Kolonialismus weitaus mehr zur Verbreitung und zur Radikalisierung des Antisemitismus beigetragen als zu dessen Schwächung.

Mit diesen Thesen stellt sich Davis auf die Seite derjenigen Forscherinnen und Forscher, die in den letzten Jahren einen Zusammenhang diagnostizierten zwischen dem deutschen Kolonialismus und der Radikalisierung des Antisemitismus im 20. Jahrhundert, die schließlich in den Holocaust mündete.[2] Der Kolonialismus, so Davis, hat Vorstellungen von „Rassenordnung“ und legitimer rassistischer Gewalt verstärkt und verbreitet. “In another setting and under different circumstances […] such colonial ideas, redirected toward Jews, would make the Holocaust mentally possible.” (S. 253) Die Studie greift aber auch in die anhaltende Debatte um das Verhältnis und die Vergleichbarkeit von Antisemitismus und Rassismus ein. Ohne dass Davis dies explizit formuliert wird doch deutlich, dass er beides als grundsätzlich ähnlich strukturiert begreift.

Die Studie ist in vier Kapiteln organisiert. Das erste Kapitel behandelt die Einstellung führender Antisemiten zum Kolonialismus und deren Beteiligung am kolonialen Projekt. Davis zeigt, dass ein Großteil der Antisemiten zugleich glühende Befürworter des Kolonialismus und nicht selten in kolonialen Unternehmungen und Organisationen aktiv waren. Allerdings variierte die Kolonialideologie unter den Antisemiten stark, insbesondere zwischen den Polen einer ökonomisch orientierten „Weltpolitik“ und einem völkisch-romantischen Siedlerkolonialismus.[3] Einzelne Antisemiten wie Theodor Fritsch lehnten den Kolonialismus ganz ab, weil er die völkische Integrität der Deutschen bedrohen würde, doch war dies eine Minderheitenposition. Umgekehrt untersucht Davis in diesem Kapitel auch die Kolonialbewegung und kommt zum Ergebnis, dass dort Antisemitismus sowohl unter den führenden Köpfen wie auch unter den Mitgliedern weit verbreitet war. Die bekennenden Antisemiten unter den Kolonialprotagonisten propagierten dabei einen besonders radikal rassistischen und gewalttätigen Kolonialismus.

Das zweite Kapitel untersucht, inwiefern die Vorstellungen über Juden und Schwarze im antisemitischen und im kolonialen Diskurs miteinander verschmolzen. Wenngleich Davis hier feststellt, dass bestimmte Elemente des antisemitischen Diskurses, etwa die Identifizierung der Juden als Agenten einer korrumpierenden Moderne, keine Entsprechung im Kolonialrassismus hatten, so kann er doch eine ganz Reihe von Motiven aufzeigen, die in beiden Diskursen auftauchten. Das gleiche gilt für die Vorstellungen, wie mit Juden und Schwarzen verfahren werden sollte. In der Rassenordnung der Kolonien, so argumentiert Davis überzeugend, sahen die Antisemiten ein Vorbild für die angestrebte Entrechtung der Juden in Deutschland. Sie zeigte ihnen und ihrem Publikum, was in dieser Hinsicht denkbar und möglich war. Hinsichtlich der ideologischen Muster hingegen kann Davis lediglich Ähnlichkeiten aufzeigen, die von ihm reklamierte „Verschmelzung“ erscheint nicht eindeutig belegt.

Die Kapitel drei und vier untersuchen die Rolle von Juden innerhalb der Kolonialbewegung, ihre kolonialpolitischen Vorstellungen und die Haltung der Antisemiten ihnen gegenüber. Davis zeigt, dass viele Antisemiten trotz ihres Wissens um deren jüdische Herkunft diese Kolonialaktivisten unterstützten und zum Teil sogar gegen Angriffe aus dem kolonialkritischen Lager in Schutz nahmen. Besonders das Beispiel des Leiters des Reichskolonialamtes Bernhard Dernburg belegt seine These, dass es der Kolonialismus einzelnen Juden ermöglichte, die antisemitische Stigmatisierung zu durchbrechen und als echte deutsche Patrioten wahrgenommen zu werden. Davis sieht auch einen Zusammenhang zwischen der Haltung der Antisemiten zu den jüdischen Kolonialaktivisten und deren Ansichten über die Kolonisierten. Die antisemitische Kritik an den jüdischen Kolonialaktivisten richtete sich demnach vor allem gegen deren angeblich zu liberale Haltung in der kolonialen „Rassenfrage“. Generell stellt Davis eine solche liberale Tendenz unter diesen Aktivisten fest und meint darin einen Reflex auf eigene Diskriminierungserfahrungen zu erkennen. Angesichts fehlender Quellen muss dies jedoch weitgehend Spekulation bleiben.

Davis' Studie bringt die Forschung zum deutschen Kolonialismus, zum Antisemitismus im Kaiserreich und zur deutsch-jüdischen Geschichte einen großen Schritt weiter. Er kann zweifelsfrei belegen, dass Antisemitismus und Kolonialrassismus im wilhelminischen Deutschland in einem engen Wechselverhältnis zueinander standen. Zugleich zeigt er, indem er die Rolle von Juden in der Kolonialbewegung und in der Kolonialpolitik in die Analyse einbezieht, dass dieses Verhältnis höchst komplex war und sich einfachen Gleichsetzungen oder Subsumtionen entzieht. Schließlich leistet seine Studie einen wichtigen Beitrag dazu, die deutsch-jüdische Geschichte als einen integralen Bestandteil der deutschen Geschichte zu verstehen.

Die Arbeit bietet ein höchst detailliertes und differenziertes Bild davon, wie der Kolonialismus den Antisemitismus beeinflusst hat. Nicht ganz so ertragreich ist sie allerdings hinsichtlich des Einflusses des Antisemitismus auf den Kolonialdiskurs. Hier bleibt es weitgehend bei Andeutungen über die radikalisierende Rolle, welche die Antisemiten in der Kolonialbewegung spielten. Insbesondere kann Davis keine Aussagen darüber machen, ob der Antisemitismus die Vorstellungen der jüdischen Kolonialprotagonisten beeinflusst hat. Allerdings weist er hier zu Recht auf die schlechte Quellenlage hin. Vor allem aber muss letztlich ungeklärt bleiben, in welchem strukturellen Verhältnis die Ideologie des Antisemitismus und diejenige des Kolonialrassismus standen. Da Davis ohne einen theoretischen Begriff von Antisemitismus und Rassismus arbeitet, bleibt es bei einer phänomenologischen Konstatierung von Ähnlichkeiten. Vielleicht hätte es hier weiter führen können, die Rolle von Antisemitismus und Rassismus für die Konstruktion nationalistischer Identitätsvorstellungen eingehender zu reflektieren.[4]

Kritisch lässt sich außerdem anmerken, dass eine Reihe möglicherweise wesentlicher Aspekte des Themas in die Studie nicht einbezogen wurden. So werden zum Beispiel wichtige Trägergruppen des Kolonialdiskurses nicht untersucht, allen voran die Nationalliberalen, aber etwa auch die christlichen Missionare und – für die Frage nach der Rolle jüdischer Kolonisationsdiskurse besonders relevant – die Zionisten. Auch ließe sich die Auswahl der untersuchten Protagonisten noch erheblich erweitern. Schließlich wäre zu fragen, ob nicht auch die deutschen Aktivitäten in und die Diskurse über Osteuropa in diesem Zusammenhang untersucht werden müssten.[5]

Diese „weißen Flecken“ in der Studie von Christian Davis verweisen aber zugleich auf ihr wichtigstes Verdienst. Sie hat ein neues, höchst bedeutsames Forschungsfeld eröffnet, das zu erkunden sich als überaus lohnend erweisen dürfte. Als Pionierstudie ist ihr daher auch nicht vorzuwerfen, dieses Feld nicht bereits umfassend erforschen zu haben. Vielmehr ist sie ein unverzichtbarer Kompass für dessen weitere Erschließung.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Roger Chickering, We Men who Feel Most German. A Cultural Study of the Pan-German League, 1886-1914, Boston 1984; Rainer Hering, Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939, Hamburg 2003.
[2] Zu nennen sind hier insbesondere die Arbeiten von Jürgen Zimmerer. Die wichtigsten finden sich jetzt gesammelt in Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Berlin 2011.
[3] Davis nimmt hier die von Woodruff D. Smith eingeführte Unterscheidung von „Weltpolitik“ und „Lebensraum“ innerhalb der Kolonialideologie auf. Vgl. Woodruff D. Smith, The Ideological Origins of Nazi Imperialism, New York 1986.
[4] Für den Antisemitismus ist dies systematisch von Klaus Holz unternommen worden, für den Rassismus von Christian Geulen. Vgl. Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001; Christian Geulen, Wahlverwandte. Rassendiskurs und Nationalismus im späten 19. Jahrhundert, Hamburg 2004. Interessanterweise tauchen weder Holz noch Geulen in Davis’ Literaturliste auf.
[5] Vgl. dazu zuletzt Kristin Kopp, Gray Zones. On the Inclusion of “Poland” in the Study of German Colonialism, in: Michel Perraudin / Jürgen Zimmerer (Hrsg.), German Colonialism and National Identity, New York 2011, S. 33-42.

ZitierweiseStefan Vogt: Rezension zu: Davis, Christian S.: Colonialism, Antisemitism, and Germans of Jewish Descent in Imperial Germany. Michigan 2012, in: H-Soz-u-Kult, 03.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-192>.

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