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Neueste Geschichte

Amerikanisches Jahrhundert

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Daniel Roger Maul <daniel.r.maulgeschichte.uni-giessen.de>

Ellwood, David: The Shock of America. Europe and the Challenge of the Century (= Oxford History of Modern Europe). Oxford: Oxford University Press 2012. ISBN 978-0-19-822879-0; 608 S.; € 45,05.

Nolan, Mary: The Transatlantic Century. Europe and the United States, 1890–2010 (= New Approaches to European History). Cambridge: Cambridge University Press 2012. ISBN 978-0-521-87167-9; 406 S.; € 60,49.

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Jost Dülffer, Historisches Seminar, Universität zu Köln
E-Mail: <duelfferuni-koeln.de>

Europa und Amerika haben nie so viel miteinander zu tun gehabt wie im 20. Jahrhundert. Eine Beziehungsgeschichte beider Kontinente ist daher von hohem Reiz, aber sie ist auch zugleich von großer Komplexität. Zwei gründlich recherchierte Bände von ausgezeichneten Sachkennern sind anzuzeigen: der in New York lehrenden Mary Nolan und dem Briten David Ellwood, der in Bologna tätig ist. Beide haben bereits Monographien zu Teilaspekten vorgelegt – Nolan 1994 zu den „Visions of Modernity“, welche den Einfluss des US Business in Deutschland untersucht, Ellwood unter dem Titel „Rebuildung Europe“ eine Geschichte des amerikanisch angeleiteten Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg; beide Autoren kennen diese Schlüsselstudien des anderen, können naturgemäß auf den eigenen Forschungen nun in weiterem zeitlichen Kontext aufbauen.[1]

Ellwood schreibt in der renommierten „Oxford History of Europe“ einen großen Essay über das Jahrhundert, ausholend von den 1890er-Jahren bis zur Obama-Administration. Der Schock durch Amerika, den der Titel trägt, scheint einem anderen Buch nachempfunden zu sein, dem „Shock of the Global“, den Harvardhistoriker um Niall Ferguson zwei Jahre zuvor entdeckten und den sie dann doch bestenfalls als Herausforderung oder Krise erarbeiteten. Ganz ähnlich bei Ellwood: Von einem Schock kann ernstlich nicht die Rede sein. Die USA – und die sind allein mit Amerika gemeint – konfrontierten Europa mit ihrem eigenen zunehmenden Gewicht. Das trifft das Ganze schon besser. Europa hingegen – und das ist die große Einschränkung – umfasst eigentlich „nur“ Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland; lediglich Österreich kommt einmal für die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg ausführlicher vor. Alle anderen Staaten werden nur am Rand erwähnt. Eine besonders auffällige Fehlstelle stellt Russland/Sowjetunion und der von hier ausgehende unterschiedlich intensive Einfluss auf den ganzen Kontinent dar, insbesondere zur Zeit des intensiven Ost-West-Konflikts von 1945 bis 1989. Das ist angesichts der zu verarbeiteten Materialfülle zu akzeptieren, gibt aber doch in Manchem einen falschen Blick auf „Europa“, wie man den Kontinent auch immer räumlich fassen will. Auch Polen oder Ungarn waren ja durchweg den Herausforderungen von Modernisierung amerikanischer Provenienz ausgesetzt, von Russland ganz zu schweigen. Man bräuchte wohl einen zweiten Band um dieser Region und ihrem Anteil an Europa und an transatlantischem Austausch ebenfalls gerecht zu werden.

Den Kern des Themas bildet die „Amerikanisierung“ des gewählten Teils von Europa, genauer: die Herausforderungen, vor welche dieser vielfältige Einfluss der USA die Einzelstaaten stellte. Sie waren unterschiedlich und setzten sich zögernd, gebrochen und umformuliert je nach Zeitraum mit anderen Komponenten durch. Demokratie und Kapitalismus, hier vor allem als Produktions- und Konsumformen gesehen, bilden zentrale Teile davon. Ellwoods große Stärke ist darüber hinaus die Einbeziehung von Kultur. Das umfasst tendenziell die volle Breite eines solchen Begriffs, konzentriert sich in vielem aber auf den Siegeszug des US-Films seit den zwanziger Jahren. Hier gelingen zum Teil ungemein erhellende Beobachtungen. Das Thema zieht sich bis in die Gegenwart und wird gerade unter Einbezug der je neuen technischen Medien und ihrer Verbreitung erfasst. Silicon Valley und Google bilden hier markante letzte Stichpunkte. Jugendkultur, Frauenrollen, Konsumgewohnheiten im weitesten Sinne bilden weitere Stichworte in diesem Rahmen.

Einen anderen großen Bereich, den Ellwood mit Bravour durchmisst, sind die intellektuellen Debatten beidseits des Atlantik über die wechselseitigen Beziehungen, Einflüsse oder auch Abwehrstrategien. Gerade die Diskussionen unter Konservativen (aber eben auch linken Sozialisten) gegenüber Amerika werden ins Bild gerückt. Hier tauchen die großen Namen von H.G. Wells und Henry Luce über George Orwell und Walter Lippmann bis zu Joseph Nye auf. Das sind mitnichten nur Engländer oder Amerikaner. Ellwood kennt sich hervorragend auch in Italien und Frankreich aus, zitiert Forschungsliteratur in diesen Sprachen. Deutschland und deutsche Autoren kommen ein wenig zu kurz, da er – gestützt je auf gute Forschungsliteratur – offenbar auf englischsprachige Werke angewiesen ist. So scheinen manche Aussagen – etwa zur Rezeption des Marshall-Plans in Westdeutschland – ein wenig verkürzt zu sein. Es sind aber nicht nur Intellektuelle, sondern auch Politiker, deren Denken oder Ansätzen der Autor vertraut. Das wiederum wird oft in sprechende Episoden oder Anekdoten gekleidet – erhellend sind sie mindestens. Das Buch bietet insgesamt stilistisch große Lesefreude, überzeugt aber auch mit prägnant formulierten Thesen, oft bereits in Überschriften zu den jeweiligen Unterkapiteln zugespitzt. Etwa: der „clash of civilizations“, den ja bekanntlich Samuel Huntington für ganz andere Probleme diagnostizierte, findet für Ellwood, zwischen Befürwortern und Gegnern des Marshall-Plans statt.

David Ellwood legt ein ungemein gelehrtes Buch vor, das die politischen Ereignisse des Jahrhunderts gleichsam voraussetzt, nur ganz selten einmal mit leichter Hand entfaltet. Es geht im Kern in zwei großen Hauptteilen bis etwa 1960 mit der Durchsetzung der Konsumkultur. Dann macht er – ohne Erklärung – einen großen Sprung über die Jahre hinweg bis 1989, mit dem dann bis in die Gegenwart hinein die dritte Nachkriegszeit des Jahrhunderts einsetzt. Kühn auch diese Entscheidung, denn während die anderen Großteile über 200 Seiten umfassen, folgen nur gerade einmal 80 Seiten für die Zeit nach 1989 bis in die unmittelbare Gegenwart. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Ungleichmäßigkeit aus einem nachträglichen Zusatz zu einem ursprünglich anders konzipierten Buch resultiert. Das tut den gelieferten Erkenntnissen keinen Abbruch.

Mary Nolans Buch ist in manchem ähnlich und doch ganz anders. Zunächst einmal: Sie behandelt denselben Zeitraum, das „lange 20. Jahrhundert“ von etwa 1890 bis heute, sie breitet gleichfalls ein breites Spektrum an Perspektiven aus und sie fällt auch ganz ähnliche Urteile über die unterschiedlichen Phasen der Entwicklung. Viel stärker aber ist ihr Ansatz auf die Interaktion von USA und Europa ausgerichtet. Der hierzulande von Doering-Manteuffel/Raphael eingebrachte Vorschlag einer gemeinsamen „Westernisierung“ wäre hier vielleicht angebracht gewesen[2] (Ellwood kennt diese Diskussionen, spricht aber bei diesem Stichwort am Rande nur von einer österreichischen Debatte.) Nolans wichtigste Sektoren sind die wirtschaftliche Exzellenz der USA, ihre militärische Macht, der innenpolitische Konsensus zwischen Europa und Amerika im Kalten Krieg, sodann die europäische Sympathie für die USA in sehr vielen Bereichen, nicht zuletzt der Kultur und schließlich für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts das US-Empire „by invitation“ – das hat Geir Lundestad bereits prägnant, wenn auch umstritten, formuliert – zu akzeptieren. Die ähnlichen Einschätzungen beider Autoren beruhen bei Nolan auf einem sehr viel breiteren Spektrum an Problemlagen, wenn eben auch wirtschaftliche und soziale Fragen thematisiert sind, schließlich auch die allgemeine Politikgeschichte einbezogen und konzise abgehandelt wird. Das Europa von Nolan reicht darüber hinaus weiter: der Streit, ob Russland/Sowjetunion zu Europa gehörten, hält sie mit guten Gründen für obsolet: Die Russen, unter welchem politischen System auch immer, übten dort nachhaltig, wenn auch unterschiedlich Einfluss aus. Und ein weiterer differierender Gesichtspunkt: Nolan bezieht laut Titel beide Kontinente und deren Interaktion ein, auch wenn sie einen stärkeren Akzent auf die West-Ost-Einflüsse legt. Schließlich bildeten die beiden Weltkriege als solche bedeutende Gegenstände des Buches – ein Vorteil mehr für den Europabegriff bei Nolan. Konkret bedeutet dies, dass die Autorin auf weniger Seiten wesentlich mehr Themenbereiche abhandelt und dabei – notgedrungen, aber überzeugend – auch längst etablierte Ansätze anderer Autoren elegant neu referiert. Den Höhepunkt amerikanischen (auch hier als Synonym mit den USA gebraucht, was aber reflektiert wird) Einflusses auf Europa bildeten die Zeit von den späten vierziger bis in die frühen siebziger Jahre - Jahre, die anderswo als Trente glorieuses oder Wirtschaftswunderzeit etikettiert wurden.

Amerikanisierung in verschiedenen Wellen ist somit auch Nolans Thema. Aber sie vermag dabei deutlich zu zeigen, wie sehr NS-Deutschland oder die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg vom Fordismus unter anderem profitierten, also die Produktionsformen der Fließbandarbeit einführten und dies auch zum Teil propagierten. Das eröffnet über den Kulturtransfer hinaus ganz neue und weitreichende Einsichten. Natürlich hat Westeuropa im herkömmlichen Quartett Italien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien bei Nolan große Bedeutung, aber außer Osteuropa – in welchem Sinn auch immer – werden hier wesentlich mehr nationale Besonderheiten pointilistisch dargelegt. Skandinavien kommt häufig vor, Südosteuropa aber auch. Das ist spannend, droht aber zuweilen in eine gewisse Beliebigkeit abzugleiten. Nolan schreibt also eher eine Art Handbuch, das jedem Leser auch als Einführung empfohlen werden kann. Ellwoods Buch ist dagegen anspruchsvoller, da er eigene Perspektiven einfach erzählt, ohne sich um die Komplexität oder auch Andersartigkeit in anderen Staaten oder Regionen zu sehr zu kümmern. Was für Italien zutrifft, muss nicht auch für Großbritannien stehen und umgekehrt.

Eine Schwierigkeit für Ellwood wie Nolan bleibt es, Europa als eine Einheit zu behaupten, denn in den meisten Fällen agierten und reagierten nur nationale Akteure oder einzelne Denker oder Politiker mit nationalem Hintergrund, die dann dennoch exemplarisch für Europa stehen sollen. In den meisten Kategorien ist die Vielfalt der je nationalen Sensoren doch wohl größer als die gemeinsame Erfahrung. Natürlich gilt das nicht für Hollywood oder das politische oder ökonomische Engagement der USA in den Weltkriegen und in der Zeit etwa des Marshall-Plans. Aber gerade die intellektuellen Einflüsse und Rezeptionen lassen sich schwer als allgemein europäische beschreiben, auch wenn sie Ellwood in großer Breite vorführt. Insofern hat es Nolan bei ihrem wesentlich größeren Themenspektrum leichter.

Das Fazit: Nolan und Ellwood haben zwei höchst anregende Bücher zu einem sehr großen Thema geschrieben. Beide sehen sie im 21. Jahrhundert ein Ende oder zumindest doch eine andere Form dessen gekommen, was Henri Luce 1941 das „American century“ nannte.[3] Dass dieser Begriff eine grobe Vereinfachung und eher ein von damals an lange gehegtes problematisches Etikett war, geht aus beiden differenzierten und wohl differenzierenden Bänden hervor. Beide zitieren darüber hinaus denselben Artikel von 2003[4], mit dem Jürgen Habermas und Jacques Derrida angesichts des Irak-Krieges dafür plädierten, Europa müsse sich stärker auf seinen eigenen Zusammenhalt angesichts der Risiken amerikanischer Politik besinnen. Es bleibt abzuwarten, ob dies wirklich der dominierende Entwicklungsstrang in der Gegenwart mit Ausstrahlung in die Zukunft ist.

Anmerkungen:
[1] David W. Ellwood, Rebuilding Europe: Western Europe, America and Postwar Reconstruction, London 1992; Mary Nolan, Visions of Modernity: American Business and the Modernization of Germany, London 1994.
[2] Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom, Göttingen 2008.
[3] Dazu immer noch lesenswert das Sonderheft von Diplomatic History 23,2 (1999) mit sektoralen Artikeln.
[4] Jürgen Habermas / Jacques Derrida, Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europa, in: FAZ 31.05.2003; beide Autoren zitieren nach: dies., February 15, or: What Binds Europe Together. Plea for a Common Foreign Policy, Beginning in Core Europe, in: Daniel Levy / Max Pensky / John Torpey (Hrsg.), Old Europe, New Europe, Core Europe. Transatlantic Relations after the Iraq War, London 2005, S. 3–13. Ebenso unter: <platypus1917.org/wp-content/uploads/archive/rgroups/2006-chicago/habermasderrida_europe.pdf> (17.05.2013).

ZitierweiseJost Dülffer: Rezension zu: Ellwood, David: The Shock of America. Europe and the Challenge of the Century. Oxford 2012, in: H-Soz-Kult, 04.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-164>.

Jost Dülffer: Rezension zu: Nolan, Mary: The Transatlantic Century. Europe and the United States, 1890–2010. Cambridge 2012, in: H-Soz-Kult, 04.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-164>.

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