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Nationalsozialismus

V.Koop: Hitlers Muslime

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Wildt <michael.wildtgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Hitlers Muslime. Die Geschichte einer unheiligen Allianz
Ort:Berlin
Verlag:be.bra Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-89809-096-4
Umfang/Preis:geb.; 288 S.; 24,95 €

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Daniel Bißmann, Berlin
E-Mail: <daniel.bissmannweb.de>

Adressiert an eine in erster Linie nichtwissenschaftliche Leserschaft hat Volker Koop eine Monographie zu einem widerspruchsreichen Kapitel der NS-Herrschaft vorgelegt. In zehn Kapiteln widmet er sich den Beziehungen zwischen dem NS-Staat und den Muslimen. Mit konzeptionellen oder theoretischen Überlegungen hält sich Koop dabei nicht auf und lässt seine Geschichte mit dem Unternehmen „Zeppelin“ („Muslime als ‚Aktivisten’ hinter der Front“) inmitten des Krieges beginnen. Der durch die Auswahl der Quellen erweckte Eindruck, dass das Reichssicherheitshauptamt für dieses Sonderunternehmen ausschließlich „Freiwillige“ unter Muslimen geworben habe, ist hier unter anderem zu bemängeln.[1]

Der im 2. Kapitel („Zur Geschichte der Muslime in Deutschland“) unternommene Versuch, die Vorgeschichte der Beziehungen zwischen dem NS-Staat und den Muslimen einzubeziehen, ist grundlegend positiv zu bewerten, werden hier doch schlaglichtartig interessante Aspekte zu den wichtigsten islamischen Organisationen, ihren Sakral- und Wirkungsstätten sowie den Konflikten im Deutschland der Zwischenkriegszeit zusammengetragen. Die Frage nach den Kontinuitäten und Diskontinuitäten dieser Beziehungen beim Übergang zum Nationalsozialismus hätte hierbei ausführlicher diskutiert werden können.

Über die „Vorzüge“ des islamischen Glaubens aus Sicht der NS-Führung referiert der Autor dann im folgenden Kapitel („Fanatisch bis zum Untergang“). Dass der Islam unter anderem von Himmler als eine „für Soldaten praktische Religion“ (S. 59) apostrophiert wurde, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Wert seiner Anhänger meist gering geschätzt und die Notwendigkeit deutscher „Führung“ als selbstverständlich erachtet wurden. Dass Koop die muslimischen Soldaten jedoch über weite Strecken als „Kanonenfutter“ bezeichnet, bleibt hinter neueren Erkenntnissen der Forschung zurück.

Was hier offensichtlich fehlt, ist ein Perspektivwechsel, der die Binnenlogik der muslimischen Soldaten stärker einbezieht. Allein es fehlen hierfür Methoden sowie Quellen, die über die deutsche Perspektive bzw. die deutschen Adressaten hinaus Zugänge zum Thema bieten. So gelingt es Koop dann auch nur unter Hinweis auf die gemeinsame Feindschaft von Deutschen und Arabern „gegenüber Juden sowie gegenüber den westlichen Kolonialmächten einerseits und der sowjetischen Führung anderseits“ (S. 7) die Hoffnungen, die die anfänglichen Kriegserfolge des NS-Staates in einigen Teilen der islamischen Welt kurzzeitig auslösten, zu erklären. Eine weitere Unschärfe der Darstellung ist im nicht näher definierten Verhältnis der Muslime zu Nation, Ethnizität und vor allem zum Islam selbst auszumachen. Dabei ist durchaus umstritten, ob der Islam für die Mehrzahl der muslimischen Soldaten tatsächlich bedeutsam war.[2] Auch den räumlichen Zusammenhängen wird von Koop zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das Gros der „einige[n] Zehntausend Muslime“ (S. 145) in den Reihen von Wehrmacht und Waffen-SS – die Aufbereitung statistischen Materials wäre hier wünschenswert gewesen – setzte sich, wie Koop weiß, nicht aus den deutschen oder im arabischen und nordafrikanischen Raum lebenden Gläubigen zusammen. Der größte Teil der Muslime kam vom Balkan (insbesondere Bosnien und Albanien) sowie vor allem aus dem Millionenheer der sowjetischen Kriegsgefangenen und Ostarbeiter, die ihre Wurzeln meist im Kaukasus, auf der Krim, an der Wolga oder in den Gebieten Turkestans hatten. Dort hatte der Islam jedoch unter russisch-sowjetischer Herrschaft eine andere Entwicklung genommen als etwa unter den westlichen Mandatarmächten Frankreich und England.[3]

Im Hinblick auf die Situation von muslimischen Rotarmisten in deutschen Kriegsgefangenenlagern spricht der Autor mit Recht von „purer Überlebensangst“ (S. 152), hätte die Bedingungen der Kollaboration insgesamt jedoch noch deutlicher herausarbeiten können. Hunger, Krankheit und die rasseideologisch motivierte Ermordung machten insbesondere zu Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges auch vor „asiatisch“ aussehenden Kriegsgefangenen – viele von ihnen muslimischen Glaubens – nicht Halt. Die zentrale Frage nach der Einbindung von muslimischen Einheiten in die Gewaltpolitik des NS-Regimes klingt nur an einigen Stellen in der Darstellung an. Welche konkreten Funktionen und Aufgaben diese Formationen beispielsweise bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes, der Gewalt gegen Juden sowie im Partisanenkrieg übernahmen, werden künftige Forschungsarbeiten zeigen.

Letztlich spielen Muslime in Volker Koops Buch eine eher untergeordnete Rolle; zu wenig ausdifferenziert ist das Bild vom Islam, dem religiösem Selbstverständnis seiner Anhänger, der Vielfalt muslimischer Lebenswelten und der Bandbreite möglicher Motivlagen für den Kampf auf deutscher Seite. Die Leistung der Monographie liegt ohne Zweifel im empirischen Bereich, in den Ergebnissen der Archivarbeit. Viele der zusammengetragenen Dokumente, aus denen der Autor ausgiebig zitiert, liefern wichtige Einblicke in das Orient- und Islambild führender Nationalsozialisten. Zu einigen Aspekten kann Koop daher durchaus mit interessanten Fakten aufwarten, die die bisherigen Kenntnisse auf dem Feld ergänzen.[4] Konzepte, die über die Wiedergabe quelleninhärenter Narrative hinausgehen, sucht man leider vergeblich. Dabei wäre bei diesem Thema eine Einbeziehung von Ansätzen der Islamwissenschaften oder der Postcolonial Studies sicher lohnend gewesen.

Anmerkungen:
[1] Die Forschungsliteratur hierzu hat Koop zudem gänzlich übergangen: Klaus-Michael Mallmann, Der Krieg im Dunkeln. Das Unternehmen „Zeppelin“ 1942–1945, in: Michael Wildt (Hrsg.), Nachrichtendienst, politische Elite und Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Hamburg 2003, S. 324–346; Andrej Angrick, Unternehmen „Zeppelin“, in: Johannes Ibel (Hrsg.), Einvernehmliche Zusammenarbeit? Wehrmacht, Gestapo, SS und sowjetische Kriegsgefangene. Berlin 2008, S. 59–69; Perry Biddiscombe, Unternehmen Zeppelin: The Deployment of SS Saboteurs and Spies in the Soviet Union, 1942–1945, in: Europe – Asia Studies 52 (2000), S. 1115–1142.
[2] Einige Autoren betonen die „nationale Identität“ muslimischer Soldaten. So z.B. Patrik von zur Mühlen, Zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern. Der Nationalismus der sowjetischen Orientvölker im Zweiten Weltkrieg, Düsseldorf 1971.
[3] Vgl. hierzu unter anderem Jörg Baberowski, Nationalismus aus dem Geist der Inferiorität. Autokratische Modernisierung und die Anfänge muslimischer Selbstvergewisserung im östlichen Transkaukasien 1828–1914, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), H. 3, S. 371–406.
[4] Vgl. Klaus-Michael Mallmann / Martin Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina, 3. Aufl., Darmstadt 2011 (Erstaufl. 2006); Jeffrey Herf, Nazi Propaganda for the Arab World. New Haven 2009.

ZitierweiseDaniel Bißmann: Rezension zu: Koop, Volker: Hitlers Muslime. Die Geschichte einer unheiligen Allianz. Berlin 2012, in: H-Soz-u-Kult, 05.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-079>.

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