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Alte Geschichte

S. Elm: Sons of Hellenism, Fathers of the Church

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Sons of Hellenism, Fathers of the Church. Emperor Julian, Gregory of Nazianzus, and the Vision of Rome
Reihe:Transformation of the Classical Heritage 49
Ort:Berkeley
Verlag:University of California Press
Jahr:
ISBN:978-0-520-26930-9
Umfang/Preis:XX, 553 S.; $ 75,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
E-Mail: <lambreuni-koblenz.de>

Mit umfassendem und grundsätzlichem Anspruch in einer Monographie den Gemeinsamkeiten nachzugehen, die Kaiser Julian und den kappadokischen Kirchenvater Gregor von Nazianz verbinden, zwei Zeitgenossen, wie sie gegensätzlicher kaum vorstellbar sind – der eine durch Ausgrenzung des Christentums sowie als Anhänger und Förderer der alten Götterkulte, der andere als prominente christliche Führungspersönlichkeit durch die bis heute nachwirkende Brandmarkung Julians als „Apostaten“ bekannt –, hat etwas erfrischend Provozierendes und weckt Neugier auf Fragestellung und Untersuchungsgang. Es spricht nur für den Aufbau der Studie und die Fortentwicklung des Gedankenganges zu immer neuen, erweiterten Perspektiven und einem schlüssigen Ergebnis, dass diese Neugier bei der Lektüre bis zum letzten Kapitel des Buches erhalten bleibt. Susanna Elm stellt mit Hilfe der Schriften Julians und Gregors von Nazianz, vor allem aber in den Auseinandersetzungen beider Kontrahenten mit ihren gegenläufigen Vorstellungen dar, wie der universale Anspruch des Römischen Reiches und des Christentums, je nach Blickwinkel und Intention, einander konkurrierend ausschließen oder aber sich teilweise bzw. gänzlich zur Deckung bringen lassen. Diese Sichtweise Gregors scheint sich letztlich als allgemeingültige Vorstellung durchgesetzt zu haben, so dass Elm ihr Buch mit den Worten schließt, „that in the end it was the Roman Empire […] that made Christianity universal, because as Gregory said, Christianity had been from the beginning Roman“ (S. 487).

Den Vergleich zwischen der Gedankenwelt Julians und der Gregors von Nazianz entwickelt Elm in zehn Kapiteln, die drei aufeinander aufbauenden, im wesentlichen der Chronologie der Ereignisse, vor allem aber den Inhalten der Werke beider Hauptpersonen folgenden Teilen zugeordnet sind. Der erste Teil ist der Einordnung Gregors und Julians in die Geschichte des Römischen Reiches um die Mitte des 4. Jahrhunderts bis zum Schlüsseljahr 362 gewidmet, als Julian sich in Konstantinopel als Alleinherrscher etablierte und Gregor mit seiner zweiten Rede an die Öffentlichkeit trat. Die methodische Herausforderung dieses Teils, über die beiden Persönlichkeiten eine Verbindung zwischen dem lokalen Kolorit des Bischofssitzes Nazianz und der Reichsgeschichte herzustellen, meistert Elm souverän: Sie lässt zunächst Gregors Bildungsweg in dem Versuch „to combine the goal of philosophy with a Christian formation“ (S. 24) gipfeln, der ihn in den Beruf des Rhetoriklehrers führte, und wendet sich dann dem auf Konstantinopel konzentrierten östlichen Teil des orbis Romanus zu. Der von Constantius II. favorisierte homöische Glaubenskompromiss bietet Gelegenheit, auf die Zustände in Nazianz unter dem Episkopat Gregors des Älteren bis zur Priesterweihe seines gleichnamigen Sohnes und auf die Folgen für den hiermit erreichten religiösen Frieden nach der Übernahme der Alleinherrschaft durch Julian hinzuweisen.

Ausführlich bespricht Elm das Konzept der wahren Philosophie und ihrer Interpretation durch Julian im Kontrast zu den Auffassungen des Themistius, die dieser für Kaiser Constantius II. entwickelt hatte. Das ausführlichste Kapitel des ersten Teils ist Julians Monaten in Konstantinopel in der ersten Jahreshälfte 362 gewidmet und enthält vor allem Interpretationen von Schriften des Kaisers (Gegen den Kyniker Heraclius, Hymnus an die Göttermutter, Gegen die ungebildeten Kyniker). Mit ihrer Hilfe verleiht Elm dem Selbstverständnis Julians als Philosoph, Staatslenker und Priester Profil und verortet es in den Vorstellungen der zeitgenössischen philosophischen Kreise, denen Julian nahestand. Das Kapitel endet mit dem Rhetorenedikt und bereitet damit die Hinwendung zu Gregor von Nazianz vor, dessen ursprüngliche Laufbahn diesem Gesetz wohl zum Opfer fiel.

Im zweiten Teil stehen Gregor und in diesem Zusammenhang der Inhalt und die Hintergründe seiner anlässlich der Rückkehr nach Nazianz gehaltenen zweiten Rede im Mittelpunkt, nachdem er die Stadt aufgrund der unfreiwilligen Priesterweihe durch seinen Vater überstürzt verlassen hatte. Zum besseren Verständnis dieser Rede skizziert Elm zuvor die Glaubenslage in Nazianz: Gregors des Älteren homöisches Bekenntnis fand nicht ungeteilte Zustimmung, und die untereinander uneinigen Christen waren zudem nun mit der antichristlichen Politik Julians konfrontiert. Vor diesem Hintergrund entfaltet Elm in subtiler Analyse die verschiedenen relevanten Aspekte der Rede Gregors: das philosophische Leben als Modell für das Priestertum, hieraus die Ableitung des Anspruchs auf eine Führungsfunktion, den Vergleich mit entsprechenden Haltungen Julians sowie den bei beiden auf gleichen Voraussetzungen beruhenden, aber zu gegensätzlichen Folgerungen führenden Gedanken der Verbindung des Menschen mit dem Göttlichen (oikeiosis pros theon).

Vertieft werden diese Gesichtspunkte durch die Herstellung der Bezüge dieser Rede zu der Glaubenssituation in Nazianz und zu abweichenden Glaubenspositionen innerhalb wie außerhalb des Christentums. Als Schlüssel für diese Beziehungen dienen Elm die Vater-Sohn-Verhältnisse: im Rahmen der Trinitätslehre ebenso wie zur Beleuchtung der Position Gregors im Verhältnis zu seinem Vater, dem Bischof, sowie deren Bedeutung für das menschliche Zusammenleben allgemein und für den Glauben. Auf dieser Grundlage behandelt sie Gregors vermittlungsbemühte Position gegenüber den Gegnern seines Vaters in Nazianz und seine kompromisslos-unversöhnliche Haltung zu Kaiser Julian, dem gegenüber er – wie Themistius – eine philosophische Haltung aktiver Beteiligung am öffentlichen Leben vertrat, sowie zu dem Anhomöer Eunomius von Cyzicus und dem Adoptianisten Photinus von Sirmium. Damit gibt es, wie Elm überzeugend darstellt, aufgrund der vergleichbaren Bildungsvoraussetzungen dieser und anderer Personen verbindende Gemeinsamkeiten und trennende Unterschiede hinsichtlich der Erlösungsvorstellungen, die von bestimmten Bekenntnissen unabhängig und in der antiken Bildungstradition verankert zu sein scheinen.

Die ersten beiden Teile behandeln getrennt voneinander zunächst mehr Julians, dann mehr Gregors gleichzeitigen Einstand in das öffentliche Wirken mittels erster einschlägiger Schriften. Diese liefern Einsichten in die vergleichbare intellektuelle Herkunft ihrer Autoren samt ihren Schlussfolgerungen über die Bestimmung des Menschen und dessen Verhältnis zum Göttlichen einschließlich ihrer eigenen Rolle in diesem Zusammenhang. Im dritten Teil wendet sich Elm den Folgen dieser Entwürfe mit dem für die Zusammenfassung avisierten Ziel zu, die Rom-Visionen beider Persönlichkeiten zu vergleichen. Das erste Kapitel dieses Teils gilt dem Dreivierteljahr, das Julian 362/63 in Antiochia verbrachte. Im Mittelpunkt steht hier Julians Auffassung von seinem göttlichen Auftrag, wie er sich im Hymnus auf König Helios und in der Schrift gegen die Galiläer widerspiegelt. Gerade dem Anspruch des Christentums auf universale Geltung widerspricht Julian scharf. Bei ihrer Analyse berücksichtigt Elm unterschiedliche Gedankenfäden, die in der Schrift gegen die Galiläer zusammenlaufen: als Antwort Julians auf die Auseinandersetzung des Eusebius von Caesarea mit Positionen des Porphyrius, als Einordnung des jüdischen Gottes in Helios untergeordnete, lokale Gottheiten, als indirekte Stellungnahme zu Kontroversen innerhalb des Christentums.

Im nächsten Kapitel interpretiert Elm Gregors erste, nach dem Tod des Kaisers verfasste Rede gegen Julian, die sie nach allen Seiten unter dem Aspekt des umgekehrten Fürstenspiegels ausleuchtet, als dessen positiver Repräsentant Constantius II. aufscheint. Zugleich stellt Elm heraus, dass Gregor damit sowohl auf die Einheit von Römischem Reich und Christentum, für die Constantius’ Bemühungen um Beilegung innerchristlicher Differenzen stehen, als auch auf die eigene Verbundenheit mit seinem Vater hinweist: Einleuchtend weiß sie das im Laufe der Abhandlung mehr und mehr Konturen gewinnende Generalanliegen Gregors mit der speziellen Situation in Nazianz zu verbinden. Danach stellt Elm diese Ergebnisse in den Zusammenhang des Einsatzes der Rhetorik für das Göttliche, wie es Julians und Gregors Praxis gleichermaßen entspricht, und stellt auf diese Weise bislang sukzessive gewonnene wichtige Einzelergebnisse ihrer Untersuchung in einen Gesamtzusammenhang, so die Distanzierung von einem hellenizein, wie es Julian verstand, zugunsten einer Kombination von römischer Macht und richtig verstandener griechischer Weisheit, mit deren Hilfe Romanitas und Christianitas in eine ideale Übereinstimmung gebracht werden konnten: Dies ist gewiss das anspruchsvollste Kapitel der Studie, das wichtige Gedankengänge zusammenführt und weitere Quellen den bisher besprochenen zuordnet, etwa die Auseinandersetzung mit und Einordnung von Eunomius’ Sprachtheorie, die theologischen Reden Gregors und seine Rede über den Frieden, so dass der Stellenwert einer in Gregors Sinne recht verstandener oikeiosis pros theon für das neunizänische Denken ins rechte Licht gerückt wird. Im letzten Kapitel des dritten Teils schließlich analysiert Elm Gregors zweite Rede gegen Julian und ordnet sie in die aktuelle politische Lage unter Jovian und vor allem Valens angesichts der Usurpation des Procopius ein.

Elms Buch überzeugt in jeder Hinsicht: methodisch, in Aufbau und Gedankenführung und in den von Kapitel zu Kapitel deutlichere Konturen gewinnenden und argumentativ immer umfassender abgesicherten Ergebnissen, die nur durch die souveräne Überschreitung der die Übersicht über das Ganze oftmals behindernden Grenzen unterschiedlicher altertumswissenschaftlicher Disziplinen zu erarbeiten waren. Mit ihren exzellenten Quellenkenntnissen vermag Elm die Thematik in ihren verschiedenen Facetten auf unterschiedlichen Diskursebenen auszuleuchten: Die relevanten Quellen reichen von Platon und Aristoteles bis zur patristischen Literatur; Elm integriert Forschungsansätze zur antiken Philosophie, der Klassischen Philologie, der Alten Geschichte und zur Theologie der Kirchenväter und hebt diese in der Zusammenschau auf eine Ebene, die – nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines guten Überblicks über die gesamte internationale Forschung – durch überraschende, oftmals bislang übersehene Verbindungen mit klaren Konturen neue Ergebnisse zu formulieren erlaubt. Insofern ist der These von „competing universalisms“ (S. 485) nichts hinzuzufügen, einem Wettbewerb, bei dem Gregor von Nazianz am Ende die Gewissheit gewonnen haben mochte, im rhetorischen Einsatz gegen Julian und andere außerhalb und innerhalb des Christentums seiner Vision von Rom als christlichem Weltreich zum Durchbruch verholfen zu haben. Bei alledem hat man den Eindruck, dass ungeachtet des offen zutage tretenden Gegenübers von These und Antithese in Elms dialektisch inspiriertem Untersuchungsgang dennoch das Denken in Synthesen dominiert und das Buch insofern der renommierten Reihe, in der es erscheint, zur Ehre gereicht.

ZitierweiseUlrich Lambrecht: Rezension zu: Elm, Susanna: Sons of Hellenism, Fathers of the Church. Emperor Julian, Gregory of Nazianzus, and the Vision of Rome. Berkeley 2012, in: H-Soz-Kult, 10.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-143>.

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