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Neuere Geschichte

G. Schulz: Novalis

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Daniel Menning <daniel.menninguni-tuebingen.de>
Autor(en):
Titel:Novalis. Leben und Werke Friedrich von Hardenbergs
Ort:München
Verlag:C.H. Beck Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-406-62781-1
Umfang/Preis:304 S.; € 24,95

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jochen Strobel, Institut für Germanistik, Technische Universität Dresden
E-Mail: <jochen.strobelmailbox.tu-dresden.de>

Eine weit verzweigte literaturwissenschaftliche Romantikforschung müht sich seit nun 100 Jahren, die philosophischen Fragmente und die Märchen, katholisierende wie nationalistische Parolen, die sperrigen Romane und die eingängigen Lieder zu erschließen und zu entschlüsseln, die ihren Ausgang nahmen bei einer kleinen Gruppe junger Intellektueller, welche sich um die Wende zum 19. Jahrhundert vor allem in Jena versammelten, vielfach aber vor allem dauerhaft in ausuferndem Briefkontakt standen. In ihren Texten begründeten sie ein poetisches Programm und in dessen Folge eine moderne Lebenshaltung, die kultur- und sozialgeschichtlich bis heute Wirkungen zeigt.

Dem mit kaum 29 Jahren verstorbenen Freiherrn Friedrich von Hardenberg, der zu Lebzeiten nur wenig publizieren konnte und dessen Breitenwirkung erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzte, ist Gerhard Schulz’ populär und flüssig geschriebene Biographie gewidmet. Eine Novalis-Biographie vorzulegen kann nur bedeuten, ein weitverzweigtes und zugleich fragmentarisches, somit höchst interpretationsbedürftiges, Œuvre mit jener im Kreis der Jenaer Frühromantik begründeten romantischen ‚Lebensform’ in Verbindung zu bringen. Schulz ist der Doyen der Novalis-Forschung, hat er doch neben zahlreichen Aufsätzen und einer rororo-Monographie an der erst 2006 abgeschlossenen kritischen Novalis-Ausgabe mitgewirkt, die, wie er in seinem Buch an vielen Stellen anmerkt, viele von der Forschung bis heute kaum beachtete Texte allererst bekannt machte, darunter die rokokohafte Jugendlyrik und die Schriften der Berufstätigkeit.

Noch immer leidet das Novalis-Bild unter der bereits durch den Weggefährten Ludwig Tieck posthum verantworteten Stilisierung zum genialischen wie frühvollendeten, von der Schwindsucht dahingerafften romantischen Jüngling, dem ätherischen Poeten par excellence, dessen grandiose Geste darin bestanden habe, seiner im Alter von 14 Jahren verstorbenen Verlobten Sophie von Kühn nachzusterben. Einer derart zweifelhaften Verklärung stellt Schulz im Einklang mit der jüngeren Forschung [1] den der Wirklichkeit zugewandten, beruflich hochambitionierten jungen Wissenschaftler, Poeten und Philosophen gegenüber, dessen Werke aus den wissenschaftlichen Kontexten seiner Zeit heraus zu erklären sind, nicht als creatio ex nihilo eines im Leben schwächelnden Genies. Der Jurist und Bergassessor, der „Techniker, Naturwissenschaftler und Bergmann“ (S. 14). Hardenberg selbst begriff seine Schriftstellerei als Bildungsmittel; erst die eifernde Nachwelt begann Kunst und Karriere gegeneinander auszuspielen. Nur in seinen drei letzten Lebensjahren war er ein unter dem Geschlechtsnamen „Novalis“ (d.h. ‚der Neuland Rodende’) publizierender Autor.

Erzählt wird das Leben eines kursächsischen, im Südharz aufgewachsenen Adeligen zur Zeit der Französischen Revolution. Die Familie war weder besonders wohlhabend, noch war sie verarmt; der Vater war als kursächsischer Salinendirektor in der Verwaltungsstadt Weißenfels hoher Beamter. Ein Onkel war Landkomtur des Deutschritterordens, erschien aber dem Neffen als anachronistischer honnête homme. Der junge Friedrich war ein ‚moderner’ Adeliger, dem, wie aus einer Briefstelle über besagten Onkel hervorgeht, Phantasie über Klugheit, ‚Herz’ und ‚Geist’ (Zentralbegriffe der idealistischen Ästhetik also) über die ‚Bequemlichkeit’, Ambition über Herkommen ging. Ob Novalis damit ein Exponent deutscher Bürgerlichkeit war, wie Schulz behauptet, steht dahin. Das frühromantische Streben nach dem Universellen ist wohl auch dem aristokratischen Habitus geschuldet; auch ein Lebensentwurf, der Staatsdienst und standesgemäße Ehe – beide Verlobte waren adelig – mit poetischer und philosophischer Tätigkeit in den Nebenstunden zu vereinen suchte, ist gewiss eher adelig als bürgerlich zu nennen. Jedenfalls war Novalis von ‚freier’ Berufsautorschaft denkbar weit entfernt.

Lebensbestimmend waren neben der frühen Erkrankung an Tuberkulose, die nicht nur seine Beweglichkeit einschränkte, sondern auch sein Werk Fragment bleiben ließ, seine ausführlichen Studien: Als Jura-Student in Leipzig befreundete er sich 1792 mit Friedrich Schlegel, wichtig war für ihn dann aber die Begegnung mit Schiller in Jena. An der Bergakademie in Freiberg wurde er Schüler des wichtigsten Geognosten der Zeit, Abraham Gottlob Werner.

In chronologischer Abfolge stellt Schulz die wichtigsten der von Vielseitigkeit und sprühendem Ideenreichtum zeugenden Werke Novalis’ vor. Dabei spielt die Mythisierung der früh verstorbenen Verlobten Sophie als Muse und als messianische Figur in einem geschichtsphilosophischen Konzept, das den chiliastischen Glauben an eine Wiederkehr des Goldenen Zeitalters aktualisiert, die Rolle des Inzitaments. Die poetischen Texte – am bekanntesten ist das lange Prosagedicht „Hymnen an die Nacht“ – sind Ausdruck eines romantischen Universalisierungswillens, der Denken und Erleben weitgehend in eins setzen will. Zu Novalis’ gedanklichen wie sprachlichen Innovationen zählt, wie Schulz hervorhebt, die Ausformulierung einer philosophischen und sogar einer „politische[n] Erotik“ (S. 112).

Mit seinem Freiberger Studium der Bergwissenschaft eignete sich Novalis zusätzlich zur zeitgenössischen Philosophie nun auch den aktuellen Kenntnisstand in den Naturwissenschaften an. Lediglich Notizen zeugen von einem ehrgeizigen enzyklopädischen Projekt, das, wie in der jüngeren Forschung genauer nachzulesen ist, eine letzte Phase der neuzeitlichen Enzyklopädistik einläutete.[2] Eine wiederkehrende Denkfigur ist die Zusammenführung von Wissenschaften und Künsten, auch von Kunst und Religion, qua Analogiebildung.

So ist „Die Christenheit oder Europa“, die große geschichtsphilosophische Erzählung von einem vergangenen wie künftigen christlichen Europa, ein dialektisch zu lesender Text „im Grenzbereich zwischen Geschichtsschreibung, rhetorischer Übung, Manifest und Poesie“ (S. 149), kein „Dokument der Restauration“ (S. 150): Poesie, Philosophie, Religion und Politik werden analogisierend zu vereinen gesucht – im revolutionär erleuchteten Leser sollte dann die angezielte Utopie bereits Wirklichkeit werden.

Der einzige, ebenfalls fragmentarisch überlieferte und posthum erst publizierte Roman „Heinrich von Ofterdingen“, Gegenentwurf zu Goethes „Wilhelm Meister“, wäre dann eine dezidierte Realisierung von Poesie, wie sie den Romantikern vorschwebte: allegorisch, mythisierend, utopisch – und auf Erlösung abzielend.

Zum Werk zählen erfreulicherweise nun auch die „Salinenschriften“, in denen neben der Protokollierung von Amtlichem auch immer wieder Novalis’ enzyklopädisch-universalisierende Ideen aufblitzen.

Die gut lesbare Biographie bietet eine Summe des gegenwärtigen Wissens zu Leben und Werk des Novalis; sie erhebt weder den Anspruch, Forschung grundlegend fortzuschreiben, noch will sie Forschungsbericht sein. Der Leser profitiert von Gerhard Schulz’ profunder Kenntnis des Nachlasses und von den zuletzt erschienenen Bänden der kritischen Ausgabe, also etwa der Jugend- und der Salinenschriften. Eine derart philologisch begründete Biographik bedingt jedoch auch ein im Grunde ideengeschichtliches Kommentieren und Erklären der Werke aus den geistigen ‚Einflüssen’, die Hardenbergs Leben eben ausmachten. Er wird kenntlich als Angehöriger einer Generation Intellektueller, die als junge Erwachsene ihre Hoffnung auf die Französische Revolution gesetzt hatten und nach deren Scheitern ihren eigenen Weg in eine die Konventionen des Denkens und Handelns in Frage stellende Epoche suchten. Die Kronzeugen sind bekannt: Schulz expliziert einmal mehr Novalis’ Beeinflussung durch Jakob Böhme, den Pietismus, Franz Hemsterhuis und Johann Gottlieb Fichte. Als orthodox christlich oder auch als mystisch à la Böhme darf weder das frühromantische Experiment noch Novalis’ Werk gelesen werden, auch wenn einige seiner Gedichte zu Gesangbuch-Liedern avancierten.

Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Kontextualisierungen geraten indessen eher ins Hintertreffen, man denke an Pauschalisierungen wie diejenigen von „dem Bürgertum“, von der „Liberalität des protestantischen Nordens“ (S. 76). Das Jenaer symphilosophische Experiment lässt sich in seiner paradox anmutenden universalistischen Exklusivität nicht einfach als ‚bürgerlich’ erklären. Doch stehen derart weiterreichende Fragen nicht auf Schulz’ Agenda, hatte ja übrigens der fleißige Novalis auch nur als Hospitant Teil am Jenaer Projekt. Schemenhaft im Hintergrund bleiben wirtschaftsgeschichtliche Themen, so die für Novalis’ Familie wichtige staatliche Salzförderung in Kursachsen, hätte Hardenberg doch mit der Ernennung zum Amtshauptmann des thüringischen Kreises zu rechnen gehabt, wäre er nicht so früh gestorben. Bis zum Ende seines Lebens hatte er vor, die ambitionierte Verwaltungskarriere des Vaters fortzusetzen.

Anmerkungen
[1] Zu nennen sind neben der bis heute nicht überholten Gesamtdarstellung Herbert Uerlings’ (Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, Werk und Forschung, Stuttgart 1991) aus jüngerer Vergangenheit folgende wissens- bzw. wissenschaftsgeschichtlich ausgerichtete Arbeiten: Benjamin Specht, Physik als Kunst. Die Poetisierung der Elektrizität um 1800, Berlin u.a. 2010; Jürgen Daiber, Experimentalphysik des Geistes. Novalis und das romantische Experiment, Göttingen 2001.
[2] Vgl. Andreas B. Kilcher, Mathesis und poiesis. Die Enzyklopädie der Literatur 1600 bis 2000, München 2003.

ZitierweiseJochen Strobel: Rezension zu: Schulz, Gerhard: Novalis. Leben und Werke Friedrich von Hardenbergs. München 2011, in: H-Soz-u-Kult, 27.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-128>.

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