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D. Orgeron u.a. (Hrsg.): Educational Film in the United States

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Eckhardt Fuchs <fuchsgei.de>
Titel:Learning with the Lights Off. Educational Film in the United States
Herausgeber:Orgeron, Devin; Orgeron, Marsha; Streible, Dan
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-538383-6
Umfang/Preis:544 S.; € 28,20

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Michael Annegarn, Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung Braunschweig
E-Mail: <Annegarngei.de>

Devin Orgeron und seine Frau Marsha Orgeron haben zusammen mit Dan Streible mit dem Band Learning with the Lights Off – Educational Film in the United States ein Übersichtswerk herausgegeben, in dem die Geschichte des Unterrichtsfilms in den Vereinigten Staaten von den Anfängen 1895 bis in die 1970er-Jahre vorgestellt wird. Alle drei lehren in den Vereinigten Staaten Film- bzw. Kinowissenschaften. Sie sehen ihren Beitrag vor allem als Anstoß für weitergehende Studien des Unterrichtsfilms, der an einer kritischen Schwelle stehe, wie auch der Lehrfilmer und Regisseur Thomas G. Smith im Vorwort betont: Die 16mm Unterrichtsfilme wurden in den 1980er-Jahren durch das VHS-Format ersetzt und viele wurden in den folgenden Jahren zwar kopiert, die Originale aber vernichtet. Somit gingen viele Primärquellen verloren, vor allem weil sich die VHS Kassetten nur mit einer sehr schlechten Qualität digitalisieren lassen und daher in der digitalen Quellenlandschaft nicht zur Verfügung stehen.

Die Herausgeber versuchen das weite, aber bisher vernachlässigte Feld des Unterrichtsfilms im ersten Kapitel in einem historischen Überblick in Bezug auf die Produzenten und die Anwenderseite zusammenzufassen. Sie stellen dabei zu Anfang die Diskussion um die Benutzung der Lehrfilme dar und beschreiben die lange Phase (bis Mitte der 1920er-Jahre) der Rechtfertigung des Lehrfilms. Nach der Rechtfertigungsphase haben die Herausgeber eine Phase ausgemacht, in der den Lehrern beigebracht werden musste mit Hilfe des Films zu unterrichten. Dieser Abschnitt der Geschichte des Unterrichtsfilms in den Vereinigten Staaten dauerte etwa bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Zweiten Weltkrieg, bis in die 1970er-Jahre verläuft die dritte Phase, die zum einen vom Kalten Krieg geprägt ist und in der sich zum anderen der Film als allgemein anerkanntes Lehrmittel etabliert hat.

Besonders für die 1910er- und 1920er-Jahre fällt die Beschreibung der Anwenderseite sehr detailliert aus, nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen werden die 1950er sehr kurz zusammengefasst und die 1960er- und 1970er-Jahre nur mit kurzen Absätzen behandelt. Hervorzuheben ist die Akribie, mit der die Herausgeber die Produktionsgeschichte bis zu Beginn der 1950er-Jahre beschreiben. Dabei wird deutlich, dass die Produzenten von Unterrichtsfilmen mit den gleichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, wie ihre Kollegen in Europa, da Schulfilme meistens einen geringen Gewinn abwarfen und somit für Investoren unrentabel waren. In den Vereinigten Staaten von Amerika etablierte sich neben dem Spielfilmzentrum Hollywood ein Lehrfilmzentrum in Chicago in Verbindung mit der University of Chicago.

Die Herausgeber geben außerdem die wichtigsten Organisationen und Zeitschriften mit Gründungsjahr bzw. Erscheinungsverlauf in gesonderten Blöcken innerhalb der Kapitel an. Die insgesamt 22 Beiträge des Sammelbandes zeigen darüber hinaus die Vielzahl von Möglichkeiten auf, die die Arbeit mit Unterrichtsfilmen eröffnen, wie zum Beispiel die Untersuchung des Filmeinsatzes in den Naturkundemuseen der 1920er-Jahre von Alison Griffiths. Sie beschreibt eindrucksvoll, wie das American Museum of Natural History (New York) insbesondere in dieser Zeit als Produzent auftrat und die Schulen in New York kostenlos mit naturgeschichtlichen Filmen versorgte, bereits vor dieser Zeit (1908) Filme in der Ausstellung einbaute und Filmexpeditionen (1912) zur Anfertigung von Dokumentarfilmen für die Ausstellung finanzierte. Oder auch die chirurgische Ausbildung der Ärzte mit Hilfe von Filmen im selben Zeitraum von Kirsten Ostherr. In den 1920er-Jahren begann das American College of Surgeons mit einer Kampagne zur Standardisierung der Ausbildung von Chirurgen. In der Produktion und Distribution von Lehrfilmen sahen sie ein wirkungsvolles Mittel dazu. Ostherr kommt zu dem Schluss, dass diese Filme über diesen Effekt hinaus einen großen Einfluss auf die Filmtechnik hatten, da für die Aufnahmen neue Filmtechniken entwickelt werden mussten. Genauso wird aber auch der Frage des Rassismus in den Schullehrfilmen während der „Riot-Era“ Ende der 1960er-Jahre von Marsha Orgeron nachgegangen. Anfang der 60er-Jahre wurden viele Lehrfilme produziert, die an weiße Schüler gerichtet waren und die dazu beitragen sollten, Vorurteile gegenüber afroamerikanischen Schülern abzubauen und sie auf den gemeinsamen Unterricht vorzubereiten. Hiermit wurde ein Subgenre im amerikanischen Lehrfilm, der „Integration Film“ geschaffen, der sich im Laufe der 60er-Jahre dahingehend entwickelte, dass gezeigt wurde, wie die afroamerikanischen Schüler auf Diskriminierung und unterpriviligierte Umgebungen reagierten und wie sie mit diesem Stress ohne Gewalt fertig werden könnten, zum Beispiel durch sportliche Betätigung. Orgeron schließt aus dem Umstand, dass diese Filme produziert und gezeigt wurden, dass direkt vor den Rassenunruhen in den Vereinigten Staaten bereits das Bewusstsein vorhanden war, dass die Gefahr solcher Unruhen immanent war. Ob die Filme allerdings einen Einfluss auf die Schüler hatten lässt sie bewusst offen.

Aus Sicht der Film Studies wurden Unterrichts- und Lehrfilme bislang vor allem deswegen vernachlässigt, weil man ihnen laut der Medienwissenschaftlerin Elizabeth Ellsworth keinen ästethischen Wert zugestand und sie als reines Werkzeug bzw. Mittel zum (Lehr-)Zweck sah. Dass dies nicht der Fall ist, zeigen die Autoren auf eindrucksvolle Weise.

Die Herausgeber legen mit dem Band ein Übersichtswerk vor, das vor allem in Bezug auf weitergehende Untersuchungen zeigt, dass eine Beschäftigung mit dem Unterrichtsfilm aus vielen Perspektiven möglich ist: sowohl in Bezug auf die zeitgenössische Debatte zum Einsatz von Lehrfilmen, als auch die Produktion dieser und den Film als Objekt innerhalb seines historischen Kontextes. Hervorzuheben ist auch, dass die meisten der besprochenen Filme online auf der Homepage der Oxford University Press[1] verfügbar sind, bzw. man dort zu den Fundorten weitergeleitet wird, so dass sich der Leser persönlich ein Bild von den besprochenen Filmen machen kann. Darüber hinaus gibt Elena Rossi-Snook im letzten Kapitel eine Übersicht von bedeutenden Sammlungen amerikanischer Unterrichtsfilme an, die im Prinzip darauf warten untersucht zu werden.

Insgesamt stellt der Band eine sehr gute Bereicherung für die Bildungsmedienforschung in den Vereinigten Staaten dar und regt die weitere Beschäftigung mit diesem vernachlässigten Teilbereich der Filmgeschichte an. Ein solches Werk wäre darüber hinaus für Deutschland und Europa ebenfalls überlegenswert, da es hier teilweise ähnliche, aber auch konträre Entwicklungen gab. Am Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung wird zu diesem Thema derzeit ein Projekt entwickelt, dass sich unter anderem mit der transnationalen Lehrfilmbewegung in Europa in der Zwischenkriegszeit beschäftigt.

Anmerkung:
[1] <www.oup.com/us/learningwiththelightsoff> (06.06.2013).

ZitierweiseMichael Annegarn: Rezension zu: Orgeron, Devin; Orgeron, Marsha; Streible, Dan (Hrsg.): Learning with the Lights Off. Educational Film in the United States. Oxford 2012, in: H-Soz-Kult, 28.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-233>.

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