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Titel
The empress Theodora. Partner of Justinian


Autor(en)
Evans, James Allan
Erschienen
Anzahl Seiten
XVI, 146 S.
Preis
$ 29.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mischa Meier, Alte Geschichte, Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, Universität Bielefeld

Kann man über Theodora eine monographisch angelegte Biographie schreiben? - Zweifellos handelt es sich bei dieser Frau, die aus niedrigsten Verhältnissen zur Herrscherin über das Imperium Romanum aufstieg, in vielerlei Hinsicht um ein außergewöhnliches Phänomen - doch genügen die auf den ersten Blick in der Tat reichhaltig vorhandenen Zeugnisse wirklich für einen biographischen Zugriff? Oder wird man nach Durchsicht der Quellen nicht doch eher zu dem ernüchternden Schluß gelangen, daß die Person Theodoras hinter den übersteigerten Topoi böswilliger Kritik einerseits und ebenso exzessiver Verehrung andererseits letztlich schemenhaft bleibt? Charles Diehl jedenfalls hat diesen Versuch bereits 1904 gewagt, Antony Bridge folgte ihm 1978 mit einer eingängigen Darstellung, und Hans-Georg Beck hat sich 1986 insbesondere darum bemüht, der Frau, die hinter den Invektiven Prokops steht, gerecht zu werden.1 All diese Darstellungen sind getragen von der Faszination für eine Herrscherin, deren Lebensweg geradezu märchenhafte Züge aufweist und deren Rolle am Kaiserhof eines Justinian, oft angesiedelt zwischen erhabener altrömischer Vergangenheit und schwülem Orientalismus, seit jeher Neugierde und Bewunderung hervorrief. Letztlich jedoch gelingt es keinem der genannten Autoren, hinter den vielfachen Brechungen unserer Quellen die Person Theodora wirklich wiederzufinden.

James Evans hat sich erneut auf die schwierige Suche begeben. Daß er ein ausgewiesener Kenner des 6. Jahrhunderts ist, hat er in zahlreichen Publikationen gezeigt, nicht zuletzt in seinem 1996 erschienenen Justinian-Buch,2 aus dem die vorliegende Arbeit über Theodora erwachsen ist (S. VII). Evans interessiert sich besonders dafür, wie sich die Partnerschaft Justinians und Theodoras gestaltet hat (etwa S. XVf.; 26f.), und dies vor allem in religiöser Hinsicht, da der Kaiser nach Ausweis der Quellen dem chalkedonischen Bekenntnis anhing, während seine Frau den damit rivalisierenden Monophysitismus unterstützte (S. 23f.).

Nach einer kurzen Einleitung, die einen Überblick über die wichtigsten literarischen Quellen gibt (S. IX-XVI), beschreibt Evans in zehn Kapiteln, die in loser Folge chronologischen und thematischen Gesichtspunkten folgen, Lebensweg und Politik der Herrscherin.

Kapitel 1 ("A New Dynasty Takes Power", S. 1-12) gibt einen kurzen Abriß über die Regierungen des Anastasios und Justins I., führt in die religiösen Konflikte des späten 5. und des 6. Jahrhunderts ein und bietet einige Informationen zur Karriere Justinians vor seinem Herrschaftsantritt. Kapitel 2 ("The Early Life of Theodora", S. 13-24) beschäftigt sich mit der Situation von Schauspielern im spätrömischen Reich und gibt auf Basis der Schilderungen Prokops einen Überblick über den Aufstieg Theodoras, über ihre Hinwendung zum monophysitischen Bekenntnis und beschreibt die schockierende Wirkung, die dieser Aufstieg in der Oberschicht Konstantinopels gehabt haben muß. Im Kapitel 3 ("The Early Years in Power", S. 25-39) geht es vor allem um die für Evans zentrale Frage, wie sich die Partnerschaft Justinian / Theodora gestaltet habe. Beschrieben werden daneben der Alltag der Kaiserin, ihr öffentliches Auftreten, ihre Fürsorge für Familienmitglieder und Freunde aus der Zeit vor ihrem Aufstieg, ihr Vorgehen gegen Prostitution sowie ihre Sorge für mittellose Frauen, ferner ihr Anteil an Justinians Baupolitik und an den Reformgesetzen der Jahre ab 535. Kapitel 4 ("The Nika Revolt", S. 40-47) gibt einen kurzen Überblick über den Verlauf des Aufstandes und hebt die zentrale Rolle der energisch einschreitenden Kaiserin hervor, die den zaghaften Justinian vor der Flucht bewahrt haben soll.

Im Kapitel 5 ("Theodora's Friends and Enemies", S. 48-58) werden einige Episoden vorgestellt, die Theodoras gnadenloses Vorgehen gegen vermeintliche Gegner und Konkurrenten, zugleich aber auch die Protektion von Personen, an denen sie hing, illustrieren. Kapitel 6 ("Theodora and Foreign Policy", S. 59-66) beleuchtet die Eingriffe der Kaiserin in die Politik gegenüber Persern und Goten sowie ihre missionarischen Aktivitäten. Die Kapitel 7 ("The Theological Dilemma: The Search for Common Ground", S. 67-84) und 8 ("Theodora's Quest for a New Strategy", S. 85-97) gehören inhaltlich zusammen und behandeln die schwer zu beurteilende, nicht immer einheitlich wirkende Politik Justinians und seiner Frau im Kontext der komplizierten kirchenpolitischen Konstellationen des 6. Jahrhunderts. In Kapitel 9 ("The Coercion of Rome", S. 98-104) gibt Evans eine kurze Einführung in den Origenisten-Streit und die Drei-Kapitel-Kontroverse bis zum 5. Ökumenischen Konzil 553. Kapitel 10 ("Afterword", S. 105-119) blickt aus auf die politischen Entwicklungen nach dem Tod der Kaiserin 548, namentlich das Ende des Gotenkrieges. Einige Hinweise zum Bild Theodoras in späteren Zeiten sowie eine zusammenfassende Gesamtwürdigung schließen die Darstellung ab. Anmerkungen, Bibliographie und Register folgen im Anhang (S. 121-146).

Evans ist bemüht, die Quellen sprechen zu lassen. Erörterungen diffiziler Detailprobleme finden sich nur selten, statt dessen gibt der Autor kurze, einführende Zusammenfassungen zu den relevanten Themenkomplexen (etwa zu den religiös-kirchenpolitischen Problemen oder zu den Kriegen) und erzählt dann Geschichten und Urteile über Theodora aus den Quellen nach. Dieses Verfahren ergibt eine schwungvoll geschriebene, gut lesbare Darstellung, die jedoch häufig tiefergehende Analysen oder weiterführende Diskussionen von Einzelaspekten vermissen läßt. Damit soll nicht gesagt sein, daß Evans die Quellen unkritisch nacherzählt. Immer wieder wird so davor gewarnt, Prokops Invektiven allzu wörtlich zu nehmen; statt dessen wird auf zeitgenössisches Gerede in der Oberschicht Konstantinopels verwiesen; dieses habe sich in Prokops "Geheimgeschichte" möglicherweise mit persönlichen Antipathien verbunden und zu der bekannten abgründigen Darstellung verdichtet (z.B. S. 15). Dieses Gerede sei sogar bei Johannes von Ephesos greifbar, der der Kaiserin zwar prinzipiell wohlgesonnen sei, aber auch nicht verschweige, daß diese einem Bordell entstiegen sei (S. 19). An der niedrigen Herkunft Theodoras aus dem Schausteller- und Prostituiertenmilieu läßt jedenfalls auch Evans zu recht keinen Zweifel (S. 19). Er zeichnet das Bild einer Kaiserin, die diese Herkunft zeit ihres Lebens nicht vergaß und in fürsorgender Mildtätigkeit stets ihrer alten Weggefährten gedacht habe (S. 21; 30ff.). Daß bei diesen mildtätigen Werken sicherlich auch allgemein christliche Fürsorgepflicht, deren Demonstration natürlich besonders einer Kaiserin oblag, eine Rolle gespielt haben dürfte, wird von Evans zwar im Hinblick auf Einzelfälle gesehen (S. 38), aber letztlich doch zu wenig in Rechnung gestellt.

Im Verlauf seiner Darstellung gelingen Evans zahlreiche wichtige, oft jedoch nur ganz beiläufig eingestreute Beobachtungen, so z.B. zum antiken Schauspielergeschäft (S. 13ff.) und zum Nika-Aufstand, wo er in der Frage der Historizität der berühmten Theodora-Rede allerdings eine abwägende, letztlich unentschiedene Haltung einnimmt. Hier hat der Autor in älteren Arbeiten mutiger argumentiert.3 Wichtig ist vor allem Evans' Hinweis auf die zentrale Bedeutung der Pest 541/42 für die weitere Reichsgeschichte; die politik-, sozial- und mentalitätengeschichtlichen Auswirkungen dieser Epidemie werden in der Forschung noch immer vielfach unterschätzt (vgl. demgegenüber zu recht Evans, S. 60: "The plague was a turning point in the fortunes of the empire").

In seinem Bestreben, eine kohärente Darstellung der Herrschaft Justinians mit Blick auf Theodora zu geben, schreibt Evans der Kaiserin oft eine höhere Bedeutung zu, als sie sich aus den Quellen wirklich nachweisen läßt. So erscheinen im Gotenkrieg um 540 plötzlich Justinian und Theodora gemeinsam als Akteure (S. 93), Theodoras Rolle für die justinianische Bautätigkeit wird gelobt (S. 34ff.), und auch im Drei-Kapitel-Streit scheint mir Evans die Rolle, die die Kaiserin tatsächlich spielen konnte, zu überschätzen. Oftmals werden Maßnahmen Justinians als Folge des Einflusses Theodoras gedeutet, ohne daß hierfür nähere Begründungen gegeben werden (z.B. S. 36ff.). So präsentiert sich die Theodora-Biographie mangels aussagekräftigen Materials, welches zur Konturierung der Persönlichkeit der Kaiserin herangezogen werden könnte, letztlich doch als ein weiterer Abriß der Herrschaft Justinians.

Immerhin ist nicht einmal klar, inwieweit es sich z.B. bei der Protektion prominenter Monophysiten in Konstantinopel tatsächlich um eigenständige Politik Theodoras handelte. Justinian jedenfalls nutzte den Tod seiner Frau überraschenderweise nicht für mögliche Säuberungsaktionen, sondern duldete und beschützte die Monophysiten auch weiterhin, ja er suchte sogar - wie aus den Viten des Johannes von Ephesos klar hervorgeht - immer wieder den Kontakt und das theologische sowie vor allem auch das persönliche Gespräch mit ihnen. Diese anhaltende Sorge um die Geistlichen und Asketen noch über den Tod Theodoras hinaus ist angesichts der grundsätzlichen Religions- und Kirchenpolitik insbesondere des späten Justinian erklärungsbedürftig. Sie wird von Evans - möglicherweise allzu romantisch - einzig als Folge eines Eides interpretiert, den der Kaiser seiner sterbenden Frau auf dem Totenbett geleistet haben soll (S. 72f.; 104).

Sicherlich hatte Justinian aber schon zu Lebzeiten Theodoras den Kontakt zu den im Hormisdaspalast lebenden Verfolgten gesucht (dies ist Johannes von Ephesos klar zu entnehmen). Angesichts dieser Tatsache stellt sich die Frage, ob die Religions- und Kirchenpolitik Justinians (und Theodoras) nicht einer grundsätzlichen Neuinterpretation bedarf. In jedem Fall sollte in der Frage des Umgangs mit Monophysiten zwischen offizieller Politik von Kaiser und Kaiserin einerseits sowie den jeweiligen persönlichen Bekenntnissen andererseits (die sich - zumindest im Falle Justinians - nur unzureichend in das Schema Monophysitismus-Chalkedonismus pressen lassen 4) getrennt werden. Zudem ist es wichtig, regional zu differenzieren. Die Verhältnisse in Konstantinopel waren zweifellos nicht mit denjenigen in Syrien und Mesopotamien vergleichbar. In Konstantinopel war es immerhin möglich, daß ein angesehener monophysitischer Asket nach seinem Tod vom Kaiserpaar geehrt wurde und ein Ehrenbegräbnis erhielt, an dem Chalkedonier und Monophysiten gemeinsam in feierlicher Prozession teilnahmen,5 und ein kurzes, glimpflich verlaufenes Erdbeben im Jahr 533 genügte schon, um aus der mehrheitlich chalkedonischen Hauptstadt kurzfristig eine Hochburg des Monophysitismus zu machen.6 In jedem Fall erscheint angesichts derart komplexer Verhältnisse Evans' These, wonach die Differenzen zwischen Monophysiten und Chalkedoniern sich in ethnischen Bruchlinien spiegelten (S. 96), äußerst fragwürdig. Religiöse und ethnische Zugehörigkeiten waren sicherlich nicht deckungsgleich. Wie fließend die Grenzen letztlich waren, verdeutlichen schon Lebensweg und Schrifttum einer Gestalt wie Johannes von Ephesos.

Muß man angesichts solcher Voraussetzungen die Frage nach dem Charakter der zwiespältig erscheinenden Partnerschaft eines vermeintlich chalkedonischen Kaisers und einer angeblich monophysitischen Kaiserin nicht ganz anders stellen? Und wie lautet schließlich Evans' Antwort? - Evans relativiert Prokops Vorwurf einer bloß vorgetäuschten Uneinigkeit in religiösen Fragen (Prok. HA 10,15 u. 23), ohne ihn aber gänzlich von der Hand zu weisen. Er verweist statt dessen auf das intensive monophysitische Bekehrungserlebnis Theodoras sowie auf die lateinische und damit chalkedonisch geprägte Sozialisation Justinians (S. 16f.; 108). Während aber Justinian seinen religionspolitischen Kurs unbedingt habe durchsetzen wollen, habe Theodora die Lage realistischer beurteilt und damit zumeist flexibler gehandelt. Dominiert habe sie Justinian jedenfalls zu keinem Zeitpunkt, da dieser ja seine Ratgeber und sie selbst starke Rivalen am Hof gehabt habe, z.B. Johannes den Kappadoker (S. 110). Zudem sei sie sich stets der Tatsache bewußt gewesen, daß aufgrund ihrer Vergangenheit ihr Schicksal an dasjenige Justinians gebunden gewesen sei. "Her power was secondhand. If she was influential, it was because Justinian respected her" (S. 27). Abgesehen von religiösen bzw. kirchenpolitischen Aktionen sei es zu einer eigenständigen Politik Theodoras nur in einer kurzen Phase im Jahr 542 gekommen, als Justinian an der Pest erkrankt gewesen sei und sie selbst das Heft des Handelns habe in die Hand nehmen müssen, um ihr eigenes politisches und sogar physisches Überleben zu sichern. Letztlich habe man es bei Justinian und Theodora mit "one of the great love affairs of history" (S. 112) zu tun. Solche Urteile bewegen sich in der Tradition romantischer Mystifizierungen des Kaiserpaares, wie sie allenthalben begegnen und von denen die moderne Forschung sich allmählich zu lösen versucht.7 Sie gipfeln in Evans' Spekulationen darüber, ob man im Theodora-Mosaik von San Vitale nicht möglicherweise bereits die Folgen der Krebserkrankung der Kaiserin erblicken könne (S. 112).

Evans hat den Lebensweg einer Frau beschrieben, die aus dem sozialen Nichts zu höchsten Würden aufgestiegen ist und dabei tiefste Erniedrigung ebenso wie äußerste Verehrung kennengelernt hat. Er zeichnet das Bild einer Kaiserin, die sich stets ihrer Vergangenheit bewußt ist und dementsprechend handelt, die aber auch in der Lage ist, mit ihren Intrigen nicht nur am Kaiserhof, sondern bis nach Persien und Italien Einfluß zu nehmen. Theodora erscheint als gnadenlose Zerstörerin ihrer vermeintlichen Gegner sowie als großzügige Beschützerin ihrer Günstlinge. Als fromme Monophysitin hält sie die Hand über ihre Glaubensgenossen, ohne dabei aber Justinians Politik wirklich zu durchkreuzen. Dies alles ist nicht neu, aber es ist in eine spannende, lesenswerte Form gegossen. Als Einführung in die Lebensumstände einer außergewöhnlichen Frau und Kaiserin ist Evans' Darstellung sicherlich empfehlenswert.

Anmerkungen

1 Diehl, Ch.: Théodora. Impératrice de Byzance, Paris 1904; Bridge, A.: Theodora. Portrait in a Byzantine Landscape, London 1978 (deutsch: Theodora. Aufstieg und Herrschaft einer byzantinischen Kaiserin, München 1980, ND Kreuzlingen/München 1999); Beck, H.-G.: Kaiserin Theodora und Prokop. Der Historiker und sein Opfer, München 1986.
2 Evans, J. A. S.: The Age of Justinian. The Circumstances of Imperial Power, London/New York 1996.
3 Vgl. bes. Evans, J. A. S.: The "Nika" Rebellion and the Empress Theodora, in: Byzantion 54 (1984), S. 380-382.
4 Diesen wichtigen Sachverhalt deutet Evans selbst implizit kurz an (S. 24), ohne ihn aber weiter auszuführen.
5 Joh. Eph. Vita 36, PO 16, 640f.
6 Mal. p. 402,34-36 Thurn = p. 478,8-11 Dindorf; Chron. Pasch. I p. 629,10-20 Dindorf.
7 Vgl. etwa die neuesten Arbeiten: Ashbrook Harvey, S.: Theodora the "Believing Queen": A Study in Syriac Historiographical Tradition, in: Hugoye. Journal of Syriac Studies 4.2 (2001) (http://syrcom.cua.edu/Hugoye/Vol4No2/HV4N2Harvey.html); Leppin, H.: Kaiserliche Kohabitation. Von der Normalität Theodoras, in: Kunst, Chr. / Riemer, U. (Hrsg.): Grenzen der Macht. Zur Rolle der römischen Kaiserfrauen, Stuttgart 2000, S. 75-85; ders.: Theodora und Iustinian, in: Temporini-Gräfin Vitzthum, H. (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms. Von Livia bis Theodora, München 2002, S. 437-481. Kurz Noethlichs, K. L., RAC 19 (1999), 668-763, s.v. Iustinianus (Kaiser), hier bes. 677-680.

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