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Zeitgeschichte (nach 1945)

N. Frei u.a. (Hrsg.): Privatisierung

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ralf Ahrens <ahrenszzf-pdm.de>
Titel:Privatisierung. Idee und Praxis seit den 1970er Jahren
Reihe:Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Vorträge und Kolloquien 12
Herausgeber:Frei, Norbert; Süß, Dietmar
Ort:Göttingen
Verlag:Wallstein Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8353-1086-5
Umfang/Preis:232 S.; € 15,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Marcus Böick, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
E-Mail: <marcus.boeickrub.de>

Es ist durchaus nicht zu hoch gegriffen, den Sammelband von Norbert Frei und Dietmar Süß als Pionierarbeit zu würdigen. Wohl selten wird man bei der Lektüre dieses Formats auf derart viel Überraschendes im Generellen wie im Detail stoßen: Von der Umgestaltung der bundesdeutschen Nassbaggerwirtschaft in den 1980er-Jahren über die egozentrischen Selbstverklärungen ehemaliger Kommunarden („Ich bin gut“ von Raymond Martin) bis hin zu einem vor den Tücken eines ungebremsten Kapitalismus warnenden Ralf Dahrendorf, der 1990 einen Brief nach Warschau schickt. All dies vermittelt einen Eindruck von der thematischen wie methodischen Spannweite des Buches, dessen Beiträge größtenteils auf ein Jenaer Symposium im Dezember 2010 zurückgehen.[1]

In seinem Vorwort fordert Norbert Frei unter Bezug auf das Vermächtnis des jüngst verstorbenen Tony Judt[2] und unter dem Eindruck der gegenwärtigen Finanzmarktkrisen eine „kritische Historisierung“ von Privatisierung und Flexibilisierung ein, die er nicht mehr als „ökonomische Erfolgsrezepte verherrlicht“ sehen, sondern als „politische Ideen und Ideologeme“ seziert wissen möchte (S. 8). Ein engagiertes Plädoyer, das von Dietmar Süß in seinem programmatischen Aufsatz zu „Idee und Praxis“ der Privatisierung aufgegriffen wird: Süß begreift Privatisierung überzeugend als wirkmächtiges „Politikmodell“, das seit Mitte der 1970er-Jahre „individualistische Freiheitsrhetorik, monetaristische Wirtschaftspolitik, liberale Sozialstaatskritik und konservative Wertvorstellungen“ miteinander verwoben und dergestalt einer „Totalisierung des Markt-Prinzips“ (S. 11f.) Vorschub geleistet habe. Süß treibt die Schlüsselfrage um, auf welche Weise ein „Randthema“ wie „die Privatisierungspolitik innerhalb eines Jahrzehnts trotz ihrer […] äußerst begrenzten Reichweite zu einem wichtigen innenpolitischen Konfliktfeld geworden“ ist (S. 25).

Hiervon ausgehend, entfaltet Süß ein differenziertes programmatisches Tableau an möglichen Zugriffen: Den Voraussetzungen und Kontexten der Privatisierung als „Antwort auf die Krisen der westlichen Ökonomien“ (S. 13) seit Mitte der 1970er-Jahre soll ebenso nachgegangen werden wie den rechtlichen und politischen Rahmungen in verschiedenen Ländern. Ideengeschichtlich soll der „Richtungswechsel ökonomischen Denkens und gesellschaftspolitischer Leitvorstellungen“ (S. 15) nachgezeichnet werden; des Weiteren sollen sowohl „Netzwerke, Institutionen und Akteure der Privatisierungsideologie“ (S. 16) als auch ihre Kritiker erfasst werden. Zusätzlich setzt Süß die „Erfahrungsgeschichte“ der „Privatisierten“ (S. 18f.) auf die Agenda. Anhand zweier weiterer Themenvorschläge, die auf kulturhistorisches Terrain führen, deutet Süß schließlich Perspektiven für ein erweitertes Verständnis von Privatisierung an, das über den politökonomischem Rahmen ins Diskursive hinausweist: Fragen zu in den 1970er-Jahren aufkommenden neuen Formen von alternativen Subjektkonstitutionen oder zu „semantischen Kämpfen“ um Staat und Markt als „Teil der Auseinandersetzungen um kulturelle Hegemonie“ (S. 21).

Wie setzen die Autoren dieses elaborierte Programm um? Unter dem Punkt „Angelsächsische Anfänge“ rücken zwei Länder in den Mittelpunkt, die hierzulande gemeinhin als Vorreiter neoliberaler Ideen und Praktiken gelten: Tim Schanetzky analysiert die Privatisierungen in den USA in der Zeit der Reagan-Regierung und kommt zu dem verblüffenden Befund, dass diese einerseits in ihrem praktischen Ausmaß aus Mangel an Staatseigentum kaum eine Rolle spielten, andererseits aber ideengeschichtlich einer „Neujustierung gesellschaftliche[r] Ordnungsvorstellungen“ (S. 48) Vorschub geleistet hätten, wie er anhand des Linowes-Reports von 1988 nachweist. Auf der anderen Seite des Atlantiks spürt Dominik Geppert den „tieferen historischen Wurzeln der Privatisierungsidee“ (S. 54) innerhalb der konservativen Partei nach und kann aufzeigen, warum diese Position ab Mitte der 1970er-Jahre zunächst unter Konservativen mehrheitsfähig wurde, um dann schließlich (und überraschend spät) in den 1980er-Jahren zum politischen Signet der Thatcher-Regierungen zu avancieren.

Eine zweite Gruppe von Aufsätzen ist „Bundesrepublikanischen Beispielen“ gewidmet. Hans Günter Hockerts liefert eine pointierte Zusammenschau von „Vermarktlichungstendenzen“ (S. 70) im bundesdeutschen Sozialstaat der 1990er-Jahre. Anhand verschiedener Praxisfelder (Arbeitsvermittlung, Klinikwesen, Pflegeversicherung, Riester-Rente) skizziert Hockerts die Entstehung von „Wohlfahrtsmärkten“, für die eine „Mischform von staatlichen und marktlichen Steuerungsprinzipien“ (S. 71) charakteristisch sei. Die umkämpfte Einführung des Privatrundfunks in den 1980er-Jahren ist das Thema von Frank Bösch. Technologische Innovationen, parteipolitisches Taktieren und kommerzielle Erwartungen erscheinen in der öffentlichen Debatte aufs Engste miteinander verquickt. Bösch legt überzeugend dar, wie ambivalente soziokulturelle Folgewirkungen einer „Fragmentierung und Depolitisierung der Medien“ (S. 103) insbesondere von den Befürwortern des Privatrundfunks unterschätzt wurden. Mit Blick auf Bundespost und Bundesbahn zeichnet schließlich Karl Lauschke Genese und Verlauf der beiden umstrittenen Privatisierungsgroßprojekte der Kohl-Regierung am Ausgang der 1980er-Jahre nach und thematisiert verschiedene Grade gewerkschaftlichen Widerspruchs.

Zwei weitere Aufsätze verschieben die Akzente hin zu kulturhistorisch konturierten Fragen: Detlef Siegfried geht der „Umdeutung alternativer Subjektvorstellungen zu marktkonformen Handlungsanleitungen“ (S. 125) in der alternativen Szene während der 1980er-Jahre nach und schaltet sich in die Debatte um Nachwirkungen von „1968“ ein: Die von den rebellierenden Akteuren eingeforderte und praktizierte „Selbstverwirklichung“ sei „vom Medium der Befreiung zum Ideal der Marktkonkurrenz in allen Lebenslagen“ (S. 138) geronnen, wie er anhand unterschiedlicher Reaktionen auf den Tod John Lennons im Jahr 1980 erläutert. Skepsis gegenüber dem Privatisierungs-Begriff klingt im Beitrag von Pascal Eitler an. Bei seiner Analyse religiöser Transformationsprozesse seit Ende der 1970er-Jahre bevorzugt Eitler den Begriff der Subjektivierung, um so die „Binnenperspektive der Zeitgenossen“ (S. 147) erfassen zu können: Eine mikrosoziologische Analyse der neu entstehenden „Selbsttechniken“ der New-Age-Bewegung könne helfen, die makrosoziologische Großerzählung der „Säkularisierung“ aufzubrechen. Statt des organisationsgeschichtlichens Niedergangs der Amtskirchen rücken die individuelle „Verstreuung und Übersetzung, Vermittlung und Aneignung“ von „religiösen Praktiken und Diskursen“ (S. 152) in den Mittelpunkt.

Mit „Staatssozialistische Ausgänge“ ist der dritte Abschnitt überschrieben. Joachim von Puttkamer beschäftigt sich, ausgehend von der polnischen „Schock-Therapie“ der Balcerowicz-Ära, mit den Vorgeschichten und Anfängen der Massenprivatisierungen in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn. Puttkamer arbeitet Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Fälle heraus und kann zeigen, dass die jeweiligen Wirtschaftsreformdebatten erst ab 1988 an Dynamik gewannen, wobei in allen drei Ländern die „marktradikale Rhetorik“ kleinerer Expertenzirkel im „krassen Gegensatz zu den massiven staatlichen Eingriffen“ (S. 179) gestanden habe. Den deutsch-deutschen Sonderfall behandelt Wolfgang Seibels Aufsatz zur Frühgeschichte der Treuhandanstalt. Seibel widmet sich den konzeptionellen Debatten und politischen Wegmarken des Jahres 1990. Die Treuhandanstalt sei eben „nicht das willige Werkzeug einer neoliberalen Wirtschaftspolitik“ gewesen, sondern „eine hochgradig politisierte Behörde, die ihre politische Funktion mit einem bemerkenswerten Maß an taktischer Flexibilität erfüllte“ (S. 204).

Begreift man den Sammelband als ambitionierten Versuch, historiographisches Neuland zu kartographieren, wird man angesichts einiger Leerstellen kaum überrascht sein. So bleiben die unmittelbaren Akteure, Kritiker und Betroffenen der Privatisierung, ihre Wahrnehmungen, Erfahrungen und Alltagspraktiken eher randständig, da das Gros der Beiträge stark auf einer ideen-, debatten- bzw. diskursgeschichtlichen Ebene operiert. Auch fällt auf, dass die Beiträge klassische Themen der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte meiden und daher keinen tieferen Blick in die Unternehmenslandschaft hinein wagen – ein genereller Trend, der sich auch im Kontext der aktuellen Konjunktur des Ökonomischen in der mehrheitlich kulturhistorisch orientierten Scientific Community ausmachen lässt.[3]

Begrüßenswert ist der thematisch gebotene Anspruch, west- und osteuropäische Geschichten miteinander zu verbinden. Dennoch ist vor dem verführerischen Reiz einer allzu eingängigen und biologistisch anmutenden Standarderzählung zu warnen, die zunächst eine marktliberale Inkubationsphase in den westlichen Industrienationen der späten 1970er-und 1980er-Jahre nachzeichnet, um dann den ‚Virus‘ der Privatisierung nach 1989/91 ungebremst in ein mittelosteuropäisches Experimentierfeld zu entlassen. Eine solche metaphorisch-terminologische Zurichtung „des“ Neoliberalismus als sich ausbreitender ‚Seuche‘ – die auch Dietmar Süß im Blick hat, wenn er eingangs vor dem ausschließlichen Erzählen von „Untergangs- und Verfallsgeschichten“ (S. 30) warnt – verweist schließlich auf einen letzten Problemkreis: den diffusem Gebrauch eines übergeordneten wie schillernden Neoliberalismus-Begriffs, der bei den Autoren zwischen politisiertem Zuschreibungs-, empirischem Quellen- und abstraktem Analysebegriff changiert. Verständlicherweise, denn die hiermit verknüpften Ideen und Praktiken ragen unmittelbar in unsere krisengeplagte Gegenwart hinein; das Themenfeld verharrt damit noch an der Schwelle zwischen politischer Auseinandersetzung und differenzierter Historisierung.

Letztlich behält Margret Thatcher durchaus Recht, die mit kokett-einladender Geste das Cover des Buches ziert: Für Zeithistoriker/innen, die methodisch anregende wie thematisch vielfältige Impulse im jungen Forschungsfeld der Privatisierung suchen, gilt in der Tat und ohne jede Ironie: „There is no alternative“.

Anmerkungen:
[1] Tagungsbericht „Privatisierung – Idee, Ideologie und Praxis seit den 1970er Jahren“. 09.12.2010–11.12.2010, Jena, in: H-Soz-u-Kult, 27.01.2011, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3516> (20.03.2013).
[2] Tony Judt, Dem Land geht es schlecht. Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit, München 2011.
[3] Vgl. beispielsweise den Tagungsbericht „Kultur der Ökonomie. Materialisierungen und Performanzen des Wirtschaftlichen in kulturwissenschaftlicher Perspektive“. 20.09.2012–22.09.2012, Hamburg, in: H-Soz-u-Kult, 15.12.2012, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4537> (20.03.2013).

ZitierweiseMarcus Böick: Rezension zu: Frei, Norbert; Süß, Dietmar (Hrsg.): Privatisierung. Idee und Praxis seit den 1970er Jahren. Göttingen 2012, in: H-Soz-u-Kult, 04.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-012>.

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