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H. James u.a. (Hrsg.): Georg Solmssen – ein deutscher Bankier

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ralf Ahrens <ahrenszzf-pdm.de>
Titel:Georg Solmssen – ein deutscher Bankier. Briefe aus einem halben Jahrhundert 1900–1956
Reihe:Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 25
Herausgeber:James, Harold; Müller, Martin L.
Ort:München
Verlag:C.H. Beck Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-406-62795-8
Umfang/Preis:645 S.; € 68,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Martin Münzel, Berlin
E-Mail: <mmuenzelyahoo.de>

Verschiedene historische Veröffentlichungen der letzten Jahre etwa zu Friedrich Flick, Paul Silverberg oder Hans Matthöfer zeigen, dass wissenschaftlich anspruchsvolle biografische Monografien zu deutschen Unternehmern nicht mehr mit der Lupe zu suchen sind. Dies gilt auch für Repräsentanten großer Bankhäuser und nicht zuletzt des führenden Unternehmens unter ihnen, der Deutschen Bank. Nachdem Lothar Gall 2004 eine Untersuchung zum „man for all seasons“ Hermann Josef Abs vorgelegt hat und Avraham Barkai 2005 in einer Darstellung Leben und Wirken des bis 1933 als Vorstandsmitglied agierenden Oscar Wassermann würdigte[1], zeichnet nun eine von Harold James und Martin L. Müller herausgegebene Briefedition ein facettenreiches Bild des in der breiteren Öffentlichkeit zu Unrecht eher unbekannten Bankdirektors Georg Solmssen.

Solmssen, 1869 als Georg Salomonsohn in Berlin geboren, gehörte einer einflussreichen Bankiersdynastie an – sowohl sein Vater Adolph als auch sein Cousin Arthur Salomonsohn waren Geschäftsinhaber der Disconto-Gesellschaft – und trat nach Jurastudium und Promotion 1900 ebenfalls in die Disconto-Gesellschaft ein. Vier Jahre darauf zum Direktor ernannt und 1911 zum Geschäftsinhaber berufen, wurde Solmssen auf dem Höhepunkt seiner Karriere nach der Fusion des Unternehmens mit der Deutschen Bank 1929 Vorstandsmitglied des neuen Branchengiganten Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft (DD-Bank) und fungierte schließlich 1933/34 als deren Sprecher. Hinzu kamen seine Position als Vorsitzender des Centralverbands des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes (1930–1933) sowie seine Mandate in den Aufsichtsräten zahlreicher Großunternehmen. Nach seinem Ausscheiden aus dem Vorstand 1934 blieb Solmssen bis 1938 Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft und emigrierte dann in die Schweiz, wo er schon 1934 einen zweiten Wohnsitz errichtet hatte. Ohne wieder in die deutsche Wirtschaft zurückzukehren, starb Georg Solmssen 1957 in Lugano.

Eingeleitet wird der vorliegende Band durch einen 42-seitigen biografischen Essay von Harold James, der sich vor allem auf die Korrespondenz Solmssens und dessen 1934 erschienene Aufsatz- und Redensammlung stützt, die überhaupt als aufschlussreiche Ergänzung herangezogen werden kann.[2] James umreißt die einflussreiche Position Solmssens im Finanz- und Wirtschaftsgefüge des Deutschen Reiches gerade in den schwierigen Jahren nach der Hyperinflation, während der Weltwirtschaftskrise und im Zuge der deutschen Bankenkrise von 1931. Dass Walther Rathenau Solmssen Anfang 1922 das Amt des Reichsfinanzministers antrug, zeigte, wie weit dessen Bedeutung auch in die politische Sphäre hineinreichte. Eine wichtige Ergänzung stellen die editorischen Anmerkungen von Martin Müller dar, die dem Leser noch einmal die aufwändige Sorgfalt bei der Zusammenstellung der verstreuten Briefe und Aktenvermerke vor Augen führen. Ein Anhang mit Lebenslauf, Schriftenverzeichnis und einer Auflistung der Aufsichtsratsmandate Solmssens sowie ein umfangreiches Personenverzeichnis mit biografischen Kurzinformationen runden das Buch ab. Seinen Kern bilden indes 381 ungekürzte, zwischen August 1900 und Dezember 1956 von Georg Solmssen verfasste und an ihn gerichtete Schreiben. Rund die Hälfte der Schriftstücke entstand in der Weimarer Republik, ein Drittel datiert aus der NS-Zeit, wobei das Jahr 1933 einen Schwerpunkt bildet.

Inhaltlich bezieht sich die Mehrzahl der Briefe naturgemäß vor allem auf geschäftliche Vorgänge, auf Solmssens Mitwirkung an wirtschaftlichen Rekonsolidierungsprozessen und seine Einstellung zu wirtschaftspolitischen Fragen. Will man darüber hinaus aus der Fülle der Informationen einige Hauptmotive herausgreifen, bietet die Korrespondenz zum einen spannende Einblicke in eine von konservativem Verantwortungsbewusstsein geprägte Kapitalismustradition, wie sie durch Solmssen verkörpert wurde. So wird deutlich, dass im Zuge der Fusion von 1929 zwei unterschiedliche Unternehmskulturen aufeinandertrafen, die sich nicht ohne Weiteres harmonisieren ließen. Als „Aktivum“ für die DD-Bank sei er sich bewusst, „daß noch viel zu thun ist, um die klassische Disciplin der Disconto[-]Gesellschaft gegenüber den laxeren Methoden, wie wir sie bei der Leitung der Deutschen Bank vorgefunden haben, mit Erfolg durchzusetzen“, so Solmssen noch 1933 (20. Juli 1933, S. 372). Als auf Solidität bedachter, seinem Selbstverständnis nach einer „einzigartigen Geschäftsaristokratie“ (7. März 1938, S. 447) entstammender Bankier drückte Solmssen zudem immer wieder seine besondere Abscheu gegenüber dem Geschäftsinhaber der 1931 kollabierten Darmstädter und Nationalbank, Jakob Goldschmidt, aus. Selbst in der Nachkriegszeit äußerte er sich noch verächtlich über den seiner Überzeugung nach riskanten und verantwortungslosen Stil Goldschmidts und dessen Rolle als „Repräsentant […] der Dekadenz der wirtschaftlichen Moral“ (4. März 1954, S. 524), wobei zweifellos auch die soziale Außenseiterstellung Goldschmidts innerhalb der Finanzelite eine Rolle spielte.

Zum anderen scheint an vielen Stellen die „nicht nur zutiefst patriotisch[e], sondern gelegentlich auch ganz unverhohlen nationalistisch[e]“ (S. 12) Grundhaltung Georg Solmssens auf. Besonders nach dem Ende des Kaiserreichs legte er in Reden, Aufsätzen und Briefen ultrakonservative und an preußischen Tugenden orientierte Einstellungen an den Tag, die schließlich sogar in Sympathiebekundungen gegenüber nationalsozialistischen Ideen mündeten. Zwar warnte Solmssen vor den radikalen Auswüchsen der NSDAP-Programmatik auf wirtschaftlichem Gebiet, zeigte sich dann aber in einer in der Retrospektive erschreckend anmutenden Loyalität begeistert von der „für das von Herrn Hitler in so großartiger [Weise] verwirklichte Ziel der nationalen Erhebung“ (20. Juli 1933, S. 372). Und noch 1936 setzte sich Solmssen bei wirtschaftlichen Verhandlungen im Ausland für deutsche Interessen ein und hielt einen patriotischen Vortrag.

Dies wirkt umso befremdlicher, als Solmssen – um einen dritten Schwerpunkt zu benennen, den die Edition auf besonders eindrucksvolle Weise dokumentiert – wie kaum eine zweite Unternehmerpersönlichkeit der 1930er-Jahre in kämpferischen und aufrüttelnden, aber auch von tiefer Verbitterung geprägten Briefen die Stigmatisierung und Entrechtung der jüdischen Deutschen anprangerte. Schon 1930 hatte die Jüdische Rundschau die Wahl des 30 Jahre zuvor vom Judentum zum Protestantismus konvertierten Solmssen zum Vorsitzenden des Banken-Centralverbands zum Anlass genommen, kritisch auf seine angebliche „Anbiederung“ an die Nationalsozialisten hinzuweisen, und festgestellt: „Wir glauben nicht, daß es Herrn Solmssen gelingen wird, Gnade vor den Augen der Herren Hitler und Goebbels zu finden.“[3] Und in der Tat sah sich Solmssen bald nach der Machtübergabe wie viele andere Unternehmer jüdischer Religion oder Herkunft dazu gezwungen, sich gegen die völlige Hinausdrängung aus dem Wirtschaftsleben zur Wehr zu setzen. Ein zwei Tage nach Erlass des „Berufsbeamtengesetzes“ an den Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank, Franz Urbig, gerichteter und in der Forschung immer wieder zitierter Brief kann in diesem Zusammenhang als eines der imponierendsten Dokumente des Bandes gelten. Mit visionärer Scharfsicht äußert Solmssen darin die Befürchtung, noch am Anfang einer Entwicklung zu stehen, „welche zielbewußt, nach wohlaufgelegtem Plane auf wirtschaftliche und moralische Vernichtung aller in Deutschland lebenden Angehörigen der jüdischen Rasse, und zwar völlig unterschiedslos, gerichtet ist“ (9. April 1933, S. 357; vgl. auch 22. Mai 1934, S. 410). Und noch 1953 erinnerte Solmssen seinen früheren Vorstandskollegen Oswald Rösler an die „Weichheit der wirtschaftlichen Kreise“, die nach Beginn der Diktatur „gegenüber den ersten Ausartungen des Nazismus, insbesondere auf dem Gebiet des Antisemitismus, im Grossen und Ganzen sofort zu Kreuze krochen und vergangene Bindungen rücksichtslos verleugneten“ (19. Dezember 1953, S. 515).

Insgesamt handelt es sich bei der Auswahl der Briefe Georg Solmssens um eine Edition, die in vorzüglicher Weise von Kennern der Materie zusammengestellt und bearbeitet worden ist. Zum besseren Verständnis mancher Ansichten Solmssens als Bankier wünschte man sich zwar vielleicht noch einige (direktere) Einblicke in seinen familiären und sozialen Hintergrund. Aber schon allein dank der Produktivität Solmssens als Briefeschreiber und seines hohen sprachlichen Niveaus erweist sich der Band als wertvolle Quelle und Glücksfall für die (nicht nur unternehmens-) historische Forschung.

Anmerkungen:
[1] Lothar Gall, Der Bankier Hermann Josef Abs. Eine Biographie, München 2004; Avraham Barkai, Oscar Wassermann und die Deutsche Bank. Bankier in schwieriger Zeit, München 2005.
[2] Georg Solmssen, Beiträge zur Deutschen Politik und Wirtschaft 1900–1933. Gesammelte Aufsätze und Vorträge, 2 Bde., München u.a. 1934.
[3] Mangel an Würde, in: Jüdische Rundschau, Nr. 100, 19.12.1930.

ZitierweiseMartin Münzel: Rezension zu: James, Harold; Müller, Martin L. (Hrsg.): Georg Solmssen – ein deutscher Bankier. Briefe aus einem halben Jahrhundert 1900–1956. München 2012, in: H-Soz-Kult, 27.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-191>.

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