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Mittelalterliche Geschichte

M. Thumser (Hrsg.): Geschichtsschreibung

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Lioba Geis <lioba.geisuni-koeln.de>
Titel:Geschichtsschreibung im mittelalterlichen Livland
Reihe:Schriften der Baltischen Historischen Kommission 18
Herausgeber:Thumser, Matthias
Ort:Berlin
Verlag:LIT Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-643-11496-9
Umfang/Preis:312 S.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Grischa Vercamer, Deutsches Historisches Institut Warschau
E-Mail: <vercamerdhi.waw.pl>

Schon lange nicht mehr ist die Geschichtsschreibung dieser historischen Großregion so gebündelt unter die Lupe genommen worden wie hier – dass man das Deutschordensland Preußen nicht hinzugezogen hat, mag an der besseren Forschungssituation zu diesem Gebiet liegen, aber sicherlich nicht zuletzt an der institutionellen Verankerung: Der Sammelband ist herausgegeben von dem Vorsitzenden der Baltischen Historischen Kommission und stellt die erweiterte Fassung einer Kommissionstagung aus dem Jahr 2008 dar. Forschungsgeschichtlich hinzuweisen ist auf längere Übersichtsaufsätze, die ihrerseits aber auch schon ca. 30-40 Jahre alt sind[1], während der eine oder andere Chronist bisweilen in aktuellen Arbeiten auftaucht – allerdings geht es dann meist um bestimmte Forschungsaspekte, wie z.B. die Identität der Anderen[2], und nicht direkt um den Chronisten. Hier setzt der vorliegende Sammelband an, dessen Beiträge, so betont es der Herausgeber, „eine Art von Quellenkunde, die diesen Überlieferungskomplex [also die livländische Geschichtsschreibung] erschließen will“ (S. 8) darstellen sollen. Der Band umfasst ein knappes Vorwort – hier werden die Aufsätze kurz zusammengefasst, aber es wird kein Forschungsabriss vorgenommen –, sieben sowohl von Literaturwissenschaftlern als auch von Historikern verfasste Aufsätze sowie ein abschließendes Personen- und Ortsregister.

Arno Mentzel-Reuters, Bartholomaeus Hoeneke. Ein Historiograph zwischen Überlieferung und Fiktion (S. 11–58), zeigt sehr überzeugend anhand eines erst vor Kurzem gefundenen Fragments der verlorenen Reimchronik von Bartholomaeus Hoeneke um 1350 (die als jüngere livländische Reimchronik bekannt ist), dass der erste neuzeitliche Bearbeiter der Chronik, Konstantin Höhlbaum, mit seinen Analysen und Textemendationen falsch lag. Wahrscheinlich darf man nach Mentzel-Reuters annehmen, dass Hoeneke auf Ostmitteldeutsch (und eben nicht Niederdeutsch) dichtete.

Anti Selart, Die livländische Chronik des Hermann von Wartberge (S. 59-85), analysiert Inhalt, Adressaten, Überlieferung sowie Rezeption der Chronik aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Er kommt zu dem allerdings schon zuvor bekannten (aber nicht ganz unumstrittenen) Schluss, dass a) die Chronik als Ordenspropaganda zu gelten habe und b) die geringe Bildung des (immerhin) Kanzlers vom Livländischen Meister für eine generell schlechte Bildung unter den Ordensbrüdern in Livland spreche.

Thomas Brück, Konflikt und Rechtfertigung in der Geschichtsschreibung Alt-Livlands. Christoph Forstenau – Silvester Stodewescher – Hermann Helewegh (S. 87–131), vergleicht drei livländische Chroniken aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die aus den jeweils verschiedenen politischen Lagern (Deutscher Orden, Erzbistum, Stadt Riga) kamen und daher parteiische Geschichte schrieben. Nicht unbedingt überraschend kann er – neben vielen detaillierten Informationen zu den jeweiligen Chroniken – generell feststellen, dass die politischen Ereignisse der 1440er und 1450er Jahre von den Autoren verschiedentlich und unter Auslassung von bestimmten Fakten dargestellt werden.

Matthias Thumser, Antirussische Propaganda in der ‚Schönen Historie von wunderbaren Geschäften der Herren zu Livland mit den Russen und Tataren’ (S. 133–153), stellt eine als Chronik verpackte Propagandaschrift gegen die Russen – die "Schöne Historie" von 1508 – vor. Er zeigt, wie der anonyme Autor aus dem Umkreis des Ordensjuristen Christian Bomhower sich mit historiografischen und propagandistischen Mitteln bemühte, Verständnis und vor allem Geld bei der deutschen Bevölkerung im Reich für das fernabliegende Livland gegen die russische Bedrohung zu gewinnen.

Klaus Neitmann, Johann Lohmüllers evangelische Geschichte Livlands. Überlieferung – Quellen – Darstellungsweise – Intention (S. 155–200), legt die Chronik erstmals gegenüber älteren Arbeiten zeitlich klar fest (zweite Hälfte 1556) und kann sie damit sehr deutlich und überzeugend mit der sogenannten Koadjutorfehde Mitte der 1550er Jahre in Verbindung bringen. Er betont dabei: Die Motivation Lohmüllers war eine andere als die von vorangegangenen Chronisten, verschwammen vor dem Hintergrund des Glaubenskonflikts doch die alten Fronten Orden, Erzbistum, Stadt Riga.

Antje Thumser, Livländische Amtsträgerreihen des Mittelalters. Kleine Meisterchronik – Rigaer Bischofschronik – Series episcoporum Curoniae (S. 201–254), zeigt, dass selbst diese kleinen, oftmals verschmähten oder herabgespielten ‚Kürzestchroniken’ ihre politische Relevanz haben und dass teilweise sogar, wie im Falle der Bischofsreihen vom Kurland, bewusst historische Zusammenhänge aus legitimatorischen Gründen konstruiert wurden.

Volker Honemann, Zu Selbstverständnis und Identitätsvorstellungen in der livländischen Geschichtsschreibung des Mittelalters (S. 255–295), sucht, beinah alle vorhergehenden Aufsätze zusammenfassend, eine große Bandbreite von livländischen Geschichtsschreibern heraus und untersucht diese systematisch auf ihre Identitätsvorstellung. Im Vergleich zu Entwürfen anderer Regionen und Länder stellt er fest, dass für Livland besonders spezifisch das Gefühl der Bedrohung und des gefährlichen Lebens an der Grenze der Christenheit steht, ein Phänomen, welches sich über die Jahrhunderte hielt.

Die versammelten Aufsätze geben einen guten Überblick zur livländischen Geschichtsschreibung vor allem des 15./16. Jahrhunderts unter Auslassung der gut erforschten älteren und jüngeren Texte – also einerseits des Chronicon Livoniae Heinrichs des Letten und der Livländischen Reimchronik sowie Johann Renners und Balthasar Rüssows Werken auf der anderen Seite. Als kleines Manko mag man dem Band anlasten, dass keine übergeordnete Fragestellung – außer eben Region und Chronistik – vorgegeben wurde. Auf diese Weise präsentiert jeder Autor den jeweiligen zugrunde gelegten Text einführend sehr prägnant auf der Höhe der aktuellen Forschung, um sich dann aber individuellen Aspekten hinzugeben. Dennoch bringt es die politische Situation in Livland im 14.–16. Jahrhundert mit sich, dass fast alle Beiträge die Fragestellung der politischen Verortung bzw. Identifikation sowie damit einhergehend der Intention der Chronisten mehr oder weniger tiefgehend berühren. Die Forschung verfügt mit dem vorliegenden Band also über eine fundierte Basis zu den weniger bekannten Autoren der livländischen Geschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit.

Anmerkungen:
[1] Odilo Engels, Zur Historiographie des Deutschen Ordens im Mittelalter, in: Archiv für Kulturgeschichte 48 (1966), S. 336–363; Udo Arnold, Geschichtsschreibung im Preußenland bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 19 (1970), S. 74–126; Hartmut Boockmann, Die Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens. Gattungsfragen und „Gebrauchssituationen”, in: Hans Patze (Hrsg.), Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter, Sigmaringen 1987, S. 447–469; Norbert Angermann, Die mittelalterliche Chronistik, in: Georg von Rauch (Hrsg.), Geschichte der deutschbaltischen Geschichtsschreibung, Köln u.a. 1986, S. 3–20.
[2] Andris Šnē, The Image of the Other or the Own: Representation of Local Societies in Heinrici Chronicon, in: Erik Kooper (Hrsg.), The Medieval Chronicle 6, Amsterdam, New York 2009, S. 247–260.

ZitierweiseGrischa Vercamer: Rezension zu: Thumser, Matthias (Hrsg.): Geschichtsschreibung im mittelalterlichen Livland. Berlin 2011, in: H-Soz-u-Kult, 05.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-130>.

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