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Zeitgeschichte (nach 1945)

B. Stambolis: Töchter ohne Väter

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Kirsten Heinsohn <xhq643hum.ku.dk>
Autor(en):
Titel:Töchter ohne Väter: Frauen der Kriegsgeneration und ihre lebenslange Sehnsucht
Ort:Stuttgart
Verlag:Klett-Cotta
Jahr:
ISBN:978-3-608-94724-3
Umfang/Preis:€ 24,95

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Lu Seegers, Historisches Seminar, Universität Hannover
E-Mail: <seegersfoko-ns.de>

„Söhne ohne Väter“ – so lautete der Titel des 2004 erschienenen Buches von Jürgen Reulecke, in dem die Folgen kriegsbedingter Vaterlosigkeit am Beispiel der Erfahrungen und Deutungen westdeutscher männlicher Akademiker diskutiert wurden. Seitdem gehört die Tatsache, dass die Väter von rund einem Viertel aller deutschen Kinder im Zweiten Krieg vermisst oder gestorben waren, neben Bombenkrieg, Flucht und Gewalt zu den zentralen Erfahrungen der so genannten „Generation der Kriegskinder“. Demgegenüber fanden entsprechende Erfahrungen und Deutungen weiblicher Halbwaisen zumindest in den Massenmedien längere Zeit nur wenig Beachtung. [1] Diesem Manko will die Zeithistorikerin Barbara Stambolis nun begegnen und dabei ein breites Publikum ansprechen. Als Sprecherin der Studiengruppe „Weltkrieg2Kindheiten“ hat sie sich die Aufgabe gestellt, das Parallelbuch zu „Söhne ohne Väter“ zu schreiben. Barbara Stambolis tut dies nicht als „Kriegskind“, wohl aber mit „Empathie gegenüber den Empfindungen, Verletzungen und lebenslangen Belastungen vaterloser Töchter“ (S. 12). Sie möchte den Erfahrungen, Wahrnehmungen und subjektiven Rückblicken vaterloser Töchter „eine Stimme geben“ und diese zeitgeschichtlich deuten und einordnen (S. 12). Die Grundlage dafür bilden rund 120 schriftliche Antworten auf Fragebögen, ferner mündliche Mitteilungen und Gespräche sowie ausführliche Korrespondenzen mit Betroffenen der Jahrgänge 1930 bis 1945. Im Buch sollen sich die Frauen wiederfinden: mit ihren „Stärken“, „Zweifeln, Sehnsüchten und Unsicherheiten“ (S. 14).

Barbara Stambolis folgt damit einem dezidierten Schreibauftrag, hinter dem die präzise methodische Arbeit bisweilen zurücktritt. So erfährt man erst in der Mitte des Buches etwas mehr über die sozialen Hintergründe der fast ausschließlich westdeutschen Teilnehmerinnen der Studie. Verwunderlich ist auch, dass die Autorin kaum Informationen zu den Geburts- und Lebensorten der Frauen gibt, obgleich sie für eine Differenzierung der Erfahrungen in der „Generation der Kriegskinder“ plädiert. Auch wird bei den zahlreich zitierten Fragebogenantworten nicht vermerkt, welchem Jahrgang die jeweilige Frau angehört. Zudem wird häufig nicht deutlich, ob die Autorin aus Fragebögen oder Korrespondenzen zitiert. Darüber hinaus hat Barbara Stambolis Frauen befragt, die sich aktiv mit ihrer Vaterlosigkeit beschäftigen. Für manche von ihnen, so Stambolis, sei diese gar zum „Lebens- oder vielleicht Daseinsthema“ (S. 18) avanciert. Dennoch gelingt es Barbara Stambolis in zwölf Kapiteln des Buches, viele Facetten des kriegsbedingten Verlusts des Vaters und seiner Auswirkungen zu thematisieren.

Im Kapitel „Der Vater als Lebensthema“ spürt Barbara Stambolis den Erinnerungsbildern an verstorbene Väter nach. So prägten sich bei den befragten Frauen insbesondere Fotos von Weihnachtsfesten als Ikonographien einer heilen Familienwelt und eines zärtlich-freundlichen Vaters ein. Bilder von Bahnhöfen werden hingegen mit Abschied und Trennung assoziiert. Leider geht Barbara Stambolis nicht darauf ein, dass solche Szenen vielfach auch im „Geschichtsfernsehen“ verwendet werden, die Erinnerung also stets auch medial überschrieben und re-aktualisiert wird. Die befragten Frauen betonen außerdem den Wunsch nach „väterlicher Welterklärung“ und männlichem Schutz, besonders während biographischer Umbruchsituationen. Hier wäre ein Vergleich mit ostdeutschen Halbwaisen lohnend, die berufliche und private Krisen retrospektiv nur selten mit dem Verlust des Vaters in Verbindung bringen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der verstorbenen und vermissten Väter bleibt indessen wohl nicht nur für die von Stambolis befragten Frauen schwierig, auch wenn einige von ihnen dezidierte Erkundigungen über die Aktivitäten des Vaters in der Zeit des Nationalsozialismus und während des Zweiten Weltkriegs anstellten.

Anschließend werden die psychischen Verletzungen der vaterlosen Töchter thematisiert, deren Trauer weder im familiären Nahraum noch bei öffentlichen Gedenkritualen genügend berücksichtigt wurde. Dem entsprach eine weitgehende Negierung der psychischen Folgen des Krieges für Kinder. Außerdem geht Barbara Stambolis auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von „Halbfamilien“ in der Bundesrepublik ein. Kriegerwitwen wurden in den Medien als „Rabenmütter“ abgestempelt, wenn sie berufstätig waren und galten als unfähig, ihre Kinder perspektivisch zu erziehen. [2]

Im Abschnitt „Aufwachsen ohne Vater“ spricht Barbara Stambolis die Ängste der vaterlosen Töchter an, ihren in der Regel überlasteten und teilweise chronisch kranken Müttern lästig zu sein. Außerdem fühlten sich viele Mädchen gegenüber ihren Brüdern benachteiligt, die mehr Freiheiten und emotionale Aufmerksamkeit erhielten. Stiefväter konnten den Vater nicht ersetzen und hielten sich weitgehend aus der Erziehung heraus. Halt und Geborgenheit fanden viele Mädchen bei den Großeltern. Mögliche Konfliktfelder solcher Familienkonstellationen erwähnt die Autorin aber nur am Rande.

Das Kapitel „Weibliche Lebensentwürfe“ gibt einen groben Einblick in die soziale Herkunft der befragten Frauen, die allesamt aus mittelständischen Verhältnissen stammen. Dementsprechend hatten die Mütter ihre Erwerbstätigkeit mit der Geburt der Kinder aufgegeben. Nach dem Kieg arbeiteten die meisten Mütter wenig qualifiziert und schlecht bezahlt, was die Töchter angesichts der vom „Wirtschaftswunder“ bevorteilten „vollständigen Familien“ als sozialen Abstieg schildern. Angesichts des gefühlten sozialen Abstiegs vaterloser Familien in Westdeutschland sei es vielen Müttern darum gegangen, ihren Töchtern gute berufliche Perspektiven zu ermöglichen. So besuchten etwa 60 Prozent der befragten Frauen das Gymnasium und schlossen mit dem Abitur ab. Solche Zahlen entsprachen allerdings nicht dem gesellschaftlichen Durchschnitt, wie Stambolis konzediert. Nicht angesprochen wird, dass gerade bürgerliche Kriegerwitwen eine Ausbildung zwar als wünschenswert erachteten, den sozialen Aufstieg ihrer Töchter aber mit einer „guten Ehe“ assoziierten. Gleichwohl ist der Autorin zuzustimmen, wenn sie die Bildungs- und Berufsverläufe der Töchter generationengeschichtlich von denen der Mütter unterscheidet.

Stambolis behandelt auch die Partnerschaften der vaterlosen Töchter. Die meisten Befragten heirateten früh und favorisierten die Rolle der Ehefrau und Mutter als Lebensmodell, auch wenn sie berufstätig waren. Erst seit den 1970er Jahren begannen sie – unter anderem inspiriert durch die Frauenbewegung – diese Arbeitsteilung zu hinterfragen. Außerdem stellten sie nun höhere Ansprüche an ihre Partner. Erst spät thematisierten die Betroffenen ihre Trauer um den Vater, aber auch um die eigene Kindheit, vielfach ausgelöst bzw. intensiviert durch den Tod der Mutter. Doch betont Stambolis, dass die vaterlosen Töchter den Begriff „Trauma“ nur selten zur Beschreibung individueller Kriegserfahrungen nutzen. Gleichwohl bliebe zu erörtern, inwieweit die öffentliche Erinnerungskultur, die seit den 1990er Jahren die Leiden der Deutschen während des Zweiten Weltkriegs betont, den Rahmen für die kommunikative Selbstverortung vieler Menschen als „Kriegskinder“ gibt.

Barbara Stambolis fragt sich zu Recht, warum es bislang keine Politikerinnen, Journalistinnen oder Verlegerinnen gibt, die ihr Leben unter dem Signet der Vaterlosigkeit resümieren. Als Grund dafür nennt sie die anhaltende Kontinuität gesellschaftlicher Debatten, nach denen Jungen als Hauptverlierer desolater familiärer Verhältnisse gelten. Auch könnten Frauen mit den Kategorien „männlichen Erfolgs“ nicht konkurrieren, besteht doch die für die Medien spannende Erzählung männlicher „Kriegskinder“ im Widerspruch zwischen lebensgeschichtlichem Erfolg und einem dahinter liegenden, aus der Kindheit resultierenden Leid.[3] Die Kategorien weiblichen Erfolgs, so schlussfolgert Stambolis treffend, seien demgegenüber öffentlich weitaus weniger kommunizierbar.

Im zehnten Kapitel macht Barbara Stambolis selbst auf die Lücken ihrer Arbeit aufmerksam: das sozial eingeschränkte Sample der Befragten, die fehlende Berücksichtigung ostdeutscher Halbwaisen und der transnationalen Perspektive, deren Untersuchung sie weiteren Studien überlassen möchte. Insgesamt hat Barbara Stambolis ein gut lesbares Buch vorgelegt, das die Bandbreite der Auswirkungen des weiblichen Aufwachsens ohne Vater aufzeigt. In methodischer Hinsicht indessen befriedigt „Töchter ohne Väter“ nur teilweise.

Anmerkungen:
[1] Cornelia Staudacher, Vaterlose Töchter. Kriegskinder zwischen Freiheit und Anpassung, Zürich 2006. Aus wissenschaftlicher Perspektive: Lu Seegers, Kriegerwitwen und ‚Töchter ohne Väter‘ in der Bundesrepublik, in: Julia Paulusm, Andreas Schneider, Eva-Maria Silies, Kerstin R. Wolff (Hrsg): Teilhabe oder Ausgrenzung? Perspektiven der bundesdeutschen Geschlechtergeschichte zwischen Nachkriegszeit und „Strukturbruch“ (1949–1989), Frankfurt am Main, New York 2012, S. 31–51.
[2] Lu Seegers, Vaterlosigkeit als kriegsbedingte Erfahrung des 20. Jahrhunderts in Deutschland, in: dies., Jürgen Reulecke (Hrsg.), Die "Generation der Kriegskinder": Historische Hintergründe und Deutungen, Gießen 2009, S. 59–83.
[3] Dorothee Wierling, »Kriegskinder«: westdeutsch, bürgerlich, männlich?, in: Lu Seegers, Jürgen Reulecke (Hrsg.), Die "Generation der Kriegskinder": Historische Hintergründe und Deutungen, Gießen 2009, S. 141–155.

ZitierweiseLu Seegers: Rezension zu: Stambolis, Barbara: Töchter ohne Väter: Frauen der Kriegsgeneration und ihre lebenslange Sehnsucht. Stuttgart 2012, in: H-Soz-u-Kult, 28.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-181>.

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