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Zeitgeschichte (nach 1945)

T. Neuner: Paris, Havanna und die intellektuelle Linke

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Paris, Havanna und die intellektuelle Linke. Kooperationen und Konflikte in den 1960er Jahren
Reihe:Einzeltitel Geschichte
Ort:Konstanz
Verlag:Universitätsverlag Konstanz - UVK
Jahr:
ISBN:978-3-86764-339-9
Umfang/Preis:389 S.; € 44,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Anne Joly, Paris
E-Mail: <annejolygmx.de>

Die kubanischen Revolutionäre pflegten zu Frankreich nach 1958 eine ebenso intensive wie konfliktreiche Beziehung. Insbesondere galt dies für den sowjetkritischen Part der französischen Linksintellektuellen, der ein breites Spektrum umfasste, das von einzelnen Intellektuellen über Studenten der Jugendorganisation der PCF (Parti Communiste Français) bis hin zu Linkskatholiken und Wissenschaftsorganisationen reichte. Für diese Gruppe verkörperte Kuba nach der Revolution ein postkoloniales Emanzipationsprojekt sowie eine attraktive politische und kulturelle Alternative zum sowjetischen „Imperialismus“. Umgekehrt übte Frankreich auf die kubanischen Revolutionäre ebenfalls eine gewisse Faszination aus. Das lag einerseits an seiner Geschichte – es galt als das Land der Französischen Revolution, der politischen Freiheit und der freien Intellektuellen. Andererseits war dafür die damalige Außenpolitik Charles de Gaulles maßgeblich, die sich den Hegemonialansprüchen sowohl der USA als auch der UdSSR entgegen stellte.

Thomas Neuner hat mit seiner an der Universität Köln 2010 entstandenen und jetzt veröffentlichten Dissertationsschrift einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung dieser mit Idealen und Projektionen aufgeladenen Wechselbeziehung geleistet. Das Buch beruht auf Recherchen in zahlreichen kubanischen, französischen und deutschen Archiven. Die umfangreiche Quellengrundlage umfasst sowohl Akten der diplomatischen Verbindungen oder der Wissenschaftskooperation und Printmedien beider Länder als auch Unterlagen über informelle kulturelle Kontakte und Korrespondenz aus Privatarchiven. Ergänzend hat Neuner mehr als dreißig Zeitzeugengespräche in Kuba und Frankreich geführt. Dank der transkulturellen Perspektive gelingt es dem Verfasser, seine Darstellung im Rahmen einer globalen Geschichte der 1960er-Jahre zu verankern. Neuner schafft es darüber hinaus, einen Beitrag zu liefern, der frei von ideologischen Befangenheiten ist. Auf einem Feld, das noch von den Erzählungen und Legitimationsbedürfnissen der Zeitzeugen dominiert wird, ist dies durchaus eine Leistung.

Die Darstellung ist weniger chronologisch strukturiert als systematisch, wobei in jedem Kapitel jeweils ein spezifischer Teil der Akteure bzw. der Formen der kubanisch-französischen Kooperation in den 1960er-Jahren untersucht wird. Nach der Einleitung befasst sich Neuner im zweiten Kapitel mit den Grundlinien der kubanischen Frankreichpolitik. Im dritten Abschnitt werden die Deutungsmuster der intellektuellen Linken paradigmatisch anhand von zwei Fallbeispielen aufgezeigt: dem „Le Monde“-Journalisten Claude Julien und dem Philosophen Jean-Paul Sartre. Das vierte Kapitel behandelt Interaktionsprozesse zwischen Kuba und der französischen studentischen Linke bzw. einigen französischen Solidaritätsorganisationen. Der fünfte Abschnitt beleuchtet den Kulturkongress 1966 in Havanna sowie die immer mehr zu spürenden Grenzen der Solidaritätsbeziehung zwischen den beiden Ländern. Letztere zeigten sich insbesondere im Kontext der wachsenden Protestbewegung im Mai 1968 in Frankreich. Der letzte Teil fasst die Ergebnisse zusammen.

Neuners Studie nimmt sich vor, das Dreieckverhältnis zwischen Kuba, der französischen Regierung und der französischen intellektuellen Linke zu untersuchen. Der Kern der Arbeit scheint aber im Verhältnis zwischen Kuba und der linken Intelligentsia in Frankreich zu bestehen, während die Darstellung der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern eher zur notwendigen Kontextualisierung der Studie gehört. Neuner gelingt eine facettenreiche Darstellung der Beziehungen zwischen der französischen Linke und Kuba, indem er Einblicke in unterschiedliche Milieus und Ebenen der kubafreundlichen Szene in Frankreich bietet. Am Beispiel von zwei linken Intellektuellen, die sich im Hinblick auf Status und politisches Selbstverständnis deutlich unterschieden, zeigt Neuner, was Kuba in ihren Augen für den Sozialismus und die Revolution verkörperte: zum einen anhand von Sartre, der bereits seit seiner Opposition gegen den Algerienkrieg das Ansehen eines engagierten Intellektuellen genoss, zum anderen anhand des linkskatholische Journalist Julien bei der Tageszeitung „Le Monde“. Wesentlich war demnach für beide die Alternative zum sowjetischen Modell. Anstelle der Arbeiterklasse und der Partei wurde von Sartre die Rolle der ungebildeten Bauernschaft und der Guerilleros in der Revolution betont, wenn nicht verherrlicht. Für Julien bedeutete die kubanische Revolution die Emanzipation gegenüber dem „ökonomischen Imperialismus“ der Vereinigten Staaten und war somit ein weiterer Schritt auf dem Weg der politischen Dekolonisierung. Kuba wurde, der kubanischen offiziellen Linie entsprechend, im Rahmen eines neokolonialen Abhängigkeitsverhältnisses wahrgenommen.

Besonders spannend wird die Darstellung, wenn Neuner analysiert, inwiefern Kuba als Katalysator der innerfranzösischen Differenzierung innerhalb der Linken fungierte. Dies geschah insbesondere bei der Union des Étudiants Communistes (UEC), einer Jugendorganisation der PCF. Die mit anderen politischen Fragen – etwa die der Universitätsreformen – verquickte Kubafrage verstärkte Aspekte der Kritik am sowjetischen Modell. Bemängelt wurden etwa der Mangel an Basisdemokratie und der sowjetische „Imperialismus“, hinzu kamen die Solidarität mit der „Dritten Welt“ und die Desillusionierung gegenüber der Arbeiterklasse als revolutionärem Akteur. Diese Divergenzen führten 1965 zum Ausschluss der UEC aus der Mutterpartei.

Die Kubasolidarität trug auch zur Entstehung einer neuen Figur des Intellektuellen in Frankreich bei. Anstelle des bis dahin in Frankreich vertrauten kritischen Intellektuellen mit universalem Anspruch à la Sartre trat die neue Figur des „spezifischen Intellektuellen“ auf, der sein Wissen in den Dienst der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung stellte. Besonders anlässlich des Kubanischen Kongresses 1966 zeigte sich das Auseinanderklaffen zweier grundsätzlich unterschiedlicher Auffassungen der politischen Rolle der Intellektuellen zwischen den beiden Ländern. Während die Franzosen die Freiheit der kritischen Intellektuellen in den Vordergrund stellten, wollten die kubanischen Leader den Intellektuellen als Unterstützer des kommunistischen Regimes sehen. Daraus leitet Neuner zwei prinzipiell verschiedene politische Konzepte ab: Das kubanische sei auf die soziale und antikoloniale Emanzipation gegenüber den USA und deren wirtschaftliche und kulturelle Hegemonie orientiert gewesen, während das französische weiterhin an der Freiheit und den Menschenrechten, der Demokratie und der individuellen Entfaltung festgehalten habe. Von der Protestbewegung in Frankreich 1968 wollte die kubanische Macht nichts hören: Kuba, einst Leuchtfeuer der erhofften alternativen Weltrevolution, war in den Augen der französischen antiautoritären Studierenden und den sowjetkritischen Intellektuellen von prosowjetischen Kräften okkupiert worden.

Trotz des großen Wertes der sehr ausführlichen und facettenreichen Analyse bleiben einige Wünsche offen. So gerät die Darstellung insgesamt etwas zu statisch. Dies lässt sich auch auf die primär systematisch und eben kaum chronologisch angelegte Gliederung der Studie zurückführen. Die einzige klare Zäsur stellt diejenige von 1968 dar, mit der die Beziehung in der bisherigen Form endete. Gern wüsste man zudem mehr über die weiteren Folgen dieser Erfahrung auf beiden Seiten jenseits des Untersuchungszeitraums: Was hat sich aus diesen an Missverständnissen reichen, von enttäuschten Erwartungen geprägten Beziehungen ergeben, insbesondere für die Entwicklung der französischen Linken und die Entstehung der sogenannten „Dritte-Welt-Problematik“?[1] So wird der Übergang von einer eurozentristischen zu einer „autozentristischen“ Denkweise, die die Eigenartigkeit der Länder der „Dritten Welt“ anerkannte, lediglich angedeutet. Eine tief gehende Untersuchung der unauflösbaren Widersprüche im Diskurs der begeisterten französischen Linken, die vor den schon damals bekannten Verstößen gegen die Menschenrechte in Kuba die Augen verschlossen, wäre ebenfalls wertvoll gewesen. Darüber hinaus werden die zu dieser Zeit aufsteigenden trotzkistischen Kreise wenig beleuchtet. Eine umfassendere Einbettung in langwierigere Entwicklungen hätte den zweifellos großen Nutzen der Studie somit noch weiter steigern können.

Anmerkung:
[1] Vgl. dazu die Studie von Christoph Kalter, Die Entdeckung der Dritten Welt. Dekolonisierung und neue radikale Linke in Frankreich, Frankfurt am Main 2011.

ZitierweiseAnne Joly: Rezension zu: Neuner, Thomas: Paris, Havanna und die intellektuelle Linke. Kooperationen und Konflikte in den 1960er Jahren. Konstanz 2012, in: H-Soz-u-Kult, 22.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-061>.

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