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Zeitgeschichte (nach 1945)

W. Kaiser u.a.: Europa ausstellen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):; ;
Titel:Europa ausstellen. Das Museum als Praxisfeld der Europäisierung
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:978-3-412-20888-2
Umfang/Preis:278 S.; € 24,90

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-u-Kult von:
Ines Keske, Universität Leipzig
E-Mail: <keskeuni-leipzig.de>

Ende 2012 sollen im Brüsseler Regierungsviertel die Bauarbeiten für ein neues Museum beginnen, das vom Europäischen Parlament lanciert wurde. Nach der Umwandlung des Eastman-Gebäudes, eines Art-Déco-Prachtbaus der Jahrhundertwende, zum Museum wird dort ab 2014 das House of European History (HEH) auf 4.800 qm Ausstellungsfläche die Geschichte der europäischen Integration präsentieren.[1] Damit könnte die Zukunft eines anderen, älteren Brüsseler Europamuseums-Projekts, des Musée de l’Europe, in weite Ferne gerückt sein. Denn dieses von europäischen Wissenschaftlern und Museumspraktikern initiierte Projekt sucht immer noch einen festen Standort – und das trotz bereits erfolgter, internationaler Ausstellungstätigkeit.[2] Dass der Eastman-Bau ursprünglich als Zahnklinik fungierte, ist doch wohl kein schlechtes Omen? Ob es dabei aber dem Musée-Projekt den Zahn gezogen hat oder selbst einen Zahn verliert, bleibt abzuwarten. Umstritten ist das HEH allemal.[3]

Die Gründung dieser beiden sogenannten Europamuseen stellt nur eine von vielen aktuellen Veränderungen der Museumswelt in Europa dar – und zugleich eine recht problematische. Auch andere Museumsbereiche scheinen sich mehr denn je Europa gegenüber zu öffnen. Dem Soziologen Kurt Imhof zufolge sind Museen „eine aktive Arena für die Verhandlung gegenwärtiger und zukünftiger gesellschaftlicher Themen“ (S. 32), und dementsprechend verstehen die Autoren von Europa ausstellen Museen als Orte, an denen auch Europa– eine Idee „mit großer politischer Dringlichkeit“ – ausgehandelt wird. Wichtiger als politische Akteure, die Museen bisweilen als Instrumente der EU-Integration zu nutzen versuchen, seien gesellschaftliche Akteure, die das Museumsfeld auf vielfältige Art und Weise europäisierten. Verstanden als eine „kulturelle Praxis“ (S. 14), sei diese Europäisierung nicht immer direkt auf die EU gerichtet, sondern ein Resultat der Verschränkung verschiedener Europakonstruktionen – und dies, obwohl entsprechende Veränderungen hauptsächlich in Kerneuropa zu lokaliseren sind.

Dass dieses Handeln widersprüchlich sein oder auch missglücken kann, wird gleich zu Beginn im zweiten Kapitel über die Europamuseen thematisiert. Bislang scheint dieser Museumstyp noch nicht etabliert zu sein. Die beiden Brüsseler Museumsprojekte machen deutlich, dass sowohl politisch initiierte Projekte wie das HEH in der öffentlichen Kritik stehen, als auch Privatinitiativen wie das Musée-Projekt, das durch seine teleologische EU-Integrationsgeschichte eine zu starke EU-Nähe aufweise. Ein anderes Problem sei die fehlende Öffentlichkeit im Rahmen der Museumsplanungen wie im Falle des Bauhaus Europa, einem nicht realisierten Museumsvorhaben in Aachen. Der von den Machern favorisierte diskursiv-dekonstruktivistische Ansatz der Darstellung Europas (als ein Haus im Werden), plus die Sorge um die Kosten für den Museumsneubau und dessen Unterhaltung, stießen öffentlich auf so große Vorbehalte, dass das Vorhaben 2006 an einem negativen Bürgerentscheid scheiterte. Die Transformation der nationalen Völkerkundemuseen in Marseille und Berlin zu Europamuseen sei hingegen eine geglückte Variante, Europa über einen Blick von außen zu thematisieren und dabei auf kulturelle (und nicht politikgeschichtliche) Zusammenhänge zu fokussieren.

Das dritte und vierte Kapitel ist den Akteuren im Europäisierungsprozess gewidmet. Die sekundäre Rolle staatlicher Akteure und Einrichtungen wird nicht allein mit einem historischen Desinteresse der EU-Institutionen (wie der Europäischen Kommission) an der Kultur oder deren begrenzten Kompetenzen in der Kulturpolitik begründet, sondern mit den Folgen einer stark fragmentierten europäischen Kulturpolitik. Diese sei von Wettbewerb und Kooperationen zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Akteuren in informellen oder stärker institutionalisierenden Netzwerken auf europäischer, nationaler wie auch regionaler Ebene gekennzeichnet und erziele damit nicht einfach eine Top-Down-Europäisierung. Außerdem sei die Haltung der politischen Akteure nicht eindeutig, wie ein Blick auf die EU-Kulturpolitik der EU-Staaten und Regionen, differenziert zwischen dem Kern-EU-ropa und jüngeren Mitgliedsländern, zeigt. So fungieren staatliche Akteure auf nationaler und regionaler Ebene einerseits für Museen auf der Suche nach Fördergeldern als Kontaktstellen zur EU. Andererseits hätten gerade einige östliche Nationalstaaten Probleme mit der Vereinbarkeit von nationalen Einigungsmythen und der EU-Integrationsgeschichte.

Zivile Akteure initiieren hingegen entweder aufgrund (meist monetärer) Anreize staatlicher Einrichtungen, eigenmotiviert aus einer pro-europäischen Gesinnung heraus oder infolge der Entgrenzung der eigenen sozialen Lebenswelt eine kulturelle Identitätsbildung mit der EU als Bottum-up-Prozess. Dies zeigen insbesondere die Biographien einiger europäischer Kulturunternehmer des Museumswesens, wie des Historikers, Gründungsdirektors des Haus der Deutschen Geschichte und Kulturpolitikers, Hermann Schäfer, oder der luxemburgischen Historikerin und Direktorin des Historischen Museums Basel, Marie-Paule Jungblut. Deren Wirken gilt als europäische Referenz – nicht nur im museumsfachlichen Sinne, sondern auch im Rahmen der Vernetzung von Wissenschaft, Museumspraxis und Politik durch die Initiierung verschiedenster europäischer Museumsnetzwerke und Übernahme museumsrelevanter Ämter. Auch die Analyse der Museumsnetzwerke (ICOM Europe, NEMO) und Mikronetzwerken wie dem Beirat des HEH ergibt, dass sich Europa längst in die tägliche Berufspraxis eingeschrieben hat. Wenn auch in Abhängigkeit von Ressourcen, werden europäische Kooperationen aus ideellen und strukturellen Gründen angestoßen und weniger aus finanziellen Zwängen. Hauptziel sei oft lokal relevante Themen für das zunehmend internationalisierte Museumspublikum durch transnationale Perspektiven anschlussfähig zu machen.

Ob stattdessen Ausstellungen und Sammlungen europäisiert werden, ist Gegenstand des fünften und sechsten Kapitels. Auch wenn gern die Meinung vorherrsche, die eigenen Bestände seien per se Teil des europäischen Erbes, verfolgten Museumsakteure auch hier Europäisierungsstrategien. Nicht nur das Digitalisierungsprojekt Europeana materialisiere eine europäische Sammlung (und entwickele einen kontinental harmonisierten Dokumentationsstandard), sondern auch der internationale Leihverkehr, der unter der Agenda Mobilität von Kulturgut neuen Auftrieb erfährt. So können durch Einbindung in europäische Kulturnetzwerke wie der Europäischen Industrieroute ERIH auch bislang ungenutzte Sammlungsobjekte revitalisiert werden. Außerdem generierten Strategien wie das Participative Collecting mithilfe des lokalen Publikums oder der Ankauf zeitgenössischer Kunst neue Europa-Exponate, mit denen Museen nicht nur Leerstellen in der Sammlung füllen, sondern auch divergierende Europaperspektiven ausstellen könnten. Allerdings beschränkten sich Projekte wie Europeana oft nur auf einige Vorreiterstaaten Kerneuropas. Deren bevorzugte additive Darstellungsweise nach nationaler Zugehörigkeit führe eher zu einer Re-Nationalisierung des Sammlungsguts – zu einer gemeinsamen europäischen Sammlungsstrategie jedoch nicht.

Die Frage, wie die Geschichte der europäischen Integration auszustellen sei, bleibt ebenso kontrovers und offen. Einerseits fehlte es an geeigneten Exponaten, denn oft entwickelten Verträge und Fotografien aus „Flachwaren“-Genre nur eine schwache Dramatik. Favorisierte Alternativen in der musealen Darstellung seien der biographische Ansatz zu den EU-Gründungsvätern sowie Zeitzeugen und ein innereuropäische Vergleiche hervorbringendes Narrativ. Andererseits erschwerten knappe öffentliche Mittel, eine weiterhin zurückhaltende pro-EU-ropäische Haltung der Kuratoren und die berechtigterweise fehlende, kanonisierte geschichtswissenschaftliche EU-Meistererzählung als Vorlage (entsprechend der Nationalgeschichte) die Genese einer adäquaten Museumserzählung zur EU.

Um dennoch europäische Geschichte erzählen zu können, fokussieren Museumspraktiker auf Teilbereiche, wie das Thema Migration und Mobilität. Wie das abschließende, siebte Kapitel zeigt, gelingt es ihnen, Migrationsprozesse als historische Konstante eines sich in seinen Grenzen stetig verändernden Europas zu beschreiben und so mit dem traditionellen Einheitseuropabild zu brechen. Durch die Konzentration auf das betroffene Individuum – von Arbeitsmigration ist seltener die Rede – könnten sich Museen zusätzlich vom Vorwurf einer europazentrierten Darstellung befreien. Das Thema werde außerdem nicht für das Credo der europäischen Vielfalt verharmlost, sondern könne durch multiperspektivische, entsprechend emotional aufgeladene Exponate und die Verhandlung der Folgen für die jeweilige Aufnahmegesellschaft kritisch diskutiert werden. Experimentelle Versuche des Medien- und Objekteinsatzes sind dabei nicht selten.

Basierend auf Feldforschungen in 92 Museen aus 20 europäischen Staaten und Interviews mit 63 Museumsexperten lassen die Autoren ein facettenreiches Kaleidoskop einer punktuell, aber dafür nachhaltig europäisierten Museumswelt entstehen. Sie zeigen, dass Museen nicht nur zu Foren des Europadiskurses geworden sind, sondern professionell und strukturell einem Europäisierungsprozess unterliegen. Europa ausstellen stellt nicht nur die erste, umfassende Dokumentation dar, sondern auch eine kritische und zugleich handlungsanleitende Lektüre, die sowohl Europaforschern als auch Museumspraktikern zu empfehlen ist. Für das im Rahmen des gleichnamigen Projekts Exhibiting Europe an den Universitäten Trondheim, Portsmouth und Berlin unter deutscher Federführung entstandene Buch ist für 2013 eine englischsprachige Fassung geplant.

Anmerkung:
[1] Nikolas Busse, EU-Museum. Stolz und Scham, in: FAZ.net, <www.faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/eu-museum-stolz-und-scham-11623924.html> (01.09.2012).

[2] 1. „La Belle Europe. Le temps des expositions universelles, 1851-1913”, Brüssel (2001/02). 2. „Dieu(x), modes d’emploi”, Brüssel (2006/07), Madrid (2007/08), Ottawa (2010-2012), Paris (2012/13). 3. „C’est notre histoire! 50 ans d’aventure européenne”, Brüssel (2007/08), Wroclaw (2009). 4. „L’Amérique, c’est aussi notre histoire!”, Brüssel (2010/11).

[3] So wurde nach Vorlage des Konzeptentwurfs 2008 Kritik laut, weil konservative EU-Parlamentarier aus Polen die fehlende angemessene Berücksichtigung des polnischen Beitrags zur europäischen Geschichte beklagten; vgl. Schreiben der polnischen Abgeordneten im EU-Parlament an Hans-Gert Pöttering vom 04.12.2008, <www.roszkowski.pl/www/media/files/aktualnosci/2008/34/List_ws_Domu_Historii.pdf> (01.09.2012). Außerdem wird wie gewöhnlich gegen die zu hohen Umbaukosten protestiert.

ZitierweiseInes Keske: Rezension zu: Kaiser, Wolfram; Krankenhagen, Stefan; Poehls, Kerstin: Europa ausstellen. Das Museum als Praxisfeld der Europäisierung. Köln 2012, in: H-Soz-u-Kult, 07.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=18589>.

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