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J. R. Walkowitz: Nights Out

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Matthias Middell <middelluni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Nights Out. Life in Cosmopolitan London
Ort:London
Verlag:Yale University Press
Jahr:
ISBN:978-0-300-15194-7
Umfang/Preis:414 S.; € 32,28

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Tobias Becker, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
E-Mail: <tobias.beckerfu-berlin.de>

Judith Walkowitz ist keine Vielschreiberin. Genau zwanzig Jahre sind seit ihrem letzten Buch, City of Dreadful Delight. Narratives of Sexual Danger in Late-Victorian London, verstrichen. Dass diese meisterhafte Studie schon bald nach ihrem Erscheinen zu einem Standardwerk der poststrukturalistischen Kulturgeschichte avanciert ist, hat ihr ihre Aufgabe sicher nicht leichter gemacht – wie ließe sich das noch überbieten? In ihrem neuen Buch Nights Out. Life in Cosmopolitan London hat Walkowitz der Versuchung widerstanden, das Erreichte bloß zu verwalten oder sich auf Kommentare vom Spielfeldrand zu beschränken. Stattdessen hat sie sich wieder in die Niederungen der Londoner Archive begeben. Nights Out ist zugleich schmaler und breiter im Fokus als ihre vorangegangenen Werke. Schmaler, insofern sie sich mit Soho auf ein einzelnes Stadtviertel im Zentrum von London konzentriert, breiter, insofern sie eine Linie von der spätviktorianischen Zeit bis zu den 1950er Jahren zieht. Um es vorweg zu nehmen: Nights Out hat nur bedingt das Zeug zum Klassiker, doch Leser/innen, die intelligente, genau recherchierte und zum Nachdenken anregende Geschichtsschreibung suchen, die überdies noch sehr lesbar präsentiert wird, kommen hier voll auf ihre Kosten.

In Deutschland kennt man Soho wenn nicht aus eigener Anschauung, dann doch aufgrund seiner Assoziation mit dem „Swinging London“ der 60er Jahre oder als Spielort der Dreigroschenoper. Bei Brecht ist es ein Biotop von Prostitution und Unterwelt und damit die Kehrseite der wohl anständigen bürgerlichen Gesellschaft der prächtigen Boulevards, die seine Grenzen markieren. Genau um diesen Mythos und diese Dialektik geht es auch Walkowitz. Sie sieht in Soho „the dark, industrial back region that serviced thespectacular front stage of the West End pleasure zone“ (S. 21). Als ein Gebiet, in dem sich seit der frühen Neuzeit immer wieder neue Gruppen von Einwanderern niederließen – Hugenotten, Deutsche, Italiener, Juden aus Osteuropa – erhielt Soho im 19. Jahrhundert den Ruf gleichzeitig sicher und gefährlich, urwüchsig-englisch und befremdlich-exotisch zu sein. Dieser als ebenso verlockend wie bedrohlich erfahrene Kosmopolitismus, der Soho von anderen Londoner Bezirken unterschied, ist der Grund dafür, dass Walkowitz gerade dieses Viertel untersucht, wobei sie der Frage nachgeht: “how did this tiny space … become a potent incubator of metropolitan change?” (S. 3)

Damit ist bereits das Stichwort des „cosmopolitanism“ gefallen. Hierzulande bislang wenig beachtet, hat sich dieser Begriff und die damit verbundenen Konzepte in den britischen und amerikanischen Geisteswissenschaften seit einigen Jahren zu einem neuen Kleinparadigma entwickelt. Analog der deutschen Kulturtransferforschung geht es Studien zum „cosmopolitanism“ darum, die Nation hinter sich zu lassen und Austauschprozessen zwischen unterschiedlichen Kulturen nachzuspüren, mehr aber noch um Begegnungen zwischen diesen. Dabei ist „cosmopolitanism“ im Gegensatz zum deutschen Kosmopolitismus nicht von vornherein positiv besetzt. Die Begegnungen müssen keineswegs harmonisch verlaufen, sondern können ebenso durch Abneigung, Abgrenzung und Auseinandersetzungen geprägt sein. Es ist diese Ambivalenz, die das Konzept so wertvoll für Walkowitz macht und das – wie sie zeigt – von den Zeitgenossen bereits als äußerst ambivalent begriffene Viertel Soho als Forschungsgegenstand aufdrängt.

Auf ein erstes Kapitel, das diese widersprüchliche diskursive Aufladung Sohos seit Mitte des 19. Jahrhunderts rekonstruiert, folgen sieben Fallstudien, die anhand von konkreten Orten und Personen dem Kosmopolitismus des Viertels nachspüren. Gegenstand der Fallstudien sind erstens die Attacke der Feministin Laura Ormiston Chant gegen das Empire Theatre of Varieties, dessen Promenoir ein bekannter Aufenthaltsort von Prostituierten war, zweitens der Skandal um die amerikanische Tänzerin Maud Allen, drittens die italienische Gastronomie, viertens der von jüdischen Händlern dominierte Berwick Street Market, fünftens das jüdische Nachtleben, sechstens die Nachclubszene und siebtens schließlich das Windmill Theatre, das eine sehr englische Form von Striptease bot und das einzige West End-Theater war, das während des gesamten Zweiten Weltkrieges geöffnet blieb. Jede dieser Fallstudien wäre es wert eingehend besprochen zu werden. Wie die italienische Kolonie in Soho die Küche ihres Landes etablierte und dann vom Faschismus unterwandert wurde, wie jüdische Händler eine Nische abseits der großen Shoppingmeilen fanden, wie sich die Nachtclubs etablierten und gleichzeitig vom Königshaus frequentiert und von der Polizei regelmäßigen Razzien unterzogen wurden, liest man mit Gewinn und Genuss. Zusammengehalten werden diese Studien durch die übergreifenden Themen Kosmopolitismus, Tanz, Gastronomie und Prostitution. So war Tanz sowohl ein Bestandteil der Theaterunterhaltung wie des Nachtlebens, während Theater, Nachtclubs und Restaurants oft gleichzeitig als Prostitutionsmärkte fungierten.

Wie nicht anders zu erwarten, lässt sich über die Auswahl der Fallstudien streiten. So fragt man sich, warum Walkowitz bereits gründlich erforschten Themen wie der „Empire Licensing Controversy“ und dem Skandal um Maud Allen so viel Platz einräumt – zumal beide eher in eine Geschichte des West Ends gehören und hier überdies der Bezug zum Kosmopolitismus vergleichsweise gering ist. Dagegen bleiben andere Aspekte wie die für Soho so zentrale Sexindustrie, die Unterwelt und die homosexuelle Subkultur eher unterbelichtet. Pornographie und Prostitution werden zwar immer wieder angeführt, aber nicht in einem eigenen Kapitel untersucht. Auch die von Walkowitz oft betonte Gefährlichkeit von Soho erscheint wie eine bloße Zuschreibung, da sie Kriminalität selbst nicht zum Thema macht. Allerdings muss man ihr zugutehalten, dass sie unmöglich alle diese Themen hätte abdecken können, dass die Ausflüge ins West End ihre These von Soho als „industrial backwater“ unterstreichen und dass sie selbst bei gut erforschten Aspekten mit neuen Interpretationen aufwartet. Indem sie immer wieder Bögen über die Kapitel hinweg schlägt, entsteht zudem eine integrierte Geschichte, die sensibel Veränderungen und Kontinuitäten zwischen der Vorkriegszeit, den 20er und 30er Jahren ausmacht.

Obschon Nights Out einen historisch gesättigten Beitrag zur Diskussion um den Kosmopolitismus liefert, vermag es in dieser Hinsicht nicht ganz zu überzeugen. Dass Soho das kosmopolitischste Viertel von London war, dass sein Kosmopolitismus sich über die Jahrzehnte hinweg veränderte und viele verschiedene Formen annahm, vermittelt Walkowitz überzeugend. Doch ob es deshalb tatsächlich einen Einfluss auf den Rest der Stadt ausübte und London selbst veränderte, bleibt offen. Inwiefern es von Bewohnern anderer Viertel frequentiert und wie es von ihnen erfahren wurde, wird nur an wenigen Stellen beleuchtet, Zeugnisse von ausländischen Reisenden zieht Walkowitz gar nicht heran. Auch wendet sie den Begriff des Kosmopolitismus so umfassend an, dass er jede Prägnanz zu verlieren droht. Als wissenschaftliches Konzept lässt er deshalb weniger erwarten als die Genderforschung. Interessanter als die ins Kraut schießenden Studien über „Englishness“ ist die Forschung zum Kosmopolitismus aber allemal.

Obschon Nights Out auf theoretisch-methodischem Gebiet nicht so bahnbrechend ist wie City of Dreadful Delight, ist die Studie doch in zweifacher Hinsicht sehr originell. Zum einen erforscht sie ein Viertels, das – wie das West End überhaupt – von der akademischen Geschichtsschreibung bislang zu Unrecht weitgehend ignoriert wurde. Doch nicht nur jenen, die sich für die Geschichte Londons interessieren, hat dieses Buch etwas zu sagen. Indem Walkowitz nämlich zum anderen mit Soho ein einzelnes Stadtviertel herausgreift, erteilt sie implizit jener Stadtforschung eine Absage, die die Eigenlogik von Städten akzentuiert und damit indirekt eine Homogenität unterstellt, die so nie existiert hat. Wie Nights Out zeigt, ermöglicht die Konzentration auf ein einzelnes Viertelsehr viel genauer und kleinräumiger den vielfältigen und widersprüchlichen Beziehungen innerhalb der Stadt nachzugehen, als wenn diese in ihrer Totalität betrachtet wird. Auf diese Weise leistet Nights Out einen innovativen und nachahmenswerten Beitrag zur Stadtgeschichtsschreibung insgesamt.

ZitierweiseTobias Becker: Rezension zu: Walkowitz, Judith R.: Nights Out. Life in Cosmopolitan London. London 2012, in: H-Soz-Kult, 23.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-051>.

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