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Mittelalterliche Geschichte

I. Lackner: Herzog Ludwig IX. der Reiche von Bayern-Landshut

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Wolfgang Eric Wagner <wolfgang-eric.wagneruni-muenster.de>
Autor(en):
Titel:Herzog Ludwig IX. der Reiche von Bayern-Landshut (1450–1479). Reichsfürstliche Politik gegenüber Kaiser und Reichsständen
Reihe:Regensburger Beiträge zur Regionalgeschichte 11
Ort:Regensburg
Verlag:edition vulpes
Jahr:
ISBN:978-3-939112-66-2
Umfang/Preis:530 S.; € 32,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Maximilian Schuh, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
E-Mail: <maximilian.schuhweb.de>

Neben den Habsburgern war das Haus Wittelsbach mit seinen verschiedenen Territorien in Bayern und der Kurfürstenwürde in der Pfalz die wichtigste reichfürstliche Dynastie im ausgehenden Mittelalter. Die Herzöge von Bayern-Landshut ragten aufgrund ihres Namen gebenden Reichtums, der auf landwirtschaftlich ertragreichen Gebieten an Inn und Donau sowie dem Salzhandel beruhte, aus dem Kreis der Familie und der übrigen Reichsfürsten heraus. In ihrer Regensburger Dissertation nimmt Irmgard Lackner mit Ludwig IX. dem Reichen von Bayern-Landshut eine der bedeutenden Figuren des Reiches in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in den Blick und untersucht sein Agieren gegenüber Kaiser und Reichsständen. Nachdem die politische Geschichte des spätmittelalterlichen Reiches von der Forschung, die sich auf hochmittelalterliche Kaiserherrlichkeit und die Reformation konzentrierte, lange Zeit weitgehend unbeachtet blieb und vor allem die im 19. Jahrhundert entstandene Studie von August Kluckshohn zu Ludwig dem Reichen einen wichtigen Anlaufpunkt darstellte[1], ergibt sich seit den 1970er-Jahren ein anderes Bild. Zahlreiche Quelleneditionen und Studien zu Reichstagen, Landständen und Reichsstädten, zu Verwaltung, Ausgaben und Einnahmen reichsfürstlicher Territorien und vielem mehr erlauben inzwischen einen präziseren Zugriff auf die Geschichte der Politik im ausgehenden Mittelalter.

In ihrer Einleitung stellt Lackner diese Ergebnisse der Forschung ausgehend vom Herzogtum Bayern-Landshut regional gegliedert vor, wobei die Mehrfachnennung einzelner Literaturtitel etwas irritiert. Wertvoll und klar strukturiert ist der Überblick über die archivalische Überlieferung Bayern-Landshuts, die sich aufgrund der historischen Entwicklung nicht als geschlossener Bestand, sondern auf verschiedene Bestandsgruppen verteilt, im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München befindet. Lackner ist zuzustimmen, dass die Erschließung dieser Bestände mangelhaft und die Recherche einzelner Stücke mit einem erheblichen Zeitaufwand verbunden ist.

Gestützt auf die Erkenntnisse der Forschung, vor allem aber auf die archivalische Überlieferung geht Lackner im Hauptteil der Arbeit der Frage nach, wie sich das reichspolitische Handeln Ludwigs des Reichen in seiner fast 29 Jahre dauernden Regentschaft gestaltete und ob es als erfolgreich oder gescheitert beurteilt bewertet werden kann. Zur Beantwortung dieser Fragen werden nach einer knappen Skizze der „politischen Grundlagen“ (S. 32) in chronologischer Reihenfolge kleinschrittig die relevanten Ereignisse präsentiert. Lackner charakterisiert Ludwig als geschickten Akteur im Geflecht der unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Linien der Habsburger, Böhmens und Ungarns, der schwäbischen Städte, der Eidgenossen und des Markgrafen Albrecht Achilles von Ansbach-Bayreuth. Bayern-Landshut konnte unter der Ägide des Herzogs zwar zahlreiche erfolgreiche Schritte vorbereiten, eine umfassende Durchsetzung territorialpolitischer Erfolge verhinderten jedoch dynastische Zufälle, wie etwa der plötzliche Tod Königs Ladislaus Posthumus von Böhmen und Ungarn (S. 105). Der Markgrafenkrieg, den Albrecht Achilles zu einer Auseinandersetzung der brandenburgisch-kaiserlichen Partei gegen Ludwig den Reichen machen konnte, belastete das Herzogtum durch die immensen Aufwendungen für böhmische Söldner erheblich. Der Ausgleich mit Kaiser Friedrich III. im Prager Friedensschluss 1463 – nach dem Seitenwechsel des böhmischen Königs Georg Podiebrand – ließ Ludwig jedoch gestärkt aus dem Konflikt herausgehen. Der Herzog hatte dem Kaiser erfolgreich die Stirn geboten und war in allen politischen Angelegenheiten im süddeutsch-österreichisch-eidgenössischen Raum eine fest einzukalkulierende Größe. In der Reichspolitik wurde Ludwig zu einem gleichwertigen Partner des Kaisers, der nicht nur in den Streitigkeiten mit der pfälzischen Linie der Wittelsbacher erfolgreich vermitteln konnte, sondern dem auch die zentrale Rolle bei der Organisation der Türkenabwehr im Reich zugeteilt wurde. In den 1470er-Jahren erreichte Ludwig den Zenit seiner Macht, die er etwa in seinem prunkvollen Auftreten auf dem großen Regensburger Türkenreichstag auch zu inszenieren wusste. Lackner billigt dem Herzog also vor allem in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit einen durchschlagenden Erfolg zu, der nicht nur seinem Herzogtum, sondern dem gesamten Haus Wittelsbach zugutekam.

Die sorgfältige Recherche und Auswertung der archivalischen Überlieferung nötigt dem Leser Respekt ab. Leider verzichtet Lackner oft darauf, die Quellen zu zitieren, sondern verbirgt sie hinter hermetischen Archivsignaturen. Mehr ausführliche Zitate hätten einen besseren Einblick in die „politische Sprache“ der herzoglichen Verwaltung erlaubt. Mit dieser Studie sind aber nun in jedem Fall belastbare Aussagen zur Reichspolitik im ausgehenden 15. Jahrhundert möglich. Problematisch erweist sich jedoch die der Arbeit zugrundeliegende Vorstellung, dass Ludwig der Reiche sein politisches Handeln weitgehend autark plante und durchführte. Er erscheint als machiavellistischer Fürst, der es mit berechnender Voraussicht äußerst geschickt verstand, seine machtpolitischen Vorstellungen umzusetzen. Fraglich ist, ob diese Darstellung den Gegebenheiten des 15. Jahrhunderts gerecht wird oder ob nicht Ratgebern, Kanzlei und anderen Interessensgruppen im Herzogtum Bayern-Landshut größeres Gewicht bei der Formulierung und Durchsetzung der Realpolitik zuzumessen ist. Gerade die umfassende Studie von Beatrix Ettelt-Schönewald hat das herzogliche Personal neben herausragenden Räten wie Friedrich Mauerkirchner und Martin Mair herausgearbeitet.[2] Zudem hätte gerade die von großem Pomp und Inszenierungen geprägte Regierungszeit Ludwigs des Reichen zahlreiche Ansatzpunkte für eine Kulturgeschichte des Politischen geboten. Die symbolische Inszenierung der herausragenden reichsfürstlichen Position war nicht nur Begleitumstand seiner politischen Erfolge, sondern Ausdruck der damit verbundenen Geltungsansprüche. Solche Chancen, sich an aktuellen geschichtswissenschaftlichen Diskussionen zu beteiligen, vergibt Lackner leider allzu leichtfertig. Die Politik gegenüber Papst und Kurie, die durchaus Einfluss auf die Reichspolitik zeitigte, hätte an manchen Stellen intensiver in die Überlegungen einbezogen werden können. So ist etwa die Gründung der Universität Ingolstadt 1472, die durch päpstliche Privilegierung möglich wurde, ein zentrales Element reichsfürstlichen Status'.

Diese Kritikpunkte sollen die Leistung der Studie keineswegs schmälern. Die politische Geschichte nicht nur des Teilherzogtums Bayern-Landshut, sondern des Reiches im 15. Jahrhundert steht nun auf aktuellem Stand zu Verfügung, und die unzähligen Hinweise auf benutztes Archivmaterial erlauben weiterführende Untersuchungen, wenn sie sie nicht geradezu anstoßen.

Anmerkungen:
[1] August Kluckshohn, Ludwig der Reiche, Herzog von Bayern. Zur Geschichte Deutschlands im 15. Jahrhundert, Nördlingen 1865.
[2] Beatrix Ettelt-Schönewald, Kanzlei, Rat und Regierung Herzog Ludwigs des Reichen von Bayern-Landshut (1450–1479), 2 Bde., München 1996.

ZitierweiseMaximilian Schuh: Rezension zu: Lackner, Irmgard: Herzog Ludwig IX. der Reiche von Bayern-Landshut (1450–1479). Reichsfürstliche Politik gegenüber Kaiser und Reichsständen. Regensburg 2011, in: H-Soz-u-Kult, 03.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-011>.

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