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Zeitgeschichte (nach 1945)

Q. Slobodian: Foreign Front

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Foreign Front. Third World Politics in Sixties West Germany
Reihe:Radical Perspectives
Ort:Durham
Verlag:Duke University Press
Jahr:
ISBN:978-0-8223-5184-9
Umfang/Preis:XII, 304 S.; £ 16.99 / $ 24.95 / € 21,99

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Dorothee Weitbrecht, Stuttgart
E-Mail: <dweitbrechtt-online.de>

Die 1960er-Jahre als Jahrzehnt des zivilgesellschaftlichen kulturellen und politischen Wandels in Westdeutschland werden zunehmend mit transnationalen Ansätzen erforscht. Während der kulturelle Einfluss aus den USA auf die westdeutsche Jugend bereits mehrfach untersucht worden ist[1], muss die historische Forschung zum Internationalismus der Studentenbewegung und zu transnationalen Beziehungen zwischen westdeutschen Studierenden und Migranten aus der „Dritten Welt“ noch weiter differenziert werden.[2] Sofern studentische Initiativen und politisches Engagement mit „Dritte-Welt“-Bezug bisher erwähnt werden, geschieht dies meist im Kontext einer Stichwortgeberfunktion und Argumentationsgrundlage für eine nationale Jugendrebellion mit internationalen Visionen.[3] Die Bedeutung der „Dritten Welt“ für die 1960er-Jahre wird so in erster Linie als theoretischer Impuls insbesondere für linksextremistische Gruppen interpretiert.[4] Bei näherer Betrachtung erweist sich die „Dritte-Welt“-Aktivität der 1960er-Jahre jedoch als weitaus komplexer und nachhaltiger. Nicht nur die „Dritte-Welt“-Bewegung der 1970er-Jahre, viele spätere Nichtregierungsorganisationen und die Entstehung eines internationalen Netzwerkes sind mittel- und längerfristige Ergebnisse der „Dritte-Welt“-Solidarität der Studentenbewegung, sondern auch eine gewachsene gesamtgesellschaftliche Sensibilität gegenüber weltweiten Menschenrechtsverletzungen.

Einen wichtigen Beitrag zur Geschichte transnationaler Beziehungen im Umfeld der Studentenbewegung hat Quinn Slobodian mit seiner jetzt erschienenen Untersuchung über den politischen Einfluss von Studierenden und Dissidenten aus der „Dritten Welt“ in Westdeutschland verfasst. Die Forschung zum Gesamtkomplex „1968“ geht in einer bisher nicht intensiver hinterfragten Annahme davon aus, dass die amerikanische Studentenbewegung und speziell die Organisation „Students for a Democratic Society“ als bedeutendster ausländischer Impulsgeber für Taktiken und Protestinhalte der westdeutschen Studentenbewegung gedient hätten.[5] Slobodian stellt diesen Konsens in Frage; er vertritt die Auffassung, dass die weltweiten Proteste gegen die Ermordung Patrice Lumumbas sich eher als symbolischer Auftakt der globalen 1960er-Jahre eignen würden als die „Free Speech Movement“ in Berkeley (S. 14). Im Jahr 1961 führten die Schließung der Universität in Teheran durch das Schah-Regime und die Ermordung des kongolesischen Politikers Lumumba weltweit zu Protesten, die zu einem Großteil von Personen getragen wurden, welche sich fern ihrer autoritär regierten Heimatländer in westlichen Demokratien aufhielten – unter anderem auch in Westdeutschland (S. 19).

Die Bundesregierung war bemüht, die ausländischen Proteste gegen Länder zu verhindern, die in kolonialer oder neokolonialer Abhängigkeit zu den ehemaligen Alliierten standen. Der Versuch, die Freiheitsrechte von Ausländern auf bundesrepublikanischem Boden zu beschränken, habe zu einer Solidarisierung der westdeutschen Studierenden mit ihren „Dritte-Welt“-Kommilitonen geführt. Dabei sei ein allgemeines christliches Mitempfinden ‚for all humanity regardless of race’ (S. 25) auf westdeutscher Seite der Anknüpfungspunkt für die politische Mobilisierung gewesen. Aktivisten aus Asien und Afrika hätten die Einforderung westlicher und christlicher Werte als Argumentationsstrategie verwendet, um bundesdeutsche Studierende zu politisieren. Indem sie die Opfer von Staatsgewalt in der „Dritten Welt“ individualisiert sowie das Primat politischer Freiheit und der Menschenrechte gegenüber ökonomischen und geopolitischen Zielen betont hätten, sei es zur Allianzbildung zwischen Dissidenten und westdeutschen Studierenden gekommen. „Dritte-Welt“-Migranten hätten so die demokratischen Bürgerrechte in der Bundesrepublik genutzt, um auf die Unterdrückung in ihren Heimatländern hinzuweisen (S. 139). Nicht die westdeutsche Neue Linke habe die „Dritte Welt“ entdeckt, sondern vielmehr die „Dritte Welt“ die westdeutsche Neue Linke, indem ausländische Studierende ihre westdeutschen Kommilitonen für ihre Ziele mobilisiert hätten.

Die Bundesrepublik wurde zur „foreign front“ (so auch der Buchtitel) für Iraner, Angolaner, Iraker und weitere ausländische Migranten, die ihrer Heimat kritisch gegenüberstanden. Traditionelle, von emotionaler Distanz geprägte Solidaritätserklärungen der westdeutschen Linken auf Basis rationaler Argumentation als „Solidarität gemeinsamer Interessen“ wurden ab Mitte der 1960er-Jahre aufgrund des persönlichen Kontaktes und der individuellen Interaktion von einer empathischen „Solidarität des Gefühls“ abgelöst (S. 99). Darüber hinaus hätten ausländische Studierende als Rollenmodell für die potenzielle politische Funktion der Studentenschaft gedient (S. 17). Vorbildcharakter erhielten sie auch in der Ausübung von Protesttechniken und -taktiken. Im Verlauf der Berliner Tschombé-Demonstration im Jahr 1964 gegen den kongolesischen Diktator hätten afrikanische und haitianische Protestteilnehmer erstmals die vorgegebenen Protestregeln überschritten und so ein Beispiel für „direct action“ gegeben (S. 64ff.). Für die Verbreitung des ausländischen Einflusses seien die studentischen Führer Rudi Dutschke und Bernd Rabehl besonders wichtig gewesen.

Mit der Eskalation des Vietnam-Krieges, so Slobodian, habe ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Der offensichtlich nutzlose ethische Appell an die vorgeblichen Garanten und Vertreter freiheitlicher Rechte und humanitärer Werte ließ eben diese Normen als reine Rechtfertigungsstrategien und Deckmantel für wirtschaftliche und geopolitische Interessen der westlichen Industrienationen erscheinen. Der Krieg, dessen Unterstützung durch die Bundesrepublik und das gewalttätige Vorgehen bundesdeutscher Staatsorgane gegen Studierende, die gegen offenkundiges Unrecht demonstrierten, hätten das Gefühl erzeugt, einem international organisierten System der Unterdrückung gegenüberzustehen, das nur beseitigt werden könne durch eine Analyse und Offenlegung seiner Methoden und deren Entmachtung. Der Protest wurde daher nicht mehr im Kontext von Humanität, sondern von Antiimperialismus formuliert. Die individuelle Zusammenarbeit mit „Dritte-Welt“-Migranten sollte nun durch eine abstrakte Identifikation mit den Revolutionären in der „Dritten Welt“ und eine Stellvertreterrolle der westdeutschen Intellektuellen ersetzt werden. Die Randgruppen in der „Dritten Welt“ und die Studierenden in den westlichen Industrienationen, so die damalige These, stünden gemeinsam in der Nachfolge der von den Nationalsozialisten verfolgten Juden und würden die neue verfolgte Minderheit bilden.

Ein öffentlichkeitswirksames Mittel zur gesamtgesellschaftlichen Mobilisierung sei in der Visualisierung des Protestes erkannt worden. In einer bereits durch den Vietnam-Krieg mit visueller Gewalt aufgeladenen Medienlandschaft führte dies im strategischen Rahmen von „corpse polemics“ zu einer stetigen Steigerung von Gewaltdarstellungen, welche die Opfer entindividualisierten und anonymisierten (S. 135). Für Slobodian bedeutete diese Entwicklung, die auch eine Folge der Auflösung der persönlichen Kontakte in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre gewesen sei, die Enthumanisierung des Protestes und eine westliche Vereinnahmung von "Dritte-Welt"- Identitäten. Schon bei der zeitgenössischen Einordnung der Erschießung Benno Ohnesorgs während der Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 in einen ausschließlich nationalen Kontext sei die internationale Dimension dieses Ereignisses völlig verloren gegangen (S. 101). Die nationale Interpretation habe gegenüber der Bewertung durch ausländische Mitdemonstranten die Oberhoheit gewonnen. Für die dissidenten Iraner, welche die Demonstration vorbereitet hatten und nach der Demonstration staatliche Sanktionen erfuhren, sei Ohnesorg ein weiterer Märtyrer im Kontext der weltweiten Kampagnen für die demokratischen Rechte im Iran gewesen (S. 128). Als ein zusätzliches Beispiel der gezielten zeitgenössischen und späteren Westernisierung des „Dritte-Welt“-Einflusses führt Slobodian die Aneignung von Taktiken und Methoden der chinesischen Kulturrevolution an, die bis heute von Zeitgenossen verdrängt werde (S. 170). In der Geschichtsschreibung sei die Tatsache nicht präsent, dass die Bundesrepublik Ende der 1960er-Jahre „part of a shared communicative space with the broader non-Western world“ gewesen sei (S. 202).

Slobodian greift mit seiner Arbeit ein wichtiges Desiderat transnationaler Forschung zu „1968“ auf. In konziser und schlüssiger Analyse auf Grundlage anschaulicher Beispiele belegt er die entscheidende Rolle von Migranten aus der „Dritten Welt“ bei der Mobilisierung der Studentenbewegung. An mancher Stelle wäre eine stärkere Differenzierung und Einordnung der handelnden Personen oder Gruppen und ihrer Motivationen wünschenswert gewesen, um die Mechanismen und Grundlagen transnationaler Kooperation deutlicher herauszuarbeiten. Methodische Überlegungen fehlen weitgehend – was der Lesbarkeit zugutekommt, aber einige Fragen nach dem vorhandenen Quellenmaterial und der Bewertung des Forschungsgegenstandes offenlässt. Insgesamt verdeutlicht „Foreign Front“, dass die westdeutsche Ausprägung des studentischen Internationalismus von „1968“ noch stärker als bisher angenommen in transnationale Zusammenhänge eingeordnet werden muss.

Anmerkungen:
[1] Siehe beispielsweise Martin Klimke, The Other Alliance. Student Protest in West Germany and the United States in the Global Sixties, Princeton 2010 (rezensiert von Michael Stauch: Rezension zu: Martin Klimke, The Other Alliance. Student Protest in West Germany and the United States in the Global Sixties, Princeton 2010, in: H-Soz-u-Kult, 04.06.2004, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-186> [15.8.2012]); Michael Schmidtke, Der Aufbruch der jungen Intelligenz. Die 68er Jahre in der Bundesrepublik und den USA, Frankfurt am Main 2003.
[2] Vgl. zum Forschungsstand Dorothee Weitbrecht, Aufbruch in die Dritte Welt. Der Internationalismus der Studentenbewegung von 1968 in der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2012, S. 16ff.
[3] Ingo Juchler, Die Studentenbewegungen in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland der sechziger Jahre. Eine Untersuchung hinsichtlich ihrer Beeinflussung durch Befreiungsbewegungen und -theorien aus der Dritten Welt, Berlin 1996.
[4] Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, 2 Bde., Hamburg 2006.
[5] Beispielsweise Norbert Frei, 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008.

ZitierweiseDorothee Weitbrecht: Rezension zu: Slobodian, Quinn: Foreign Front. Third World Politics in Sixties West Germany. Durham 2012, in: H-Soz-u-Kult, 19.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-169>.

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