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I. Koeltzsch: Geteilte Kulturen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Frank Hadler <hadleruni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Geteilte Kulturen. Eine Geschichte der tschechisch-jüdisch-deutschen Beziehungen in Prag (1918–1938)
Reihe:Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 124
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-71241-4
Umfang/Preis:430 S.; € 54,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Steffen Höhne, Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena, Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar
E-Mail: <steffen.hoehnehfm-weimar.de>

Ausgehend von aktuellen Reminiszenzen an die multiethnische Großstadt in Zentraleuropa vor 1938 möchte Ines Koeltzsch ein „differenziertes multiperspektivisches Bild des tschechisch-jüdisch-deutschen Beziehungsgeflechts“ (S. 4) in Prag herausarbeiten. Im Übergang von der imperialen zur nationalstaatlichen Ordnung und den damit verbundenen Konstruktionsprozessen des städtischen Raumes geht es um Analysen zur inneren „Heterogenität der weitgehend homogen vorgestellten Mehr- und Minderheiten“. (S. 4) Methodisch ist damit ein Bezug zur „transkulturellen Beziehungs- und Verflechtungsgeschichte multiethnischer Stadtgesellschaften in Ost- und Ostmitteleuropa der Zwischenkriegszeit“ (S. 4) beabsichtigt.

Gegliedert ist die Arbeit in vier eigenständig lesbare Fallstudien: Diese befassen sich mit der amtlichen Statistik, hier werden die Volkszählungen von 1921 und 1930 in den Blick genommen; mit der Prager Kommunalpolitik; mit den kulturellen Vermittlungsbemühungen und -strategien der intellektuellen Öffentlichkeit sowie schließlich mit Phänomenen der Großstadtkultur. Übergreifend betrachtet, geht es um die „öffentlich verhandelten Konstruktionsprozesse tschechischer, jüdischer und deutscher Identitäten“ (S. 21) in Prag in der Zeit der Ersten Republik. Hierzu wird ein heterogenes Quellenkorpus erstellt, um auf dessen Basis und mit Hilfe des Konzeptes der integrierten Stadtgeschichte im Sinne einer Geschichte wechselseitiger Beziehungen und Verflechtungen zwischen den als Mehr- und Minderheit vorgestellten Kollektiven die These von der Erfolglosigkeit der zwischennationalen Vermittlung zu überprüfen. Koeltzsch nimmt somit Kontaktzonen, kulturelle Topographien und transnationale Grenzräume in den Blick. Der Ausarbeitung werden Erkenntnisse der „kultur- und sozialwissenschaftlichen Stadtforschung, der konstruktivistischen Nationalismus- und Ethnizitätsforschung sowie der Histoire croisée“ zugrunde gelegt, die in das „Konzept einer integrierten Stadtgeschichte“ münden. (S. 17) Forschungsobjekt der integrierten Stadtgeschichte sind nicht die Nation oder ethnische Gruppen, sondern „kollektive und individuelle Fremd- und Selbstwahrnehmungen von Akteuren divergierender sprachlich-nationaler und kultureller Zugehörigkeiten.“ (S. 338) Ferner erfolgt eine Verknüpfung von makro- und mikrohistorischen Untersuchungsebenen, Strukturen, Handlungsebenen, um konstatierte Dichotomien im öffentlichen und ein Miteinander im privaten Bereich kritisch zu hinterfragen. Untersucht wird die Situations- und Kontextabhängigkeit nationaler und ethnisch-kultureller Individualitätskonstruktionen. Dabei leistet Koeltzsch eine Verknüpfung von tschechisch- und deutschsprachigen Quellen sowie visuellen Zeugnissen. Diese Verflechtungsdimension soll ein differenziertes Bild von Integrations- und Ausgrenzungsmechanismen ermöglichen (S. 339), während die Parallelität von nationaler Homogenisierung und kultureller Pluralisierung als ergebnisoffene Prozesse in der Moderne fungieren.

In der ersten Fallstudie, die sich am Beispiel statistischer Verortungen mit Diskursen und Praktiken nationaler Homogenisierung und Mobilisierung im Rahmen der Volkszählungen befasst, arbeitet Ines Koeltzsch ein immer wieder perpetuiertes Erzählmuster heraus, nach dem Prag einen nationalen und kulturell homogenen Ursprung besaß und erst in der „Blütezeit“ der Metropole fremde Kulturen (jüdisch, deutsch) hinzugekommen seien (S. 60f.). Umgekehrt attribuiert die Prager deutsche Seite die Metropole als „deutsche Stadtgründung“, wobei allerdings beide Gruppen Phänomene nationaler Indifferenz (zum Beispiel der Juden) ignorieren oder vorhandene Mehrsprachigkeit, die auch in den Volkszählungen nicht erfasst wurde, nicht berücksichtigen.

Die zweite Fallstudie ist symbolischen Grenzziehungen auf kommunaler Ebene und der zunehmenden Konnotierung eines goldenen slawischen Prag gewidmet. Behandelt wird ein Prozess, in dem architektonische, künstlerische und sprachliche Artefakte zum Vehikel des Nationalismus gerieten (S. 90) und durch Dekolonialisierungmythen (die sogenannte Entösterreicherung) nach 1918 verstärkt wurden. Im Zentrum stehen das dynamische Zusammenspiel zwischen dem sich nationalisierenden Staat und den nationalen Minderheiten in der städtischen Politik, woraus sich Fragen nach Ähnlichkeiten und Überschneidungen bei den unterschiedlichen Versuchen ergeben, Interpretations-, Erinnerungs- und Überzeugungsgemeinschaften symbolisch zu stiften und im kommunalpolitischen Alltag zu verankern. Analysiert wird in diesem Zusammenhang das Verhältnis zwischen tschechoslowakischen, deutschen und jüdischen Parteien im Prager Rathaus vor dem Hintergrund der „Großstadtwerdung Prags“ als nationales Projekt und einer damit verbundenen nationalen Umcodierung des öffentlichen Raums, die gleichwohl schon vor 1918 eingesetzt hatte. Gekennzeichnet war die kommunale Politik zudem sowohl von einem politischen Aktivismus als auch der parallelen Radikalisierung der Deutschen in der Zeit von 1933-1938. Als Beispiel für letztere wird Konrad Henleins kulturpolitische Rede im Deutschen Haus in Prag im Februar 1936 genannt, in der dem Konzept einer kosmopolitischen Hauptstadt Prag das einer völkischen Utopie entgegen gestellt wird. Gegenentwürfe zu diesen national exkludierenden Konzepten auf deutscher und tschechischer Seite bilden solche des positiven Nationalismus (Liebe zur Nation, nicht Hass auf andere) wie bei Ernst Petr Zenkl in der Masarykschen Tradition bzw. Konzepte einer Brücke zwischen den Nationen. In diesem Rahmen untersucht Ines Koeltzsch ferner Konflikte und Begegnungen im kommunalpolitischen Alltag, wo vor allem die Sprache, die Schul- und Bildungspolitik, aber auch Empfänge und Ehrungen (bzw. Nicht-Ehrungen) als Ausdruck politischer Bekenntnisse dienten. Vor allem die Gewalt der Straße mit den Höhepunkten Besetzung des Ständetheaters am 16.11.1920, der antisemitischen Petition tschechischer Medizinstudenten vom 15.11.1929 (der sich die deutschen anschlossen), die Tonfilmaffäre 1930 und der Insignienstreit 1934 weist auf einen latent vorhandenen Antisemitismus auch auf tschechischer Seite. Der „Jude“ wurde als Negation der Unterscheidung zwischen der eigenen und anderen Nationen wahrgenommen, Vorwürfe nationaler Unzuverlässigkeit waren Teil eines diffusen xenophoben Denkens. Als Fazit konstatiert Koeltzsch eine Wechselbeziehung zwischen diskursiver Konstruktion des nationalen Anderen und dessen symbolischen und realen Ausgrenzung im Prager Alltag.

Dennoch lassen sich – wie in der dritten Fallstudie belegt – Phänomene von Grenzüberschreitung, von kultureller Vermittlung in der intellektuellen Öffentlichkeit finden. Grundlage hierfür war eine moderne Intellektuellenschicht, gebildet auf der Basis von Pluralisierung sozialer Wertesysteme, Herausbildung eines massenmedialen Marktes sowie einer nationalen Ausdifferenzierung des Bildungssystems. Die produktive „Auseinandersetzung mit der jeweils anderen Sprache und der jeweils anderen Kultur gehörte in Prag zum intellektuellen Alltag.“ (S. 180) Allerdings entstand dadurch kein hybrider Raum, sondern eher ein „Zuhause in seinem Niemandsland“, wie es Paul/Pavel Eisner in Worte fasste. Ines Koeltzsch befasst sich vor allem mit den Übersetzern Otto Pick (Übersetzen als unvollkommene Tätigkeit), Rudolf Fuchs und Eisner (der Übersetzer als Fährmann) und Ottokar Fischer (der Übersetzer als Missionar) (S. 194). Besonderes Augenmerk wird auf das Selbstverständnis jüdischer Kulturmittler und deren Erfahrung mit Ambivalenz bzw. den Optionen zwischen radikaler Assimilation (tschechisch oder deutsch) und Zionismus gelegt. Bei Max Brod und Felix Weltsch handelte es sich um einen „antiimperialistischen, sozialen Nationalismus“ bzw. einen „Nationalhumanismus“, bei Fischer dagegen eher um das Konzept einer jüdischen Literatur, die sich aus drei Sphären zusammensetzt: hebräisch, jiddisch und der Sprache der jeweiligen Umgebung.

Ferner fungierte die Presse als wichtiges Medium von kultureller Vermittlung, Konkurrenz und Kooperation. Koeltzsch verweist auf Journalisten wie Josef Parižek und Ernst Rychnovsky oder Periodika wie „Der neue Weg“ (deutschsprachige Wochenzeitung der tschechischsprachigen „Tribuna“), in dessen Editorial es hieß, dass man „in dem Jahrhunderte alten Hader der zwei wichtigsten Völker, die unser Land bewohnen“, keine „ungewöhnliche Geschichtstatsache“ sehe, aus der sich aber die Verpflichtung ergäbe, „der deutschen Oeffentlichkeit zu zeigen, was und wie die Tschechen denken, was sie in Politik und auf wirtschaftlichem Gebiete, in Kunst und Wissenschaft leisten.“ (S. 217) Ziel sei es, die Uninformiertheit der Deutschen abzubauen, aber auch – so František Václav Krejčí in einem Essay – mangelnde Rücksichtnahme gegenüber den Deutschen zu kritisieren. Ausführlicher geht Ines Koeltzsch dann auf die in der Tradition des Bohemismus stehende „Die Wahrheit“ (Adelbert Rév, Georg Mannheimer) ein, die das Konzept einer Grenzen überwindenden kulturellen Vermittlungsarbeit vertrat, gleichwohl nationale Identitätskonzepte nicht radikal infrage stellte (wie zum Beispiel Joseph Roth). Für Koeltzsch stand „Die Wahrheit“ für das typische Paradox eines „anationalen Nationalismus“ (S. 235) in der Folge von Masaryks humanistischem Nationsideal sowie des (Kultur)Zionismus Prager Prägung. Ausführlicher wird ferner die „Přitomnost“ [Gegenwart] als pragmatisch orientiertes Podium tschechischer Intellektueller vorgestellt. Beide Periodika würden aber an einer sittlich fundierten Nationsidee festhalten, worin die Widersprüchlichkeit und Ambivalenz nationaler Identitätskonstruktionen im Prag der Zwischenkriegszeit zum Ausdruck kämen (S. 251).

Die letzte Fallstudie betrachtet urbane Zwischenräume, vor allem die Wahrnehmung der Räume des Vergnügens und deren Rolle bei der ethnisch-kulturellen Grenzziehung in den Konstruktionsprozessen städtischer Modernität. Prag als kultureller Treffpunkt wird anhand einschlägiger Texte von Frank Warschauer („Prag Heute“), Zvi Hirsch Wachsman („Gute Nachbarschaft“) und František Václav Krejčí („Štěstí žít v Praze“ [Das Glück, in Prag zu leben]) vorgestellt, in denen zum Beispiel der Wenzelsplatz mit seinen Kaffeehäusern als Emblem moderner Urbanität nicht nur als nationaler Erinnerungsort, sondern als flüchtiger Begegnungsraum, als transnationaler Zwischenraum von Großstadtmenschen unterschiedlicher Herkunft fungierte. Zentraler Bestandteil des Kulturkonsums war auch das Kino bzw. das Ins-Kino-Gehen. Zurecht erkennt Koeltzsch das Kino als Emblem moderner Populärkultur in Prag. Nationalistische Kontroversen ergaben sich hier vor allem mit dem Einsatz des Tonfilms, aus denen aber auch eine Antinomie zwischen Nationalisierung und Internationalisierung (letztere als Position der Filmschaffenden) hervorging. Dabei gelang durch die neue Massenkultur zwar eine Auflösung der Grenzen zwischen Hoch- und Populärkultur, nicht aber die Transzendierung der ethnisch-nationalen Grenzziehungen.

In ihrem Ausblick weist Ines Koeltzsch dann auf die massive Ausgrenzung der Minderheiten ab Sommer 1938, die sich nach 1945 fortsetzte und auch gegen die jüdische Bevölkerung richtete, wobei sie wichtige Voraussetzungen eben in den xenophoben Diskursen und Praktiken der Ersten Republik erkennt.

Gegen das dominante, bipolare Narrativ von multiethnischen Stadtgesellschaften zwischen Abschottung und Symbiose setzt Ines Koeltzsch auf kulturhistorische Interpretationsansätze, die einen Blick auf kulturelle Interferenzen, Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen erlauben. Zwar entstand in Prag keine urbane Gesellschaft jenseits des Nationalen, höchstens Zwischenräume verdichteter transkultureller Kommunikation. Dennoch wurden starre sprachlich-nationale und ethnisch-kulturelle Grenzziehungen immer wieder in Frage gestellt. Ines Koeltzsch gelingt mit ihrer in jeder Hinsicht fundierten Studie eine wichtige, vor allem alltags- und medienkulturelle sowie lebensweltliche Ergänzung zu bestehenden „Verflechtungsstudien“ meist literaturwissenschaftlicher Natur.[1] Im Ergebnis werden sowohl die intellektuelle und künstlerische Produktivität als auch die im Stadtraum weitgehend unsichtbaren, mehrsprachigen und mehrdeutigen Spuren der tschechisch-jüdisch-deutschen Beziehungen in Prag sichtbar. Und damit gelingt ein präziser Blick in die Tiefenschichten eines von nationalen Narrativen überlagerten städtischen Gedächtnisses.

Anmerkung:
[1] Siehe hierzu Kurt Krolop, Studien zur Prager deutschen Literatur. Wien 2005; Peter Becher / Anna Knechtel (Hrsg.), Praha-Prag 1900-1945. Literaturstadt zweier Sprachen, Passau 2010; Jozo Džambo (Hrsg.), Praha-Prag 1900-1945. Literaturstadt zweier Sprachen, vieler Mittler, Passau 2010; Steffen Höhne / Ludger Udolph (Hrsg.), Deutsche, Tschechen, Böhmen. Kulturelle Integration und Desintegration im 20. Jahrhundert (= Bausteine zur slavischen Philologie und Kulturgeschichte, Bd. 67), Köln 2010; Peter Becher / Steffen Höhne / Marek Nekula (Hrsg.), Kafka und Prag. Literatur-, kultur-, sozial- und sprachhistorische Kontexte (= Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 3), Köln 2012.

ZitierweiseSteffen Höhne: Rezension zu: Koeltzsch, Ines: Geteilte Kulturen. Eine Geschichte der tschechisch-jüdisch-deutschen Beziehungen in Prag (1918–1938). München 2012, in: H-Soz-u-Kult, 23.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-166>.

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