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Frühe Neuzeit

Friedrich der Große

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Stefan Gorißen <stefan.gorissenuni-bielefeld.de>

Frevert, Ute: Gefühlspolitik. Friedrich II. als Herr über die Herzen?. Göttingen: Wallstein Verlag 2012. ISBN 978-3-8353-1008-7; 152 S.; € 16,90.

Luh, Jürgen: Der Große. Friedrich II. von Preußen. München: Siedler Verlag 2011. ISBN 978-3-88680-984-4; 288 S.; € 19,99.

Burgdorf, Wolfgang: Friedrich der Große. Ein biografisches Porträt. Freiburg: Herder Verlag 2011. ISBN 978-3-451-06328-2; 192 S.; € 12,95.

Overhoff, Jürgen: Friedrich der Große und George Washington. Zwei Wege der Aufklärung. Stuttgart: Klett-Cotta 2011. ISBN 978-3-608-94647-5; 365 S.; € 22,95.

Sack, Jörn: Friedrich der Große und Jean-Jacques Rosseau – Eine verfehlte Beziehung und die Folgen. Zugleich ein Essay über den vernünftigen und den künftigen Staat. Berlin: BWV Berliner Wissenschaftsverlag 2011. ISBN 978-3-8305-1914-0; 163 S.; € 29,00.

Steinbach, Matthias (Hrsg.): Kartoffeln mit Flöte. Friedrich der Große – Stimmen, Gegenstimmen, Anekdotisches. Stuttgart: Reclam 2011. ISBN 978-3-15-020237-1; 257 S.; € 9,95.

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Peter-Michael Hahn, Historisches Institut, Universität Potsdam
E-Mail: <pmhahnuni-potsdam.de>

Natürlich hat der 300. Geburtstag Friedrichs II., König in und später von Preußen, öffentlichen Widerhall gefunden. Insbesondere das Feuilleton der überregionalen Presse sowie einige Lokalzeitungen suchten ihre Leserschaften mit geeigneten Informationen und Deutungen rechtzeitig auf das Ereignis und seine historische Bedeutsamkeit einzustimmen. Im Hintergrund hatten zuvor museales und regionales Touristik- und Event-Marketing die angestrebte Wahrnehmung von „Friederisiko“ fein justiert. Schließlich sollten möglichst viele Menschen, für die Friedrich großenteils nur noch eine unscharfe, aber dennoch populäre Chiffre aus längst vergangener Zeit verkörperte, nach Berlin, Potsdam und Rheinsberg gelockt werden, um Stätten seines Wirkens in Augenschein zu nehmen und Kultur zu konsumieren. In der wissenschaftlichen Landschaft blieb es dagegen vergleichsweise ruhig. Die obligatorischen Tagungen mit ihren typischen Gelehrtenwanderungen wurden ohne nennenswertes öffentliches Echo absolviert, denn um Friedrich wurde es nach ersten zaghaften Jubelrufen in der Presse rasch still. Die erhoffte Resonanz blieb entgegen allen Erwartungen doch weitgehend aus.

Nur noch Ereignisse aus der jüngeren Epoche vermögen nämlich heutzutage Menschen in größerer Zahl zu bewegen und Emotionen zu wecken. Darüber können auch die üblichen Erfolgsmeldungen aus den Presseabteilungen der Museen, die sich an der numerischen Höhe der Besucherzahlen von musealen Präsentationen orientieren, kaum hinwegtäuschen. Denn über die allenthalben zu beobachtende Begeisterung für den schönen Schein monarchischer Lebensstile hinaus hat auch ein Friedrich jedwede Aktualität, wie er sie bis 1945 tatsächlich in erheblichen Teilen der deutschen Bevölkerung besaß, eingebüßt. Die Berliner Preußenausstellung 1981 und die Friedrich-Ausstellung 1986 in Potsdam waren im Rückblick betrachtet trotz anderer Intentionen ihrer Veranstalter vermutlich letzte veritable Zeugnisse alter Preußenherrlichkeit auf deutschem Boden. Seine Rolle als eine Identität stiftende Ikone in unserem nationalen Schatzkästlein hat Friedrich mittlerweile gänzlich eingebüßt.

All dies spiegelt sich auch in der hier anzuzeigenden Literatur auf die eine oder andere Weise wider. Durchgängig wendet sie sich primär an ein breiteres Publikum. Allerdings versucht ein Teil der Autor/innen dennoch dem Thema auch im Kontext der wissenschaftlichen Diskussion einige neue Seiten abzugewinnen. Dies ist allerdings überaus schwierig geworden, denn über den einstigen Vater preußisch-deutscher Geltung in Europa ist seit dem 18. Jahrhundert sehr viel geschrieben worden, so dass selbst kleinere wissenschaftliche Neuentdeckungen dem Forschenden, nach Antwort Suchenden nicht leicht in den Schoß fallen. Will man sich dennoch von dem großen Chor der Friedrich-Interpreten ein wenig abheben, so kommt es vor allem darauf an, die bei Friedrichs zahllosen Verehrern und wissenschaftlichen Biographen vielfach anzutreffende Gerngläubigkeit hinsichtlich persönlicher Eigenschaften, Ereignisse und Leistungen, im Detail oder im Zusammenhang zu korrigieren bzw. zumindest in einem anderen Licht darzustellen. Dieses Ziel wurde auch schon in der Vergangenheit wiederholt angestrebt, ein durchschlagender Erfolg blieb den Autoren jedoch zumeist versagt. Mit Sachargumenten setzte man schließlich bestens eingeführte Mythen und Legenden, die im Laufe der Zeit ihren gefühlten Wahrheitsgehalt fernerhin erheblich zu steigern vermochten, nicht außer Kraft.

Wolfgang Burgdorf und Jürgen Luh ist es dennoch gelungen, der Friedrich-Historie ein anderes Gepräge zu verleihen, als es noch in jüngerer Zeit durch etablierte Historiker wie Johannes Kunisch oder Gerd Heinrich geschehen ist.[1] Gewiss fehlt den Analysen jener jüngeren Generation in der Regel an mancher Stelle die Tiefenschärfe der Beobachtung, der historische Kontext wird für den fachunkundigen Leser häufig kaum sichtbar, aber ihre durchweg gut begründeten Sichtweisen nehmen Friedrich die einst gepriesene Einzigartigkeit unter den Monarchen seiner Epoche ebenso wie die ihm allzu oft nachgerühmte Fähigkeit, seine Gegner dank überragender Geistesgaben niederzuringen. Stattdessen zeigen sie uns einen klugen Monarchen, der mit größter Beharrlichkeit seine ganz persönlichen Absichten verfolgte und dabei weder größte Risiken scheute noch seine territorialen Ressourcen an Menschen und Material schonte. Seiner Ruhmbegierde wollte er im Grunde alles andere unterordnen, weil er niemandem Rechenschaft schuldig war. Zum Wohle seines Volkes handelte er trotz gegenteiliger Bekundungen, die von seinen Verehrern voll Bewunderung beharrlich beschworen wurden, nicht. Dies zeigt vor allem Luh, der immer wieder Friedrichs Bestreben, sich ewigen Ruhm zu verschaffen, herausstellt.

Dies ist jedoch nicht neu, es ist bereits in sämtlichen ausländischen Gesandtenberichten der Zeit nachzulesen. Allerdings werden auch bei Luh die sozialen Kosten von Friedrichs brutaler Kriegs- und Finanzpolitik nur am Rande berührt. Dafür arbeitet Luh jedoch Friedrichs schriftstellerische Ambitionen, seinen Nachruhm durch ein von ihm präsentiertes und geschöntes Geschichtsbild abzusichern, überzeugend heraus – was unter anderem auch darin zum Ausdruck kommt, dass Luh dem Leser seine Sichtweise in der Regel durch ausführliche Zitate vermittelt. Friedrichs Rolle als politischer Schriftsteller und sein Umgang mit Gelehrten werden gewürdigt, dagegen bleibt die wesentliche, nämlich unterstützende Funktion dieser sogenannten Freundeskreise bei Friedrichs intellektuellen Eskapaden eher schwach beleuchtet. Außerdem wäre es zum Verständnis all der zitierten Quellen hilfreich gewesen, den modernen Leser mit der Frage nach der inneren Wahrhaftigkeit dieser Zeugnisse umfassender zu konfrontieren. Welche Rolle als Mittel der Selbstdarstellung und der Informationsübermittlung kam Korrespondenzen zu, insbesondere, wenn diese von Menschen unterschiedlichen Standes geführt wurde?

Anschaulich beschreibt Luh, wie Friedrich alles, was dem Erwerb von Ruhm im Wege stand, gnadenlos bekämpfte. Daher war zum Beispiel das Verhältnis zu seinen Brüdern durch die Kriege und deren Verlauf schließlich stark belastet, nicht zuletzt weil sie andere militärische Auffassungen als der König vertraten. So deutet Luh das hartherzige Umspringen Friedrichs mit seinem Bruder August Wilhelm 1757 nicht grundlos als wohl kalkuliertes Bemühen, von seiner eigenen Schuld am Misslingen des böhmischen Feldzuges abzulenken. In diesem Zusammenhang interpretiert Luh auch zu Recht Friedrichs immer wiederkehrendes höchst negatives Urteil über seinen Nachfolger als üblen Schachzug der Selbstinszenierung, um den eigenen Nachruhm für die Zukunft abzusichern. Ein unfähiger Erbe stützte in der Wahrnehmung der Nachwelt die eigene Größe.

Die Stärke der Luhschen Biographie liegt in der Herausarbeitung eines reich nuancierten Charakterbildes des Königs, dagegen tritt Friedrich als ein dynastischer Herrscher, als Innen- und Außenpolitiker im Kontext der Geschichte des 18. Jahrhunderts deutlich zurück. Ebenso bleibt die in der Vergangenheit oft aufgeregt diskutierte Frage, wie er sich sexuell orientierte, auffällig unbestimmt. Diesem Aspekt schenkt dagegen Burgdorf große Aufmerksamkeit. Dort findet der Leser eine Fülle von bedenkenswerten Hinweisen auf Friedrichs homosexuelle Orientierung. Keiner der Autoren in jüngerer Zeit zog den Kreis der Personen, zu denen Friedrich in einer homoerotischen Beziehung gestanden haben könnte, so weit wie Burgdorf. Folgt man seinen Überlegungen, dann hat Friedrich zu zahlreichen bekannteren Männern seiner Entourage, einschließlich der Gelehrten, engere Beziehungen unterhalten.

Im Übrigen beschreibt er in zahlreichen Einzelbildern wichtige Etappen in Friedrichs Leben, ohne stets darauf zu achten, sie in den größeren Zusammenhang seiner Regentschaft zu stellen. Gelegentlich fragt man sich daher, nach welchen Gesichtspunkten dieser Text gegliedert ist. Der unkundige Leser hat gewiss manchmal ein wenig Mühe, sich über Friedrichs Regentschaft, deren Höhen und Tiefen zu orientieren, zumal wichtige militärische und politische Ereignisse hin und wieder etwas unvermittelt auftauchen. Von der Niederlage bei Kunersdorf ausgehend die 46-jährige Regentschaft Friedrichs und dessen Seelenlage zu erfassen, überzeugt nicht. Ob dieser langen Regierungszeit bedarf es allerdings dringend einiger übergeordneter Gesichtspunkte, um den breiten Strom der Geschichte etwas zu strukturieren.

Diese Schwierigkeit zeigt sich ebenfalls überdeutlich an der Doppelbiographie über Friedrich und George Washington von Jürgen Overhoff. Sie ist zwar angenehm zu lesen, insbesondere der deutsche Leser erfährt Genaueres über englische und französische Kolonialgeschichte im 18. Jahrhundert auf nordamerikanischem Boden, aber Intention des Buches und methodischer Zugriff können nicht überzeugen. Ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn durch diesen Kunstgriff wird nicht sichtbar. Was sollte auch einen Dynasten, der kraft Geblütsrechtes Herrschaft ausübte und das Handwerk des Militärs nach Belieben erprobte und praktizierte, und einen engagierten Großgrundbesitzer, den Talent und Ehrgeiz an die Spitze einer Aufstandsbewegung spülten, miteinander verbinden? Es genügt kaum, mehrfach darauf zu verweisen, dass sie beide eine aufgeklärte Lebensführung verbunden habe; auch nicht, dass sie voneinander etwas wussten. Anschaulich beschreibt Overhoff beider Elternhaus und deren Lebensstil, aber die Sozialisation eines Kronprinzen verlief gänzlich anders als die vergleichsweise freie Jugend eines wohlhabenden Farmersohnes. Ihre mentale Prägung folgte gänzlich anderen Bahnen. Während der Fürstensohn schon bald erkannte, dass er sich nicht der Amtskirche und ihren Lehren unterwerfen musste, war für den Landjungen das Wort der Kirche lange Zeit Gesetz.

Zu unterschiedlich sind die strukturellen Voraussetzungen, unter denen beide ihren politischen und militärischen Weg einschlugen. Sie agierten in gänzlich anders gelagerten politischen und sozialen Bedingungsfeldern. Kein Band der Aufklärung konnte ihre Lebenskreise enger miteinander verknüpfen. Die Ausbreitung aufgeklärter Ideen erschütterte nämlich keineswegs binnen weniger Jahrzehnte die soliden Fundamente der Feudalgesellschaft von Grund auf und schuf allgemein verbindliche Regeln, die preußischen König und nordamerikanischen Gutsbesitzer auf eine Ebene der politischen Sichtweisen hoben. Deshalb wirkt es auch störend, dass Overhoff vor allem in seinen einleitenden Ausführungen zu Friedrichs Biographie höchst unkritisch erneut das Wissen des 19. Jahrhunderts ausbreitet, um die Wirkung aufgeklärter Ideen in dessen politischer Praxis zu belegen. Im Ergebnis überzeugt die Interpretation Friedrichs II. als eines aufgeklärten Monarchen, dem über die Grenzen des Alten Reiches hinaus große Bewunderung zuteilwurde, nicht, zumal die ausgebreiteten Argumente seit langem bekannt sind. Es fehlt jede abwägende Sichtung traditioneller Friedrichbilder und -interpretationen.

In dieser Hinsicht machte es sich der Herausgeber einer bunten und abwechslungsreichen Sammlung von Friedrich-Deutungen, Matthias Steinbach, vergleichsweise einfach. Unter fünf Aspekten (Jugend, Herrschaft, Aufklärer, Sichtbarkeit und Wahrnehmung durch die Nachwelt) hat er ein breites Spektrum von Primärquellen, zeitgenössischen Berichten und Interpretationen zusammengestellt, denen zumeist kurze Erklärungen vorangestellt werden. Häufig erfährt man nichts oder doch nur wenig über die Autoren, den Wahrheitsgehalt der ausgewählten Aussagen und den inneren Zusammenhang dieser friderizianischen Facetten bzw. intellektuellen Momentaufnahmen. Das Buch liest sich bequem und unterhaltsam, aber dem Leser bleibt es überlassen, sich aus Mosaiksteinen unterschiedlicher Güte und Größe jeweils ein eignes Friedrichbild zu entwerfen.

Kaum besser ergeht es demjenigen, der ohne profunde Kenntnisse Ute Freverts Studie zur Hand nimmt, die sich mit der Frage auseinandersetzt, ob Friedrich in sein politisches Kalkül auch die Untertanen einbezogen habe, indem er sich ihnen ausdrücklich zuwandte. Dazu rechnet die Autorin die persönliche Begegnung mit ihnen ebenso wie eine gezielte Meinungspolitik und eine adressatenorientierte Selbstdarstellung des Königs. Eine solche Herrscherstrategie war im Grunde nichts Besonderes. So wusch der französische König Ludwig XIV. etwa im Angesicht einer großen Volksmenge am Gründonnerstag alljährlich Kranken die Füße. Im Juni und August zog er regelmäßig nach der Kommunion in der Schlosskapelle durch endlose Reihen von Schwerkranken, die sich im Schlosshof von Versailles zusammen mit einer Menschenmenge aufgestellt hatten, berührte jeden einzelnen und versprach Genesung.

Seit jeher musste ein Herrscher mit seinen Untergebenen auf die eine oder andere Weise in Kontakt treten, dabei kam Handlungen voller Symbolik oft eine zentrale Bedeutung zu. Als ein antikes Erbe war die symbolische Kommunikation zwischen Herrscher und Beherrschten über Byzanz und die römische Kirche in Mittelalter und früher Neuzeit omnipräsent geblieben. Insofern fragt man sich, warum die Verfasserin zahlreiche bekannte Beispiele aus Gegenwart und Literatur bemüht, um solche Strategien verständlich zu machen, denn sie lenken von der Kernfrage eher ab, inwieweit Friedrich sich solcher Verhaltensmuster tatsächlich bediente, und wenn ja, was ihn in dieser Hinsicht im Vergleich mit anderen Potentaten auszeichnete.

Um diese Frage zu bearbeiten, holt die Autorin erneut weit aus. Kaum ein großer Name der Geisteswelt des 18 Jahrhunderts bleibt im Folgenden ungenannt, um eine denkbare Gefühlswelt Friedrichs im zweiten Kapitel zu umreißen und ihn als fürsorglichen Landesvater zu beschreiben. Dagegen nimmt sie Briefe Friedrichs etwa an seine Geschwister oder Standesgenossen nicht zur Kenntnis, die vieles von dem, was die vom aufgeklärten Diskurs geprägte Konversation Friedrichs mit Gelehrten bestimmte, nur als geistvolles Spiel erscheinen lassen. Den Worten des Königs folgten keine entsprechenden Taten. Überdies räumt Frevert selbst ein, dass Friedrich als Monarch kaum den Erwartungen und Idealen aufgeklärter Bürger entsprach bzw. auch nicht die Absicht bekundete, dies zu tun.

Im Kapitel über die „gefühlspolitischen Praktiken“ Friedrichs wird von Frevert, um nur einen Aspekt herauszugreifen, sein starkes persönliches militärisches Engagement als Einlösung des Versprechens gedeutet, sich auch unter außen- und machtpolitischem Aspekt für das Wohl des Landes einzusetzen. So habe er durch seine Präsenz im Felde die einheimischen Soldaten auch emotional an sich gebunden. Dies ist gewiss nicht falsch, aber Friedrichs Ruhmsucht, sein nachantikes Verständnis von Ruhmerwerb und seine Geringschätzung des gemeinen Soldaten, wie sie in seinen geheimen militärischen Schriften zum Ausdruck kam, lassen diese Interpretation wenig überzeugend erscheinen. Seine Soldaten waren für Friedrich allein Mittel zum Zweck. Dies warf ihm bekanntlich schon sein Bruder Heinrich heftig vor, denn seine mit – für die Zeit – außergewöhnlich hohen Verlusten erkauften Siege sprachen eine klare Sprache: Er kannte keine Rücksicht.

Frevert zieht zeitgenössische Schriften als Belege heran, die einen quasi aufgeklärten Bürgerkönig imaginierten, den es nicht gegeben hat. Dies wird im vierten Kapitel letztlich überdeutlich, wo unter dem Aspekt der Sicht der Untertanen auf Friedrich die gesamte Gilde der berühmten Friedrichverehrer zu Wort kommt. Fast beiläufig erfährt der Leser, dass Friedrich diesen Vorstellungen nicht entsprach. Daher vermisst man in diesem Text umso mehr eine überzeugende Antwort darauf, wie es dazu kommen konnte, dass Friedrichs Anhänger einen König feierten, den es vornehmlich in ihrer Vorstellung gab. Eine kritische Sichtung dieser Quellen sowie die Frage nach der politischen Sprache des friderizianischen Absolutismus und deren strukturellen Bedingungen hätten hier durchaus erhellend gewirkt. So hätten unter anderem ein den Untertanen entrückter Monarch, die im Alltag erdrückende Präsenz des militärischen Apparates, dessen soziale Prävalenz und die in den preußischen Ackerbürgerstädten oftmals fehlende Bürgerlichkeit Anhaltspunkte ergeben, weshalb man sich im gebildeten Bürgertum ein von der Realität unabhängiges Königsbild zurechtlegte. Die vermeintliche „Bürgernähe“ Friedrichs beruht auf einer Erzählung Johann Wilhelm Ludwig Gleims, der eine der üblichen Inspektionsreisen Friedrichs in eine anrührende Geschichte verwandelte. Dahinter stand nicht zuletzt der im 18. Jahrhundert wachsende Wunsch von Stadtbürgern nach Teilhabe am Gemeinwesen.

Insgesamt betrachtet regt diese Studie dazu an, sich mit der Rolle der Monarchie in hoffernen Schichten zu beschäftigen. Aber gerade das friderizianische Beispiel offenbart, dass sich noch am Vorabend der Revolution ein machtbewusster Autokrat wie Friedrich im Umgang mit seinen bäuerlichen und bürgerlichen Untertanen kaum Beschränkungen auferlegen musste.

Schließlich ist noch die Studie von Jörn Sack zu erwähnen, deren umfänglicher Titel bereits aufhorchen lässt. Für den Verfasser ist Friedrich letztendlich nur ein historischer Ansatzpunkt, um seine Thesen über einen „vernünftigen Staat der Zukunft“ zu entwickeln. Bekanntlich konnte Friedrich der Gedankenwelt eines Rousseau nichts abgewinnen. Er war ein überzeugter Dynast. Daher stand ihm Voltaire, an dem Sack kein gutes Haar lässt, auch sehr viel näher. In dessen Schriften fand Friedrich die für ihn ideale Monarchie beschrieben. An dem preußischen Herrscher vermisst Sack vor allem, dass er in seiner Politik zu wenig die Zukunft seines Staates in den Blick genommen habe. Friedrich interessierte sich jedoch primär für sein machtpolitisches Überleben, erst dann für die Zukunft seines Hauses, weniger seines Staates. Trotz aller schriftlichen Rhetorik von seiner Seite sollte man bedenken, dass er keinerlei Anstrengungen unternahm, die erste Pflicht eines Dynasten zu erfüllen, für Nachkommen zu sorgen.

Es ist müßig, mit dem Autor darüber zu sinnieren, welche Entwicklung Mitteleuropa in der Folge genommen hätte, wenn sich Friedrich die Rousseausche Gedankenwelt zu eigen gemacht hätte. Dem Verfasser geht es im Kern vielmehr darum, vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Konjunkturen einem starken Nationalstaat das Wort zu reden, der durch seine Interventionen in Gesellschaft und Wirtschaft dem Gemeinnutz den Vorrang verleiht und ungehindert die Zukunft zu planen vermag. Preußen repräsentiert für Sack vor allem ein solches auf das Gemeinwohl ausgerichtetes Staatswesen, das insbesondere den Handlungsspielraum der anonym agierenden Wirtschaftsmächte streng begrenzte. In den freien Kräften des Marktes und der Wirtschaft sieht er heutzutage die zentralen Widersacher eines „vernünftigen Staates“, wie er ihn versteht. Dies erinnert in vielerlei Hinsicht an Vorstellungen der Kathedersozialisten um Gustav Schmoller, die wie viele bürgerliche Intellektuelle des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die aufstrebende moderne Industriegesellschaft voller tiefer Zweifel beobachteten. Indem er Preußen und seinem größten König nochmals Aktualität verleiht, steht die Arbeit von Sack ungeachtet ihrer historischen Stringenz unter den hier angezeigten Studien aber für sich.

Im Übrigen zeigt sich jedoch nicht zuletzt an den hier vorgestellten Büchern mit sehr unterschiedlichem Informationswert: Die einst der friderizianischen Geschichte innewohnende Dramatik und emotionale Virulenz ist gänzlich verflogen. Es fehlen die bewegenden Kontinuitätslinien zwischen dem Damals und dem Heute. Des Königs Rolle als Wegbereiter eines nationalen Machtstaates ist in einem doppelten Sinne Vergangenheit. Friedrich ist zu einem dynastischen Herrscher unter vielen im Kontext einer fernen Geschichte der Deutschen geworden, auch wenn er bis heute noch von altem Glanz zehrt und ein wenig bekannter als viele seiner Zeitgenossen sein mag. Dies zu bewahren, dazu tragen diese Bücher allemal bei.

Anmerkung:
[1] Johannes Kunisch, Friedrich der Große. Der König und seine Zeit, München 2004; Gerd Heinrich, Friedrich II. von Preußen. Leistung und Leben eines großen Königs, Berlin 2009.

ZitierweisePeter-Michael Hahn: Rezension zu: Frevert, Ute: Gefühlspolitik. Friedrich II. als Herr über die Herzen? Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 14.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-135>.

Peter-Michael Hahn: Rezension zu: Luh, Jürgen: Der Große. Friedrich II. von Preußen. München 2011, in: H-Soz-Kult, 14.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-135>.

Peter-Michael Hahn: Rezension zu: Burgdorf, Wolfgang: Friedrich der Große. Ein biografisches Porträt. Freiburg 2011, in: H-Soz-Kult, 14.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-135>.

Peter-Michael Hahn: Rezension zu: Overhoff, Jürgen: Friedrich der Große und George Washington. Zwei Wege der Aufklärung. Stuttgart 2011, in: H-Soz-Kult, 14.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-135>.

Peter-Michael Hahn: Rezension zu: Sack, Jörn: Friedrich der Große und Jean-Jacques Rosseau – Eine verfehlte Beziehung und die Folgen. Zugleich ein Essay über den vernünftigen und den künftigen Staat. Berlin 2011, in: H-Soz-Kult, 14.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-135>.

Peter-Michael Hahn: Rezension zu: Steinbach, Matthias (Hrsg.): Kartoffeln mit Flöte. Friedrich der Große – Stimmen, Gegenstimmen, Anekdotisches. Stuttgart 2011, in: H-Soz-Kult, 14.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-135>.

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