1 / 1 Rezension

Mittelalterliche Geschichte

B. Bachmann: Die Butzbacher Stadtrechnungen

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Harald Müller <muellerhistinst.rwth-aachen.de>
Autor(en):
Titel:Die Butzbacher Stadtrechnungen im Spätmittelalter. 1371–1419
Reihe:Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 160
Ort:Marburg
Verlag:Hessische Historische Kommission Darmstadt
Jahr:
ISBN:978-3-88443-315-7
Umfang/Preis:Pp.; Bd. 1: XIV, 406 S.; Bd. 2: VII, 758 S.; € 95,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Regina Schäfer, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
E-Mail: <rschaefuni-mainz.de>

Die kleine Stadt Butzbach in der Wetterau weist eine beeindruckende Reihe von Stadtrechnungen auf, die heute noch für die Zeit vom späten 14. bis zum 20. Jahrhundert fast lückenlos vorliegen. Dieses Quellenkorpus wurde von Eduard Otto am Ende des 19. Jahrhunderts vor allem unter bevölkerungsstatistischen und kulturhistorischen Fragestellungen ausgewertet[1], seitdem aber nur sehr punktuell herangezogen. Bodo Bachmann hat im Rahmen seiner Dissertation an der Universität Marburg nun eine Edition der ersten Rechnungen vorgelegt, welche die Zeit von 1371 bis 1419 umfassen und somit die Zeit, in der Butzbach zur Herrschaft der Herren und Grafen von Falkenstein gehörte, bis zu deren Aussterben 1419. Insgesamt handelt es sich um 37 komplette Rechnungen – meist Jahresrechnungen –, welche die mehr als 700 Druckseiten des zweiten Bandes, der die Edition enthält, komplett ausfüllen. Der erste Band beinhaltet Register und Kommentar.

Die Butzbacher Rechnungen sind Bürgermeisterrechnungen, die vom Stadtschreiber geführt wurden, mit teils eigenhändigen Einträgen der Bürgermeister. Sie enthalten zudem vor der eigentlichen Rechnung stets ein Bederegister, so dass die steuerpflichtigen Haushaltsvorstände in der kleinen Mittelstadt vollständig erfasst werden können. Hinzu kommt ein Register der Rodzinsen sowie zumindest für das Rechnungsjahr 1371/72 ein Verzeichnis der Einnahmen aus den Neubürgeraufnahmen. Das Verschwinden der Neubürgerzinslisten erklärt Bachmann schlüssig mit der Abschaffung dieser Steuer (S. 96). Die Ausgaben sind weitgehend chronologisch gelistet, nur in Ansätzen wurden Rubriken gebildet. Die Rechnungsführung entspricht den im Spätmittelalter üblichen Formen einer einfachen Buchhaltung mit Netto- und Gegenrechnung. Vorrechnungen muss es gegeben haben, diese sind aber ebenso wie Belegzettel oder gesonderte Rezesse erst in den Rechnungen des 15. Jahrhunderts zu finden. Besonders signifikante Beispiele gibt Bachmann zur Erläuterung der Rechnungslegung im Kommentarband ganz oder in Auszügen wieder (S. 99–125).

Die Rechnungen sind in einer Mischung aus Frühneuhochdeutsch und Mittellatein abgefasst. Bachmann ediert die Rechnungen zeilen- und buchstabengetreu; er verzichtet weitgehend auf Vereinheitlichungen, um auch Sprach- und Namensforschern eine möglichst gute Textgrundlage zu bieten, auch die diakritischen Zeichen wurden im Schriftbild mit den verschiedenen Varianten wiedergegeben (S. 12). Zudem sind im Kommentarband zahlreiche Abbildungen eingefügt, die einen optischen Eindruck von unterschiedlichen Rechnungsblättern ermöglichen (S. 203–220) bzw. Details der Schrift oder Ausschmückungen der Texte wiedergeben (S. 61–87). Hinzu kommen detaillierte Beschreibungen der äußeren Form der Rechnungen (S. 13-88) sowie der inneren Merkmale (S. 89–200). Darüber hinaus enthält der erste Band einen ausführlichen Orts-, Personen- und Sachindex. Bachmann wählt dabei eine ungewöhnliche Indizierung; er erschließt die Rechnung über die Laufzeit und die Zeile in der Rechnung (zum Beispiel 1412 420). Damit kann zwar die Zeile exakt benannt werden, es fragt sich aber, ob dies die Nachteile wettmacht. Zum einen bleibt dadurch der Kommentarband im Register vollständig unberücksichtigt, zum anderen kommt es zu teils sehr umständlichen Verweisen (zum Beispiel 1383/1388/1389 200; die Rechnung findet sich zwischen den Rechnungen 1386/1388 und 1389) und das Register wird stark aufgebläht (mehr als 30 Spalten zu "Butzbach, Stadt").

Der im Titel des ersten Bandes angekündigte Kommentar beschränkt sich weitgehend auf die Merkmalsbeschreibung der Rechnungen. Hier finden sich manche unerwarteten Kapitel, die weiterführende Erkenntnisse bringen, zum Beispiel eine chemische Untersuchung von Papier und Tinte, durch die Bachmann nachweisen kann, dass das Papier aus dem Mittelmeerraum importiert wurde (S. 22–27). An anderen Stellen hätte man kürzen können, zum Beispiel bei der Auflistung aller Belege zu drei Personen, um die Varianten der Personennamensschreibung zu zeigen (S. 50–56). Nur vereinzelt unternimmt Bachmann inhaltliche Auswertungen; er macht zum Beispiel Bemerkungen zu den Armbrust- und Büchsenschützen als Exkurs im Kapitel über Maße und Gewichte oder zu den Handwerkern, die für die Stadt tätig waren, im Kapitel Rechnungsführung. Diese Aussagen findet man allerdings nur, wenn man den Band vollständig liest, die interpretierenden Stellen werden weder aus dem Inhaltsverzeichnis ersichtlich, noch lassen sie sich über das Register erschließen. Zunehmend störend wird dabei im Verlauf der Lektüre der belehrende Ton (zum Beispiel S. 195 „Deshalb soll hier explizit auf einige grundlegende Anwendungen hingewiesen werden, um derartige Fehlinterpretationen in Zukunft zu vermeiden.“)

Das ist auch deshalb schade, weil Bachmann interessante Beobachtungen macht, die vor allem für sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen anregend sind und zeigen, dass die Butzbacher Stadtrechnungen mehr als nur lokale Beachtung verdienen. So schlägt er eine Neuberechnung des Malters vor (S. 170) und bietet Währungsumrechnungen (S. 164–168) ebenso wie Preis- und Lohnlisten (S. 176–185). Er kann zeigen, dass die Stadt Wartungsverträge mit Handwerkern abgeschlossen hatte (S. 107) oder dass städtische Bedienstete Vorabzahlungen auf ihren Lohn ebenso erhalten konnten wie Kredite (S. 96). Auffällig ist die Stabilität von Löhnen, welche zudem wohl regional galten, über einen längeren Zeitraum (S. 185).

Doch nicht nur für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, auch für die Technikgeschichte und ebenso für kulturhistorische Untersuchungen bieten die Butzbacher Rechnungen dank der Genauigkeit der Angaben und der fast lückenlosen Rechnungsreihe eine Fülle von Material. In den edierten Rechnungen finden sich zum Beispiel die Errichtung der Schlag-/Stundenuhr auf einer Pforte, Hinweise auf verschiedene Brände (von Häusern, einem Verschlag, der Wehrhecke, dem Wald, auch ein Hinweis auf Brandstiftung) oder Kuriositäten wie das Kamel, das man 1397 im Ort bestaunte. Das Kommunikationsnetz der Stadt sowie die Sorge vor Angriffen werden in den Weingeschenken deutlich, die sie machte, wenn sie Warnungen erhielt; auch adeligen Besuchern wurde Wein verehrt sowie zu Trauerfeiern und Hochzeiten städtischen Bediensteten geschenkt. Es finden sich zahlreiche Angaben zu Viehweide oder Eichelmast. In einigen Fällen vermerkt der Schreiber die Verwendung bestimmter Hölzer (Erle, Eiche, Nussbaum). An großen Baumaßnamen war die Stadt in diesen Jahren vor allem mit dem Marktbrunnen, dem Rathaus und den Befestigungsanlagen beschäftigt, welche in zahllosen Details in den Rechnungen auftauchen, so dass beispielsweise auch das Rohrsystem des Marktbrunnens zu erschließen ist. Neben den Befestigungsanlagen, den Kosten für Wachdienste und dem militärischen Aufgebot erwuchsen der Stadt zudem Kosten durch die Besoldung von Armbruster und Büchsenmeister, die Herstellung von Büchsenkugeln, das Gießen eines Geschützes, die Herstellung von Pfeilen und anderem bis hin zu einer Streitaxt, welche dem städtischen Banner beigegeben wurde und eher symbolische Funktion hatte. In Einzelfällen begründet der Schreiber seine Ausgaben, so zum Beispiel ein Geschenk an die städtischen Pfeiffer, welche das Aufgebot begleiteten, mit dem tiefen Dreck, durch den sie waten mussten (1415 598).

Die der Rechnung vorangestellten Bedelisten bieten zudem Material, das ein Jahrhundert nach der grundlegenden Untersuchung von Eduard Otto für Fragen der Bevölkerungsentwicklung ebenso herangezogen werden könnte wie zur Namens- und Sprachforschung, wie Bachmann zeigt. Dem Band ist folglich eine rege Rezeption aus ganz verschiedenen Forschungsrichtungen zu wünschen. Eine Edition auch der späteren Rechnungen wäre sehr begrüßenswert.

Anmerkung:
[1] Eduard Otto, Die Bevölkerung der Stadt Butzbach (in der Wetterau) während des Mittelalters, Darmstadt 1893; Ders., Aus dem Volksleben der Stadt Butzbach im Mittelalter. Kulturgeschichtliche Quellenstudie, in: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde. Neue Folge 1 (1894), S. 327–399; Ders., Die Wehrverfassung einer kleinen deutschen Stadt im späteren Mittelalter, in: Zeitschrift für Kulturgeschichte 4 (1897), S. 54–93, 156–176; Ders., Das deutsche Handwerk in seiner kulturgeschichtlichen Entwicklung, Leipzig 1900.

ZitierweiseRegina Schäfer: Rezension zu: Bachmann, Bodo: Die Butzbacher Stadtrechnungen im Spätmittelalter. 1371–1419. Marburg 2011. 2 Bde, in: H-Soz-u-Kult, 19.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-232>.

Copyright (c) 2012 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension