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Neuere Geschichte

S. Rebenich u.a. (Hrsg.): Johann Gustav Droysen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jörg Neuheiser <joerg.neuheiseruni-tuebingen.de>
Titel:Johann Gustav Droysen. Philosophie und Politik - Historie und Philologie
Reihe:Campus Historische Studien
Herausgeber:Rebenich, Stefan; Wiemer, Hans-Ulrich
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:Campus Verlag
Jahr:
ISBN:9783593396385
Umfang/Preis:kart.; 520 S.; € 58,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Philipp Müller, Departement für
Historische Wissenschaften, Universität Fribourg
E-Mail: <muellerpgeschichte.hu-berlin.de>

Die Historiographiegeschichte hat Johann Gustav Droysen zu einer zentralen Figur gemacht. Dem Urteil seiner Schüler Otto Hintze und Friedrich Meinecke folgend, gilt Droysens ‚Historik‘ weithin als entscheidender Beitrag in der Ausbildung theoretischer Prämissen der modernen historischen Forschung. In wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive ist diese Sicht allerdings nicht nur problematisch, sondern unhaltbar: Der Text der ‚Historik‘ beruht auf einer Vorlesung, die Rudolf Hübner erstmals 1937 umfassender zugänglich gemacht hat. Auch danach wurde die Schrift nicht zum Gegenstand einer intensiven fachlichen Debatte, und erst die Editionen von Peter Ley (1977) und Horst Walter Blanke (2007) haben die Grundlage für eine kritischen Maßstäben entsprechende Auseinandersetzung geschaffen. Auch die wissenschaftliche Rezeption des heute mit Droysen verbundenen Hellenismusbegriffs geht nicht mit der Vorstellung einer historiographischen Erfolgs- und Wirkungsgeschichte konform. Erst die Neuauflage von 1877/78, über 40 Jahre nach der ersten Veröffentlichung, verhalf Droysens Epochenkonzeption zu mehr Prominenz. Ist Droysen also vor allem ein Mythos, wie man es seit einiger Zeit bereits Wilhelm von Humboldt nachsagt? Eine Chiffre, die einen für richtig gehaltenen Sachverhalt bezeichnet und in der Fiktion eines geschichtlichen Ursprungs zusammenfasst?[1] Die Bekanntheit und der Erfolg Droysens zu Lebzeiten könnten weniger auf seinen Leistungen als Geschichtsschreiber und mehr auf institutioneller und politischer Einflussnahme sowie dem Aufbau außerwissenschaftlicher Kontakte beruht haben.

Die Frage eines Widerspruchs zwischen historiographiegeschichtlichem Denkmal und Realität wird seit der Veröffentlichung von Wilfried Nippels Monographie zum 200. Geburtstag Droysens 2008 kontrovers diskutiert, und fast alle Autoren des von Stefan Rebenich und Hans-Ulrich Wiemer herausgegebenen Bandes beziehen sich unmittelbar oder indirekt auf die von Nippel ausgelöste Debatte.[2] Nippels eigener Beitrag zum Band darf daher besondere Aufmerksamkeit beanspruchen, denn er befasst sich mit jenem Teil von Droysens Werk, dem er in den Augen von Kritikern zuvor zu wenig Beachtung geschenkt hat: der ‚Historik‘. Im Gegensatz zu anderen Interpretationen betont Nippel die Entstehung der Vorlesung aus dem werkgeschichtlichen Kontext und hebt deshalb besonders ihre Nähe zu Droysens ‚Geschichte der preußischen Politik‘ hervor. Die ‚Historik‘ vermittelt bekanntlich die Maxime, dass die Spuren der Vergangenheit nicht für sich selbst sprechen, sondern erst durch eine historische Fragestellung zum Sprechen gebracht werden müssen. Für Droysen entstand diese Fragestellung aus den zeitgenössischen Bedürfnissen des Historikers, der zu zeigen habe, was die von der Vergangenheit in der Gegenwart angelegte Zukunft sei. Die ‚Geschichte der preußischen Politik‘ setzt die ‚Historik‘ in die historiographische Praxis um, indem sie für die Zeitgenossen der 1850er-und 1860er-Jahre die Kontinuität des Gedankens der deutschen Einheit seit dem Mittelalter in der preußischen Geschichte verdeutlichen will. Die konzeptionelle Nähe der Texte wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass die ‚Geschichte der preußischen Politik‘ mit dem aus der ‚Historik‘ bekannten Zitat einsetzt, „das Wesen der geschichtlichen Methode“ sei es „forschend verstehen zu lernen“. Aus Nippels Sicht zeigt dieser Zusammenhang, dass Droysens Methode den unumgänglich subjektiven oder zeitgebundenen Ausgangspunkt jeder Geschichtsschreibung dazu nutzt, das Hinterfragen eigener Annahmen in den Wind zu schlagen und Geschichtsschreibung in die Legitimation politischer Anliegen umzufunktionieren. Zu einem ähnlichen Befund gelangt auch der Beitrag von Gerrit Walther, der in einer textnahen Untersuchung erklärt, wie historische Hermeneutik in der ‚Preußischen Politik‘ politisches Engagement rechtfertigt. Walther stellt allerdings die Frage, ob Droysens methodische Überlegungen damit disqualifiziert werden oder ob sie nicht auch einen Orientierungspunkt für jene Fraktion wissenschaftlicher Geschichtsschreibung darstellen könnten, die in der historischen Erkenntnis Solidarität mit aktuellen politischen oder moralischen Prinzipien einfordert. Das Thema ist geschichtstheoretisch wie historiographiegeschichtlich gleichermaßen brisant. Für das 19. Jahrhundert ist unklar, bei welchen Vertretern der Zunft nach einer prinzipiell alternativen Herangehensweise gesucht werden kann. Dass Ranke etwa keine theoretischen Schriften veröffentlichte und ein Ideal wissenschaftlicher Objektivität formulierte, bedeutet weder, dass er von Hermeneutik nichts verstand noch dass er in seiner Geschichtsschreibung nicht politisch engagiert war. Immerhin dürfte es kein Zufall sein, dass Ranke unmittelbar nach seiner Beratertätigkeit für den preußischen Hof während der Revolution von 1848 seine ‚Französische Geschichte‘ unternahm, sie auf die Entstehung der französischen Monarchie konzentrierte und unmittelbar vor der Französischen Revolution von 1789 enden ließ.

Ganz allgemein ist denkbar, dass gerade jene Ansätze der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, die heute manchen unvertretbar erscheinen, eng mit methodischen Prinzipien verflochten sind, auf die man die geschichtliche Selbstbestimmung des Fachs in Teilen stützen möchte. Die interdisziplinären und außerakademischen Kontexte dieser Zusammenhänge sind bislang jedoch kaum aufgearbeitet. Der Band enthält in dieser Hinsicht weiterführende Beiträge, die unter anderem daran erinnern, dass Droysens Einführung in Hermeneutik und Quellenkritik nicht zuletzt auf seine Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philologie zurückgeht. Josefine Kitzbichler und Manfred Landfester zeigen in ihren Analysen, wie Droysens frühe Übersetzung von Aristophanes eine gegenwartsbezogene Aktualisierung anstrebte und dabei unmittelbar auf zeitgenössische Diskussionen um die Hermeneutik des Übersetzens bezogen war. Ungeachtet der ihr zugesprochenen Relevanz für die Ausbildung eines modernen Verständnisses von historischer Wissenschaft existieren ebenfalls kaum Untersuchungen über den praktischen Umgang von Historikern mit archivalischen Quellenbeständen.[3] Wolfgang Neugebauer gelingt es in seinem Beitrag zu verdeutlichen, wie Droysens Umtriebe in den Kreisen des Berliner Hofs und der Berliner Ministerien nicht nur der eigenen Karriere förderlich waren, sondern zugleich den Anstoß zu jenen umfangreichen Quelleneditionen bildeten, die seit der Mitte der 1860er-Jahre an der Institutionalisierung der Geschichtswissenschaften in Preußen wichtigen Anteil hatten. Der Beginn der Großforschung steht somit auch in Verbindung zu Droysens hermeneutisch unterfüttertem Verständnis von der historischen Bedeutung und Aufgabe des preußischen Staates. Schließlich gehen mehrere Beiträge auf die Verbindung von Wissenschaft und Religiosität bei Droysen ein. So verfolgt Anne Christine Nagel die Entwicklung des protestantischen Glaubens in Droysens Geschichtsverständnis, während Reinhold Bichler in Droysens Werk zum Hellenismus eine Auffassung erkennt, die von der Überzeugung an eine an der Geschichte ablesbaren Theodizee getragen wird. Droysens Bemühungen um den Aufbau einer historischen Methode und eine gegenwartsbezogene Geschichtsschreibung standen auch in Zusammenhang mit der Krise der protestantischen Theologie und dem Versuch ihrer Neubelebung durch einen von Schleiermachers Hermeneutik inspirierten Idealismus.

Selbst wenn man allerdings die leitenden Prinzipien von Droysens politischer Geschichtsschreibung in ihrer Verflochtenheit mit der zeitgenössischen Quellenkritik und Hermeneutik behandelt, bleibt die von Nippel aufgeworfene Frage bestehen, inwiefern der von Droysen eingeschlagene Weg nicht zur Aufgabe von zentralen Prinzipien der Geschichtswissenschaften führt. Einen Wahrheitsanspruch zu erheben, bedeutet aus prinzipiellen Gründen danach zu streben, die eigene Aussage sei wahr unabhängig von einem Wunsch nach ihrer Wahrheit.[4] Der Gedanke, dass man als Historiker Widerstand gegen Überzeugungen zu mobilisieren habe, die allein von Wünschen motiviert sind, könnte ein Prinzip sein, das Historiker nicht aufgeben können, ohne ihr eigenes Selbstverständnis fundamental zu untergraben. Wollte man anhand von Droysen die Frage nach Wahrhaftigkeit als Kriterium von historischer Objektivität und Wissenschaft klären, müsste man prüfen, ob seine Überlegungen genügend Ressourcen gegen die Vermengung von Wunschbild und Realitätssinn aufzubieten haben. Hiervon hängen nicht zuletzt auch die Möglichkeiten einer politischen Geschichtsschreibung ab. Die Autoren des von Stefan Rebenich und Hans-Ulrich Wiemer herausgegebenen Bandes bieten hierzu und darüber hinaus Anregungen und weiterführendes Material, das auf eine Fortsetzung der Diskussion hoffen lässt.

Anmerkungen:
[1] Sylvia Paletschek, Die Erfindung der Humboldtschen Universität. Die Konstruktion der deutschen Universitätsidee in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Historische Anthropologie10 (2002), S. 183-205; Dieter Langewiesche, Die ‚Humboldtsche Universität‘ als nationaler Mythos. Zum Selbstbild der deutschen Universitäten im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 290 (2010), S. 53-91.
[2] Wilfried Nippel, Johann Gustav Droysen. Ein Leben zwischen Wissenschaft und Politik, München 2008. Vgl. an Reaktionen u.a.: Jörn Rüsen, J.G. Droysen. Dämon der Machtbesessenheit. Wilfried Nippel legt die erste umfassende Biografie des Historikers Johann Gustav Droysen vor und stürzt ihn vom Sockel der Verehrung, in: Die Welt, 5.4.2008, sowie Patrick Bahners, Er musste sich auf das niedrige Niveau seiner Leser begeben. So wankelmütig ist kein Freund des Volkes: Wilfried Nippel kommt Johann Gustav Droysen auf die Schliche, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.3.2008.
[3] Vgl. u.a. jedoch Daniela Saxer, Archival Objects in Motion: Historian’s Appropriation of Sources in Nineteenth-Century Austria and Switzerland, in: Archival Science 10 (2010), S. 315-331; Philipp Müller (nicht mit dem Rezensenten identisch), Storia della storiografia, Doing Historical Research in the Early Nineteenth Century. Leopold Ranke, the Archive Policy, and the Relazioni of Venetian Republic, in: Storia della storiografia 56 (2009), S. 80-102.
[4] Bernard Williams, Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Frankfurt am Main 2003, S. 188-225.

ZitierweisePhilipp Müller: Rezension zu: Rebenich, Stefan; Wiemer, Hans-Ulrich (Hrsg.): Johann Gustav Droysen. Philosophie und Politik - Historie und Philologie. Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-u-Kult, 16.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-144>.

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