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Theoretische und methodische Fragen

J. Plamper: Geschichte und Gefühl

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte
Ort:München
Verlag:Siedler Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-88680-914-1
Umfang/Preis:477 S.; € 29,99

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Lars Koch, Germanistisches Seminar, Universität Siegen
E-Mail: <lars.kochuni-siegen.de>

Die Lektüre von Jan Plampers Studie „Geschichte und Gefühl“ löst zwiespältige Gefühle aus: Einerseits ist das Buch eine lehrreiche Rekonstruktion der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema „Emotionen“, andererseits praktiziert es eine fachpolitische Platzierungsstrategie, die aus der Sicht der seit längerem ebenfalls mit den emotionalen Aspekten von Kultur befassten Literatur- und Medienwissenschaften schlichtweg ärgerlich ist.

Zunächst aber zu den Leistungen des Buches: Plamper hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Ansatz der Emotionsgeschichte[1] auf ein breites methodisches Fundament zu stellen. Zum einen will er seine Studie als „Einführung in die Emotionsgeschichte“ verstanden wissen, die quasi als Synthese „bestehendes Wissen aufbereitet“ (S. 17). Zum anderen begreift er sein Buch als eine „Intervention in einem sich rapide entwickelnden Forschungsfeld“ (S. 18), in dem noch nicht geklärt ist, wie sich die beiden großen Forschungszweige im Umgang mit Emotionen – das sozialkonstruktivistische und das lebenswissenschaftliche Paradigma – sinnvoll zu einem interdisziplinären Design verbinden lassen. Eines ist für Plamper dabei klar: Bevor Kulturwissenschaftler/innen in ihrer Beschäftigung mit Emotionen auf lebenswissenschaftliche Erkenntnisse rekurrieren dürfen, muss ein gewisser Alphabetisierungsgrad in den Neurowissenschaften erreicht sein, der „leichtfertige Anleihen“ (S. 18) vermeidet.

Um Perspektiven einer zukünftigen Emotionsgeschichte abzustecken, sortiert Plamper nach ersten Hinweisen zu den Vorformen der Emotionsgeschichte bei Lucien Febvre und Johan Huizinga die seit Ende des Zweiten Weltkriegs sich intensivierende Erforschung von Emotionen rund um die beiden Pole Sozialkonstruktivismus und Universalismus. Er stellt dies in zwei Großkapiteln dar, die in beeindruckender Belesenheit die beidseitigen Theorie-Genealogien in Erinnerung rufen. Das Ziel hierbei ist es, die wechselseitige Blindheit beider Wissenschaftstraditionen zu belegen sowie Stärken und Schwächen kulturbasierter und kulturinvarianter Beschreibungsformen für ein integratives Modell zu bewerten. Auf der einen Seite der lange Zeit unüberschreitbar erscheinenden Grenze zwischen Kultur und Natur werden die zentralen ethnologischen und soziologischen Ansätze von Catherine Lutz, Michelle Rosaldo, Lila Abu-Lughod, Peter und Carol Stearns, Arlie Hochschild und Eva Illouz referiert. Auf der anderen Seite werden neben Darwins und Freuds Gründungsarbeiten und ihren konzeptionellen Defiziten wichtige kognitionspsychologische und neurowissenschaftliche Verfahren und Forschungsansätze debattiert, wobei insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit dem kulturfernen Konzept der „Basisemotionen“ des amerikanischen Psychologen Paul Ekman überzeugt.

Nachdem somit quasi die alternativen Zugriffsmöglichkeiten auf den historischen Status von Emotionen geprüft wurden, folgt abschließend ein (allerdings wenig überraschendes) Ausblickskapitel, das – ausgehend von einer kritischen Würdigung der Ansätze von Barbara Rosenwein (Modell der „emotionalen Gemeinschaften“) und William Reddy (Modell der „Navigation der Gefühle“)[2] – eigene Vorschläge formuliert, in welchen geschichtswissenschaftlichen Kontexten Emotionen künftig stärkere inhaltliche und methodische Berücksichtigung finden sollten: So sei etwa im Zusammenhang der Politik-, Wirtschafts-, Rechts- und Mediengeschichte und bei der Analyse sozialer Bewegungen verstärkt nach emotionalen Rahmungen und Präfigurationen zu fragen, auf gesellschaftliche Diffusionseffekte der wissenschaftlichen Konzeptualisierung von Emotionen zu achten und der emotionale Skript-Charakter der Massenmedien einzubeziehen.

Dass Plampers Buch trotz seiner etwa 470 Seiten gemessen am eigenen programmatischen Anspruch noch um Einiges zu knapp geraten ist, zeigt Kapitel 1, das auf rund 40 Seiten in einer Tour d’Horizon all jene philosophischen Theoriemodelle streift, die sich mit Emotionen beschäftigten, bevor um 1860 die Lebenswissenschaften das Zepter der Deutungsmacht ergriffen. Auch wenn Plamper selbst zugesteht, dass seine Überlegungen hier nur eine erste Annäherung darstellen, bleibt es schlicht unbefriedigend, wenn auf jeweils ein bis zwei Seiten nacheinander die Theorieangebote von Aristoteles, Platon, Galen, Thomas von Aquin, Descartes, Spinoza, Hobbes, Rousseau, Kant, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger und Sartre verhandelt werden. Zwangsläufig können wichtige Sachverhalte so nur oberflächlich referiert werden. Teilweise widersprechen die Ausführungen gar dem Stand der Forschung, etwa dort, wo Plamper die Schriften Rousseaus selektiv als Artikulation der Sehnsucht nach dem kulturfernen Naturzustand liest (S. 33).[3]

Zudem bleiben in Kapitel 1 wichtige Forschungsarbeiten unberücksichtigt, was umso mehr überrascht, wenn man bedenkt, dass das Buch ja mit dem Anspruch angetreten ist, das Feld der Emotionsforschung systematisch zu vermessen. So findet man die große Studie des Leibniz-Preisträgers Dominik Perler über die Transformation der Gefühle in der Renaissance[4] nur in einer Fußnote erwähnt, und die wichtigen Arbeiten aus dem DFG-Forschungsprojekt zur Angst im Mittelalter von Annette Gerok-Reiter fehlen völlig.[5] Dies wäre vielleicht nur ein Versehen, wenn Plamper nicht gleichzeitig suggerieren würde, dass sein Buch eine zuverlässige Zwischenbilanz zieht.

Damit ist schon angedeutet, warum die Lektüre im Ergebnis ambivalent ausfällt: Plampers Studie marginalisiert die geistes- und kulturwissenschaftliche Emotionsforschung jenseits geschichtswissenschaftlicher Anstrengungen. Gut zu beobachten ist dies anhand der Ausführungen über „9/11“ als Geburtsstunde der Emotionsgeschichte. Die Terroranschläge in New York seien, so die These, ein „Einbruch des Realen“ gewesen (Slavoj Žižek), der das bis dahin dominierende Paradigma des Poststrukturalismus beendet habe. Seither sei ein neues Interesse für eine Wirklichkeit jenseits der Zeichen zu konstatieren – daher also die verstärkte Beschäftigung mit Körper und Emotionen. Diese These ist so zutreffend wie bekannt. Befremdlich wird es aber, wenn Plamper im Duktus einer neuen Einsicht und ohne Verweis auf bestehende Publikationen weiter ausführt, dass „die enorme emotionale Wirkung von 9/11 [...] ohne Fernsehen schlicht nicht vorstellbar [ist], ja die Terroristen hätten ohne die Gewissheit, gefilmt und dann in Endlosschleife über Tage hinweg global übertragen zu werden, vermutlich nie diese Form des Terrors gewählt“ (S. 85). Diese Beobachtung war bereits der Ausgangspunkt einer Vielzahl medien- und kulturwissenschaftlicher Analysen, die das Verhältnis von Medien, Terror, Inszenierung, Echtzeit und Angst breit diskutieren, die Plamper aber ignoriert.[6] Wenn der Autor wenige Zeilen später feststellt, dass gegenwärtig die Terra incognita der Geschichte der Gefühle aktiv vermessen werde und „Claims abgesteckt“ würden (S. 85), dann liegt die Vermutung nahe, dass er damit zuallererst sein eigenes Buch gemeint haben muss.

In die gleiche Richtung zielt Plampers wiederholte Kritik an der literaturwissenschaftlichen Adaption der Neurowissenschaften. Sicher ist ihm zuzustimmen, dass bei der Bezugnahme auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse ein hohes Maß an Kennerschaft und Sorgfalt geboten ist. Zweifellos stimmt es auch, dass es in den letzten Jahren Tendenzen in den Kulturwissenschaften gab, zu unvorsichtig einen neurowissenschaftlichen Theorie- und Methodenimport zu betreiben. Fragwürdig sind hingegen Thesen wie die folgende: „Ganze Forschungsfelder erhalten ‚Neuro’-Designationen – Neuropolitologie, Neuroökonomie, Neuroethik, Neuroästhetik, Neuroliteraturwissenschaften, Neurotheologie.“ (S. 264) Eine Suchmaschinenrecherche nach „Neuroliteraturwissenschaften“ bleibt jedenfalls weitgehend ergebnislos. Mag man hier noch einen Hang zur pointierten Formulierung konstatieren, so werden die Ausführungen spätestens dann schlichtweg falsch, wenn Plamper feststellt: „Waren während der Postmoderne noch Philosophie und Linguistik die Leitwissenschaften, so sind die Neurowissenschaften zur neuen Leitwissenschaft jener Disziplinen aufgestiegen, die Texte und Bilder untersuchen.“ (S. 264) Zwar gibt es einen literatur- und medienwissenschaftlichen Forschungszweig, der traditionelle Gegenstände unter neurowissenschaftlichen Vorzeichen zu fokussieren versucht. Daneben aber finden sich vielfältige Forschungsstränge – medientheoretische, netzwerktheoretische, interkulturelle, performanztheoretische, narratologische, systemtheoretische und nicht zuletzt: emotionsgeschichtliche –, die die Rede von einer neurowissenschaftlichen Dominanz innerhalb der Literatur- und Medienwissenschaften als absurd ausweisen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Jan Plampers Studie einen wichtigen Beitrag zu einem dynamischen Forschungsfeld leistet. Seine kontrastive Bestandsaufnahme sozialkonstruktivistischer und universalistischer Positionen im Umgang mit Emotionen ist klug, lehr- und einsichtsreich. Seine Intervention gegen eine vorschnelle Adaption neurowissenschaftlicher Emotionsforschungen innerhalb der Kultur- und Medienwissenschaften trifft einen wichtigen Punkt. Die daran gekoppelte Platzierungsstrategie, die implizit das Feld der Emotionsforschung allein oder vorrangig für die Geschichtswissenschaft reklamiert, kann allerdings nur strikt zurückgewiesen werden. Die Frage müsste eher lauten, welchen spezifischen Akzent die Geschichtswissenschaft innerhalb einer multidisziplinären Beschäftigung mit Emotionen setzen kann.

Anmerkungen:
[1] Als Überblicke siehe z.B. auch Nina Verheyen, Geschichte der Gefühle, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18.06.2010, URL: <docupedia.de/zg/Geschichte_der_Gefühle>, und Bettina Hitzer, Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen, in: H-Soz-u-Kult, 23.11.2011, URL: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2011-11-001> (06.08.2013).
[2] Barbara H. Rosenwein, Emotional Communities in the Early Middle Ages, Ithaca 2006; William M. Reddy, The Navigation of Feeling. A Framework for the History of Emotions, Cambridge 2001.
[3] Dass mit Rousseau im Gegenteil die historische Phase einer postrestitutiven Kulturkritik einsetzte, hat Ralf Konersmann herausgearbeitet. Vgl. Ralf Konersmann, Kulturkritik, Frankfurt am Main 2008.
[4] Dominik Perler, Transformationen der Gefühle. Philosophische Emotionstheorien 1270–1670, Frankfurt am Main 2011.
[5] Vgl. etwa Das Mittelalter 12 (2007) Heft 1: Angst und Schrecken im Mittelalter. Ursachen, Funktionen, Bewältigungsstrategien in interdisziplinärer Sicht, hrsg. von Annette Gerok-Reiter und Sabine Obermaier.
[6] Um nur einige wenige Publikationen aus dem deutschsprachigen Kontext zu nennen: Hartmut Böhme, Global Cities und Terrorismus. Über Urbanität in einer globalisierten Welt, in: Elisabeth Blum / Peter Neitzke (Hrsg.), Boulevard Ecke Dschungel. Stadt-Protokolle, Hamburg 2002, S. 69–81; Klaus Theweleit, Der Knall. 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell, Frankfurt am Main 2002; Eva Horn, Der geheime Krieg: Verrat, Spionage und moderne Fiktion, Frankfurt am Main 2007; Sandra Poppe / Sascha Seiler / Torsten Schüller (Hrsg.), 9/11 als kulturelle Zäsur. Repräsentationen des 11. September 2001 in kulturellen Diskursen, Literatur und visuellen Medien, Bielefeld 2009.

ZitierweiseLars Koch: Rezension zu: Plamper, Jan: Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte. München 2012, in: H-Soz-Kult, 10.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-139>.

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