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Arbeitskreis Historische Friedensforschung

R. Gerwarth u.a. (Hrsg.): War in Peace

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Alexander Korb <ak368le.ac.uk>
Titel:War in Peace. Paramilitary Violence in Europe after the Great War
Herausgeber:Gerwarth, Robert; Horne, John
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-965491-8
Umfang/Preis:254 p.; € 81,99

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Stefan Dölling, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <stefandoellinggooglemail.com>

Versammelt von John Horne und Robert Gerwarth, beschäftigen sich hier zwölf Historikerinnen und Historiker mit der Geschichte paramilitärischer Gewalt im so genannten "Frieden", der in Europa dem Ersten Weltkrieg folgte. Dass diese Zeit an vielen Orten des Kontinents alles andere als friedlich war, ist lang bekannt – und fast ebenso lang mehr schlecht als recht erforscht. Die vielleicht einzige Ausnahme bilden dabei die verhältnismäßig gut untersuchten Kämpfe deutscher Freikorps in Schlesien, dem Baltikum und auf den Straßen der Weimarer Republik, die unsere Vorstellung paramilitärischer Gewalt der Zwischenkriegszeit bis heute prägen - und sich vermutlich auch deswegen auf dem Schutzumschlag von "War in Peace" wiederfinden. Wohlwollend nimmt man aber bereits beim Studieren des Inhaltsverzeichnisses zur Kenntnis, dass die Herausgeber keineswegs ein neues "Freikorpsbuch" vorlegen. Vielmehr knüpfen sie sich an die erste Ausgabe des Journal of Modern European History[1] an und liefern einen Sammelband, der tatsächlich paramilitärische Bewegungen in ganz Europa behandelt.

In ihrem Einleitungskapitel formulieren Gerwarth und Horne den Anspruch, Ursprüngen, Manifestationen und Folgeerscheinungen paramilitärischer Gewalt im Europa der Jahre zwischen 1917 und 1923 auf den Grund gehen zu wollen. Überzeugend legen sie dar, warum es Sinn machen kann, den unmittelbaren Betrachtungszeitraum dabei mit der russischen Revolution als maßgeblichen Katalysator paramilitärischer Gewalt zu eröffnen und ihn 1923/24 mit dem Ende von irischem Bürgerkrieg und "Ruhrkampf" sowie dem Vertrag von Lausanne als Beginn einer "friedlicheren" Epoche europäischer Geschichte zu beschließen. Die in diesem Zusammenhang getroffene Aussage "the circle of violence had run its course" (S. 6) im Bezug auf den gewählten Endpunkt von 1923/24 qualifizieren die Herausgeber umgehend selbst, indem sie auch auf diejenigen Orte in Europa hinweisen, in denen auch über diese Zeitenwende hinaus paramilitärische Gewalt stattfand.
Um das selbstgesteckte Ziel zu erreichen, setzt "War in Peace" bei seiner Analyse auf einen vergleichenden und transnationalen Ansatz, der auch von fast allen Beiträgen eingelöst wird. Die Gewalt wird so, mit explizitem Rekurs auf Donald Bloxham[2], dessen Konzept der "shatter-zones" im Buch wiederholt aufgegriffen wird, überwiegend nicht in nationalen, sondern in übergreifenden, stärker regional geprägten Zusammenhängen betrachtet. Angesichts dieser Ausrichtung ist es wenig überraschend, dass die Herausgeber auch auf der zeitlichen Ebene weniger auf "klassische" Periodisierungen setzen und die versammelten Autorinnen und Autoren insbesondere die oft (über)betonte Bedeutung des Zeitraums 1914 bis 1918 für den europäischen Paramilitarismus beständig qualifizieren. So reicht die Analyse der Ursprünge der europäischen Gewalt und Gewaltstrukturen zum Teil bis in das Ende des 19.Jahrhunderts zurück und der Ausblick auf deren Folgeerscheinungen erstreckt sich oft bis in die 1940er, teilweise sogar bis in die 1990er Jahre.

Zentrale Analysefaktoren des Bandes bilden jeweils im Wettstreit miteinander stehende Ideologien, die nach Auffassung der Herausgeber nach 1917 immens an Wirkmächtigkeit gewannen. Die Herausgeber identifizieren diese "competing ideologies" in ethnischen Konflikten und Nationenbildungsprozessen, welche sich insbesondere in den "shatter-zones" zerbrochener Imperien manifestierten, insbesondere aber auch in der Revolution in Russland, ohne die sich nach Gerwarth und Horne der europäische Paramilitarismus der Zwischenkriegszeit nicht verstehen lässt. "Revolution, imperial collapse, ethnic conflict" (S. 7) sind daher die drei analytischen Schlagworte des Bandes, die, zumeist in enger Verbindung miteinander stehend, in den folgenden Beiträgen eine zentrale Rolle beim Verstehen der betrachteten Gewalt spielen.

Die ersten fünf der folgenden zwölf Beiträge sind unter der Überschrift "Revolution und Gegenrevolution" zusammengefasst. William G. Rosenberg macht mit einer Betrachtung paramilitärischer Gewalt im Russischen Bürgerkrieg zwischen 1918 und 1920 den Anfang. Er zeigt, welch zentrale Rolle die Erfahrung extremer Knappheit lebensnotwendiger Güter für die um sich greifende Etablierung "irregulärer" Gewaltformationen bereits vor dem endgültigen Durchbruch der Bolschewiki spielte und wirft die Frage auf, ob die Betrachtung und Untersuchung der Gewalt der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg als paramilitärische Gewalt überhaupt Erkenntnisgewinn verspricht, oder ob ihre Bedeutung zum Verständnis der Gewalt in Europa der Zwischenkriegszeit nicht eher darin liegt, als Begründung und Schablone für die Gewalt antibolschewistischer Kräfte gedient zu haben. Nachfolgend untersuchen Robert Gerwarth und John Horne, wie ähnlich die angebliche "bolschewistische Gefahr" in den Sieger- wie Verliererländern des Weltkrieges imaginiert wurde. Sie zeigen, wie diese Angstfantasien vor dem revolutionären Klassenkampf insbesondere bei den Kriegsverlierern oft als Triebfeder und Begründung paramilitärischer Gewalt dienten, aber auch, wie sie unter anderen Voraussetzungen, beispielsweise in Frankreich, systemstabilisierend wirken konnten. Im nächsten, leider viel zu knapp ausgefallenen Kapitel zeichnet Gerwarth die Konturen eines transnationalen, antibolschewistischen Netzwerkes vor allem deutscher, ungarischer und österreichischer – aber auch finnischer, russischer sowie italienischer – Paramilitärs nach, die trotz teils erheblicher ideologischer Differenzen im Detail, über das gemeinsame Feindbild des "Jüdisch-Slawischen-Bolschewisten" jederzeit untereinander anschlussfähig blieben und in der Praxis rege miteinander kooperierten. Dem Bürgerkrieg in Finnland widmet sich der ausführliche Beitrag von Pertti Haapala und Marko Tikka, die zeigen, dass die erhebliche und rapide Brutalisierung dieses Konfliktes weniger auf den direkten Einfluss der Russischen Revolution als vielmehr auf indigene Faktoren zurückzuführen war. Sie arbeiten in deutlicher Abgrenzung zur "Brutalisierungsthese"[3] – also der Idee, dass die aus dem Weltkrieg heimgekehrten Soldaten die Politik der Nachkriegsgesellschaften maßgeblich brutalisiert hätten – zudem überzeugend heraus, dass es für die Eskalation eines Bürgerkrieges eben nicht der Kriegsteilnahme oder anderer gewalttätiger Vorerfahrungen bedurfte. Den Abschluss des ersten Blocks bildet Emilio Gentiles Kapitel zur Genese und Etablierung paramilitärischer faschistischer Gewaltstrukturen in Italien in den Jahren 1919 bis 1923. Gentile liefert dabei eine luzide Darstellung dieser Entwicklung, die allerdings stellenweise etwas zu deskriptiv daherkommt.

Teil zwei des Bandes unter dem Titel "Nationen, Grenzgebiete und ethnische Gewalt" wird durch einen Beitrag von Serhy Yekelchyk zum Ukrainischen Bürgerkrieg eröffnet, der die traditionelle Narration der "Ukrainischen Revolution" als Nationenbildungsprojekt kritisch hinterfragt und stattdessen den zumeist stark lokalen und den oft wenig ideologischen Charakter der Gewaltakteure in der Ukraine aufzeigt. Im Anschluss daran untersucht Tomas Balkelis paramilitärische Bewegungen in den baltischen Staaten und fragt dabei nach dem Zusammenhang zwischen Nationalstaatenbildung, Paramilitarismus und Weltkrieg. Dabei stellt er fest, dass die baltischen Paramilitärs den Staatsbildungsprozessen durch ihre zentrale Rolle eine ungleich militärischere Form als anderswo verliehen, aber durch ihre Verpflichtung auf die Nation – und nicht notwendigerweise auf den Staat – problematische Taufpaten der jungen baltischen Staaten blieben. John Paul Newman wendet den Blick auf den Balkan und zeigt sehr überzeugend, wie bereits vor dem Ersten Weltkrieg etablierte paramilitärische Traditionen nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches noch einmal an Fahrt gewannen und wie sich hier transnationale paramilitärische Netzwerke herausbildeten, die im Zweiten Weltkrieg eine unrühmliche Renaissance erlebten. Danach schildert Uğur Ümit Üngör die Entstehungsgeschichte verschiedener paramilitärischer Verbände im kollabierenden Osmanischen Reich und zeigt deren erheblichen – und langlebigen – Einfluss auf die Mentalität zentraler Führungspersonen des türkischen Staates auf. In einem der stärksten Beiträge des Bandes zeigt danach Julia Eichenberg für zwei Kerngebiete des „Nachkrieges“ – Irland und Polen – dass auch hier das Erklärungsmuster der unmittelbaren Kontinuität der Gewalt vom Welt- zum Bürgerkrieg mehr verdeckt als erhellt, indem sie den Blick auf untypische Paramilitärs – Frauen und Kinder – lenkt. Insbesondere ihre hellsichtige Analyse der in beiden Ländern auf den Bürgerkrieg folgenden damnatio memoriae der weiblichen Kombattanten ist ein starkes Plädoyer dafür, traditionell männlich geprägte Vorstellungen von Paramilitarismus auch für andere Zusammenhänge viel kritischer zu prüfen. Auch Anne Dolan hinterfragt mit ihrem direkt anschließenden Blick auf die Gewaltkultur britischer Streitkräfte in Irland – sowohl regulärer Truppen als auch irregulärer Kräfte wie den "Black and Tans" – die Brutalisierungsthese und zeigt, dass eine Ausdehnung der Betrachtung weg von einem engen Verständnis von Paramilitarismus und hin zu einer Betrachtung von "paramilitärischem Verhalten" die Frage vom angeblich unterentwickelten Paramilitarismus für Großbritannien eventuell noch einmal neu stellen würde, da sich alle dort eingesetzten Truppen faktisch ähnlich verhielten. Den interessanten Endpunkt des Bandes setzt John Horne. Sein als Gegenbeispiel zu den vorangehenden intendierter Beitrag zeigt auf, welche Faktoren und spezifischen Gemengelagen eine Rolle spielten, um einen europäischen Staat – hier ist es Frankreich – nach dem Weltkrieg eben nicht in paramilitärischer Gewalt versinken zu lassen.

Der insgesamt sehr gelungene Band liefert insbesondere da, wo er die Möglichkeiten der transnationalen und vergleichenden Analyse voll nutzt, äußerst interessante und anregende Denkanstöße für die weitere Beschäftigung mit paramilitärischen Strukturen. Durch die sehr gelungenen Einleitung bietet der Band zudem einen exzellenter Einstiegspunkt für jeden, der sich neu in das Feld "Paramilitarismus der Zwischenkriegszeit" einlesen möchte – einzig das Fehlen eines Literaturverzeichnisses macht sich störend bemerkbar. Angesichts von "War in Peace" darf man sich jetzt schon auf den von den Herausgebern angekündigten nächsten Band freuen, welcher sich dann mit der Rolle europäischer Paramilitärs in außereuropäischen Kontexten beschäftigen soll.

Anmerkungen:
[1] Andreas Wirsching / Dirk Schumann(Hrsg.), Violence and Society after the First World War, München 2003.
[2] Donald Bloxham, The Final Sollution: A Genocide, Oxford 2009.
[3] George L. Mosse, Fallen Soldiers: Reshaping the Memory of the World Wars, Oxford 1990.

ZitierweiseStefan Dölling: Rezension zu: Gerwarth, Robert; Horne, John (Hrsg.): War in Peace. Paramilitary Violence in Europe after the Great War. Oxford 2012, in: H-Soz-Kult, 16.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-042>.

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