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Zeitgeschichte (nach 1945)

H. Ehrhardt u.a. (Hrsg.): Energie in der modernen Gesellschaft

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Titel:Energie in der modernen Gesellschaft. Zeithistorische Perspektiven
Herausgeber:Ehrhardt, Hendrik; Kroll, Thomas
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-30030-5
Umfang/Preis:286 S.; € 37,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Sonja Petersen, Historisches Institut, Universität Stuttgart
E-Mail: <sonja.petersenhi.uni-stuttgart.de>

Täglich nutzen wir verschiedene Energieformen – unter anderem zur Fortbewegung, zum Heizen, Kochen, Beleuchten, zur Arbeit am Computer etc. Lange schien es so, als ob Energie uneingeschränkt vorhanden sei. Aber die Endlichkeit der meisten Energieträger und die mit ihnen verbundenen Risiken sind in den letzten Jahren (erneut) verstärkt ins Bewusstsein gerückt, nicht zuletzt durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Zahlreiche Subdisziplinen der Geschichtswissenschaft beschäftigen sich schon seit den 1980er-Jahren mit der Produktion, Distribution und Nutzung von Energie. So untersuchte Thomas P. Hughes die Elektrifizierung dreier Städte um 1900[1], und Matthias Heymann erforschte die Geschichte der Windenergienutzung.[2] Konsumhistorisch orientierte Studien widmen sich der Haushaltstechnisierung und energieverbrauchenden Geräten, wie unter anderem die Arbeiten von Martina Heßler.[3]

Nach dem Verhältnis von Energie und Gesellschaft fragt aus allgemeinerer Perspektive nun der vorliegende interdisziplinäre Sammelband, der auf die Tagung „Elektrizität als Energieform im Übergang von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Jahr 2009 zurückgeht.[4] Die Herausgeber Hendrik Ehrhardt und Thomas Kroll verstehen ihren Band als einen „Beitrag zur Historisierung des geschichtlich gewachsenen Umgangs mit (elektrischer) Energie und deren politischer, kultureller und sozialer Rolle in der Bundesrepublik Deutschland im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts“ (S. 6). Im Fokus stehen die Entwicklungen in der Bundesrepublik von den 1970er-Jahren, die als Umbruch bezüglich des Umgangs mit Energie insgesamt angesehen werden, bis zu den 1990er-Jahren. Die Autorinnen und Autoren untersuchen den Wandel der Wahrnehmung und Bedeutung von Energie sowie den Prozess ihrer Erzeugung, Verbreitung und Nutzung. Der Sammelband gliedert sich in drei thematische Teile: „Konzeptualisierungen von Energie“ (I), „Erzeugung, Verbreitung und Nutzung von Energie“ (II) sowie „Energie im Spannungsfeld von politischer Legitimität, Ökonomisierung und Ökologisierung“ (III).

In Teil I plädiert Dirk van Laak dafür, Elektrizität als historische Kraft zu begreifen, die kulturell geprägt sei und nicht ohne weiteres in andere Kulturen übertragen werden könne. Elektrizität sei zur „idealen Begleittechnologie für die fortschreitende gesellschaftliche Ausdifferenzierung, Demokratisierung und Pluralisierung“ geworden (S. 18). Van Laak verdeutlicht die räumlichen (zum Beispiel Staudämme) und politischen (zum Beispiel Krafterzeugung) Dimensionen von Energie. Rüdiger Graf bietet einen fundierten Überblick zum Begriff und Phänomen der Energie „als Medium der Gesellschaftsbeschreibung“. Die Bedeutung von Energie für die Konzeptualisierung von Gesellschaft, so wird deutlich, war und ist immens. Wie Thomas Kroll zeigt, erfuhr der Energiebegriff in den 1970er- und 1980er-Jahren während der Debatte um die friedliche Nutzung der Kernenergie einen Wandel; die Evangelische Kirche ist dabei als zivilgesellschaftlicher Akteur in der politischen Auseinandersetzung anzusehen. Die innerkirchliche Debatte verknüpfte in der Bundesrepublik „die politische und gesellschaftliche ‚Konzeptualisierung‘ von Energie“ (S. 94) mit der Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur und Umwelt sowie der „Rettung der gesamten Schöpfung“ (S. 114). Dirk Schaal spürt dem Wandel der Wahrnehmung und Bedeutung von Elektrizität in den vergangenen 200 Jahren anhand zeitgenössischer Bilder nach. Er diskutiert die Symbolgeschichte der Elektrizität und betont den Rückbezug auf einen gemeinsamen Bildhorizont. Die Durchsetzung und Nutzung der Elektrizität spiegelt sich in ihrer Ikonographie wider: von der Darstellung ihrer Wirkung über Allegorien bis zur Darstellung des Realen und der Unternehmen. Aus landschaftsarchitektonischer Perspektive untersucht Sören Schöbel den Zusammenhang von Landschaft und Energiegewinnung am Beispiel der erneuerbaren Energien. So müssten Windenergieparks als „Grundlage einer neuen gesellschaftlichen Konzeption von Landschaft“ gesehen werden (S. 71).

Mario Neukirch betont in Teil II die Bedeutung des gesellschaftlichen Kontexts für die Durchsetzung von Windkraft und fragt danach, wie sich „die Windanlagentechnik von einem Bastlerprojekt zu einer international anerkannten ‚proven technology‘“ entwickeln konnte (S. 150). In seiner international vergleichenden Studie verdeutlicht Neukirch überzeugend, wie der jeweilige gesellschaftliche Kontext zum Erfolg bzw. Misserfolg der Windenergie führte. So waren es in Dänemark vor allem Akteure aus der Zivilgesellschaft, Bastler und Handwerker, die ihre unterschiedlichen Fähigkeiten in die Produktion kleiner Anlagen einbrachten und so zur Entstehung eines Nischenmarkts für Windanlagen beitrugen. Ebenfalls mit regenerativen Energien beschäftigt sich Gerhard Mener, der die Entwicklung der Nutzung von Solarthermie und Photovoltaik nachzeichnet. Insbesondere die Solarenergie konnte im 20. Jahrhundert nicht als ernstzunehmende Alternative zu fossilen Primärenergieträgern etabliert werden, denn „das notwendige Erfahrungslernen“ (S. 185) wurde bis Mitte der 1980er-Jahre unterschätzt. Peter Döring schildert die Regulierungsdebatte im Zuge des Energiewirtschaftsgesetzes von 1935. Er hält fest, dass das Gesetz „erstmals eine umfassende reichsrechtliche Regel der Elektrizitäts- und Gasversorgung“ darstellte (S. 143). Es bekräftigte zudem die wachsende technologische und gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Energie- und Elektrizitätsversorgung.

Holger Nehring widmet sich in Teil III dem „Atomzeitalter“ und der „Macht des ‚Atoms‘“ (S. 223), die zunächst kaum fassbar war. Nehring zeigt einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, der sich um vier grundlegende Parameter der Geschichte des 20. Jahrhunderts drehte: Utopie, Wohlstand, Technologie und Gewalt. Alexandra von Künsberg-Langenstadt betont in ihrem Beitrag über das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung von 1957 dessen immense Bedeutung für die Soziale Marktwirtschaft. Die Regulierung der Elektrizitätswirtschaft bewegte sich „zwischen juristischen, ökonomischen und politischen Determinanten und ist insofern auch Ausdruck menschlichen Handelns und menschlicher Meinung“ (S. 267). Hendrik Ehrhardt beschäftigt sich mit dem Problem der Planbarkeit des Energiebedarfs. Er fragt danach, ob in den 1970er- und 1980er-Jahren ein Wandel für die an Planungssicherheit gewöhnte Elektrizitätswirtschaft einsetzte, und untersucht den Begriff der Planung, der als „die Machbarkeit der Zukunft“ aufgefasst wurde (S. 194). Nicht die Nachfrage nach Energie, sondern das mögliche Angebot war für die Elektrizitätswirtschaft bis in die 1980er-Jahre ausschlaggebend. „Wandel und Persistenz“ in der Energiepolitik der 1970er-Jahre untersucht Cornelia Altenburg. Sie betrachtet die Enquete-Kommission „Zukünftige Kernenergie-Politik“ als Wendepunkt, an dem der Bundestag als Akteur „auf die Bühne der Energiepolitik“ getreten sei (S. 262).

Insgesamt bietet der Sammelband einen fundierten Überblick zur Entwicklung der Energieproduktion, -distribution und -nutzung in der Bundesrepublik. Ein Hinweis auf die ausgewählte Energieform der Elektrizität schon im Titel sowie eine ausführlichere Begründung dieser Wahl in der Einleitung wären hilfreich gewesen. Insbesondere vor dem Hintergrund des sich wandelnden Verhältnisses zur Ressource Öl im Untersuchungszeitraum ist es irritierend, dass hier von „Energie“ die Rede ist, während letztlich allein „Elektrizität“ gemeint ist. Die in der knappen Einleitung angeführten eigentlichen Nutzer der Energie spielen zudem eine untergeordnete Rolle. Es wäre interessant gewesen, die in den einzelnen Beiträgen thematisierten gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse in der Einleitung stärker zu diskutieren und so die Verbindung zwischen den thematisch heterogenen Beiträgen noch deutlicher hervorzuheben. Unabhängig von diesen Bemerkungen bietet der Band eine Reihe nützlicher Anregungen, um über den Stellenwert und den Bedeutungswandel von „Energie in der modernen Gesellschaft“ weiter nachzudenken.

Anmerkungen:
[1] Thomas P. Hughes, Networks of Power. Electrification in Western Society, 1880–1930, Baltimore 1983.
[2] Matthias Heymann, Die Geschichte der Windenergienutzung 1890–1990, Frankfurt am Main 1995.
[3] Martina Heßler, „Mrs. Modern Woman“. Zur Sozial- und Kulturgeschichte der Haushaltstechnisierung, Frankfurt am Main 2001.
[4] Siehe auch den Bericht von Nina Lorkowski, 18.1.2010: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2956> (11.9.2012).

ZitierweiseSonja Petersen: Rezension zu: Ehrhardt, Hendrik; Kroll, Thomas (Hrsg.): Energie in der modernen Gesellschaft. Zeithistorische Perspektiven. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 25.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-183>.

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