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Zeitgeschichte (nach 1945)

S. Heinemann: Frauenfragen sind Menschheitsfragen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Kirsten Heinsohn <xhq643hum.ku.dk>
Autor(en):
Titel:»Frauenfragen sind Menschheitsfragen«. Die Frauenpolitik der Freien Demokratinnen von 1945 bis 1963
Ort:Sulzbach/ Taunus
Verlag:Ulrike Helmer Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-89741-337-5
Umfang/Preis:496 S.; € 49,95

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Angela Pitzschke, Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel
E-Mail: <APitzschkeaol.com>

Die Dissertation von Sylvia Heinemann hat das politische Wirken der FDP-Politikerinnen in der ersten Phase der Umsetzung von Art. 3 Abs. 2 des Grundgesetzes (GG) („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“) zum Thema. Die Untersuchung konzentriert sich auf die Erfahrungen der Freien Demokratinnen, die inhaltlichen Konzepte der von ihnen vertretenen Frauenpolitik und die politischen Strategien zu deren Umsetzung. Die Arbeit stützt sich auf zwei unterschiedliche Quellengattungen: Zum einen wurden „Erinnerungsinterviews“ mit neun FDP-Politikerinnen durchgeführt, zum anderen wurde der Aktenbestand der Frauenorganisation der FDP im Archiv des Deutschen Liberalismus sowie Nachlässe von Politikerinnen, zum Teil aus Privatbesitz, ausgewertet. Die Interviews wurden mit Hilfe eines relativ offen gehaltenen Leitfadens durchgeführt und mit dem durch die Analyse der schriftlichen Quellen gewonnenen Material konfrontiert. Diese Rückkoppelung sollte einer Mythenbildung, wie sie bei ausschließlich auf Interviews basierenden Arbeiten auf Grund der selektiven Erinnerungsmechanismen der Befragten vorkommen kann, entgegenwirken.

Die Arbeit schließt eine Lücke in der historischen Frauenforschung in dreifacher Hinsicht: Zum einen richtete sich das Forschungsinteresse bezüglich der historischen Frauenbewegung bisher vorwiegend auf Frauenverbände, weniger auf in Parteien engagierte Frauen und parteipolitische Frauengruppen. Zum anderen gab es darüber hinaus bisher keine ausführliche systematische Untersuchung über die Freien Demokratinnen, während über die Christdemokratinnen[1] und die Sozialdemokratinnen[2] immerhin einige (wenige) Untersuchungen vorliegen. Drittens ist gerade die Zeit nach 1949 wenig erforscht. Die meisten Arbeiten konzentrieren sich auf die Phase zwischen 1945 und 1949 mit der Entstehung des Grundgesetzes und der grundgesetzlichen Verankerung der Gleichberechtigung, die häufig als frauenpolitischer „Aufbruch“ betrachtet wird. Die Phase nach 1949 - und damit die Frage der politischen Umsetzung der Gleichberechtigung - ist hingegen kaum erforscht. Vielmehr wurden die 1950er-und frühen 1960er-Jahre als frauenpolitische Restaurationsphase beurteilt. Sylvia Heinemann stellt wie Karin Gille-Linne[3] diese Dichotomie in Frage. Im Unterschied zu Karin Gille-Linne betont Heinemann die Bedeutung der Frauenproteste, die die Debatte über das Grundgesetz begleiteten, besonders hinsichtlich der Netzwerk-Arbeit der nicht im parlamentarischen Rat vertretenen Freien Demokratinnen. Der aus heutiger Sicht aufgestellten These einer frauenpolitischen „Flaute“ nach 1949 stellt Sylvia Heinemann eine Analyse aus der zeitgeschichtlichen Situation heraus entgegen. Sie weist überzeugend und materialreich nach, dass Politikerinnen, Juristinnen und Frauenverbände sich engagiert für die Umsetzung von Artikel 3, Absatz 2 GG in Gesetzgebung und Alltag einsetzten. Dabei geht sie über die Arbeit der eng mit den Frauenverbänden verbundenen Freien Demokratinnen hinaus und vergleicht diese mit den Positionen der Christ- und Sozialdemokratinnen - mit überraschenden Ergebnissen. So finden sich zwischen den Politikerinnen der SPD und der FDP Gemeinsamkeiten bis in die Formulierungen hinein, die meines Erachtens die Frage aufwerfen, inwiefern bereits hier sich die spätere Sozial-Liberale Koalition anbahnte. Aber auch bezüglich der CDU-Frauen wird gezeigt, dass diese in frauenpolitischen Fragen in ihrer Mehrheit weit weniger konservativ waren, als bislang dargestellt.

Die Arbeit beginnt mit sieben Einzelanalysen, in denen im Vergleich zu vorliegenden Biographien[4] die größere Bedeutung politischer „Ziehväter“ auffällt. Hervorzuheben ist, dass hier erstmals eine größere Anzahl von Biographien von FDP-Frauen gesammelt vorgestellt wird, unter Einschluss von inzwischen fast vergessenen Politikerinnen, zum Beispiel den Bundestagsabgeordneten Emmy Diemer-Nicolaus und Hedda Heuser-Schreiber.

Anschließend werden die Organisationsgeschichte und die Rahmenbedingungen der frauenpolitischen Arbeit in der FDP dargestellt. Dazu gehören der Aufbau der FDP-Frauenorganisation, ihre Verbindungen mit überparteilichen Frauenverbänden und die frauenpolitische Programmatik der FDP. Es folgt eine Auseinandersetzung mit der „Gleichberechtigung von Frauen in der Politik“. Hier geht es um politische Zielbestimmungen, Frauenanteile in den Parlamenten und den Ausbau der Frauenarbeit der FDP, den Generationswechsel unter den FDP-Politikerinnen sowie nicht zuletzt um die ständigen Schwierigkeiten der Freien Demokratinnen, in der Gesamtpartei anerkannt zu werden, bis zur Auflösung der Frauenorganisation 1966 und dem Wegfall von Schutzklauseln im Rahmen der Ideologie einer „freien Konkurrenz“ von Mann und Frau mit fatalen Folgen für die Repräsentanz von Frauen.

Die beiden interessantesten Teile der Arbeit behandeln die Konkretisierung der Gleichberechtigung im Familienrecht und die Auseinandersetzungen um die Erwerbstätigkeit von Frauen einschließlich der Problematik der Besteuerung erwerbstätiger Ehefrauen. Am Beispiel der Familienrechtsreform wird deutlich gemacht, dass die 1950er-und frühen 1960er-Jahre keineswegs eine Phase geringer frauenpolitischer Aktivität waren, es vielmehr einer zähen kontinuierlichen Arbeit bedurfte, um ein Familienrecht durchzusetzen, das in den Kernpunkten der Entscheidungsgewalt in Ehe und Familie sowie im Güterrecht grundlegende Reformen enthielt, wenn es auch in anderen Punkten (zum Beispiel in der Verpflichtung der Frau zur Führung des Haushalts) hinter den Erwartungen nicht nur der FDP-Politikerinnen zurückblieb. Der These Sylvia Heinemanns, dass „die Durchsetzung grundlegender Veränderungen im BGB [...] nur durch eine Interessenallianz zustande kam, der nicht nur Frauen und Männer der SPD angehörten, sondern auch die FDP-Frauen und ein progressiver, primär von Schwarzhaupt präsentierter Flügel der CDU-Frauen“ (S. 300), ist uneingeschränkt zuzustimmen. Auch die Unterschiede zwischen den Parteien, ihren Frauenorganisationen und innerhalb dieser werden genau nachgezeichnet. Diese analytische Tiefe geht weit über ältere Arbeiten hinaus.[5] Es ist das Verdienst Sylvia Heinemanns, erstmals eine fundierte Darstellung und Analyse der Familienrechtsreform der 1950er-Jahre vorgelegt zu haben.

Die Frage der Gleichberechtigung der Frau im Alltag wird am Beispiel der Diskurse der 1950er-und frühen 1960er-Jahre um „Doppelverdiener“, „Zuverdiener“ und „Halbtagskräfte“ geführt. Hier wird vor dem Hintergrund der Veränderung der zeitgenössischen Auffassungen im Verlauf des „Wirtschaftswunders“ in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung die Position der FDP-Frauen nachgezeichnet, die sich im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch auf Gleichberechtigung und der Realität der Mehrfachbelastung berufstätiger Frauen und Mütter verorten mussten und in der Favorisierung der Teilzeitarbeit versuchten, dieses Dilemma zu lösen. Diese Diskussion verlief bei den Sozialdemokratinnen ganz ähnlich, während die Christdemokratinnen am längsten am Leitbild der Hausfrauen-Ehe festhielten. Ebenso wird die Diskussion um die Besteuerung von Ehepartnern, die eng mit der Frage der Erwerbstätigkeit von Ehefrauen und Müttern verknüpft war, detailliert und kenntnisreich nachvollzogen. Auch hier leistet Sylvia Heinemann Pionierarbeit. Insgesamt handelt es sich um eine sehr gelungene Arbeit.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Petra Holz, Zwischen Tradition und Emanzipation. CDU-Politikerinnen in der Zeit von 1945 bis 1957, Königstein im Taunus 2004.
[2] Vgl. z.B. Gisela Notz, Frauen in der Mannschaft. Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49 bis 1957, Bonn 2003; Dies., Mehr als bunte Tupfen im Bonner Männerclub. Sozialdemokratinnen im Deutschen Bundestag 1957 – 1969, Bonn 2007. Als systematische Untersuchungen seien genannt: Karin Gille-Linne, Verdeckte Strategien. Herta Gotthelf, Elisabeth Selbert und die Frauenarbeit der SPD 1945-1949, Bonn 2011; Heike Meyer-Schoppa, Zwischen „Nebenwiderspruch“ und „revolutionärem Entwurf“. Emanzipatorische Potenziale sozialdemokratischer Frauenpolitik 1945-1949, Herbolzheim 2004; sowie Barbara Böttger, Das Recht auf Gleichheit und Differenz. Elisabeth Selbert und der Kampf der Frauen um Art. 3 II Grundgesetz, Münster 1990.
[3] Vgl. Karin Gille-Linne, Verdeckte Strategien, S. 276 ff.
[4] Vgl. z.B. die Bände von Gisela Notz (s. FN 2), ebenso Angela Pitzschke, Frauenleben und Frauenpolitik. Lebensgeschichte und politisches Engagement von Frauen der politischen Linken in der Nachkriegszeit, dargestellt am Beispiel Kassels, Pfaffenweiler 1994.
[5] Vgl. Marianne Feuersenger, Die garantierte Gleichberechtigung, Freiburg im Breisgau 1980.

ZitierweiseAngela Pitzschke: Rezension zu: Heinemann, Sylvia: »Frauenfragen sind Menschheitsfragen«. Die Frauenpolitik der Freien Demokratinnen von 1945 bis 1963. Sulzbach/ Taunus 2012, in: H-Soz-u-Kult, 13.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-132>.

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