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Europäische Geschichte

B. Kuzmany: Brody. Eine galizische Grenzstadt im langen 19. Jahrhundert

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Stachel <peter.stacheloeaw.ac.at>
Autor(en):
Titel:Brody. Eine galizische Grenzstadt im langen 19. Jahrhundert
Ort:Wien
Verlag:Böhlau Verlag Wien
Jahr:
ISBN:978-3-205-78763-1
Umfang/Preis:406 S.; € 35,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Kai Struve, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
E-Mail: <kai_struveweb.de>

Die Stadt Brody dürfte einer deutschsprachigen Öffentlichkeit heute allenfalls noch als Geburtsstadt des Schriftstellers Joseph Roth bekannt sein. Von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte Brody aber zu den wichtigsten ostmitteleuropäischen Handelsstädten von europaweiter Bedeutung. Schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte sich die in der heutigen Westukraine gelegene Stadt zum bedeutendsten Warenumschlagplatz im Südosten des polnisch-litauischen Staates entwickelt. Die Magnatenfamilie der Potockis, in deren Besitz sich Brody seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts befand, bemühte sich erfolgreich um den weiteren Ausbau des von Brodyer Kaufleuten abgewickelten internationalen Fernhandels. Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte aus Russland, dem Südosten des polnisch-litauischen Staates und aus dem Osmanischen Reich wurden über Brody nach Westen exportiert, während aus dem Westen Manufakturwaren weiter in den Osten und Südosten vermittelt wurden. Die wichtigsten Partnerstädte für Brodys Handel waren im Westen Leipzig und im Osten Berdyčiv und später Odesa.

Charakteristisch für Brody war, dass die ökonomische Rolle der Stadt eng mit der Tätigkeit jüdischer Händler verbunden war. Sie stellten die weit überwiegende Mehrheit der größeren und kleineren Händler in der Stadt. Nach 1772, als Brody mit der ersten Teilung Polens von Österreich annektiert wurde, galt Brody mit einem Anteil von Juden von ungefähr 80 Prozent an den Einwohnern als die jüdischste Stadt der Habsburgermonarchie. Später sank der Anteil der Juden an den Einwohnern auf ungefähr zwei Drittel. Dies änderte jedoch nichts daran, dass Brody weiterhin in der Monarchie und in Galizien trotz des hohen Bevölkerungsanteils von Juden, den auch die meisten anderen galizischen Städte aufwiesen, in dieser Hinsicht außergewöhnlich war. Bis in die 1820er-Jahre hinein befand sich in Brody auch in absoluten Zahlen die größte jüdische Gemeinde Galiziens. Als internationale Handelsstadt, die über weitreichende Verbindungen verfügte und in der Stadt eine Schicht wohlhabender Händler entstehen ließ, wurde Brody im Jahrhundert seiner Blüte auch zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, das vor allem zur Verbreitung des Gedankenguts der deutsch-jüdischen Aufklärung im östlichen Europa beitrug.

Brody, das den Höhepunkt seiner Bedeutung am Anfang des 19. Jahrhunderts erreichte, erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allerdings einen raschen Niedergang und war am Anfang des 20. Jahrhunderts nur mehr eine von zahlreichen galizischen Provinzstädten. An den Anfang seiner Studie stellt Börries Kuzmany daher die Frage, ob es sich bei Brody um eine „Misserfolgsgeschichte“ handle. Er beschränkt sich allerdings nicht auf eine Diskussion der Gründe für Brodys ökonomischen Aufstieg und Fall, sondern setzt sich ebenfalls mit politik-, sozial-, und kulturgeschichtlichen Dimensionen der Geschichte Brodys auseinander.

Aber auch Kuzmany beginnt mit einer Diskussion der Gründe für den ökonomischen Aufstieg und Niedergang Brodys. Eine erste kritische Phase in der ökonomischen Entwicklung entstand durch die erste Teilung Polens, durch die Brody zu einer Grenzstadt zwischen dem Habsburgerreich und Polen und später – nach den weiteren Teilungen Polens – zum Russländischen Reich wurde. Die neuen Grenzen durchschnitten Brodys bisherige Handelsverbindungen und Zollschranken drohten den Ost-West-Handel zum Erliegen zu bringen. Den Brodyer Kaufleuten gelang es jedoch, für die Stadt ein Freihandelsprivileg zu erlangen, das Waren, die im Transithandel von Ost nach West und umgekehrt über Brody geführt wurden, von Ein- und Ausfuhrzöllen entband. Mit dem Instrument der Freihandelszone, das es in der Monarchie bis dahin nur für Hafenstädte gegeben hatte, verzichtete der österreichische Staat zwar auf Zolleinnahmen, sicherte aber Brodys Stellung als zentraler Warenumschlagplatz und die damit verbundenen Einnahmen.

Schon im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts stagnierte der Brodyer Handel, um dann in den folgenden Jahrzehnten rasch niederzugehen. Die Gründe dafür sieht Kuzmany vor allem in verbesserten Kommunikations- und Transportmitteln, die die vermittelnden Dienstleistungen der Brodyer Kaufleute überflüssig gemacht und außerdem dazu geführt hätten, dass sich die Handelsrouten änderten. Schließlich wurde 1880 auch das Freihandelsprivileg aufgehoben. Trotz des zeitweise in Brody vorhandenen beträchtlichen Handelskapitals gab es auch hier wie in den meisten Teilen Galiziens keine dauerhaften Ansätze der Industrialisierung, die den Niedergang des Handels in ökonomischer Hinsicht hätten kompensieren können. In Brody waren die Bedingungen für den Aufbau größerer Produktionsstätten besonders ungünstig, da in der Freihandelszone der Konkurrenzdruck durch die zollfreien Einfuhrmöglichkeiten besonders groß und der Absatz in Österreich erschwert war.

In einem zweiten großen Abschnitt setzt Börries Kuzmany sich vorwiegend mit den sozial- und politikgeschichtlichen Aspekten der Geschichte Brodys auseinander. Er zeigt, dass Juden hier auch schon vor den Reformen der 1860er-Jahre unter Nichtbeachtung diskriminierender gesamtstaatlicher Vorschriften weitgehend gleichberechtigt an der Verwaltung der Gemeinde Brody beteiligt waren. Offenbar sahen es weder die christlichen Bevölkerungsgruppen noch die galizische Verwaltung als wünschenswert oder möglich an, den sowohl zahlenmäßig wie ökonomisch vorherrschenden Teil der Einwohnerschaft auszuschließen.

Relativ ausführlich behandelt die Studie das Schulwesen der Stadt und die Auseinandersetzungen um die Unterrichtssprache. In Galizien gab es am Ende des 19. Jahrhunderts nur noch zwei Gymnasien mit deutscher Unterrichtssprache, eines davon befand sich in Brody, das zweite in Lemberg. Die anderen schon länger bestehenden, höheren Schulen waren schon im Zuge der zunehmenden Polonisierung des öffentlichen Lebens in Galizien seit Ende der 1860er-Jahre zu Polnisch als Unterrichtssprache übergegangen. Offenbar hielt sich in Brody vor dem Hintergrund des starken jüdischen Einflusses besonders lange eine übernationale Identifikation mit der Monarchie.

Gegenüber diesen Schwerpunkten der Darstellung behandelt Kuzmany Prozesse gesellschaftlicher Modernisierung in Brody in den letzten Jahrzehnten der Existenz der Habsburgermonarchie, wie sie sich in der Entstehung politischer Parteien und der Entwicklung des Vereinswesens zeigten, nur relativ knapp. Hier wäre eine etwas tiefergehende Behandlung wünschenswert gewesen. Ausführlicher geht Kuzmany hingegen Wahrnehmungen Brodys durch Reisende am Ende des 18. und während des 19. Jahrhunderts, in der Literatur und in Erinnerungen und populären Darstellungen während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach. Anhand der Reiseberichte kann die Studie zeigen, dass Brody meist vor einer Folie des unzivilisierten, rückständigen Ostens gedeutet wurde. Entweder erschien es aus dem Westen kommenden Reisenden als Verkörperung des Ostens oder aber Reisenden, die bei Brody die Grenze überschritten, als gewissermaßen letzter bzw. erster Vorposten des Westens, bevor jenseits der Grenze der eigentliche Osten begann.

Insgesamt handelt es sich um eine sehr gelungene Studie zur Geschichte der Stadt Brody. Diese Stadt wies zwar zahlreiche außergewöhnliche Züge auf, ihre Geschichte vermag aber gleichwohl größere Fragen und Probleme der Geschichte Ostmitteleuropas im 19. Jahrhundert zu verdeutlichen. Die Studie leistet hier vor allem einen Beitrag zu wirtschaftsgeschichtlichen Fragen und zur Geschichte der Juden und ihrer Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt.

ZitierweiseKai Struve: Rezension zu: Kuzmany, Börries: Brody. Eine galizische Grenzstadt im langen 19. Jahrhundert. Wien 2011, in: H-Soz-u-Kult, 18.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-162>.

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