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Frühe Neuzeit

C. Ulbrich u.a. (Hrsg.): Selbstzeugnis und Person

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Stefan Gorißen <stefan.gorissenuni-bielefeld.de>
Titel:Selbstzeugnis und Person. Transkulturelle Perspektiven
Reihe:Selbstzeugnisse der Neuzeit 20
Herausgeber:Ulbrich, Claudia; Medick, Hans; Schaser, Angelika
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:978-3-412-20853-0
Umfang/Preis:431 S.; € 54,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Johanna Gehmacher, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien
E-Mail: <Johanna.Gehmacherunivie.ac.at>

Selbstzeugnisse sind bedeutsame und komplexe kulturelle Artefakte, die in den unterschiedlichsten historischen und kulturellen Kontexten produziert und wirksam werden – dies macht der hier zu rezensierende Sammelband eindringlich sichtbar. Werden doch darin so weit von einander entfernt liegende Dokumente zur Sprache gebracht wie die „Lebensbeschreibung“ eines Basler Schulleiters des 16. Jahrhunderts (Franziska Ziep), der im 17. Jahrhunderts nach der Türkenbelagerung verfasste Fluchtbericht eines niederösterreichischen Knabenchorleiters (Andreas Bähr), die self-narratives nordamerikanischer indigener Konvertiten und Konvertitinnen des 18. Jahrhunderts (Jaqueline van Gent), das mehr als 11.000 Seiten umfassende Tagebuch eines aus Altona stammenden Kaufmanns in Lima, der die Entwicklung Perus im 19. Jahrhundert über viele Jahrzehnte dokumentierte (Christa Wetzel), oder die Bekenntnisschriften japanischer Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg Kriegsverbrechen in China begangen hatten (Petra Buchholz). Gegliedert nach übergreifenden Themenfeldern – „Textstrukturen und Schreibkulturen“ etwa, „Differenzmarkierungen“ oder „Schreiben und Erinnern“ –, diskutiert der multidisziplinär angelegte Band Texte, die sowohl in Europa als auch in den beiden Amerikas, im Osmanischen Reich sowie in Japan im Zeitraum zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert entstanden sind.

Der außerordentlich anregende Band geht auf eine Tagung zum selben Thema zurück, die den Abschluss der mehrjährigen DFG-Forschergruppe zu „Selbstzeugnisse in transkultureller Perspektive“ bildete.[1] Das Projekt hatte sich kritisch differenzierend mit der These von einer engen Verflechtung der Entwicklungen von Individualität und autobiographischem Schreiben auseinandergesetzt und diesem Ansatz die interkulturell perspektivierte „ergebnisoffene Frage nach den in Selbstzeugnissen formulierten Personkonzepten“ gegenübergestellt (S. 21). Im Folgenden werde ich mich auf Fragen zu transkulturellen Zugangsweisen und auf die Herausforderungen der Begriffsbildung im Kontext von Mehrsprachigkeit und Multidisziplinarität konzentrieren.

Das Konzept der Transkulturalität zielt auf Verflechtungen und Hybridisierungen in kulturellen Prozessen, also nicht auf die Grenze zwischen Kulturen, sondern auf Prozesse und Praktiken, die Kulturen miteinander verbinden. Mit Blick auf die hier untersuchten Texte bedeutet dies zuerst einmal die Wahrnehmung von Praktiken des auf das eigene Leben bezogenen Schreibens auch in Zusammenhängen, in denen diese bislang weniger vermutet und gesucht wurden: in nicht-europäischen Kulturen sowie in (post-)kolonialen Kontexten. Darüber hinaus impliziert das Konzept, gerade jene in der Rezeption oftmals ausgeblendeten Formulierungen zu thematisieren, die unterschiedliche kulturelle Zugehörigkeiten der Autoren und Autorinnen zum Ausdruck bringen. Schließlich nehmen die Forscher und Forscherinnen in Anspruch, eine „transkulturelle Arbeitsweise“ entwickelt zu haben – sie kann in transdisziplinärer Zusammenarbeit aber auch in der Verknüpfung von Kenntnissen aus unterschiedlichen Regionen und Epochen bestehen (S. 17). Als ein Beispiel einer solchen Arbeitsweise sei der Beitrag von Elke Hartmann und Gabriele Jancke vorgestellt, der Methoden und Konzepte der Selbstzeugnisforschung zur europäischen Frühen Neuzeit (wie etwa die Frage nach den Schreibabsichten des Exemplum, der Memoria und der Confessio) an die Erinnerungen eines armenischen Revolutionärs im 20. Jahrhundert herantragen. Das Verfahren erscheint zwar auf den ersten Blick sperrig, erweist sich aber als außerordentlich produktiv. So eröffnet die Konfrontation mit den frühneuzeitlichen Konzepten eine kritische Perspektive auf einen modernen, eng mit der Autobiographie verbundenen Begriff der Erfahrung und auf dessen zeit- und kulturgebundene Partikularität (S 33f.). Aus der Frage nach den möglichen Funktionen autobiographischer Texte entwickeln Hartmann und Jancke zum einen den Begriff der vom Autor/der Autorin unterschiedenen autobiographischen Person, die in ihrem spezifischen kulturellen Kontext zu untersuchen ist, zum anderen schlagen sie in Abkehr von einer bloß referentiellen Lektüre autobiographischer Darstellungen vor, diese sowohl im Hinblick auf ihre partizipativen und relationalen Dimensionen als auch auf ihre performative Funktion im Sinne eines doing person hin zu untersuchen (S. 68). Dass mit einer solchen Zugangsweise viele produktive Bezüge zu Philippe Leujeunes für die moderne Autobiographie entwickelter Theorie des autobiographischen Pakts entwickelt werden könnten, deuten die Autorinnen nur an (S. 34) – hier steht ein weites Feld für einen transdisziplinären Dialog offen.

Die Produktivität einer Lektüre von Selbstzeugnissen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten wie auch aus transkultureller Perspektive lässt sich nicht zuletzt an den Texten des Abschnittes „Kulturelle Mehrfachzugehörigkeiten“ zeigen. Die hier diskutierten Beispiele machen Personen sichtbar, die an ihren Selbstentwürfen arbeiten und zugleich bestrebt sind, ihre unterschiedlichen Zugehörigkeiten und Verortungen in ein konsistentes Bild ihrer selbst wie auch ihrer Umgebung zu integrieren. So sind etwa, wie Gesine Karl zeigt, frühneuzeitliche europäische Konvertiten und Konvertitinnen nicht nur damit befasst, sich ihren neuen religiösen Gemeinschaften als „Rechtgläubige“ darzustellen, sie suchen auch nach Verbindungen zwischen ihrem früheren und ihrem neuen Leben, nach „Kontinuitäten über den Konversionsprozess hinaus“ (S. 198). Ulrich Mücke zeigt in einem mehrere Jahrhunderte in den Blick nehmenden Text zu autobiographischem Schreiben und Kolonialismus in Peru, dass der Referenzrahmen der Autoren vom 16. bis ins 20. Jahrhundert außerhalb des eigenen Landes lag: Sie bezogen sich auf die spanische Krone, auf Europa, auf die Weltliteratur und affirmierten auch dort, wo es um das eigene Land ging, die koloniale Hierarchie, aus der heraus sie schrieben. Zwei Texte zum Kontext des Osmanischen Reiches thematisieren Umgangsweisen mit kultureller Differenz: Miltos Pechlivanos diskutiert Aufzeichnungen aus der Berufsgruppe der Dragomanen – mehrsprachig aufgewachsene Übersetzer und Diplomaten, die in einer sich polarisierenden Gesellschaft ihre verschiedenen kulturellen Repertoires einzusetzen suchten. Richard Wittmann untersucht am Beispiel der Memoiren eines Sufi, eines Anhängers des Sufismus, einer asketisch-spritiuellen Strömung des Islam, und Verwaltungsbeamten der osmanischen Armee Umgangsweisen mit dem Eindringen von fremden Gegenständen und Praktiken im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Deutlich wird in all diesen so unterschiedlich gelagerten Beispielen, dass Selbstzeugnisse häufig mit der Verarbeitung von Differenz befasst sind: mit der Integration eines Konzeptes des Selbst, der Person, der Sozietät über kulturelle und zeitliche Brüche hinweg. Die Aufmerksamkeit auf damit verbundene Praktiken gelenkt zu haben, ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst dieses Buches.

Mit der so produktiven begrifflich-konzeptuellen Öffnung, die die Herausgeberinnen und der Herausgeber anregen und vorantreiben, kommen unterschiedlichste Formen und Funktionen des Sprechens der Einzelnen über sich selbst in den Blick. Damit verbindet sich eine Ausweitung der Begrifflichkeiten, die zum Teil dem Gegenstand, zum Teil aber auch theoretischen Entscheidungen geschuldet ist. So greifen manche Autoren und Autorinnen die Begriffe ihrer Quelle auf – „Lebensbeschreibung“ etwa –, andere haben mit Quellenbegriffen wie „Autobiographie“ zu tun, die auch als definiertes literaturwissenschaftliches Genre existieren. Doch auch die analytisch gewählten Begriffe wechseln: Autobiographie, autobiographischer Text, ego-document und self-narrative finden ebenso Verwendung wie das im Titel privilegierte „Selbstzeugnis“. Kommen damit unterschiedliche Schwerpunktsetzungen zum Ausdruck, so zeigt sich darin auch eine Differenz, die zwischen Sprachen ihre Bedeutung entfaltet, wenn etwa das englische self-narrative die narrative Struktur deutlicher hervorhebt als das deutsche Wort Selbstzeugnis. Über alle Differenzen hinweg folgen die Autoren und Autorinnen dieses Bandes freilich einer Übereinkunft: Sie setzen sich, der einleitend formulierten Definition des „Selbstzeugnisses“ entsprechend mit „Texte[n]“ auseinander, in denen „Personen ihr Leben zum Thema machen“ (S. 5). Sowohl orale Traditionen als auch bildliche Selbstdarstellungen sind damit ausgegrenzt. Diese Entscheidung ist pragmatisch sinnvoll – ihre Bedeutung und Effekte im Kontext einer transkulturellen Auseinandersetzung mit Personkonzepten gilt es allerdings zu benennen, denn die Fokussierung auf Schriftlichkeit schränkt die untersuchte Personengruppe ein. Auch der zweite Teil der definitorischen Rahmensetzung erzeugt einen spezifischen Fokus: Wenn es um Texte geht, in denen „Personen ihr Leben zum Thema machen“, dann ist damit zwar ein weitaus größeres Spektrum als das vor allem westliche Individualisierungsprozesse stützende Genre der Autobiographie angesprochen, doch der Wunsch, sich selbst schreibend zum Thema zu machen, kann gleichwohl kaum als überzeitliche und transkulturelle Konstante aufgefasst werden. Zu fragen bleibt, ob mit Schriftlichkeit und Selbstthematisierung ähnliche oder unterschiedlich positionierte Gruppen angesprochen werden, aber auch, welche Gemeinsamkeiten, Transfers und Differenzen in der historischen Entwicklung und Ausdifferenzierung solcher Schreibpraktiken zu beobachten sind. In diesem Sinne fragt die Afrikawissenschaftlerin Kirsten Rüther in ihrem Kommentar zum Abschnitt „Kulturelle Mehrfachzugehörigkeiten“ nach den Möglichkeiten eines Knechts, „sich in Bezug auf die kulturellen Mehrfachzugehörigkeiten seines Herrn zu positionieren“ (S. 269), oder nach der Frau eines Sufi, die ihrem Mann mit dem Geschenk eines französischen Oberhemds zwar in große Verwirrung stürzte, als interkulturelle Akteurin aber nur sehr schemenhaft in Erscheinung tritt.

Anmerkung:
[1] Hierzu im Einzelnen der Konferenzbericht von Katharina Weikl, Selbstzeugnis und Person – Transkulturelle Perspektiven. Abschlusstagung der DFG-ForscherInnengruppe „Selbstzeugnisse in transkultureller Perspektive“. 24.03.2010–26.03.2010, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 14.07.2010, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3203> (25.01.2013).

ZitierweiseJohanna Gehmacher: Rezension zu: Ulbrich, Claudia; Medick, Hans; Schaser, Angelika (Hrsg.): Selbstzeugnis und Person. Transkulturelle Perspektiven. Köln 2012, in: H-Soz-Kult, 31.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-068>.

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